Die Büchse der Pandora und COVID-19
Ein Mythos über Krankheit, Tod und die Hoffnung, die im Krug blieb
Die Büchse der Pandora als Bild für die Pandemie: Hesiods Mythos, Erasmus’ Übersetzungspanne, Nietzsches Deutung der Hoffnung und der Band Mythos Pandora.
Im Frühjahr 2020 sah es aus, als hätte jemand den Deckel gehoben. Ein Virus, das im Winter noch eine Meldung aus Wuhan gewesen war, hatte binnen Wochen den ganzen Planeten heimgesucht, und mit ihm kamen Krankheit, Tod und die Angst vor beidem. Wer nach einem Bild dafür suchte, landete schnell bei der Büchse der Pandora. Die Frage, die sich daran anschließt, ist älter als jede Pandemie: Ist die Hoffnung, die im Gefäß zurückblieb, ein Trost oder ein Fluch?
Die Geschichte selbst steht bei Hesiod, in der Theogonie und ausführlicher in „Werke und Tage“. Pandora ist dort die erste Frau auf Erden, und ihr Name bedeutet „die alle Gaben trägt“.
Wie Hesiod die Geschichte erzählt
Prometheus stiehlt den Göttern das Feuer und schenkt es den Menschen. Zeus, der König der Götter, sinnt auf Strafe, und zwar nicht für Prometheus allein, sondern für die Beschenkten. Er beauftragt Hephaistos, den Gott des Feuers und Schutzherrn der Handwerker, aus Ton eine Frau zu formen. Die Götter statten sie aus: Aphrodite gibt ihr Anmut, Athene lehrt sie das Handwerk, und Hermes, auf Befehl des Zeus, legt ihr Sturheit und Neugier ins Herz.
Dann bekommt sie ein Gefäß. Bei Hesiod ist es ein Pithos, ein großer Vorratskrug, wie er in jedem griechischen Haushalt für Öl oder Getreide stand. Die „Büchse“ ist eine Erfindung der Renaissance: Erasmus von Rotterdam übersetzte das Wort im 16. Jahrhundert falsch, und die falsche Übersetzung setzte sich durch. Zeus sagt Pandora, der Krug enthalte besondere Geschenke, und sie dürfe ihn nie öffnen.
Hermes bringt sie zu Epimetheus, dem Bruder des Prometheus. Der war gewarnt worden, nichts von den Göttern anzunehmen. Er sieht Pandora, verliebt sich und vergisst die Warnung. Pandora hält die Neugier nicht aus, öffnet den Krug, und Krankheit, Tod und alle Formen des Unglücks fliegen hinaus in die Welt. Nur die Hoffnung bleibt zurück, weil Pandora den Deckel schließt, bevor auch sie entweichen kann.
Hesiod deutet das als Willen des Zeus: Die Sterblichen sollen leiden, damit sie lernen, den Göttern nicht ungehorsam zu sein.
Ist die Hoffnung ein Fluch?
An dieser Stelle beginnt der Streit, der die Geschichte seit zweieinhalbtausend Jahren begleitet. Wenn alle Übel in der Welt sind und die Hoffnung im Krug eingeschlossen bleibt, dann fehlt sie den Menschen. Oder sie ist selbst ein Übel, das im Gefäß gehalten wird wie die anderen.
Friedrich Nietzsche hat die zweite Lesart in „Menschliches, Allzumenschliches“ zugespitzt. Zeus habe nicht gewollt, dass der Mensch sein Leben wegwirft, so sehr ihn die anderen Übel auch quälen. Deshalb gebe er ihm die Hoffnung. „In Wahrheit ist es das schlimmste aller Übel, weil es die Qualen des Menschen verlängert.“ Wer hofft, hält durch, und wer durchhält, leidet länger.
Theognis von Megara, ein Dichter des sechsten Jahrhunderts vor Christus, sah das anders. In seinen Versen ist die Hoffnung der einzige gute Gott, der unter den Menschen geblieben ist; Vertrauen, Zurückhaltung und Gnade sind fort und auf den Olymp zurückgekehrt, die Schwüre der Menschen gelten nichts mehr, niemand verehrt die Götter. Sein Gedicht setzt voraus, dass der Krug auch Segnungen enthielt. Nach dem Schließen des Deckels bleibt die Hoffnung, damit sie jedem die guten Dinge schenke, die vergangen sind.
Die Renaissance griff diese Fassung auf. Andrea Alciato zeigt in seinen „Emblemata“ von 1534 die Göttin Hoffnung, die auf einem Krug sitzt und erklärt, sie allein sei zu Hause geblieben, als das Böse um sie herum davonflatterte. Der neulateinische Dichter Gabriele Faerno widmete ihr 1563 in seiner Sammlung von hundert Fabeln ein Gedicht: Von allen guten Dingen, die den Sterblichen fehlen, bleibe allein die Hoffnung in der Seele zurück.
Anesidora: die Frau, die Gaben sendet
Ein Nebenstrang, der die ganze Geschichte in ein anderes Licht rückt: Möglicherweise war Pandora nie eine Unheilbringerin. Auf einer weißgrundigen Kylix aus der Zeit um 460 vor Christus sind Athene und Hephaistos zu sehen, wie sie ihre Schöpfung vollenden. Die Darstellung trägt aber nicht den Namen Pandora, sondern Anesidora, „die Gaben sendende“. Das verknüpft die Figur mit Demeter und Gaia, den Göttinnen der Erde und der Fruchtbarkeit, und nicht mit dem Krug voller Übel.
Ein Scholion zu Vers 971 der „Vögel“ des Aristophanes erwähnt zudem einen Kult der Pandora als Göttin der Erde, die alle zum Leben notwendigen Dinge schenkt. Hesiods Erzählung mit ihrer offen frauenfeindlichen Pointe wäre demnach bereits die Verfremdung eines älteren Stoffes.
Wer die Spur weiterverfolgen will, findet das Material in der Anthologie „Mythos Pandora: Texte von Hesiod bis Sloterdijk“, herausgegeben von Almut-Barbara Renger und Immanuel Musäus, erschienen bei Reclam mit 259 Seiten. Renger ist Professorin für Antike Religion und Kultur an der Freien Universität Berlin. Der Band versammelt über zweitausend Jahre Rezeption, darunter Lord Byron: „Als die Büchse Pandoras auf Erden erschien, / Da begann vor der Sorge die Freude zu fliehn.“
Was 2020 aus dem Krug kam
Die Essayistin Karina Lagdameo-Santillan schrieb im Mai 2020 aus Manila, es kämen dank der Krise vielleicht schon einige Hoffnungen aus dem Krug hervor. Sie nannte konkrete Dinge: leichteren Zugang zu Nahrung, Wohnen, Bildung und Grundversorgung, eine Gesundheitsversorgung für alle und nicht nur für die, die sie sich leisten können, eine Führung, die Bedürfnisse der Menschen über alles andere stellt. Ob das eingetreten ist, kannst du fünf Jahre später selbst beurteilen.
Was sich sagen lässt: Die Pandemie hat das alte Bild wieder in Umlauf gebracht, in Zeitungskommentaren, in Predigten, in Gesprächen. Für einen Mythos, dessen erste Fassung in einer Zeit ohne Desinfektionsmittel und Risikobewertungen des Robert Koch-Instituts entstand, ist das eine bemerkenswerte Karriere. Weitere Bücher, die das Jahrzehnt bisher geprägt haben, stehen in der Übersicht der 2020er Jahre.
Pandoras Krug muss nicht verschlossen bleiben. Was daraus hervorgeht, hängt an denen, die hineinschauen.
Fragen zu Die Büchse der Pandora und COVID-19
Was ist die Büchse der Pandora?
In Hesiods Theogonie erhält Pandora, die erste Frau, von Zeus ein Gefäß mit der Anweisung, es nie zu öffnen. Sie öffnet es doch, und Krankheit, Tod und alle Übel entweichen in die Welt. Nur die Hoffnung bleibt zurück, weil Pandora den Deckel rechtzeitig schließt.
Warum heißt es Büchse und nicht Krug?
Bei Hesiod ist von einem Pithos die Rede, einem großen Vorratskrug. Der Humanist Erasmus von Rotterdam übersetzte das Wort im 16. Jahrhundert als Büchse, und diese Fassung setzte sich in den europäischen Sprachen durch.
Ist die Hoffnung im Mythos ein Segen oder ein Fluch?
Das ist seit der Antike umstritten. Friedrich Nietzsche las sie in Menschliches, Allzumenschliches als das schlimmste Übel, weil sie die Qual des Menschen verlängere. Theognis von Megara und später die Emblematiker der Renaissance sahen in ihr das einzige Gute, das den Menschen geblieben ist.
Was hat die Büchse der Pandora mit COVID-19 zu tun?
Im Frühjahr 2020 wurde das Bild oft bemüht: Ein Virus schien den Deckel gehoben und Krankheit und Tod über den Planeten verteilt zu haben. Der Essay fragt, ob die Hoffnung, die im Mythos zurückbleibt, in der Pandemie ein Trost oder eine Vertröstung ist.
Welches Buch versammelt die Texte zum Pandora-Mythos?
Die Anthologie Mythos Pandora: Texte von Hesiod bis Sloterdijk, herausgegeben von Almut-Barbara Renger und Immanuel Musäus, erschienen bei Reclam mit 259 Seiten. Sie enthält literarische und philosophische Beiträge aus über 2000 Jahren.
War Pandora ursprünglich eine Unheilbringerin?
Vermutlich nicht. Eine attische Kylix aus der Zeit um 460 v. Chr. zeigt Athene und Hephaistos bei der Erschaffung der ersten Frau, benennt sie aber als Anesidora, die Gaben Sendende. Das verbindet die Figur mit Erdgöttinnen wie Demeter und Gaia.