Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland K/M
Köln, Lemgo, Kurmainz, Kempten und weitere Orte
Hexenverfolgung von K bis M: Sophia von Langenberg und Katharina Henot in Köln, das Hexennest Lemgo, Kurmainz, Lindheim, Katharina Kepler und Kempten 1775.

Zwischen vier und fünf Uhr morgens, am 2. Juni 1666, wurde unter dem Regenstor in Lemgo ein Pfarrer mit dem Schwert hingerichtet und sein Leichnam anschließend verbrannt. Andreas Koch hatte an St. Nicolai gepredigt und dabei zu mehr Sorgfalt in den Hexenprozessen gemahnt. Die ungewöhnliche Stunde war kein Zufall. Die Stadt wollte bei der Hinrichtung eines Geistlichen möglichst keine Zuschauer.
Kochs Fall ist einer von vielen, die sich in Orten mit den Anfangsbuchstaben K bis M finden, von Kallenhardt bei Rüthen bis Münster in der Herrschaft Runkel. Die Hexenverfolgung und die Hexenprozesse in Deutschland erreichten ihren Höhepunkt zwischen dem späten 16. und der Mitte des 17. Jahrhunderts, und das Muster wiederholt sich von Ort zu Ort mit bedrückender Regelmäßigkeit: eine Krise, eine Anzeige, die Folter, weitere Namen.
Köln und Lechenich: die Nonne und die Postmeisterin
Am Anfang der Kölner Verfolgung steht eine Frau, die als Heilige galt. Sophia Agnes von Langenberg lebte als Klarissin im Kloster St. Klara. Ihr Beichtvater, ein Franziskaner, verbreitete den Ruf, ihr Gebet könne heilen, und als im Februar 1622 eine Nonne der St.-Vinzenz-Klause nach Sophias Fürbitte von einem Beinleiden genas, schien das bestätigt. Am Ostersonntag desselben Jahres soll in ihrer Zelle ein Kruzifix zu bluten begonnen haben. Die Franziskaner sahen ein Wunder, der päpstliche Nuntius Pietro Francesco Montoro sah Anlass zum Zweifel und schickte die Aufzeichnungen des Beichtvaters nach Rom.
Dann kippte die Stimmung. Nonnen, die als besessen galten, beschuldigten Sophia beim Exorzismus, sie verhext zu haben, und aus dem Fall wurde ein Machtkampf zwischen Nuntius und Kurfürst um die Aufsicht über die Franziskanerkonvente. Am 28. Mai 1626 brachte Generalvikar Johannes Gelenius die Nonne persönlich ins kurfürstliche Schloss Lechenich. Als Kurfürst Ferdinand im November 1626 die Erlaubnis zur Folter erhielt, begannen die Verhöre, und unter der Folter nannte Sophia die Kölner Postmeisterin Katharina Henot. Sophia von Langenberg wurde am 30. Januar 1627 im Zwinger des Schlosses erdrosselt und vermutlich außerhalb der Umfriedung des Begräbnisplatzes von Heddinghoven beerdigt.
Katharina Henot, Patrizierin und Geschäftsfrau, wurde am 9. Januar 1627 verhaftet. Nach mehrfacher Folter war sie verkrüppelt und schwer krank, gestand aber nichts. Nach damals geltendem Recht hätte sie freigelassen werden müssen. Stattdessen erwürgte sie der Scharfrichter am 19. Mai 1627 auf Melaten, dem Friedhof, der zugleich als Richtstätte diente, und verbrannte die Leiche. Die Hinrichtung entbehrte jeder juristischen Grundlage.
Die Kölner Welle lief bis 1630. Christina Plum bezichtigte sich im Frühjahr 1629 selbst der Hexerei, nannte im April zehn angesehene Bürger und wurde am 16. Januar 1630 hingerichtet. Das letzte Opfer war Enn Lennartz, 1655 enthauptet und verbrannt. Zwischen 1435 und 1655 sind in Köln 96 Hexenprozesse aktenkundig, 37 davon endeten mit einem Todesurteil.
Lemgo, das „Hexennest“
Wenn du in Lemgo die Breite Straße entlanggehst, fällt die Nummer 19 mit ihrem reich verzierten Renaissance-Giebel auf. Das Krüwelhaus ist bekannter als Hexenbürgermeisterhaus. Hier wohnte Hermann Cothmann (1629–1683), ab 1666 Direktor des neu geschaffenen Peinlichen Gerichts und ab 1667 Bürgermeister.
Lemgo erlebte vier Verfolgungswellen. Die ersten beiden, 1564 bis 1566 und 1583 bis 1605/06, endeten meist mit Landesverweisung. In der dritten, 1628 bis 1637, wurden mindestens 110 Menschen beschuldigt und 84 hingerichtet, überwiegend aus ärmeren Schichten. Die vierte von 1653 bis 1681 führte erst Bürgermeister Heinrich Kerkmann, dann Cothmann, und nun traf es auch die bürgerliche Führungsschicht; der Anteil der Männer unter den Angeklagten stieg von sechs auf rund 25 Prozent. Insgesamt wird die Zahl der Todesopfer auf etwa 250 geschätzt.
Die Einzelschicksale lesen sich wie ein Querschnitt durch die Stadt. Cothmanns eigene Mutter Catharina wurde 1654 hingerichtet; weil ihr Mann die 100 Taler für den Tod durch das Schwert nicht aufbringen konnte, senkte der Rat die Summe auf 40 Taler und ließ sich dafür Land und Gärten überschreiben. Der Schullehrer Hermann Beschoren starb im selben Jahr, obwohl Graf Hermann Adolph sich für ihn einsetzte. Johann Abschlag, früher Obristleutnant unter Tilly und Wallenstein und mit dem Rat wegen der Viehsteuer über Kreuz, wurde am 19. Januar 1666 enthauptet.
An Andreas Koch erinnert seit 1999 eine schwarze Granitplastik in St. Nicolai mit der Inschrift „Gott wird endlich mein Haupt aufrichten und mich wieder in Ehren setzen.“ Die letzte Angeklagte, Maria Rampendahl, widerstand 1681 der Folter und musste Stadt und Land verlassen.
Kurmainz, Lindheim und Lüdinghausen: Verfolgung in Serie
Im Erzstift Mainz fielen mehr als 2000 Todesurteile, es zählt damit zu den verfolgungsintensivsten Territorien des Reichs. Dabei hatte Erzbischof Berthold von Henneberg im 15. Jahrhundert die Unterstützung der Inquisitoren Heinrich Institoris und Jakob Sprenger noch verweigert, die Papst Innozenz VIII. 1484 in der Bulle „Summis desiderantes affectibus“ verlangt hatte. Ab 1594 kamen vier Wellen, um 1595, 1603, 1615 und 1627, vor allem im Oberstift um Aschaffenburg. Johann Schweikhard von Kronberg schickte 1612 allen Gerichten eine Untersuchungsordnung mit 18 General- und 98 Spezialfragen. In Aschaffenburg wurden am 19. Dezember 1611 die Karpfenwirtin Margarethe Rücker und die Kreuzschneiderin Elisabeth Strauß enthauptet und verbrannt. Erst Johann Philipp von Schönborn erschwerte die Prozesse Mitte des 17. Jahrhunderts und verbot sie schließlich.
In Lindheim in der Wetterau begann das Schlimmste 1662, als Georg Ludwig Geis Oberschultheiß wurde und sich am Besitz der Verurteilten bereicherte. 1663 und 1664 wurden mindestens 20 Menschen hingerichtet, bis Wolfgang Adolf von Carben als Friedberger Burggraf im März 1664 die Absetzung von Geis durchsetzte.
In Lüdinghausen reichte der Tod von 26 Schweinen. Sie gehörten dem Rentmeister Hörde auf der Burg und verendeten im Sommer 1623 binnen einer Woche. Der Verdacht fiel auf den Kötter Bernhard Schwarte aus Westrup, der am 11. Juli 1624 verbrannt wurde, mit einem Beutel Schießpulver vor der Brust, der den Tod als Gnadenerweis beschleunigen sollte. Vorher nannte er acht weitere Namen, und die Welle dieses Jahres forderte mindestens 20 Opfer.
Leonberg, Kempten, Landshut: Fälle, die bekannt blieben
Katharina Kepler, 1546 in Eltingen bei Leonberg geboren, war die Mutter des kaiserlichen Astronomen Johannes Kepler. Der Leonberger Vogt Lutherus Einhorn, der zwischen 1613 und 1629 gegen 15 Frauen Anklage erhob und acht Todesurteile vollstrecken ließ, brachte auch sie vor Gericht; 1620 wurde der Prozess eröffnet. Ungewöhnlich war, dass ein Verteidiger zugelassen wurde, und dieser Verteidiger war ihr Sohn. Als man der über Siebzigjährigen nach 14 Monaten in Ketten die Folterinstrumente zeigte, blieb sie standhaft, und das Protokoll hält fest, „Gott werde nach ihrem Tode offenbaren, dass ihr Unrecht und Gewalt geschehen“. Im Oktober 1621 kam sie frei. Sie starb im April 1622.
Kempten gilt als Schauplatz des letzten Hexenprozesses in Deutschland. 1775 wurde dort Anna Maria Schwegelin wegen Teufelsbuhlschaft zum Tod durch das Schwert verurteilt. Fürstabt Honorius Roth von Schreckenstein ließ das Urteil nicht vollstrecken, sondern die Ermittlungen neu aufnehmen, die dann versandeten. Schwegelin starb 1781 im Kemptener Stockhaus. Seit dem 27. Juni 2002 erinnert ein Brunnen an der ehemaligen Residenz an sie. Die vermutlich letzte Hinrichtung einer Hexe auf Reichsboden fand am 2. April 1756 in Landshut statt, an der 15-jährigen Veronika Zeritschin.
Rehabilitation und Erinnerung
Viele Orte haben die Opfer inzwischen moralisch und sozialethisch rehabilitiert. In Kammerstein sprachen Bürgermeister Walter Schnell und Vertreter der Kirchen am 24. November 2002 die Rehabilitation von Ottilia Kuenin aus. Kallenhardt, wo zwischen 1573 und 1619 möglicherweise mehr als 40 Menschen Opfer der Prozesse wurden, folgte 2011, ebenso Menden. Der Kölner Stadtrat rehabilitierte Katharina Henot am 28. Juni 2012, im selben Jahr Meiningen, wo zwischen 1600 und 1692 insgesamt 59 Frauen und vier Männer hingerichtet worden waren. Kriftel schloss sich 2016 an.
In Menden trägt die Stadtbibliothek den Namen von Dorte Hilleke, die 1631 der Folter trotzte. Die Bläck Fööss haben Katharina Henot ein Lied auf Kölsch gewidmet, der Fernsehfilm „Die Hexe von Köln“ von 1989 unter der Regie von Hagen Mueller-Stahl erzählt ihr Leben und das ihres Bruders Hartger.
Ein anderes Opferbild zeigt Wolfgang Fürwegers Buch „Verbrannte Kindheit. Die vergessenen Kinder der Hexenprozesse um den Zauberer Jackl“ (Ueberreuter, 208 Seiten). Bei der Salzburger Verfolgung von 1677 bis 1679 starben 124 vermeintliche Hexen und Zauberer auf dem Scheiterhaufen, überwiegend Kinder und Jugendliche, Bettlerkinder, denen die Obrigkeit vorwarf, dem Zauberer Jackl und seiner Bande zu folgen.
Ob der Hexenturm in Memmingen, der älteste erhaltene Stadtturm dort, seinen Namen wirklich eingesperrten Hexen verdankt, weiß übrigens niemand.
Fragen zu Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland K/M: Köln, Lemgo, Kurmainz, Kempten und weitere Orte
Wo fand der letzte Hexenprozess in Deutschland statt?
Als letzter Hexenprozess in Deutschland gilt das Verfahren gegen Anna Maria Schwegelin in Kempten 1775. Sie wurde wegen Teufelsbuhlschaft zum Tod durch das Schwert verurteilt, das Urteil wurde aber nie vollstreckt. Schwegelin starb 1781 im Kemptener Gefängnis.
Wer war Katharina Henot?
Katharina Henot war eine Kölner Patrizierin, Geschäftsfrau und Postmeisterin und ist das bekannteste Opfer der Kölner Hexenverfolgung. Die Nonne Sophia von Langenberg hatte sie unter der Folter beschuldigt. Obwohl Henot trotz mehrfacher Folter nicht gestand, wurde sie am 19. Mai 1627 auf Melaten erwürgt und verbrannt.
Warum wird Lemgo „Hexennest“ genannt?
Lemgo erlebte zwischen 1564 und 1681 vier Wellen von Hexenprozessen, denen nach Schätzungen rund 250 Menschen zum Opfer fielen. Besonders die Prozesse unter Bürgermeister Hermann Cothmann trafen auch angesehene Bürger und einen Pfarrer. Sein Wohnhaus an der Breiten Straße heißt bis heute Hexenbürgermeisterhaus.
Wurde Katharina Kepler als Hexe hingerichtet?
Nein. Die Mutter des Astronomen Johannes Kepler wurde 1620 angeklagt und lag 14 Monate in Ketten. Ihr Sohn übernahm die Verteidigung und erreichte im Oktober 1621 ihre Freilassung. Sie starb ein halbes Jahr später im April 1622.
Wie viele Todesurteile gab es im Erzstift Mainz?
Im Erzstift Mainz wurden im Zuge der Hexenverfolgung mehr als 2000 Todesurteile gefällt. Die Verfolgung kam ab 1594 in vier Wellen, jeweils um 1595, 1603, 1615 und 1627, mit einem Schwerpunkt im Oberstift um Aschaffenburg.
Wurden die Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert?
Viele Städte und Gemeinden haben die Opfer moralisch und sozialethisch rehabilitiert, etwa Kammerstein 2002, Kallenhardt und Menden 2011, Köln und Meiningen 2012 sowie Kriftel 2016. In Lemgo erinnert der „Stein des Anstoßes“ an Maria Rampendahl.