Die Goldenen Zwanziger Jahre in Film, Kino, Musik, Schlager und Literatur – ein Überblick
Goldene Zwanziger in Film, Musik und Literatur: Weimarer Kino von Caligari bis Metropolis, Jazz und Schlager in Berlin, Döblin und Remarque, Stummfilme Liste.
Goldene Zwanziger Film Kino Musik – wer diese vier Wörter hintereinander sagt, meint fast immer Berlin zwischen 1924 und 1929. Nicht das ganze Jahrzehnt war golden. Die Weimarer Republik begann 1919 mit Straßenkämpfen, verlor 1923 in der Hyperinflation das Ersparte ihrer Bürger und fand erst mit der Rentenmark vom November 1923 und dem Dawes-Plan von 1924 zu einer Währung, mit der sich planen ließ. Die fünf Jahre danach sind die eigentlichen Goldenen Zwanziger: amerikanische Kredite, volle Kinos, Jazz aus dem Radio und ein Buchmarkt, der Romane in Auflagen von Hunderttausenden druckte.
Berlin hatte seit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 rund vier Millionen Einwohner und galt hinter London und New York als drittgrößte Stadt der Welt. Am Kurfürstendamm standen die Kinopaläste, in der Friedrichstraße die Revuetheater, am Schiffbauerdamm das Theater, in dem 1928 die „Dreigroschenoper“ uraufgeführt wurde. Die Ufa, seit 1917 der größte Filmkonzern Europas, drehte in Babelsberg. Die Verlage Ullstein, S. Fischer und Rowohlt saßen in der Stadt, ebenso die neue Funk-Stunde, die am 29. Oktober 1923 aus dem Vox-Haus das erste deutsche Radioprogramm sendete.
Dieser Überblick geht die Epoche in vier Schritten durch: Film und Kino, Musik und Schlager, Literatur, das Ende. Dazu kommen zwei Listen: zwanzig Stummfilme und die Filme, die später in den 20er Jahren spielen. Wer lieber das ganze Jahrzehnt in Büchern, Filmen und Platten durchblättern will, findet es unter 1920er.
Eins vorweg, damit du die Jahreszahlen richtig einordnest: Der Begriff „Goldene Zwanziger“ ist ein Rückblick. Niemand in Berlin nannte 1926 seine Gegenwart so. Die Menschen erlebten Wohnungsnot, Kurzarbeit und auch in den guten Jahren eine hohe Arbeitslosigkeit. Golden waren die Zwanziger für die Kultur, nicht für die Lohntüte.
Film und Kino der Goldenen Zwanziger
Das Weimarer Kino beginnt mit einem Alptraum aus Pappe. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene lief im Februar 1920 im Berliner Marmorhaus an, mit Werner Krauss als Jahrmarktshypnotiseur und Conrad Veidt als Schlafwandler Cesare. Die Kulissen von Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig bestanden aus schiefen Wänden, gemalten Schatten und Fenstern, die kein Rechteck kannten. Der Film brachte den Expressionismus auf die Leinwand und war der erste deutsche Nachkriegsfilm, über den Paris und New York sprachen.
Zwei Jahre später drehte Friedrich Wilhelm Murnau mit „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ eine nicht genehmigte Adaption von Bram Stokers „Dracula“. Max Schreck spielte den Grafen Orlok mit Rattenzähnen und Fingern wie Spinnenbeine. Stokers Witwe klagte, ein Gericht ordnete die Vernichtung aller Kopien an, und nur weil bereits Exemplare ins Ausland verkauft waren, existiert der Film heute noch. Fritz Lang lieferte im selben Jahr 1922 mit „Dr. Mabuse, der Spieler“ das Porträt eines Verbrechers, der die Inflationsgesellschaft wie ein Casino betreibt.
1924 ist das Jahr, in dem das deutsche Kino seine Handschrift fand. Murnaus „Der letzte Mann“ erzählt vom Portier eines Grandhotels, gespielt von Emil Jannings, der wegen seines Alters zum Toilettenwärter degradiert wird. Der Film kommt fast ohne Zwischentitel aus. Kameramann Karl Freund band die Kamera auf ein Fahrrad, hängte sie an Seile und ließ sie durch die Drehtür des Hotels fahren. Die Fachpresse nannte das die „entfesselte Kamera“, und Hollywood holte Murnau kurz darauf nach Kalifornien, wo 1927 „Sunrise“ entstand.
Dann kam „Metropolis“. Fritz Langs Zukunftsfilm nach dem Drehbuch seiner Frau Thea von Harbou hatte am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast am Zoo Premiere. Brigitte Helm spielte die Arbeiterheilige Maria und ihr mechanisches Doppel, den Maschinenmenschen. Die Produktion verschlang mehr Geld als jeder deutsche Film zuvor, spielte es nicht wieder ein und zwang die Ufa, sich bei den amerikanischen Studios Paramount und MGM zu verschulden; 1927 übernahm der Medienunternehmer Alfred Hugenberg den Konzern. Dass der Film trotzdem überlebte, verdankt er einer Kopie, die 2008 in einem Museum in Buenos Aires gefunden wurde und die 2010 restaurierte Fassung fast auf die Premierenlänge brachte.
Im selben Jahr 1927 drehte Walter Ruttmann „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, einen Tag der Stadt vom ersten Vorortzug bis zur Leuchtreklame, geschnitten wie ein Musikstück in fünf Akten. Der Film hat keine Handlung und keine Hauptfigur. Wer wissen will, wie die Goldenen Zwanziger auf der Straße aussahen, sieht hier mehr als in jedem Spielfilm: Straßenbahnen, Telefonzentralen, Mittagspause, Sechstagerennen, Nachtlokale.
Georg Wilhelm Pabst schloss die Stummfilmzeit 1929 mit „Die Büchse der Pandora“ ab. Die Amerikanerin Louise Brooks spielte Lulu, die Figur aus Frank Wedekinds Dramen, mit einem schwarzen Pagenkopf, der zur Frisur des Jahrzehnts wurde. Der Film fiel bei der Berliner Kritik durch. Dass er heute in jeder Filmgeschichte steht, liegt an der Wiederentdeckung in den 1950er Jahren durch die Cinémathèque française.
Der Übergang zum Tonfilm ist auf den Tag genau datierbar. Am 1. April 1930 hatte im Berliner Gloria-Palast „Der blaue Engel“ Premiere, gedreht von Josef von Sternberg nach Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“. Emil Jannings spielte den Gymnasiallehrer, der einer Varietésängerin verfällt, Marlene Dietrich die Sängerin Lola Lola. Die Lieder schrieb Friedrich Hollaender, darunter „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Noch am Abend der Premiere fuhr Dietrich zum Bahnhof und reiste nach Hollywood ab. Der Film gehört zeitlich schon in das nächste Jahrzehnt, künstlerisch beendet er das alte.
Hollywood lief in den 20er Jahren parallel, mit anderem Personal und anderem Ton. Charles Chaplin drehte 1921 „The Kid“, 1925 „Goldrausch“ mit dem Brötchentanz und dem gekochten Schuh, 1928 „Der Zirkus“. Buster Keaton stellte sich in „Sherlock Jr.“ (1924) in die Leinwand hinein und ließ in „Der General“ (1926) eine echte Lokomotive in einen Fluss stürzen; der Film war damals ein Kassenflop. Lon Chaney erfand seine Maske für „Das Phantom der Oper“ (1925) selbst, und die Szene, in der Mary Philbin ihm die Maske vom Gesicht reißt, blieb das Schockbild des Jahrzehnts. Wie Gaston Leroux’ Roman von 1910 über diesen Film zum Musical wurde, steht auf der Seite zu Das Phantom der Oper.
Und dann sprach die Leinwand. „The Jazz Singer“ von Warner Bros. lief am 6. Oktober 1927 in New York an, mit Al Jolson und dem Vitaphone-Verfahren, bei dem der Ton von einer Schallplatte kam. Der Film ist zum größten Teil stumm; nur die Gesangsnummern und wenige gesprochene Sätze haben Ton. Genau diese Sätze reichten. Innerhalb von drei Jahren stellten alle großen Studios um, und Karrieren, die auf Mimik und Körper beruhten, endeten. Was der Tonfilm mit dem Stummfilm machte, erzählt gut achtzig Jahre später „The Artist“, selbst ein Stummfilm.
Wenn du tiefer in einzelne Filme einsteigen willst: Die Filme-Rubrik ordnet Rezensionen und Werkseiten nach Jahrzehnt, und die Stummfilme Liste im nächsten Abschnitt nennt die zwanzig Titel, mit denen du anfangen solltest.
Stummfilme Liste: 20 Filme der 20er Jahre
Die Stummfilme Liste enthält nur Titel, deren Jahr und Regie unstrittig sind, sortiert nach Erscheinungsjahr. Deutschland ist überproportional vertreten, weil das Weimarer Kino zwischen 1920 und 1929 mehr stilbildende Filme hervorbrachte als jedes andere Land außer den USA. Ein zweiter Grund: Fast alle Titel sind heute restauriert und in guten Fassungen erhältlich.
- Das Cabinet des Dr. Caligari (1920, Robert Wiene)
- Der müde Tod (1921, Fritz Lang)
- The Kid (1921, Charles Chaplin)
- Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922, Friedrich Wilhelm Murnau)
- Dr. Mabuse, der Spieler (1922, Fritz Lang)
- Safety Last! / Ausgerechnet Wolkenkratzer (1923, Fred C. Newmeyer und Sam Taylor, mit Harold Lloyd)
- Der letzte Mann (1924, Friedrich Wilhelm Murnau)
- Die Nibelungen (1924, Fritz Lang)
- Sherlock Jr. (1924, Buster Keaton)
- Greed / Gier (1924, Erich von Stroheim)
- Panzerkreuzer Potemkin (1925, Sergej Eisenstein)
- Goldrausch (1925, Charles Chaplin)
- Das Phantom der Oper (1925, Rupert Julian, mit Lon Chaney)
- Die freudlose Gasse (1925, Georg Wilhelm Pabst, mit Greta Garbo)
- Der General (1926, Buster Keaton und Clyde Bruckman)
- Faust – eine deutsche Volkssage (1926, Friedrich Wilhelm Murnau)
- Metropolis (1927, Fritz Lang)
- Sunrise / Sonnenaufgang (1927, Friedrich Wilhelm Murnau)
- Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (1927, Walter Ruttmann)
- Die Büchse der Pandora (1929, Georg Wilhelm Pabst, mit Louise Brooks)
Zwei Filme fehlen absichtlich. „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ von Carl Theodor Dreyer (1928) und „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí (1929) sind große Kunst, aber kein Einstieg; wer die zwanzig Titel oben durch hat, holt sie nach. „Menschen am Sonntag“, das Wochenendporträt von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer nach einer Idee von Billy Wilder, kam erst im Februar 1930 heraus und steht deshalb an der Grenze.
Ein praktischer Hinweis zur Musik: Stummfilme waren nie stumm. In den Berliner Palästen spielten eigene Kinoorchester, in Vorortkinos ein Pianist. Für „Metropolis“ schrieb Gottfried Huppertz eine eigene Partitur, für „Die Nibelungen“ ebenfalls. Wer einen Stummfilm heute mit einer beliebigen Tonspur streamt, sieht nur die Hälfte.
Musik der 20er Jahre: Jazz, Schlager, Charleston
Die Musik der 20er Jahre kam über drei Wege ins Haus: die Schallplatte, das Radio und die Tanzkapelle. Die Schallplatte gab es schon, aber ab 1925 wurde elektrisch mit Mikrofon aufgenommen statt über den Trichter, und zum ersten Mal klangen Stimmen wie Stimmen. Das Radio war neu; die Berliner Funk-Stunde ging im Oktober 1923 auf Sendung, und bis Ende des Jahrzehnts stand in Millionen Haushalten ein Empfangsgerät. Die Tanzkapelle schließlich war der Ort, an dem der Jazz ankam, lange bevor die Kritik ihn ernst nahm.
Jazz hieß in Berlin zunächst alles, was synkopiert war und aus Amerika kam. Sam Woodings Orchester spielte 1925 im Admiralspalast in der Revue „Chocolate Kiddies“, die erste afroamerikanische Bigband, die in der Stadt auftrat. Zur Jahreswende 1925/26 tanzte Josephine Baker im Nelson-Theater am Kurfürstendamm, frisch aus Paris, wo sie im Oktober 1925 mit der „Revue Nègre“ berühmt geworden war. Max Reinhardt saß im Publikum und wollte sie für sein Theater. Sie ging zurück nach Paris, an die Folies Bergère und in den Bananenrock.
In den USA hatte Paul Whiteman den Jazz in den Konzertsaal geholt. Am 12. Februar 1924 spielte sein Orchester in der New Yorker Aeolian Hall ein Programm mit dem Titel „An Experiment in Modern Music“, und als vorletztes Stück stand George Gershwins „Rhapsody in Blue“ auf dem Zettel, mit Gershwin am Klavier. Whiteman ließ sich „King of Jazz“ nennen. Der eigentliche Jazz entstand zur selben Zeit in Chicago: Louis Armstrong nahm zwischen November 1925 und 1928 mit seinen Hot Five und Hot Seven für das Label Okeh die Platten auf, die das Solospiel im Jazz begründeten, darunter „Heebie Jeebies“ (1926) mit dem ersten berühmten Scat-Gesang und „West End Blues“ (1928). Duke Ellington übernahm im Dezember 1927 die Hausband des Cotton Club in Harlem. Nach Europa kam Armstrong erst 1932.
Der Charleston verdankt seine Karriere einer Broadway-Revue. „Runnin’ Wild“ lief ab Oktober 1923, die Musik schrieb James P. Johnson, und der Tanz mit den nach innen gedrehten Knien und den fliegenden Beinen brauchte zwei Jahre bis Berlin. 1925 und 1926 gab es in den Tanzpalästen Charleston-Wettbewerbe, und die Modezeitschriften druckten Schrittfolgen. Der Tanz gehört zu den wenigen Dingen, die das Bild der Epoche bis heute so bestimmen, wie sie damals wirklich war.
Die deutsche Seite der Musik der 20er Jahre war der Schlager, und der Schlager kam aus dem Kabarett und der Revue. Friedrich Hollaender schrieb für die Bühnen von Rudolf Nelson und für das „Kabarett der Komiker“, das 1924 aufmachte; Mischa Spoliansky komponierte 1928 die Revue „Es liegt in der Luft“, in der Marlene Dietrich und Margo Lion das Duett „Wenn die beste Freundin“ sangen. Dietrich war damals eine Berliner Bühnendarstellerin mit kleinen Filmrollen. Josef von Sternberg sah sie 1929 in der Revue „Zwei Krawatten“ und besetzte sie für „Der blaue Engel“.
Die Schlager, die du heute noch erkennst, stammen fast alle aus dem letzten Drittel des Jahrzehnts. „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ (1928, Ralph Erwin, Text Fritz Rotter) sang Richard Tauber, der Tenor, der 1929 im Berliner Metropol-Theater mit Lehárs „Das Land des Lächelns“ und „Dein ist mein ganzes Herz“ den Operettenschlager des Jahrzehnts hatte. Claire Waldoff stand mit Berliner Schnauze und rotem Bubikopf für das Kabarett-Chanson, ihr Markenzeichen war „Hermann heeßt er“. Otto Reutter reimte in seinen Couplets die Inflation, die Wohnungsnot und die Mode weg. Die Weintraubs Syncopators, 1924 gegründet, waren die bekannteste deutsche Jazzkapelle und spielten in „Der blaue Engel“ die Kapelle im Varieté.
Die Comedian Harmonists gehören nur knapp in die Zwanziger. Harry Frommermann suchte im Dezember 1927 per Anzeige im „Berliner Lokal-Anzeiger“ Sänger für ein Ensemble nach dem Vorbild der amerikanischen Revelers. Zusammen mit Ari Leschnikoff, Roman Cycowski, Erich Collin, Robert Biberti und dem Pianisten Erwin Bootz stand die Gruppe 1928 erstmals auf Berliner Bühnen. Die Titel, die man kennt, „Veronika, der Lenz ist da“, „Wochenend und Sonnenschein“, „Ein Freund, ein guter Freund“ aus dem Ufa-Tonfilm „Die Drei von der Tankstelle“, entstanden 1930. Sie sind der Klang, den die meisten heute meinen, wenn sie an die Goldenen Zwanziger denken, und sie sind streng genommen der Klang der frühen Dreißiger.
Und Kurt Weill. Am 31. August 1928 wurde am Theater am Schiffbauerdamm „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill uraufgeführt, nach John Gays „Beggar’s Opera“ von 1728, die Elisabeth Hauptmann für Brecht übersetzt hatte. Harald Paulsen spielte Macheath, Lotte Lenya die Spelunken-Jenny. Die Proben waren ein Chaos, die Premiere ein Triumph, und die „Moritat von Mackie Messer“ lief innerhalb von Wochen in jedem Berliner Tanzlokal. Weills Partitur mit Saxophon, Banjo und Harmonium ist der Punkt, an dem Jazz, Schlager und Kunstmusik im Berlin dieser Jahre zusammenfallen.
Mehr Platten, Interpreten und Songs nach Jahrzehnt findest du in der Rubrik Musik.
Literatur der Goldenen Zwanziger
Die Literatur der Goldenen Zwanziger hat ein Etikett, das aus der Malerei kommt. Der Mannheimer Museumsdirektor Gustav Hartlaub nannte 1925 eine Ausstellung „Neue Sachlichkeit“, und der Begriff wanderte von den Bildern zu den Büchern. Gemeint war ein Schreiben ohne expressionistisches Pathos: kurze Sätze, Reportage, Großstadt, Technik, Arbeitsalltag. Egon Erwin Kisch legte 1925 mit „Der rasende Reporter“ die Reportagesammlung vor, die dem Stil den Namen gab; Kurt Tucholsky und John Heartfield montierten 1929 in „Deutschland, Deutschland über alles“ Text und Foto zu einer Abrechnung mit der Republik.
Das Jahr 1929 ist das Wunderjahr des deutschen Romans. Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ erschien im Oktober bei S. Fischer und erzählt vom Transportarbeiter Franz Biberkopf, der aus dem Gefängnis Tegel kommt und anständig bleiben will. Döblin schnitt Zeitungsmeldungen, Wetterberichte, Schlagertexte und Straßenbahnfahrpläne in die Handlung, ein Verfahren, das er bei James Joyce und John Dos Passos gesehen hatte. Der Roman ist das Buch, das Ruttmanns Film am nächsten kommt: Berlin als Hauptfigur, der Mensch als Passant.
Im selben Herbst brachte der kleine Verlag Williams & Co. „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner heraus, mit Zeichnungen von Walter Trier. Emil Tischbein fährt mit 140 Mark aus Neustadt nach Berlin, wird im Zug bestohlen und organisiert mit Gustav mit der Hupe und dessen Bande die Verfolgung durch die Stadt. Das Buch spielt im wirklichen Berlin mit wirklichen Straßennamen, und es war das erste deutsche Kinderbuch, das seine Leser wie Erwachsene behandelte. Gerhard Lamprecht verfilmte es 1931, das Drehbuch schrieb der junge Billy Wilder.
Vicki Baums „Menschen im Hotel“ erschien 1929 zunächst als Fortsetzungsroman in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ und dann bei Ullstein. Eine alternde Tänzerin, ein bankrotter Baron, ein todkranker Buchhalter, ein Generaldirektor und eine Stenotypistin kreuzen sich zwei Tage lang in einem Berliner Grandhotel. Baum hatte für das Buch selbst als Zimmermädchen in einem Hotel gearbeitet. Drei Jahre später wurde daraus in Hollywood „Grand Hotel“ mit Greta Garbo, der 1932 den Oscar als bester Film gewann. Baum blieb gleich dort.
Und dann der Roman, den der Krieg schrieb. Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ lief ab November 1928 als Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“ und kam im Januar 1929 bei Propyläen als Buch heraus. Paul Bäumer und seine Klassenkameraden melden sich freiwillig und sterben einer nach dem anderen in den Gräben. Das Buch wurde in wenigen Monaten zum größten Verkaufserfolg der Republik und in Dutzende Sprachen übersetzt. Die amerikanische Verfilmung von Lewis Milestone kam im Dezember 1930 nach Berlin; die NSDAP ließ die Vorführungen mit Stinkbomben und weißen Mäusen sprengen, und die Zensur zog den Film zurück.
Fünf Jahre früher liegt der Roman, der die Zwanziger von der anderen Seite des Atlantiks aus beschreibt. F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“ erschien im April 1925 bei Scribner’s in New York. Nick Carraway zieht 1922 nach Long Island neben die Villa eines Mannes, der jedes Wochenende Feste feiert, um eine Frau vom anderen Ufer der Bucht anzulocken. Das Buch verkaufte sich zu Fitzgeralds Lebzeiten schlecht. Es wurde erst nach seinem Tod 1940 zu dem Roman, der die amerikanische Prohibitionszeit mit ihren Bootleggern, Jazzkapellen und Cabrios für immer festhält.
Thomas Mann gehört in diese Liste, obwohl sein Buch in den Jahren vor 1914 spielt. „Der Zauberberg“ erschien im November 1924 bei S. Fischer; Hans Castorp kommt für drei Wochen zu Besuch in ein Sanatorium in Davos und bleibt sieben Jahre. Mann hatte zwölf Jahre daran geschrieben, der Roman ist die Bilanz der Welt, die im Krieg unterging, und 1929 bekam Mann den Nobelpreis. Wer die Epoche nur über die schnellen Bücher des Jahres 1929 kennt, verpasst das langsame.
Am Rand der Neuen Sachlichkeit stehen Bücher, die in keine Schublade passen: Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ (1927), Franz Kafkas „Der Process“, den Max Brod 1925 gegen den Willen des Verstorbenen herausgab, Bertolt Brechts „Hauspostille“ (1927), Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (1927), Ernest Hemingways „Fiesta“ (1926). Kästner selbst brachte 1928 mit „Herz auf Taille“ Gebrauchslyrik heraus, Gedichte für den Alltag, auf Zeitungspapier gedruckt und in der Straßenbahn zu lesen.
Alle Buchrezensionen nach Jahrzehnt liegen unter Bücher.
Filme, die in den 20er Jahren spielen
Die Epoche ist ein eigenes Genre geworden. Die folgenden Filme und Serien spielen ganz oder überwiegend in den 20er Jahren; die Jahreszahl ist das Erscheinungsjahr des Films, nicht die Handlungszeit.
- Babylon Berlin (Serie, seit 2017, Tom Tykwer, Achim von Borries, Henk Handloegten) – Berlin 1929, nach den Gereon-Rath-Romanen von Volker Kutscher
- Cabaret (1972, Bob Fosse) – Berlin am Ende der Ära, mit Liza Minnelli als Sally Bowles, nach Christopher Isherwood
- Der große Gatsby (2013, Baz Luhrmann) – Long Island 1922, mit Leonardo DiCaprio
- Der große Gatsby (1974, Jack Clayton) – dieselbe Geschichte mit Robert Redford und Mia Farrow
- Midnight in Paris (2011, Woody Allen) – ein Drehbuchautor landet nachts im Paris von Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein und Dalí
- The Artist (2011, Michel Hazanavicius) – Hollywood 1927 bis 1932, ein Stummfilmstar verliert seine Karriere an den Tonfilm; fünf Oscars, darunter bester Film
- Chicago (2002, Rob Marshall) – Chicago in den 20er Jahren, zwei Mörderinnen im Vaudeville; Oscar als bester Film
- Singin’ in the Rain (1952, Stanley Donen und Gene Kelly) – Hollywood 1927, der Umstieg auf den Tonfilm als Musical
- Manche mögen’s heiß (1959, Billy Wilder) – Chicago 1929, zwei Musiker fliehen nach dem Valentinstag-Massaker in eine Damenkapelle
- Comedian Harmonists (1997, Joseph Vilsmaier) – Berlin 1927 bis 1935, die Geschichte des Vokalensembles
- Marlene (2000, Joseph Vilsmaier) – Dietrichs Berliner Jahre bis zum Aufbruch nach Hollywood, mit Katja Flint
- Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm (2018, Joachim A. Lang) – Berlin nach der Uraufführung von 1928, mit Lars Eidinger als Brecht
- Berlin Alexanderplatz (1980, Rainer Werner Fassbinder, 14 Teile) – Döblins Roman als Fernsehserie, mit Günter Lamprecht als Franz Biberkopf
- Bullets Over Broadway (1994, Woody Allen) – New York 1928, ein Gangster schreibt an einem Theaterstück mit
- The Cotton Club (1984, Francis Ford Coppola) – Harlem ab 1928, Jazzclub und Mafia
- Bugsy Malone (1976, Alan Parker) – Gangsterkrieg von 1929, gespielt von Kindern, mit Sahnetorten statt Kugeln
- Boardwalk Empire (Serie, 2010 bis 2014) – Atlantic City in der Prohibition ab 1920, mit Steve Buscemi
- Peaky Blinders (Serie, 2013 bis 2022) – Birmingham ab 1919, eine Gangsterfamilie durch die 20er Jahre
- Babylon – Rausch der Ekstase (2022, Damien Chazelle) – Hollywood 1926 bis 1932, mit Margot Robbie und Brad Pitt
- Downton Abbey (Serie, Staffeln 3 bis 6) – der englische Landadel zwischen 1920 und 1925
Auffällig ist, wie oft der Stoff aus dem Übergang stammt. „The Artist“, „Singin’ in the Rain“ und „Babylon“ erzählen alle drei von 1927, dem Jahr, in dem der Ton kam; „Cabaret“ und „Babylon Berlin“ stehen kurz vor dem Absturz. Das Kino interessiert sich weniger für die guten Jahre als für den Moment, in dem sie kippen.
Wie die Goldenen Zwanziger endeten
Das Ende hat zwei Daten, drei Wochen auseinander. Am 3. Oktober 1929 starb Gustav Stresemann, der Außenminister, der mit dem Vertrag von Locarno 1925 und dem Beitritt zum Völkerbund 1926 die Republik zurück in die europäische Politik geführt hatte. Am 24. Oktober brach die New Yorker Börse ein. Der deutsche Aufschwung seit 1924 stand auf kurzfristigen amerikanischen Krediten; die Banken riefen sie zurück, die Aufträge blieben aus, und die Arbeitslosenzahl stieg von unter zwei Millionen 1929 auf über sechs Millionen im Februar 1932.
Die Politik folgte der Wirtschaft. Im März 1930 zerbrach die Große Koalition unter Hermann Müller am Streit über die Arbeitslosenversicherung; Heinrich Brüning regierte mit Notverordnungen. Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 sprang die NSDAP von zwölf auf 107 Sitze und war zweitstärkste Partei. Die Kultur lief noch zwei, drei Jahre weiter, aber unter anderen Vorzeichen: „Der blaue Engel“ 1930, „M“ von Fritz Lang 1931, Fallada und Keun 1932.
Für die Musik der 20er Jahre kam das Ende in Etappen. Die Weintraubs Syncopators gingen 1933 auf Tournee ins Ausland und kehrten nicht zurück. Die Comedian Harmonists gaben 1935 ihr letztes gemeinsames Konzert, weil Frommermann, Cycowski und Collin als Juden nicht mehr auftreten durften. Kurt Weill verließ Deutschland im März 1933, Brecht einen Tag nach dem Reichstagsbrand. Friedrich Hollaender ging über Paris nach Hollywood und schrieb dort weiter Lieder für Marlene Dietrich, die seit 1930 in Kalifornien lebte.
Der Film verlor sein Personal auf demselben Weg. Fritz Lang verließ Berlin 1933, ebenso Billy Wilder, Robert Siodmak, Erich Pommer und Peter Lorre. Die Ufa unter Hugenberg entließ im März 1933 ihre jüdischen Mitarbeiter, noch bevor ein Gesetz das verlangte. Was blieb, war Technik ohne Programm: Die Babelsberger Studios drehten bis 1945 weiter, nur eben andere Filme.
Die Literatur brannte. Am 10. Mai 1933 warfen Studenten auf dem Berliner Opernplatz die Bücher von Remarque, Döblin, Tucholsky, Kästner, Kisch und Zweig ins Feuer. Kästner stand in der Menge und sah zu, wie sein Name aufgerufen wurde. Remarque lebte da schon in der Schweiz, Döblin war gleich nach dem Reichstagsbrand gegangen, Vicki Baum lebte seit 1932 in Kalifornien. Von den Autoren des Wunderjahres 1929 blieb allein Kästner im Land.
Wer heute die Formel Goldene Zwanziger Film Kino Musik im Kopf hat, meint also fünf Jahre, in denen eine Stadt mehr Filme, Lieder und Romane hervorbrachte, als sie in den zwölf Jahren danach zulassen wollte. Das Abschiedslied kam aus dem jiddischen Theater und wurde 1937 in New York ein Schlager: „Bei mir bist du schön“ von den Andrews Sisters. Wer wissen will, wie dieses Lied in den Swing der Dreißiger wanderte, liest die Seite zu Bei mir bist du schön.
Fragen zu Die Goldenen Zwanziger Jahre in Film, Kino, Musik, Schlager und Literatur
Welche Jahre gelten als die Goldenen Zwanziger?
In Deutschland meint der Begriff die Zeit zwischen der Währungsstabilisierung Ende 1923 und dem Börsenkrach im Oktober 1929, also im Kern die Jahre 1924 bis 1929. Die Jahre davor waren von Putschversuchen und Hyperinflation geprägt, die Jahre danach von Massenarbeitslosigkeit. In den USA spricht man dagegen von den Roaring Twenties und meint meist das ganze Jahrzehnt bis zum Schwarzen Donnerstag 1929.
Welche Filme stehen für die Goldenen Zwanziger in Deutschland?
Das Cabinet des Dr. Caligari (1920), Nosferatu (1922), Der letzte Mann (1924), Metropolis (1927), Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (1927) und Die Büchse der Pandora (1929) gelten als die prägenden Titel des Weimarer Kinos. Der blaue Engel von 1930 markiert dann den Übergang zum Tonfilm und zugleich das Ende der Epoche.
Was ist die beste Stummfilme Liste für den Einstieg?
Die zwanzig Titel weiter oben auf dieser Seite decken Deutschland, Hollywood, die Sowjetunion und Frankreich ab, geordnet nach Erscheinungsjahr. Wer nur drei Filme sehen will, nimmt Der letzte Mann, Goldrausch und Metropolis: ein Kammerspiel, eine Komödie und einen Monumentalfilm.
Welche Musik hörte man in den 20er Jahren?
In Berlin liefen Jazz und Tanzmusik aus den USA, deutsche Schlager von Komponisten wie Friedrich Hollaender und Ralph Erwin, Operettenmelodien von Franz Lehár und Kabarett-Chansons von Claire Waldoff. Ab 1923 kam das Radio dazu, ab 1925 die elektrische Schallplattenaufnahme, die Gesangsstimmen zum ersten Mal natürlich klingen ließ.
Wer waren die Comedian Harmonists?
Ein Berliner Vokalensemble aus fünf Sängern und einem Pianisten, das Harry Frommermann Ende 1927 per Zeitungsanzeige zusammensuchte. Die ersten Auftritte fanden 1928 statt, die großen Erfolge wie Veronika, der Lenz ist da folgten ab 1930. 1935 musste sich die Gruppe trennen, weil drei Mitglieder jüdisch waren.
Was ist der Charleston und woher kommt er?
Der Charleston ist ein schneller Tanz im 4/4-Takt, benannt nach der Hafenstadt in South Carolina. Weltbekannt wurde er 1923 durch die Broadway-Revue Runnin' Wild mit der Musik von James P. Johnson. Ab 1925 tanzte man ihn auch in den Berliner Ballsälen und Tanzpalästen.
Welche Bücher aus den Goldenen Zwanzigern sollte man gelesen haben?
Vier Romane aus dem Jahr 1929 decken die Epoche fast vollständig ab: Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, Emil und die Detektive von Erich Kästner, Menschen im Hotel von Vicki Baum und Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Wer den Blick über Deutschland hinaus will, liest dazu Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1925.
Was bedeutet Neue Sachlichkeit in der Literatur?
Der Begriff stammt aus der bildenden Kunst und wurde 1925 durch eine Ausstellung in Mannheim geprägt. In der Literatur meint er einen nüchternen, dokumentarischen Stil ohne expressionistisches Pathos: kurze Sätze, Alltagssprache, Reportage-Elemente und ein Interesse an Großstadt, Technik und Arbeitswelt. Typische Vertreter sind Erich Kästner, Vicki Baum und der Reporter Egon Erwin Kisch.
War Der blaue Engel ein Stummfilm?
Nein, Der blaue Engel wurde 1929 bereits als Tonfilm gedreht und kam am 1. April 1930 in Berlin heraus. Er war eine der ersten großen deutschen Tonfilmproduktionen und machte Marlene Dietrich mit dem Lied Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt international bekannt. Die Rolle des Professors spielte Emil Jannings.
Warum gilt Metropolis als Meilenstein?
Fritz Langs Film von 1927 war die teuerste deutsche Produktion seiner Zeit und brachte die Ufa an den Rand des Bankrotts. Die Bildsprache mit Wolkenkratzern, Maschinenhallen und dem Maschinenmenschen prägte die Science-Fiction bis heute. Eine fast vollständige Fassung tauchte erst 2008 in Buenos Aires auf und wurde 2010 restauriert.
Welche Filme spielen in den Goldenen Zwanzigern?
Die bekanntesten sind Cabaret (1972), Der große Gatsby (2013), Midnight in Paris (2011), The Artist (2011) und Chicago (2002). Aus Deutschland kommen die Serie Babylon Berlin und der Spielfilm Comedian Harmonists von 1997. Eine längere Liste steht weiter oben auf dieser Seite.
Wann kam der Tonfilm nach Deutschland?
Nach dem Erfolg von The Jazz Singer in den USA im Oktober 1927 brachte die Ufa im Dezember 1929 mit Melodie des Herzens ihren ersten abendfüllenden Tonfilm heraus. 1930 folgten Der blaue Engel und Die Drei von der Tankstelle. Innerhalb von zwei Jahren war der Stummfilm in den deutschen Kinos praktisch verschwunden.
Wie endeten die Goldenen Zwanziger?
Am 3. Oktober 1929 starb Außenminister Gustav Stresemann, drei Wochen später brach die New Yorker Börse ein. Die amerikanischen Kredite, auf denen der Aufschwung beruhte, wurden zurückgezogen, und die Arbeitslosigkeit stieg bis Anfang 1932 auf über sechs Millionen. Bei der Reichstagswahl im September 1930 wurde die NSDAP mit 107 Sitzen zweitstärkste Partei.
Was verbindet Goldene Zwanziger, Film, Kino und Musik miteinander?
Die drei Bereiche liefen im selben Gebäude zusammen: Die großen Berliner Kinopaläste hatten eigene Orchester, die zu Stummfilmen spielten, und ab 1929 kamen die Schlager direkt aus dem Tonfilm. Komponisten wie Friedrich Hollaender schrieben für Kabarett und Leinwand gleichzeitig. Wer die Epoche verstehen will, muss deshalb Film und Musik zusammen betrachten.