Nichts als die Wahrheit von Rudy Pevenage
Bekenntnisse eines Radsport-Insiders über Tour, Telekom und Doping
Rudy Pevenage, einst Träger des Gelben Trikots und Sportlicher Leiter bei Team Telekom, erzählt in „Nichts als die Wahrheit“ von Karriere, Ullrich und Doping.

„Ich habe keine Angst mehr vor Reaktionen oder Bemerkungen. Ich möchte niemanden verletzen, erzähle aber die Wahrheit darüber, was ich mitgemacht und gesehen habe.“ So beginnt Rudy Pevenage das Vorwort zu seinen Erinnerungen. Der Satz ist eine Warnung und ein Versprechen zugleich, denn kaum jemand hat den Radsport der Epo-Jahre so aus der Nähe gesehen wie der Belgier, der erst Fahrer war, dann Sportlicher Leiter beim Team Telekom und schließlich einer der Männer, die mit dem Doping-Arzt Eufemiano Fuentes zusammenarbeiteten.
„Nichts als die Wahrheit. Bekenntnisse eines Radsport-Insiders“, geschrieben mit dem niederländischen Journalisten John van Ierland, erschien am 5. Juni 2020 bei Delius Klasing. Rene Stein hat es aus dem Niederländischen übersetzt, die Taschenbuchausgabe hat 250 Seiten.
Ein Fahrer aus Flandern
Pevenage kam 1954 zur Welt, und die ersten Kapitel tragen Titel wie „Dafür bist du noch zu klein“ und „Endlich groß genug“. Sie erzählen von einem Jungen, der Rennfahrer werden will, von den ersten Rennen, von einem Profivertrag bei IJsboerke. Von 1976 bis 1988 fuhr er die großen Rennen mit.
Sein Jahr war 1980. Bei der Tour de France trug er das Gelbe Trikot, und am Ende in Paris gewann er die Punktewertung, das Grüne Trikot. Die Kapitel dazu heißen „Hart. Härter. Hinault“, „Ans Maillot Jaune kann man sich gewöhnen“ und „Wie ein Trikot dein Leben verändert“. Wenn du den Radsport dieser Jahre nur aus Fernsehbildern kennst, bekommst du hier die Sicht aus dem Feld, mit Kapiteln wie „Eine kleine Abmachung“ von 1978 und dem Duell mit Stars wie Bernard Hinault.
Mit Blutdoping habe er bis 1995 „absolut nichts am Hut“ gehabt, schreibt Pevenage. Mit Epo sei er erst als Funktionär in Berührung gekommen.
Telekom, Ullrich und das Epo
Nach dem Karriereende wechselte er ins Management. In den 1990er-Jahren wurde er Sportlicher Leiter beim Team Telekom, der Mannschaft des Sprinters Erik Zabel, die mit Bjarne Riis 1996 und Jan Ullrich 1997 zwei Tour-Sieger in Folge stellte. Die Kapitelüberschriften lesen sich wie eine Chronik dieser Jahre: „Bjarne Riis | 1996“, „Jan Ullrich | 1997“, „Der Pirat und der Galibier | 1998“ und dann, ohne Umschweife, „Erythropoetin (Epo) | 1999“.
Wie diese Erfolge zustande kamen, ist das eigentliche Thema. Pevenage beschreibt, wie organisiert das Doping bei der Tour ablief, wer beteiligt war und warum bekannte Fälle so lange unentdeckt blieben. Riis hatte schon im Mai 2007 öffentlich eingeräumt, zwischen 1993 und 1998 Epo genommen zu haben; das Buch ergänzt solche Geständnisse um die Perspektive eines Betreuers.
Der Kontakt zu Ullrich riss auch nach 2002 nicht ab, wie ein Kapitel schon im Titel festhält, und genau diese Nähe ist der heikelste Teil des Buches.
Fuentes, Milchkartons und die Operación Puerto
Ausführlich schildert Pevenage die Zusammenarbeit mit dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes. Er beschreibt, wie Blutbeutel in Milchkartons zu den Fahrern gebracht wurden und wie er bei einer Razzia in letzter Sekunde Insulinspritzen verschwinden ließ. Das sind keine Gerüchte aus zweiter Hand, sondern Aussagen eines Beteiligten über das eigene Handeln.
Im Sommer 2006 flog das Netzwerk um Fuentes in der spanischen Operación Puerto auf. Ullrich wurde am Vorabend der Tour de France aus dem Rennen genommen, kurz darauf trennte sich T-Mobile, wie das Team inzwischen hieß, von ihm und von Pevenage. Die Kapitel dazu heißen „Operacíon Puerto | 2006“, „Kein Knast | 2007“ und „Die Tonbandaufnahme | 2007“.
Lange schwieg Pevenage danach. Den Anstoß, doch zu reden, gab nach eigener Darstellung eine schwere Krankheit, die er überstand. Das Kapitel dazu trägt die Jahreszahl 2017 und den Titel „Der Todestrakt“.
Wie das Buch erzählt
Die Kapitel sind kurz und jeweils mit einer Jahreszahl versehen, von „1954–1968“ bis zum Epilog von 2020. Das macht das Buch leicht zu lesen und leicht zu durchblättern, wenn man eine bestimmte Tour sucht. Schon die Überschriften zeigen eine Vorliebe für Spitznamen: „König Jaja“ für Laurent Jalabert, „Der San-Remo-Blitz“, „Asterix, Obelix und Alí babá“.
Eine reine Abrechnung ist das nicht. Pevenage schildert eigenes Handeln, das ihn selbst belastet, und hält trotzdem zu seinem früheren Schützling: In Interviews zum Erscheinen sagte er, der gestürzte Tour-Sieger habe eine zweite Chance verdient. Der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ gegenüber wunderte er sich, dass so viele Menschen dachten, seine Biografie drehe sich um Jan Ullrich.
Sie tut es nicht, jedenfalls nicht nur. Weitere Erinnerungsbücher stehen unter Bücher, die Anfänge von Pevenages Profikarriere gehören ins Jahrzehnt der 1970er.
Das erste Kapitel, datiert auf 2020, trägt übrigens einen Titel, der keine Radsport-Romantik mehr zulässt: „Die Welt des Radsports – eine Schafherde“.
Fragen zu Nichts als die Wahrheit
Wer ist Rudy Pevenage?
Rudy Pevenage ist ein belgischer Radsportler, Jahrgang 1954, der von 1976 bis 1988 Profi war und bei der Tour de France 1980 das Gelbe Trikot trug und die Punktewertung gewann. Später arbeitete er als Sportlicher Leiter beim Team Telekom und betreute Jan Ullrich.
Worum geht es in „Nichts als die Wahrheit“?
Pevenage erzählt seine Laufbahn vom jungen Fahrer in Flandern bis zum Funktionär und schildert ausführlich, wie Doping im Profiradsport der 1990er- und 2000er-Jahre organisiert war. Dazu gehören die Zusammenarbeit mit dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes und die Folgen der Operación Puerto.
Wer hat das Buch mitgeschrieben?
Mitautor ist der niederländische Journalist John van Ierland. Die deutsche Ausgabe hat Rene Stein aus dem Niederländischen übersetzt, sie erschien am 5. Juni 2020 bei Delius Klasing als Taschenbuch mit 250 Seiten.
Geht es in dem Buch hauptsächlich um Jan Ullrich?
Nein. Ullrich spielt in mehreren Kapiteln eine wichtige Rolle, doch ein großer Teil des Buches gilt Pevenages eigener Karriere als Rennfahrer. Er selbst wunderte sich in einem Interview, dass viele das Buch für eine Ullrich-Biografie hielten.
Warum hat Pevenage das Buch geschrieben?
Nach eigener Darstellung gab eine schwere, überstandene Erkrankung den Ausschlag. Danach habe er keine Angst mehr vor Reaktionen gehabt und wolle erzählen, was er mitgemacht und gesehen hat, ohne jemanden verletzen zu wollen.