Zum Inhalt
VinTageBuch

Hexen und Henker

Hexenverfolgung und Hexenprozesse von Gadebusch bis Münster, von Lemgo bis Kempten

Hexenverfolgung von Gadebusch bis Münster: Lemgo und sein Hexenbürgermeister, Katharina Henot in Köln, der Brocken und die letzten Urteile.

Lebensart1500er1500
Eintrag vom 17. Aug. 2018 · aktualisiert 11. Sept. 2026
Hexen und Henker: Hexenverfolgung und Hexenprozesse von Gadebusch bis Münster, von Lemgo bis Kempten

An der Breiten Straße in Lemgo steht eines der schönsten Renaissancehäuser Westfalens, mit einem reich verzierten Giebel. Die Einheimischen nennen es das Hexenbürgermeisterhaus. Im 17. Jahrhundert wohnte dort Hermann Cothmann, der als Bürgermeister und Direktor des Peinlichen Gerichts Dutzende Menschen auf den Richtplatz schickte, und dessen eigene Mutter Jahre zuvor als Hexe hingerichtet worden war.

Lemgo ist nur ein Ort unter vielen zwischen G und M. Die Spur der Hexenverfolgung führt von Gadebusch in Mecklenburg über Gelnhausen, Hamburg und Köln bis nach Kempten im Allgäu, wo 1775 das letzte Todesurteil wegen Hexerei auf deutschem Boden gefällt wurde.

Lemgo und sein Hexenbürgermeister

Die Lemgoer Prozesse begannen 1509 mit einer Anklage wegen Giftmischerei und liefen in mehreren Wellen bis 1681. Anfangs endeten Verfahren oft mit Landesverweis. Ab 1628, mitten im Dreißigjährigen Krieg und nach Pestjahren, endete jeder Hexenprozess mit dem Tod. Insgesamt schätzt man die Zahl der Hingerichteten auf rund 250, gut die Hälfte davon nach 1653. Die Stadt bekam den Beinamen „Hexennest“.

In der letzten Welle änderte sich, wen es traf. Waren Männer vorher mit etwa sechs Prozent der Angeklagten eine Ausnahme, stieg ihr Anteil auf ein Viertel, und immer öfter standen Angehörige der bürgerlichen Oberschicht vor Gericht. Der Schullehrer Hermann Beschoren wurde 1654 hingerichtet, weil er angeblich Schulkindern das Zaubern beigebracht hatte. Der frühere Obristleutnant Johann Abschlag, der sich mit dem Rat über die Viehsteuer angelegt hatte, starb 1666 unter dem Schwert; seine Familie hatte 200 Taler gezahlt, damit ihm der Scheiterhaufen erspart blieb.

Pfarrer Andreas Koch von St. Nicolai hatte in seinen Predigten zu mehr Vorsicht bei den Prozessen gemahnt. Er wurde 1666 selbst angeklagt, dreimal gefoltert und am 2. Juni 1666 zwischen vier und fünf Uhr morgens unter dem Regenstor enthauptet, zu einer Stunde, zu der kaum Zuschauer kamen. Seit 1999 erinnert eine schwarze Granitplastik in St. Nicolai an ihn. Die letzte Angeklagte, Maria Rampendahl, überstand 1681 die Folter und musste das Land verlassen.

In der ganzen letzten Welle führte derselbe Mann das Richtschwert: der Scharfrichter David Clauss der Ältere.

Köln 1627: die Postmeisterin und die Nonne

In Köln begann eine der folgenreichsten Verfolgungswellen in einem Kloster. Die Klarissin Sophia Agnes von Langenberg galt in St. Klara als „lebende Heilige“, deren Gebet heilen könne. Als Mitschwestern Anzeichen von Besessenheit zeigten, beschuldigten sie Sophia, sie verhext zu haben. Sie wurde nach Lechenich gebracht, gefoltert und am 30. Januar 1627 stranguliert.

Unter der Folter hatte sie die Kölner Postmeisterin Katharina Henot genannt. Henot stammte aus einer angesehenen Familie, war geschäftlich erfolgreich und hatte Gegner. Sie wurde im Januar 1627 verhaftet, mehrfach gefoltert und gestand nichts. Nach geltendem Recht hätte sie freikommen müssen. Stattdessen erwürgte sie der Scharfrichter am 19. Mai 1627 auf dem Richtplatz Melaten und verbrannte ihre Leiche. Erst am 28. Juni 2012 rehabilitierte der Kölner Stadtrat sie und 37 weitere Opfer der Kölner Prozesse.

Brocken, Walpurgisnacht und die Tanzplätze

Kein Ort ist so eng mit dem Hexenglauben verbunden wie der Brocken im Harz. 1540 nennt ein Prozessprotokoll erstmals den Brocken und die Walpurgisnacht in einem Atemzug. Populär wurde der „Blocksberg“ aber vor allem durch Johannes Praetorius, der 1668 sein Buch „Blockes-Berges Verrichtung“ veröffentlichte, und später durch die Walpurgisnacht-Szene in Goethes „Faust“.

Vieles von dem, was Besucher heute oben auf dem Berg sehen, ist jünger, als es wirkt. Felsnamen wie „Hexenaltar“ und „Teufelskanzel“ entstanden im 18. Jahrhundert, vermutlich als Einfall der Brockenführer. Der Brockenwirt Eduard Nehse zeichnete 1849 eine Karte mit „Hexentanzplatz“, „Hexenmoor“ und „Hexenbrunnen“ und erfand gleich die Geschichte vom Hexenwaschbecken dazu, das sich immer wieder von selbst mit Wasser fülle. Wenn du den Harz auf dem 2003 eröffneten Harzer Hexenstieg durchquerst, wanderst du also auch durch eine touristische Erfindung des 19. Jahrhunderts.

In den Prozessen selbst waren die Tanzplätze bitterer Ernst. Im sauerländischen Menden gestand Peter Essenkemper 1631 unter der Folter, elf Hexentänze besucht zu haben, darunter „am hohen Graben am Kreuzweg“ und auf dem Kirchhof in Schwitten. Jeder genannte Ort brachte neue Namen und neue Verhaftungen. Im selben Jahr hielt in Menden Dorte Hilleke der Folter stand; die Stadtbibliothek trägt heute ihren Namen.

Kritiker, Gerichte und die letzten Urteile

Nicht alle machten mit. Der Hirschberger Pfarrer Michael Stappert hatte anfangs selbst die Ausrottung der Hexen gepredigt, kam nach Gesprächen mit Verurteilten zu einer anderen Überzeugung und schrieb 1628/29 gegen Folter und Todesurteile an. Sein Text ist nur erhalten, weil der nach Amsterdam geflohene Kaufmann Hermann Löher ihn 1676 in seine „Hochnötige Unterthanige Wemütige Klage Der Frommen Unschültigen“ aufnahm. Im Erzstift Mainz, wo mehr als 2.000 Todesurteile gefallen waren, erschwerte Erzbischof Johann Philipp von Schönborn Mitte des 17. Jahrhunderts die Prozesse und verbot sie schließlich.

Manchmal half ein Gericht. In Münster in der Herrschaft Runkel wurde 1652 Agnes Lang mit vier anderen Frauen angeklagt. Ihr Mann, der Schneidermeister Johannes Lang, zog bis vor das Reichskammergericht in Speyer und bekam seine Frau frei.

In Hamburg, wo 1583 Abelke Bleken verbrannt wurde, erinnert seit 2015 ein Stein im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof an die Opfer, in Ochsenwerder heißt eine Straße Abelke-Bleken-Ring. In Düsseldorf-Gerresheim trägt ein Platz die Namen von Helena Curtens und Agnes Olmans, die am 19. August 1738 im letzten Hexenprozess am Niederrhein verbrannt wurden. Im fränkischen Höchberg starb am 21. Juni 1749 Maria Renata Singer von Mossau, Nonne des Klosters Unterzell, unter dem Schwert.

Weiterführend sind Malcolm Gaskills kurze Kulturgeschichte „Hexen und Hexenverfolgung“ und der „Hexenhammer“ von Heinrich Kramer, dem Jakob Sprenger als Mitautor zugeschrieben wird. Wer es gruselig mag, greift zu Moritz Hellfritzschs Kurzroman „Die Rückkehr der Hexen“, der Folk-Horror mit der Bonner Hexenverfolgung verbindet. Weitere Bücher stehen unter Sachbücher, der zeitliche Rahmen unter 1600er und 1700er.

Hexenverfolgung in Deutschland von Wächter

Hexentanzplatz von Jürgen Hinrichs

Die Rückkehr der Hexen Hellfritzsch

Die Hexen Eine kulturgeschichtliche Analyse

Der Hexenhammer von Sprenger

In Kempten verurteilte das Gericht des Fürstabts am 4. April 1775 Anna Maria Schwegelin wegen Teufelsbuhlschaft zum Tod durch das Schwert. Vollstreckt wurde das Urteil nicht. Schwegelin starb 1781 im Kemptener Stockhaus, sechs Jahre nach dem Urteil, eines natürlichen Todes.

Fragen zu Hexen und Henker: Hexenverfolgung und Hexenprozesse

Warum heißt Lemgo „Hexennest“?

In der lippischen Stadt Lemgo wurden zwischen dem 16. und dem späten 17. Jahrhundert rund 250 Menschen als Hexen und Zauberer hingerichtet, mehr als in fast jeder anderen Stadt dieser Größe. Die letzte Welle von 1653 bis 1681 prägte vor allem Bürgermeister Hermann Cothmann, dessen Wohnhaus bis heute Hexenbürgermeisterhaus heißt.

Wer war Katharina Henot?

Katharina Henot war Postmeisterin in Köln und stammte aus einer angesehenen Familie. Nach einer Beschuldigung aus dem Kloster St. Klara wurde sie 1627 verhaftet, trotz mehrfacher Folter gestand sie nicht und wurde am 19. Mai 1627 auf Melaten hingerichtet. Der Kölner Stadtrat hat sie 2012 moralisch rehabilitiert.

Seit wann gilt der Brocken als Hexenberg?

In einem Hexenprozessprotokoll von 1540 tauchen der Brocken und die Walpurgisnacht erstmals gemeinsam auf. Richtig populär wurde das Bild durch Johannes Praetorius’ Buch „Blockes-Berges Verrichtung“ von 1668 und später durch die Walpurgisnacht-Szene in Goethes „Faust“.

Wann fand der letzte Hexenprozess in Deutschland statt?

Als letztes Todesurteil wegen Hexerei auf deutschem Boden gilt das Urteil gegen Anna Maria Schwegelin in Kempten von 1775. Es wurde jedoch nicht vollstreckt, Schwegelin starb 1781 im Gefängnis. Die letzten tatsächlich vollstreckten Hinrichtungen fanden um die Mitte des 18. Jahrhunderts statt, etwa 1749 in Höchberg bei Würzburg.

Gab es damals Kritiker der Hexenprozesse?

Ja. Der Hirschberger Pfarrer Michael Stappert predigte zunächst selbst gegen Hexen und wandte sich nach Gesprächen mit Angeklagten gegen Folter und Todesurteile. Sein Bericht ist in Hermann Löhers Buch von 1676 überliefert. Der Jesuit Friedrich Spee veröffentlichte 1631 die „Cautio Criminalis“, eine scharfe Kritik an den Verfahren.

Wo kann man sich heute über Hexenprozesse informieren?

Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, das Westfälische Schieferbergbau- und Heimatmuseum in Schmallenberg-Holthausen mit einer Dauerausstellung zur Hexen-Gerichtsbarkeit im kurkölnischen Sauerland und viele Stadtarchive bewahren Akten und Dokumente. Dazu kommen Gedenktafeln und Mahnmale in Städten wie Gelnhausen, Köln oder Hamburg.