Das Geheimnis der Bäume
Der Film von Luc Jacquet und Francis Hallé über den tropischen Regenwald
Das Geheimnis der Bäume: Luc Jacquets Film mit dem Botaniker Francis Hallé, gedreht in Peru und Gabun, dazu das Buch zum Film und eine ARTE-Doku.

Francis Hallé zeichnet. Wo andere Forscher fotografieren, messen oder Proben einsammeln, steht der französische Botaniker mit Stift und Skizzenblock vor einem Stamm und hält fest, wie sich ein Baum verzweigt. In „Das Geheimnis der Bäume“ führt er so durch den Film, zeichnend, beobachtend, staunend, und der Regisseur Luc Jacquet hat daraus eine Erzählung über den tropischen Regenwald gemacht, die in Frankreich 2013 unter dem Titel „Il était une forêt“ herauskam.
Der Ausgangspunkt ist eine einfache Beobachtung: Nichts auf der Erde kommt dem tropischen Urwald an Artenvielfalt gleich, und kaum ein Lebensraum ist so schwer zu verstehen.
Francis Hallé und die Architektur der Bäume
Hallé, geboren 1938, ist Biologe und Professor emeritus der Universität Montpellier. Sein Spezialgebiet ist der tropische Regenwald, genauer die Architektur der Bäume, also die Frage, nach welchen Regeln ein Baum wächst, sich verzweigt und seine Krone aufbaut. Bereits 1978 erschien dazu „Tropical Trees and Forests: An Architectural Analysis“, das er gemeinsam mit Roelof Oldeman und P. Barry Tomlinson schrieb.
Das Kronendach, in dem sich ein großer Teil des Lebens im Regenwald abspielt, war für Forscher lange unerreichbar. Hallé hatte als Erster die Idee, es von oben zu untersuchen, mit Hilfe eines Ballons, der eine Plattform auf die Baumwipfel setzt. Seit fast fünf Jahrzehnten forscht er zu Blumen, Pflanzen, Bäumen und Wäldern auf der ganzen Welt, und er schreibt auch für ein Publikum außerhalb der Universitäten, darunter „Plaidoyer pour l’arbre“ von 2005.
Luc Jacquet in Peru und Gabun
Luc Jacquet, 1967 geboren, war vor diesem Projekt vor allem mit Tieren bekannt geworden. Für „Die Reise der Pinguine“ erhielt er 2006 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Mit Hallé verlegte er den Blick von den Tieren auf die Pflanzen, und die Drehorte sind mit Bedacht gewählt.
In Peru drehte das Filmteam hinter einer kleinen Wetterstation am Ufer des Flusses Manú, im Camp Pakitza. Der Nationalpark Manú liegt in den Regionen Cusco und Madre de Dios und zählt zum UNESCO-Welterbe, ausgewählt wurde er wegen seines Artenreichtums. In Gabun entstanden Szenen im Nationalpark Ivindo im Osten des Landes und im Nationalpark Loango an der Küste. Beide Parks verbinden Strände, Lagunen, Mangrovenwälder, Salzwiesen, Moore, Savannen und Wald auf engem Raum, und diese Ökosysteme sind in ungewöhnlich gutem Zustand. Hinzu kamen Aufnahmen in Frankreich.
Jacquet unterlegt seine Naturaufnahmen mit Musik und ergänzt sie durch Animationen, die sichtbar machen, was keine Kamera in Echtzeit aufnehmen kann. Das Szenario ist emotional aufgeladen: eine gefährdete Flora, die sich aus eigener Kraft erneuern könnte, wenn man ihr mehr Zeit und Raum ließe. Wer eine nüchterne Naturdokumentation erwartet, muss sich auf diesen Ton einlassen. Wer das tut, sieht Bäume danach tatsächlich mit anderen Augen.
Das Buch zum Film: 72 Seiten über Lianen, Raupen und Passionsblumen
Zum Film erschien im Dezember 2013 ein Taschenbuch mit 72 Seiten im Verlagshaus Jacoby & Stuart. Es greift die Themen des Films auf und erzählt sie in kurzen Abschnitten nach. Bäume verständigen sich über eine chemische Sprache und warnen einander so vor Schädlingen. Lianen werden bis zu 400 Meter lang und nutzen die Bäume als Stützen, um ans Licht zu kommen.
Die schönste Geschichte des Buchs handelt von einem Wettrüsten, das seit Millionen Jahren läuft. Die Raupen des Schmetterlings Heliconius fressen Passionsblumen, und manche Passionsblumen haben darauf mit einer Täuschung reagiert: Sie bilden kleine Strukturen aus, die wie Insekteneier aussehen. Ein Weibchen, das seine Eier ablegen will, sieht die Pflanze als schon besetzt an und fliegt weiter. Wenn du das einmal gelesen hast, betrachtest du eine Passionsblume im Blumenladen anders.
Am Ende steht die Frage, was in den 700 Jahren geschieht, die ein tropischer Urwald braucht, um nach einer Rodung neu zu wachsen. Die Ökologie nennt diesen Ablauf Sukzession: Zuerst besiedeln lichtliebende, schnell wachsende Pionierbäume die offene Fläche, erst in ihrem Schatten kommen die langlebigen Arten auf, die einen Urwald ausmachen.
„Grüne Hölle – Paradies auf Erden“ bei ARTE
Hallés Arbeit hat auch das Fernsehen beschäftigt. Die französische Dokumentation „Grüne Hölle – Paradies auf Erden“ von Gilles Santantonio, 2019 für ARTE entstanden, begleitet ihn auf einem seiner Streifzüge. Baumriesen und Lianen, Gräser, Moose, Pilze, Algen und Bakterien haben unter der Sonne des Äquators eigene Überlebensstrategien entwickelt, und Hallé erklärt sie so, dass auch Laien folgen können.
Der Film zeigt aber auch die Orte, an denen der Wald schon verschwunden ist. Hemmungslose Abholzung, exportorientierte Landwirtschaft und die Ausbeutung lokaler Rohstoffe durch Konzerne aus westlichen Industrienationen haben dort das Ökosystem zerstört. Von den großen, von Menschen völlig unberührten tropischen Urwäldern sind nur noch Reste übrig, und der Verlust der Arten, die darin lebten, lässt sich nicht rückgängig machen. Santantonio macht daraus ein Plädoyer, mit neuen Forschungsmethoden die eigentlichen Ressourcen der Wälder zu erkunden, bevor auch ihre letzten Überreste von der Landkarte verschwinden.
Wer von hier aus weiterlesen will, findet in Deutschland einen Autor, der denselben Gedanken auf heimische Wälder übertragen hat: Peter Wohlleben, Förster in der Eifel, schreibt über die Verständigung der Buchen, so wie Hallé über die Bäume des Regenwaldes. Weitere Dokumentationen stehen in der Rubrik Filme, die Bücher zum Thema unter Bücher. Auf Spanisch erschien „Plaidoyer pour l’arbre“ 2019 in der Übersetzung von Lander Renteria als „Alegato por el árbol“, vierzehn Jahre nach dem französischen Original.
Fragen zu Das Geheimnis der Bäume: der Film
Worum geht es in Das Geheimnis der Bäume?
Der Dokumentarfilm zeigt den Lebenskreislauf von Bäumen im tropischen Regenwald und die Beziehungen zwischen Tier- und Pflanzenwelt. Durch den Film führt der Botaniker Francis Hallé, der beobachtet, erklärt und zeichnet. Animationen machen Vorgänge sichtbar, die Jahrhunderte dauern, etwa die rund 700 Jahre, die ein tropischer Urwald zum Nachwachsen braucht.
Wer ist Francis Hallé?
Ein französischer Biologe, geboren 1938, Professor emeritus der Universität Montpellier. Sein Spezialgebiet ist der tropische Regenwald und besonders die Architektur der Bäume. Er hatte als Erster die Idee, das Kronendach des Regenwaldes mit Hilfe eines Ballons von oben zu erforschen.
Wo wurde Das Geheimnis der Bäume gedreht?
In Peru, Gabun und Frankreich. In Peru arbeitete das Team im Camp Pakitza am Fluss Manú im gleichnamigen Nationalpark, in Gabun im Nationalpark Ivindo im Osten und im Nationalpark Loango an der Küste.
Gibt es ein Buch zum Film Das Geheimnis der Bäume?
Ja, ein Taschenbuch mit 72 Seiten, erschienen im Dezember 2013 im Verlagshaus Jacoby & Stuart. Es erzählt unter anderem von der chemischen Sprache, mit der Bäume sich vor Schädlingen warnen, von bis zu 400 Meter langen Lianen und vom Wettstreit zwischen Passionsblume und Heliconius-Raupe.
Welche Auszeichnung hat Luc Jacquet erhalten?
Für Die Reise der Pinguine erhielt der 1967 geborene Regisseur 2006 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Das Geheimnis der Bäume ist ein späteres Projekt, das er gemeinsam mit Francis Hallé entwickelte.
Was zeigt die ARTE-Dokumentation Grüne Hölle – Paradies auf Erden?
Der Film von Gilles Santantonio aus dem Jahr 2019 begleitet Francis Hallé auf einem seiner Streifzüge durch den Regenwald. Er zeigt die Überlebensstrategien von Baumriesen, Lianen, Moosen und Pilzen und ebenso die Gebiete, in denen Abholzung und exportorientierte Landwirtschaft den Wald bereits zerstört haben.