Spiel des Lebens
Die Geschichten von Udo Jürgens und Michaela Moritz, der Roman und die Alben
Die Geschichten Spiel des Lebens von Udo Jürgens und Michaela Moritz (S. Fischer, 2019), der Roman Der Mann mit dem Fagott, der Film und die Studioalben.

Am 28. August 2019 erschien bei S. Fischer ein schmaler Band mit 224 Seiten: „Spiel des Lebens. Geschichten“ von Udo Jürgens und Michaela Moritz. Der Sänger war da schon fast fünf Jahre tot. Die Geschichten hatte er in den Jahren davor gemeinsam mit Moritz verfasst, derselben Autorin, mit der er 2004 den Roman „Der Mann mit dem Fagott“ geschrieben hatte.
Geschichten aus dem Rampenlicht und daneben
Das Personal des Buches steht selten in der Mitte der Bühne. Da ist der Junge, der auf dem Balkon tanzt und davon träumt, Musiker zu werden. Ein Maler, der sich im Café an seine Anfänge erinnert. Ein Trommler, der auf dem falschen Kontinent geboren ist. Der Verlagstext nennt sie „Zaungäste im Spiel des Lebens“, und genau so liest sich der Band: kurze Prosastücke über Menschen, denen nur wenig fehlt, um ins Licht zu treten.
Wer die Lieder von Udo Jürgens kennt, erkennt die Stimmung wieder. Die Geschichten greifen Motive der Chansons auf, ohne sie nachzuerzählen: die Sehnsucht nach dem Aufbruch, das Altern, die kleine Komik des Alltags. Moritz und Jürgens verdichten das zu Prosa, die näher an der Erzählstimme der Lieder bleibt als an einer klassischen Kurzgeschichte.
Der Band ist kein Nachlassprodukt im engeren Sinn. Die Texte entstanden zu Lebzeiten, in derselben Zusammenarbeit wie der große Familienroman. Wer das Buch als Einstieg nimmt, landet fast zwangsläufig bei diesem Roman.
Der Mann mit dem Fagott: der Familienroman
„Der Mann mit dem Fagott“ erschien 2004 und wurde 2011 als broschierte Neuausgabe bei Limes mit 736 Seiten wieder aufgelegt. Udo Jürgens hat den Antrieb dazu selbst beschrieben: „Die Geschichte meiner Familie hat mich seit meiner Kindheit geprägt und mein Weltbild entscheidend mitbestimmt, die Suche nach ihren Spuren hat mich viele Jahre begleitet, die Idee zu diesem Buch trage ich schon beinahe mein ganzes Leben mit mir herum.“
Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Bockelmann über mehrere Generationen, vom Großvater, der als Kaufmann nach Russland ging, bis zum Enkel, der 1934 in Klagenfurt als Udo Jürgen Bockelmann zur Welt kam. Familiensaga und Zeitgeschichte laufen parallel: Aufstieg und Fall, Krieg, Neuanfang.
Eine Szene aus dem Buch ist besonders oft zitiert worden. München, 1955: Die Jazzband von Freddie Brocksieper verlässt die Bühne im Schwabinger Studio 15, ein junger Gast aus Salzburg darf in der Pause spielen. Er spielt Blues, Jazz und Swing, singt dazu, und niemanden hält es auf den Stühlen. Es ist kurz nach Mitternacht, der junge Mann ist gerade 21 geworden. So beginnt im Roman eine der längsten Karrieren der deutschsprachigen Musikgeschichte.
Die Verfilmung lief 2011 als Zweiteiler, Regie führte Miguel Alexandre, David Rott spielte den jungen Udo. Die Filmmusik spielte das Filmorchester Babelsberg unter Nic Raine ein, die Filmsongs stammen von Jürgens selbst. Auf dem Soundtrack stehen neben eigenen Titeln wie „Der Mann mit dem Fagott“, „Merci Chérie“ und „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ auch Standards aus der Jazzzeit: „My Funny Valentine“, „That Lucky Old Sun“, „Shake, Rattle & Roll“.
Ein Leben in Zahlen
Udo Jürgens wurde am 30. September 1934 in Klagenfurt geboren und starb am 21. Dezember 2014 in Münsterlingen am Bodensee, in seiner Wahlheimat Schweiz. Dazwischen liegen fast 60 Jahre auf der Bühne, mehr als 50 Studioalben und über 1.000 komponierte Lieder.
1966 gewann er mit „Merci Chérie“ den Eurovision Song Contest in Luxemburg, nachdem er in den beiden Jahren zuvor schon angetreten war. Die Hits der Siebziger sind bis heute die bekanntesten: „Griechischer Wein“ (1974), „Ein ehrenwertes Haus“ (1975), „Aber bitte mit Sahne“ (1976), „Mit 66 Jahren“ (1977). 1982 folgte „Ich war noch niemals in New York“, das Lied, das später einem ganzen Musical den Namen gab.
Du musst kein Schlagerfan sein, um zu merken, wie viele dieser Titel im Alltag weiterlaufen. „Aber bitte mit Sahne“ ist auf Geburtstagsfeiern Standard, „Griechischer Wein“ in jeder Bar mit Klavier.
Zwei Lieder, die aneckten
„Ein ehrenwertes Haus“ erzählt von einer Hausgemeinschaft, die ein unverheiratet zusammenlebendes Paar aus dem Haus drängen will. Von Strophe zu Strophe zeigt sich, dass die Nachbarn selbst wenig moralisch leben. Rechtlich war die Vertreibung längst nicht mehr möglich: Nur bis 1927 galt die Vermietung an unverheiratete Paare nach § 180 StGB als Kuppelei. 2014, zum 80. Geburtstag des Sängers, coverten Uli Scherbel und Gianni Meurer das Lied; in ihrer Version geht es um ein schwules Paar.
„Aber bitte mit Sahne“ komponierte Jürgens 1976 auf einem Blüthner-Flügel, den er als Gage für Auftritte in der DDR erhalten hatte. Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane treffen sich in der Konditorei und blasen „zum Sturm auf das Kuchenbuffet“. In der dritten Strophe sterben die Damen nacheinander, auch bei den Beerdigungen gibt es Torte. Zuletzt kippt Liliane vom Stuhl, und der Pfarrer wünscht, „dass der Herrgott den Weg in den Himmel ihr bahne“. Jürgens zweifelte, ob das seinen weiblichen Fans gefallen würde. Wegen der letzten Strophe warfen ihm einige Gotteslästerung vor, manche Radiosender spielten das Lied nicht. Ariola veröffentlichte die Single am 21. Juni 1976, Länge 3:35 Minuten.
Die Musicals
„Ich war noch niemals in New York“ ist ein Jukebox-Musical auf Basis seiner Lieder, uraufgeführt 2007 in Hamburg. Drei Paare stehen im Mittelpunkt: eines muss sich zwischen Liebe und Karriere entscheiden, eines will beweisen, dass sich Träume auch im Alter erfüllen lassen, ein schwules Paar kämpft mit der Engstirnigkeit seiner Umgebung. Auf einer Kreuzfahrt nach New York klärt sich, was für jedes von ihnen wichtig ist. Die Songliste reicht von „Vielen Dank für die Blumen“ über „Buenos Dias, Argentina“ und „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ bis zu „Heute beginnt der Rest deines Lebens“. Cast-Alben erschienen 2008 mit der Hamburger und 2010 mit der Wiener Besetzung aus dem Raimund Theater.
Deutlich älter ist „Helden, Helden“: 1972 schrieb Jürgens dieses Musical in zwei Akten nach dem Stück von George Bernard Shaw. Die Uraufführung fand am 28. Oktober 1972 im Theater an der Wien statt, mit Michael Heltau und Gabriele Jacoby in den Hauptrollen. Die Kritik reagierte gemischt. Das Orchester des Theaters an der Wien spielte das Stück auf Langspielplatte ein.
Die Studioalben in Auswahl
Die Diskografie beginnt 1965 mit „Portrait in Musik“, auf dem Jürgens gemeinsam mit Françoise Hardy zu hören ist; 1966 folgte „Françoise und Udo“. Für Kinder nahm er 1971 und 1973 mit dem Autor James Krüss die beiden „Jonny & Jenny“-Alben auf. Zur Fußballweltmeisterschaft 1978 entstand „Buenos dias, Argentina“ mit der deutschen Nationalmannschaft, 1990 „Sempre Roma“, diesmal mit Belen Thomas als Duettpartnerin.
Ein Überblick nach Jahrzehnten, jeweils mit dem Jahr der Erstveröffentlichung:
- 1965 Portrait in Musik · 1966 Françoise und Udo · 1967 Was ich dir sagen will · 1968 Mein Lied für dich · 1969 Udo ’70
- 1970 Udo ’71 · 1971 Zeig mir den Platz an der Sonne · 1972 Ich bin wieder da · 1973 Es ist Zeit für die Liebe · 1974 Meine Lieder · 1975 Griechischer Wein – Seine neuen Lieder · 1976 Meine Lieder 2 · 1977 Meine Lieder 77 und Lieder, die auf Reisen gehen · 1978 Buenos dias, Argentina und Nur ein Lächeln · 1979 Die Blumen blüh’n überall gleich und Udo ’80
- 1981 Willkommen in meinem Leben und Leave a Little Love · 1982 Silberstreifen · 1983 Traumtänzer · 1984 Hautnah · 1985 Treibjagd · 1986 Deinetwegen · 1988 Das blaue Album und Sogar Engel brauchen Glück · 1989 Ohne Maske
- 1990 Sempre Roma · 1991 Geradeaus! · 1993 Café Größenwahn · 1995 Zärtlicher Chaot · 1999 Ich werde da sein
- 2002 Es lebe das Laster · 2005 Jetzt oder nie · 2008 Einfach ich · 2011 Der ganz normale Wahnsinn · 2014 Mitten im Leben
„Mitten im Leben“ erschien am 21. Februar 2014, zehn Monate vor seinem Tod. Im Oktober desselben Jahres folgte ein Tribute-Album unter gleichem Namen, auf dem andere Künstler seine Lieder neu einspielten. Sein letztes Konzert gab er im Dezember 2014 in Zürich; die Aufnahme ist als Livealbum erschienen.
Weitere Sängerinnen und Sänger aus derselben Zeit findest du unter /musik/, die Bühnen und Schlager der Nachkriegsjahre unter /jahrzehnte/1950er/.
Fragen zu Spiel des Lebens
Worum geht es in Spiel des Lebens von Udo Jürgens?
Der Band versammelt kurze Geschichten über Menschen am Rand des Rampenlichts: einen Jungen, der auf dem Balkon tanzt, einen Maler im Café, einen Trommler auf dem falschen Kontinent. Udo Jürgens und Michaela Moritz greifen darin die Stimmung seiner Lieder auf und erzählen sie als Prosa weiter.
Wann ist Spiel des Lebens erschienen und wie umfangreich ist das Buch?
Die gebundene Ausgabe erschien am 28. August 2019 bei S. Fischer und hat 224 Seiten. Das Buch kam damit fast fünf Jahre nach dem Tod des Sängers heraus; Michaela Moritz hatte schon den Roman Der Mann mit dem Fagott mit ihm geschrieben.
Was ist Der Mann mit dem Fagott?
Der Mann mit dem Fagott ist der autobiografisch grundierte Familienroman von Udo Jürgens und Michaela Moritz aus dem Jahr 2004. Er erzählt die Geschichte der Familie Bockelmann über mehrere Generationen und wurde 2011 als Zweiteiler verfilmt, mit David Rott in der Rolle des jungen Udo.
Wie viele Alben hat Udo Jürgens veröffentlicht?
Zwischen Portrait in Musik von 1965 und Mitten im Leben von 2014 erschienen mehr als 50 Studioalben, dazu Livemitschnitte und Musicalaufnahmen. Der Sänger komponierte in dieser Zeit über 1.000 Lieder.
Welches Musical basiert auf den Liedern von Udo Jürgens?
Ich war noch niemals in New York, ein Jukebox-Musical, das 2007 in Hamburg Premiere hatte. Es erzählt von drei Paaren auf einer Kreuzfahrt nach New York und verbindet dabei Lieder wie Griechischer Wein, Mit 66 Jahren und Aber bitte mit Sahne.
Warum war Aber bitte mit Sahne umstritten?
Das Lied von 1976 erzählt vom Kaffeekränzchen vier älterer Damen, die nacheinander sterben, während die Torten weiter aufgetischt werden. Wegen der letzten Strophe mit dem Pfarrer wurde Jürgens Gotteslästerung vorgeworfen, einige Radiosender spielten den Titel nicht.