Dream Stripper oder Sportlerin?
Pole Dance in Kairo und das Klischee, gegen das junge Ägypterinnen antanzen
Das Bild der Dream Stripper hängt am Pole Dance, seit er aus den Clubs kam. In Kairo trainieren junge Frauen an der Stange als Sport und als Stück Selbstbestimmung. Herkunft, Wettkampf und Realität.
Das Wort Dream Stripper beschreibt eine Fantasie, keine Frau. Es ist das Bild, das die meisten Menschen im Kopf haben, wenn sie „Pole Dance“ hören: Neonlicht, hohe Schuhe, ein Publikum aus Männern. Dieses Bild hängt an der Stange, seit sie in den 1980er Jahren in den Stripclubs Nordamerikas zum Inventar wurde, und es ist der Grund, warum junge Frauen in Kairo, die an der Stange trainieren, das ihren Eltern oft nicht erzählen.
Der Sport selbst hat sich von dem Bild längst gelöst. Die Gesellschaft, in der er stattfindet, nicht überall.
Woher der Pole Dance kommt und wohin er ging
Die Stange als Turngerät ist älter als der Stripclub. Der indische Mallakhamb, ein Kraftsport an einem hölzernen Pfahl, ist seit Jahrhunderten belegt, und der chinesische Pole aus dem Zirkus fordert Artisten an zwei senkrechten Stangen. In den westlichen Stripclubs kam die Stange als Requisite dazu, und dort blieb sie in der öffentlichen Wahrnehmung hängen.
Der Weg zurück in den Sport begann in den 1990er Jahren, als Tänzerinnen begannen, die Technik als Fitnesstraining zu unterrichten. Aus Kursen wurden Studios, aus Studios Verbände. 2009 wurde die International Pole Sports Federation gegründet, seit 2012 gibt es Weltmeisterschaften mit Pflichtelementen, Punktrichtern und Regelwerk. 2017 nahm der Weltverband der Sportverbände GAISF die Föderation als Beobachter auf.
Wer heute eine Wettkampfroutine sieht, sieht Turnen an der Senkrechten. Kraftelemente, in denen der Körper waagerecht von der Stange absteht, Umdrehungen, Übergänge, alles mit Muskelkraft und Haut als Haftmittel. Mit dem Dream Stripper des Neonlichts hat das nichts mehr zu tun.
Kairo: Training hinter geschlossenen Türen
In Kairo gibt es seit den 2010er Jahren Studios, die Pole Dance als Fitness anbieten, ausschließlich für Frauen, ohne Zuschauer, oft ohne Schild an der Tür. Die Trainerinnen stammen aus dem Turnen, dem Tanz oder haben den Sport im Ausland gelernt. Die Trainierenden sind Studentinnen, Angestellte, Mütter.
Der Kontext ist entscheidend. Eine Untersuchung von UN Women aus dem Jahr 2013 ergab, dass mehr als 99 Prozent der befragten Ägypterinnen sexuelle Belästigung erlebt hatten. Der weibliche Körper ist in Kairo öffentlich ständig Thema, kommentiert, bedrängt, bewertet. Ein Raum, in dem Frauen ihren Körper für sich selbst trainieren, ist unter diesen Bedingungen etwas anderes als ein Fitnessstudio in Hamburg.
Viele Frauen erzählen deshalb zu Hause, sie gingen zum Turnen oder zum Yoga. Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet, dass der Sport in Kairo ein doppeltes Leben führt: als Training und als Geheimnis.
Du kannst das als Fortschritt lesen oder als Beleg dafür, wie weit der Weg noch ist. Beides stimmt.
Was an der Stange trainiert wird
Pole Dance ist Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht. Griffkraft, Schultergürtel, Rumpf und Beinrückseiten werden bei jedem Aufstieg belastet, die Haut an Innenschenkeln und Achseln übernimmt das Halten. Anfängerinnen bekommen in den ersten Wochen blaue Flecken an genau diesen Stellen, und die meisten Studios verkaufen deshalb Grip-Pulver wie beim Turnen.
Die Progression ist steil. Der erste Aufstieg dauert Wochen, der erste Invert, also das kopfüber Hängen, Monate. Wer ein Jahr dabei ist, hat meist mehr Oberkörperkraft als je zuvor. Das erklärt, warum der Sport Frauen anzieht, die vorher nie Sport gemacht haben: Der Fortschritt ist sichtbar und messbar.
Die Kleidung ist dabei Funktion, keine Show. Kurze Hosen und ein Top sind nötig, weil die Stange nur auf Haut hält, nicht auf Stoff. Das ist der Punkt, an dem das Klischee und die Realität in Kairo hart aufeinandertreffen.
Warum das Klischee so langlebig ist
Die Dream Stripper überlebt, weil sie einfacher ist als die Wirklichkeit. Ein Sport, der aus dem Zirkus, dem indischen Kraftsport und dem Stripclub zugleich stammt, passt in keine Schublade. Die Werbung für Studios in Europa nutzt das Klischee bis heute gerne, was den Trainierenden in Kairo nicht hilft.
In der Reihe zur Lebensart dieses Jahrzehnts steht der Pole Dance in Kairo neben anderen Beispielen dafür, wie Sportarten in einer neuen Umgebung eine andere Bedeutung bekommen. Was in London Fitness ist, ist am Nil ein Stück Selbstbestimmung, das man erkämpfen muss, meist gegen die eigene Familie.
Die Stange in den Kairoer Studios ist übrigens dieselbe wie überall: Edelstahl oder Messing, 45 Millimeter Durchmesser, zwischen Boden und Decke verspannt. Das Gerät weiß nichts von dem Streit, der um es geführt wird.
Fragen zu Dream Stripper oder Sportlerin? Pole Dance in Kairo und das Klischee, gegen das junge Ägypterinnen antanzen
Was bedeutet das Klischee der Dream Stripper beim Pole Dance?
Die Vorstellung, dass eine Frau an der Stange automatisch für ein männliches Publikum tanzt. Sie stammt aus den Stripclubs der 1980er und 1990er Jahre und begleitet den Sport bis heute, obwohl Training und Wettkampf mit dieser Herkunft wenig zu tun haben.
Ist Pole Dance in Ägypten erlaubt?
Es gibt kein Gesetz gegen das Training an der Stange. Studios in Kairo arbeiten meist geschlossen, nur für Frauen und ohne Zuschauer, weil das gesellschaftliche Urteil hart ist. Die Hürde ist die Familie und das Umfeld, nicht die Polizei.
Ist Pole Dance ein anerkannter Sport?
Die International Pole Sports Federation wurde 2009 gegründet und richtet seit 2012 Weltmeisterschaften aus. 2017 erhielt sie den Beobachterstatus beim Weltverband der Sportverbände GAISF, eine Vorstufe zur vollen Anerkennung.
Warum trainieren Frauen in Kairo ausgerechnet Pole Dance?
Weil der Sport Kraft, Körperkontrolle und Selbstvertrauen verbindet und in einem geschützten Raum stattfindet. Viele Trainierende beschreiben ihn als Gegenprogramm zu einer Öffentlichkeit, in der ihr Körper ständig kommentiert und bedrängt wird.