Project Mind Control von Stephen Kinzer
Sidney Gottlieb, die CIA und das LSD
Stephen Kinzers „Project Mind Control“ (riva, 2020) über den CIA-Chemiker Sidney Gottlieb, das Programm MK-Ultra, LSD-Versuche und geplante Giftanschläge.
In der Nacht zum 28. November 1953 stürzte der Biochemiker Frank Olson aus dem 13. Stock eines Hotels in Manhattan. Neun Tage zuvor hatten ihm Mitarbeiter der CIA bei einem Treffen an einem See in Maryland ohne sein Wissen LSD in ein Getränk gemischt. Offiziell war es Selbstmord. Das Kapitel, das Stephen Kinzer diesem Fall widmet, heißt „Gefallen oder gesprungen“, und schon der Titel zeigt, dass die Frage bis heute nicht beantwortet ist.
Der Mann, der dieses Experiment verantwortete, hieß Sidney Gottlieb. Kinzers Biografie über ihn erschien am 16. Juni 2020 im riva Verlag unter dem Titel „Project Mind Control. Sidney Gottlieb, die CIA und das LSD“, 368 Seiten, gebunden. Das amerikanische Original von 2019 heißt deutlich schärfer: „Poisoner in Chief“, der Chefgiftmischer.
Wer Sidney Gottlieb war
Gottlieb kam 1918 in der Bronx als Sohn jüdischer Einwanderer aus Ungarn zur Welt. Er hatte Klumpfüße und stotterte, und doch arbeitete er sich bis zur Promotion in Biochemie am California Institute of Technology hoch. 1951 holte ihn die CIA. Das erste Kapitel trägt den Titel „Ich brauchte eine größere Herausforderung“.
Er bekam sie. Ab 1953 leitete er MK-Ultra, ein Programm, das CIA-Direktor Allen Dulles im April jenes Jahres genehmigt hatte. Die Angst dahinter war typisch für den frühen Kalten Krieg: Amerikanische Soldaten waren aus koreanischer Kriegsgefangenschaft mit Geständnissen zurückgekommen, die nach Gehirnwäsche aussahen, und Washington wollte wissen, ob sich das Bewusstsein eines Menschen gezielt steuern lässt.
LSD, Menschenversuche und Operation Midnight Climax
Gottlieb glaubte, in LSD den Schlüssel gefunden zu haben. Die Droge stammte vom Schweizer Pharmaunternehmen Sandoz, wo der Chemiker Albert Hofmann ihre Wirkung 1943 im Selbstversuch entdeckt hatte. Die CIA kaufte große Mengen der Substanz und ließ sie an Freiwilligen, an Häftlingen, an Patienten psychiatrischer Kliniken und an ahnungslosen Bürgern testen. Neben LSD kamen andere Drogen, Elektroschocks, Hypnose und Isolation zum Einsatz. Gottlieb finanzierte Forscher wie den Psychiater Ewen Cameron in Montreal und den Mediziner Harris Isbell in Lexington, Kentucky, deren Probanden zum Teil schwere, bleibende Schäden davontrugen.
Das Kapitel „Operation Midnight Climax“ beschreibt Wohnungen in San Francisco, in die Prostituierte im Auftrag der CIA Freier lockten. Die Männer bekamen Drogen verabreicht, CIA-Leute beobachteten sie hinter Spiegeln. Ein weiteres Kapitel, „Der göttliche Pilz“, führt zu dem Interesse des Geheimdienstes an halluzinogenen Pilzen.
Wenn du beim Lesen irgendwann denkst, das könne so nicht passiert sein: Die meisten dieser Vorgänge sind durch Untersuchungen des US-Kongresses belegt. Der sogenannte Church-Ausschuss des Senats machte sie Mitte der 1970er-Jahre öffentlich, weitere Unterlagen tauchten 1977 auf und führten zu Anhörungen unter Senator Edward Kennedy, obwohl Gottlieb 1973 angeordnet hatte, die Akten zu MK-Ultra zu vernichten. Ein Kapitel trägt den bezeichnenden Titel „Das sollte mit uns sterben“.
Gift für Castro, Lumumba und Qasim
Gottlieb war nicht nur Forscher. Als Leiter der technischen Abteilung lieferte er die Werkzeuge für verdeckte Operationen. Für Anschläge auf Fidel Castro entwickelte er Ideen wie vergiftete Zigarren, einen mit Pilzsporen präparierten Taucheranzug und Thalliumsalze, die in Castros Schuhe gestreut werden und seinen berühmten Bart ausfallen lassen sollten. Umgesetzt wurde keiner dieser Pläne erfolgreich.
1960 reiste er selbst in den Kongo, mit einem Gift im Gepäck, das für den Ministerpräsidenten Patrice Lumumba bestimmt war. Eingesetzt wurde es nicht. Lumumba wurde im Januar 1961 von seinen Gegnern in der Provinz Katanga ermordet, im Beisein belgischer Offiziere. Für den irakischen Regierungschef Abd al-Karim Qasim war ein vergiftetes Taschentuch vorgesehen.
Kinzers Recherche
Stephen Kinzer kennt das Terrain. Er war jahrelang Auslandskorrespondent der „New York Times“ und leitete deren Büros in Deutschland, Nicaragua und der Türkei. Heute ist er Senior Fellow am Watson Institute der Brown University und Kolumnist des „Boston Globe“. In früheren Büchern hat er den von der CIA unterstützten Sturz der iranischen Regierung 1953 beschrieben und in „The Brothers“ die Karrieren von John Foster und Allen Dulles.
Für „Project Mind Control“ hat er Akten ausgewertet und Menschen interviewt, die Gottlieb kannten. Seine These ist unbequem: Die Experimente an „entbehrlichen“ Menschen waren keine Entgleisung einzelner, sondern von der Regierung gewollt und im Namen der nationalen Sicherheit gerechtfertigt. Weitere Biografien findest du unter Bücher, neuere Sachbücher unter 2020er.
Nach seinem Abschied von der CIA 1973 lebte Gottlieb in Virginia, hielt Ziegen, tanzte Volkstänze und arbeitete eine Zeit lang in einem Krankenhaus für Leprakranke in Indien. Das letzte Kapitel des Buches zitiert einen Satz über ihn: „Ihr könnt nie wissen, was er war“.
Fragen zu Project Mind Control
Wer war Sidney Gottlieb?
Sidney Gottlieb, 1918 in New York geboren und 1999 gestorben, war ein promovierter Chemiker, der ab 1951 für die CIA arbeitete. Ab 1953 leitete er das geheime Programm MK-Ultra, in dem die CIA mit Drogen wie LSD nach Methoden zur Kontrolle des menschlichen Bewusstseins suchte. Er entwickelte außerdem Gifte für geplante Anschläge auf ausländische Politiker.
Was war MK-Ultra?
MK-Ultra war ein 1953 von CIA-Direktor Allen Dulles genehmigtes Forschungsprogramm. Es finanzierte Experimente mit LSD und anderen Substanzen, Hypnose und Isolation, oft an Menschen, die nicht wussten, dass sie Versuchspersonen waren. Viele Unterlagen wurden 1973 vernichtet, das Programm wurde erst durch Untersuchungen des US-Kongresses Mitte der 1970er-Jahre bekannt.
Wann ist „Project Mind Control“ erschienen?
Die deutsche Ausgabe erschien am 16. Juni 2020 im riva Verlag, gebunden mit 368 Seiten. Das amerikanische Original kam 2019 unter dem Titel „Poisoner in Chief“ heraus.
Wer ist Stephen Kinzer?
Stephen Kinzer war lange Auslandskorrespondent der „New York Times“ und leitete deren Büros in Deutschland, Nicaragua und der Türkei. Er ist Senior Fellow am Watson Institute der Brown University und schreibt für den „Boston Globe“. Bekannt wurde er unter anderem mit Büchern über den Putsch im Iran 1953 und über die Brüder Dulles.
Was hatte Gottlieb mit Fidel Castro zu tun?
Gottlieb entwickelte für die CIA Ideen und Mittel, um Castro zu schaden oder ihn zu töten: vergiftete Zigarren, einen präparierten Taucheranzug und Thalliumsalze, die seinen Bart ausfallen lassen sollten. Keiner dieser Pläne wurde erfolgreich umgesetzt.