Udo Lindenberg: #wirbleibenzuhause, Texte und Biografie
Udo Lindenberg, #wirbleibenzuhause und der Ruf als größter deutscher Nachkriegslyriker
Udo Lindenbergs Aufruf #wirbleibenzuhause im März 2020, warum Stuckrad-Barre ihn den größten deutschen Nachkriegslyriker nannte und was Kritiker einwenden.

Im März 2020, als in Deutschland Schulen, Kneipen und Konzerthallen schlossen, meldete sich Udo Lindenberg auf Twitter mit einem Text, der klang wie eine seiner Liedzeilen: klein geschrieben, voller Slang und mit dem Nuscheln, das man beim Lesen fast hört. Die Welt sei gerade in einem schlimmen Zustand, schrieb er, aber durchhängen gelte nicht, die Hoffnung sei noch da. Dann kam die eigentliche Botschaft, „jetzt zusammenhalten“, dazu ein Dank an alle, die draußen weiterarbeiteten, und die Unterschrift: „panik-captain“. Er setzte den Hashtag #wirbleibenzuhause darunter, unter dem in diesen Wochen Tausende Menschen ihre Tage in der eigenen Wohnung dokumentierten.
#wirbleibenzuhause: ein Rocker ruft zur Vernunft
Dass ausgerechnet Lindenberg zum Zuhausebleiben aufrief, hatte eine gewisse Komik. Kaum ein deutscher Musiker hat so konsequent das Bild des Unterwegsseins gepflegt, mit Tourneen, Hotelzimmern und dem Panikorchester im Rücken. Gleichzeitig passte es. Lindenberg lebt seit Mitte der 1990er Jahre im Hamburger Hotel Atlantic, wo er ohnehin zu Hause ist, wenn er nicht auf der Bühne steht.
Kurz vor dem Lockdown war im Januar 2020 der Kinofilm „Lindenberg! Mach dein Ding“ angelaufen, in dem Jan Bülow den jungen Udo spielt und Hermine Huntgeburth die Jahre bis zum Durchbruch erzählt. Wer ihn noch im Kino sehen wollte, musste sich beeilen.
Der größte deutsche Nachkriegslyriker?
Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre hat Lindenberg einmal den „größten deutschen Nachkriegslyriker“ genannt. Er meinte das ernst und ließ Taten folgen: 2004 initiierte er das Album „Poesiealbum“, auf dem Prominente wie Bryan Adams und Elke Heidenreich Lindenberg-Texte vorlesen, ohne Musik, nur als Gedichte.

Die Texte tragen den Test. Lindenberg schreibt über Gesellschaft und Politik ebenso wie über Liebe und Einsamkeit, in einer bildreichen Sprache, die sich an der Straße orientiert und doch nie platt wird. „Mädchen aus Ost-Berlin“ von 1973 erzählt eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte, „Sonderzug nach Pankow“ von 1983 verspottete Erich Honecker und brachte Lindenberg im selben Jahr einen Auftritt im Ost-Berliner Palast der Republik ein. Beide Lieder stehen für zwei Seiten desselben Autors. Das Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ von 1973, benannt nach dem 1956 gesunkenen italienischen Passagierschiff, gilt als sein eigentlicher Durchbruch, und der Titel ist typisch Lindenberg: gute Laune an Bord eines Schiffs, von dem jeder weiß, dass es untergeht.
Wenn du Lindenberg nur als Mann mit Hut und Sonnenbrille kennst, lohnt es sich, die Texte einmal ohne Musik zu lesen. Stuckrad-Barres Urteil wirkt dann weniger übertrieben.
Vom Gronauer Jungen zum Hotel Atlantic
Udo Lindenberg wurde 1946 in Gronau in Westfalen geboren und kam als Schlagzeuger in die Hamburger Szene, unter anderem spielte er Anfang der 1970er Jahre bei Klaus Doldingers Jazzrockband Passport. Mit dem Panikorchester und nuschelnd gesungenen deutschen Texten prägte er dann wie kaum ein anderer den deutschsprachigen Rock. Auf dem Album „Galaxo Gang“ von 1976 sang im Lied „Ich bin Rocker“ die Hamburger Rockergruppe Mephistos Mob MC den Chor.

Nach Jahren mit wechselndem Erfolg gelang ihm 2008 mit dem Album „Stark wie zwei“ ein Comeback, das bis heute anhält. 2016 folgte „Stärker als die Zeit“, das auf Platz eins der Charts stieg, und eine Stadiontour, deren Bildband Lindenberg auf der Frankfurter Buchmesse 2017 vorstellte. 2011 kam in Berlin das Musical „Hinterm Horizont“ auf die Bühne, das die Geschichte von „Mädchen aus Ost-Berlin“ mit seinen Liedern weitererzählt. Nebenbei malt er sogenannte Likörelle, Bilder, die er statt mit Wasserfarben mit Likör anlegt.


Mehr Musik und Biografien stehen unter Musik und Bücher.
Ein kritischer Blick: Thomas Loecks Lindenberg-Buch
Nicht alle teilen die Verehrung. Der Hamburger Journalist Thomas Loeck, Jahrgang 1952, hat im Selbstverlag bei epubli einen schmalen Band von 68 Seiten veröffentlicht, der ursprünglich eine Biografie werden sollte und nach eigener Darstellung zur kritischen Bestandsaufnahme wurde. Loeck sammelt Zeitungsartikel, Presseausschnitte und Aussagen von Weggefährten und stellt die Legende vom „Gesamtkunstwerk Lindenberg“ infrage. Unter anderem zitiert er ein früheres Mitglied von Mephistos Mob MC, das Lindenberg vorwirft, der Gruppe damals aufs Maul geschaut und damit gut verdient zu haben. Auch Fragen nach dem Umgang mit fremden Urheberrechten wirft das Buch auf.

Loeck kennt die Szene, über die er schreibt. Er arbeitete für das Hamburger Stadtmagazin Oxmox, für Metal Hammer, die taz und Bikers News und gründete 1978 die Initiative Rock gegen Rechts, die sich an der britischen Bewegung Rock Against Racism orientierte, zwei Jahre nach deren Gründung.
Fragen zu Udo Lindenberg, #wirbleibenzuhause und der Ruf als größter deutscher Nachkriegslyriker
Was schrieb Udo Lindenberg unter #wirbleibenzuhause?
Im März 2020, zu Beginn der Corona-Einschränkungen, veröffentlichte er auf Twitter einen Aufruf in seinem typischen Ton: Die Welt sei in einem schlimmen Zustand, aber Durchhängen gelte nicht, die Hoffnung trage durch die schweren Zeiten. Er rief zum Zusammenhalten auf, dankte allen, die draußen arbeiteten, und unterschrieb als Panik-Captain.
Wer nannte Udo Lindenberg den größten deutschen Nachkriegslyriker?
Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre. Er initiierte auch das Album „Poesiealbum“ von 2004, auf dem Prominente wie Bryan Adams und Elke Heidenreich Texte von Lindenberg vorlesen.
Woher kommt Udo Lindenberg?
Aus Gronau in Westfalen, wo er 1946 geboren wurde. Seit Mitte der 1990er Jahre lebt er im Hamburger Hotel Atlantic, das zu seinem Markenzeichen geworden ist.
Wer sang den Chor bei „Ich bin Rocker“?
Mitglieder der Hamburger Rockergruppe Mephistos Mob MC. Das Lied erschien 1976 auf Lindenbergs Album „Galaxo Gang“.
Gibt es kritische Bücher über Udo Lindenberg?
Der Hamburger Journalist Thomas Loeck hat im Selbstverlag bei epubli einen schmalen Band von 68 Seiten veröffentlicht, der die Legende vom Gesamtkunstwerk Lindenberg infrage stellt. Er stützt sich auf Presseausschnitte und Aussagen von Weggefährten.