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VinTageBuch

Über den Geist hinaus von Alan Watts

Die östliche Weisheit der Befreiung

„Über den Geist hinaus“ von Alan Watts (O.W. Barth, 2020) führt durch Zen, Daoismus, Hinduismus und Buddhismus. Aufbau, Grundgedanken und Autor.

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Eintrag vom 6. Mai 2020 · aktualisiert 11. Sept. 2026
Über den Geist hinaus von Alan Watts: die östliche Weisheit der Befreiung

„Über den Geist hinaus“ hat Alan Watts nicht am Schreibtisch verfasst. Er starb 1973. Der Band, der am 4. Mai 2020 bei O.W. Barth auf Deutsch erschien, ist aus seinen Radiovorträgen zusammengestellt, übersetzt von Horst Kappen und eingeleitet von seinem Sohn Mark Watts. Man merkt dem Text die gesprochene Herkunft an, und das ist eher ein Vorzug: Watts springt gern vom Hundertsten ins Tausendste und kehrt dann mit einem einzigen Satz zum Punkt zurück, der sitzt.

Der englische Originaltitel lautet „Out of Your Mind“. Umgangssprachlich heißt das „verrückt“, wörtlich genommen „aus dem eigenen Verstand heraus“, und genau diese Doppeldeutigkeit ist das Programm der 256 Seiten.

Wer Alan Watts war

Alan Watts kam 1915 in Chislehurst in der englischen Grafschaft Kent zur Welt und veröffentlichte schon mit Anfang zwanzig sein erstes Buch über Zen, „The Spirit of Zen“ von 1936. Zwei Jahre später ging er in die USA, studierte Theologie und wurde Priester der Episkopalkirche, des amerikanischen Zweigs der anglikanischen Gemeinschaft. Nach rund fünf Jahren war es damit vorbei: Eine außereheliche Affäre kostete ihn Ehe und Amt zugleich.

Danach wandte er sich ganz den Traditionen Asiens zu, vor allem dem Zen und dem Daoismus. In der Bucht von San Francisco wurde er zu einer bekannten Figur, nicht zuletzt durch seine Vorträge beim Radiosender KPFA in Berkeley. Bis zu seinem Tod schrieb er mehr als 25 Bücher, darunter „The Wisdom of Insecurity“ (1951), „The Way of Zen“ (1957) und „The Book: On the Taboo Against Knowing Who You Are“ (1966). Wer nach Büchern von Alan Watts sucht, stößt fast immer zuerst auf diese drei.

Ein Asket war er nie. Watts trank viel, rauchte und war dreimal verheiratet, und über spirituelle Feierlichkeit machte er sich gern lustig. Gerade das hat ihn in den 1960er- und 1970er-Jahren für ein westliches Publikum glaubwürdiger gemacht als manchen Lehrer im Mönchsgewand.

Sechs Teile, siebzehn Kapitel

Obwohl die Vorträge ursprünglich einzeln gehalten wurden, folgt das Buch einer klaren Linie. Teil 1 fragt nach dem Wesen des Bewusstseins und beginnt mit kosmologischen Weltmodellen. Watts unterschied gern zwischen der Welt als Werkstück eines göttlichen Töpfers, der Welt als Maschine, die von selbst läuft, und der Welt als Schauspiel, in dem ein einziges Wesen sämtliche Rollen übernimmt. Das letzte, das „dramatische Modell“ aus der indischen Tradition, bekommt ein eigenes Kapitel, gefolgt von „Die ewige Transaktion“.

Teil 2 heißt „Das Gewebe des Lebens“ und behandelt die Ebenen der Wahrnehmung und das Netz der Beziehungen, einmal als Falle, einmal als Spiel betrachtet. In Teil 3, „Unumgängliche Ekstase“, geht es um Anhaftung und Kontrolle, um Hypnose und Gewöhnung und um die harmonische Auflösung dieser Muster.

Teil 4 stellt die Welt als Sosein vor, mit dem Koan im Zen, der Nichtdualität im Handeln und dem „großen Zweifel“, den Zen-Lehrer als Voraussetzung jeder echten Einsicht betrachten. Teil 5 widmet sich der hinduistischen Kosmologie und der Frage nach Insidern und Outsidern. Teil 6 schließlich führt über die buddhistische Methode und den beständigen Wandel zur Philosophie der Leerheit.

Das Ego als Konvention

Der rote Faden ist eine einzige Behauptung. Das Ego, das sich als abgeschlossenes Wesen irgendwo hinter den eigenen Augen erlebt, sei eine gesellschaftliche Übereinkunft und keine Tatsache. Watts nannte es spöttisch das „skin-encapsulated ego“, das in Haut eingepackte Ego. Wer sich so erlebt, steht der Welt gegenüber wie ein Fremder, will sie kontrollieren und fürchtet sie zugleich.

Buddhismus, Daoismus und die indische Lehre des Advaita beschreiben diesen Irrtum jeweils mit eigenen Begriffen. Watts legt sie nebeneinander, zeigt die gemeinsame Pointe und verrührt sie trotzdem nicht zu einem Einheitsbrei. Die christliche Tradition Europas zieht er ebenfalls heran, und als ehemaliger Priester kannte er sie von innen.

Lesbar wird das alles durch den Ton. Ein Koan erklärt Watts nicht, er erzählt es und lässt es stehen. „Wie klingt das Klatschen einer einzigen Hand?“ Die Frage des japanischen Zen-Meisters Hakuin hat keine Antwort, die man aufschreiben könnte, und das ist ihr Zweck: Der Verstand soll sich daran festbeißen, bis er von selbst loslässt.

Wenn du ein Handbuch mit Atemübungen und Wochenplan erwartest, wirst du hier nicht fündig. Du bekommst eher eine Einladung, die eigenen Denkgewohnheiten einmal von außen zu betrachten, und ein paar Sätze, die länger nachwirken, als dir vielleicht lieb ist.

Stärken und Grenzen

Als Einstieg eignet sich „Über den Geist hinaus“ gut, weil es fast alle Lieblingsthemen des Autors in einem Band versammelt. Wer „The Way of Zen“ oder „The Book“ schon kennt, findet vieles wieder, allerdings lockerer und sprunghafter formuliert.

Ein Einwand begleitet Watts seit den 1950er-Jahren. Zen-Praktizierende warfen ihm vor, über Zen zu reden, statt zu sitzen, und religionswissenschaftlich ist manche seiner Gleichsetzungen von Buddhismus, Daoismus und Advaita grober, als es die Texte der Traditionen hergeben. Das stimmt, und für den Genuss dieses Buches ändert es wenig, denn Watts will keine Religionsgeschichte schreiben, sondern eine Denkbewegung auslösen.

Seine Vorträge sind seit seinem Tod nie ganz verstummt. Sie liefen auf Tonband und Kassette, später auf CD, heute kursieren sie als kurze Clips im Netz, oft unterlegt mit Musik, die Watts vermutlich amüsiert hätte. Verwandte Titel findest du unter Bücher und bei den Neuerscheinungen der 2020er Jahre.

Fragen zu Über den Geist hinaus

Worum geht es in „Über den Geist hinaus“ von Alan Watts?

Das Buch stellt die Weisheitslehren des Zen-Buddhismus, des Daoismus, des Hinduismus mit Advaita und des Buddhismus nebeneinander und fragt, wie sich der Mensch von der Vorstellung eines abgetrennten Egos lösen kann. Die 17 Kapitel sind auf sechs Teile verteilt, vom Wesen des Bewusstseins bis zur Philosophie der Leerheit.

Wann und bei welchem Verlag ist das Buch erschienen?

Die deutsche Ausgabe kam am 4. Mai 2020 bei O.W. Barth heraus, gebunden mit 256 Seiten. Übersetzt hat sie Horst Kappen, das Vorwort stammt von Mark Watts, dem Sohn des Autors. Der englische Originaltitel lautet „Out of Your Mind“.

Wie kann ein Buch von Alan Watts 2020 erscheinen, wenn er 1973 starb?

Der Band ist posthum aus Watts’ Radiovorträgen zusammengestellt worden. Deshalb liest er sich eher wie ein aufgeschriebenes Gespräch als wie eine systematische Abhandlung.

Wer war Alan Watts?

Alan Watts wurde 1915 in Chislehurst in England geboren, ging 1938 in die USA und war einige Jahre Priester der Episkopalkirche. Danach widmete er sich dem Zen und dem Daoismus und wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einem der bekanntesten Vermittler östlicher Lehren im Westen. Er schrieb mehr als 25 Bücher.

Welche Bücher von Alan Watts gelten als besonders bekannt?

Zu seinen meistgelesenen Titeln gehören „The Spirit of Zen“ von 1936, „The Wisdom of Insecurity“ von 1951, „The Way of Zen“ von 1957 und „The Book: On the Taboo Against Knowing Who You Are“ von 1966. „Über den Geist hinaus“ greift viele Themen dieser Bücher in mündlicher Form wieder auf.

Braucht man Vorwissen, um das Buch zu verstehen?

Nein. Watts setzt keine Kenntnisse über Buddhismus oder Hinduismus voraus und erklärt Begriffe wie Koan, Nichtdualität oder Leerheit mit Alltagsbeispielen. Wer seine anderen Bücher schon kennt, begegnet allerdings vielen vertrauten Gedanken.