Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland G/J
Von Gelnhausen und Hamburg bis Höchberg und Idstein
Hexenprozesse von G bis J: die letzten Hexenverbrennungen in Höchberg und Gerresheim, Hamburg, Hannover, Geseke, Gelnhausen und der Brocken als Hexenberg.

Zwischen acht und neun Uhr morgens, am 21. Juni 1749, trug man eine entkräftete Frau auf einem Stuhl zum Richtplatz an der mittleren Bastei bei Höchberg. Maria Renata Singer von Mossau, Superiorin des Klosters Unterzell, wurde enthauptet, ihr Körper verbrannt, ihr Kopf zur Abschreckung auf einem Pfahl in Richtung Würzburg aufgestellt. Der Ortsteil, in dem das geschah, heißt bis heute Hexenbruch.
Die Hexenverfolgung und die Hexenprozesse in Deutschland lassen sich an Orten mit den Anfangsbuchstaben G bis J besonders gut nachzeichnen, denn hier liegen einige der spätesten Fälle, eine der frühesten Prozesswellen und der bekannteste Hexenberg des Landes.
Die letzte Hexenverbrennung in Deutschland: eine Frage der Zählung
Singer von Mossau, 1679 in Niederviehbach bei Dingolfing geboren, gilt als letzte Hexe Frankens. Im Kloster war die Stimmung ab 1738 gekippt, man nahm ihr die Katzen weg und machte sie für jedes Unglück in Zell am Main verantwortlich. Nach sechs Fällen von Besessenheit 1744 und Gerüchten über Mondsucht wurde sie im Januar 1749 verhaftet. Im Februar gestand sie bei einem Verhör durch Ordensschwestern, und vor dem weltlichen Gericht bekannte sie sich in allen Punkten schuldig, vom Teufelsbund bis zum „Mäusemachen“. Fürstbischof Karl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads milderte das Urteil von der Verbrennung bei lebendigem Leib zur Enthauptung.
Elf Jahre zuvor, am 19. August 1738, starben in Gerresheim, heute ein Stadtteil von Düsseldorf, Helena Curtens und Agnes Olmans im letzten Hexenprozess am Niederrhein. Curtens war mit 14 Jahren verhaftet worden, nachdem sie von Geistererscheinungen erzählt und ihre Nachbarin der „Buhlschaft mit dem Schwarzen“ beschuldigt hatte. Olmans, Mutter dreier Töchter, bestritt alles und verlangte die Wasserprobe. Das Gericht lehnte ab, weil die Gerichtsordnung sie nicht mehr erlaubte. Seit 2011 heißt ein Platz an der Ecke Dreher- und Schönaustraße Helena-Curtens-und-Agnes-Olmans-Platz.
Wo also fand die letzte Hexenverbrennung in Deutschland statt? Zählt man Hinrichtungen, gilt Landshut 1756 als vermutlich letzter Fall auf Reichsboden. Zählt man Verurteilungen, landet man 1775 in Kempten bei Anna Maria Schwegelin, deren Todesurteil nie vollstreckt wurde. Wolfgang Petz hat ihr Schicksal in „Die letzte Hexe“ (Campus) aus verschollen geglaubten Quellen rekonstruiert, Uwe Gardein daraus einen Roman gemacht.
Hamburg und Hannover: Stadtrecht, Folter und späte Erinnerung
In Hamburg sind mindestens 101 Verfahren gegen mutmaßliche Hexen, Zauberer und Wahrsager belegt, rund 80 Prozent endeten tödlich. Schadenzauber stand im Stadtrecht seit 1270 unter Strafe, die Neufassung von 1605 nannte ausdrücklich den Teufelspakt. Das erste bekannte Opfer war 1444 Katharina Hanen, fast alle weiteren Prozesse fielen in die Zeit nach der Reformation. 1555 wurde bei der Verhaftung von vierzehn Frauen zum ersten Mal nachweislich gefoltert, neun starben auf dem Scheiterhaufen.
Abelke Bleken, am 18. März 1583 verbrannt, ist die einzige Hamburger Angeklagte, deren Erwiderungen vor Gericht, die Urgicht, überliefert sind. Nach ihr ist seit 2015 der Abelke-Bleken-Ring in Ochsenwerder benannt, nach Mette Harden, 1612 in Kirchwerder angeklagt, seit 1995 eine Straße. Der letzte Prozess endete 1678 in Bergedorf: Margareth Uhler wurde nach 21 Monaten Haft freigesprochen. Seit dem 7. Juni 2015 erinnert ein Stein auf dem Ohlsdorfer Friedhof an alle Frauen, die in Hamburg Opfer der Verfolgung wurden.
In Hannover wurden zwischen 1514 und 1657 mindestens 30 Menschen angeklagt, 27 starben. Zu den letzten gehörte Alheit Snur, Kinderfrau beim Arzt Joachim Läger in der Calenberger Neustadt. Sie unterzog sich auf eigenen Wunsch der Wasserprobe, die gegen sie ausfiel, gestand nach zwei Folterungen die Vergiftung ihres Dienstherrn und wurde am 8. Januar 1648 erwürgt und verbrannt. Die Frau, die sie als Komplizin nannte, starb im Februar.
Westfalen und Sauerland: Geseke, Hallenberg und ein Pfarrer, der umdachte
Geseke erlebte drei Prozessketten, 1618/19, 1670/71 und 1691, mit 54 Anklagen und 32 Hinrichtungen. Auslöser waren jedes Mal Katastrophen: Brände und Missernten, 1669/70 Stadtbrände und eine Ruhrepidemie mit 300 Toten, 1691 vier Brandstiftungen in 14 Tagen. Die Verurteilten wurden auf eine Leiter gebunden, betäubt und erstickt und mit der Leiter ins Feuer geworfen. Die Haftkosten von etwa neun Groschen am Tag mussten die Gefangenen tragen, dafür erfassten Richter und Schöffen das Vermögen in ihren Häusern.
In Hallenberg standen bei 26 Prozessen mindestens 200 Menschen vor Gericht, 43 starben. 1628 wurde bei rund 500 Einwohnern 20 Menschen der Prozess gemacht. Die alte Richtstätte an der Straße nach Somplar heißt noch heute Galgenbüsche.
Für Hirschberg im Sauerland ist ein ungewöhnlicher Zeuge überliefert. Pfarrer Michael Stappert hatte zunächst in Predigten die Ausrottung der Hexen gefordert. Gespräche mit Angeklagten brachten ihn 1628/29 zum Umdenken, er schrieb gegen Folter und Justizmord an. Sein eigenes Buch ist verloren, erhalten blieb der Text in Hermann Löhers „Hochnötige Unterthanige Wemütige Klage Der Frommen Unschültigen“ von 1676. Wenn du dich für die Mechanik dieser Verfahren interessierst, zeigt die Dauerausstellung „Hexen-Gerichtsbarkeit im kurkölnischen Sauerland“ im Schieferbergbau- und Heimatmuseum Holthausen bei Schmallenberg seit 1984 Akten und Folterwerkzeuge.
Hessen und der Südwesten: Gelnhausen, Idstein, Hüfingen
Gelnhausens Hexenturm war ursprünglich ein Geschützturm des 15. Jahrhunderts und hieß Fratzenstein, bevor dort vermeintliche Hexen eingekerkert wurden. Zwischen 1574 und 1634 starben in der Stadt 52 Menschen, 31 Namen sind bekannt. Am bekanntesten ist der Fall von Elisabeth Strupp, der Frau des Pfarrers Johannes Strupp, hingerichtet am 3. August 1599.
In Idstein wurden unter Graf Johann von Nassau-Idstein zwischen Februar 1676 und März 1677 39 Menschen hingerichtet, 31 Frauen und acht Männer, darunter die Frauen zweier Pfarrer. Die Verfolgung endete erst mit dem Tod des Grafen am 23. Mai 1677. In Heidelberg dagegen brannten schon um 1450 bis 1500 die Scheiterhaufen, außerhalb der Stadtmauer am Neckarufer, vermutlich bei den frühesten Massenprozessen überhaupt.
Im Schwarzwald traf es 1632 einen Juristen. Mathias Tinctorius, Notar und Richter in Hüfingen, galt als Zugezogener mit strengem Blick auf Steuerschuldner als unbeliebt. Seine Frau wurde 1631 mit sechs anderen Frauen als Hexe enthauptet. Solange Fürst Vratislaus von Fürstenberg lebte, blieb Tinctorius unbehelligt. Wenige Wochen nach dessen Tod wurde er verhaftet, gefoltert und am 10. Mai 1632 hingerichtet.
Viele der betroffenen Orte haben ihre Opfer inzwischen moralisch und sozialethisch rehabilitiert, Hofheim am Taunus 2010, Hallenberg und Hilchenbach 2011, Horn-Bad Meinberg 2014, Gadebusch, Gelnhausen und Hattersheim 2015. In Hilchenbach, wo am 28. Juni 1653 die letzte Verbrennung stattfand, waren bei diesem letzten Prozess 18 Menschen zum Tod verurteilt worden. In Gadebusch hatte das Hexenmuseum Penzlin 37 Opfer gezählt, darunter Margarete Saß und ihre Schwester, beide 1648 verbrannt.
Brocken und Blocksberg
Kein Ort ist so eng mit Hexen verbunden wie der Brocken, mit 1141 Metern der höchste Berg des Harzes. Schon ein Prozessprotokoll von 1540 nennt ihn zusammen mit der Walpurgisnacht, lange bevor Goethe ihn in „Faust“ verewigte. Populär wurde der Name Blocksberg vor allem durch Johannes Praetorius’ „Blockes-Berges Verrichtung“ von 1668.
Vieles am Hexenberg ist allerdings jünger, als es aussieht. Namen wie „Hexenaltar“ und „Teufelskanzel“ entstanden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wahrscheinlich erfunden von Brockenführern, die ihren Gästen etwas bieten wollten. Brockenwirt Eduard Nehse zeichnete 1849 auf seiner Karte zusätzlich Hexentanzplatz, Hexenmoor, Hexenteich und Hexenbrunnen ein und brachte die Geschichte in Umlauf, das Hexenwaschbecken fülle sich immer wieder von selbst.
Fragen zu Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland G/J:
Wo fand die letzte Hexenverbrennung in Deutschland statt?
Das hängt davon ab, was gezählt wird. Maria Renata Singer von Mossau wurde am 21. Juni 1749 bei Höchberg nahe Würzburg enthauptet und verbrannt, sie gilt als letzte Hexe Frankens. Die vermutlich letzte Hinrichtung auf Reichsboden fand 1756 in Landshut statt. Das Todesurteil gegen Anna Maria Schwegelin in Kempten 1775 wurde nicht mehr vollstreckt.
Wer waren Helena Curtens und Agnes Olmans?
Helena Curtens wurde als 14-Jährige in Gerresheim, heute ein Stadtteil von Düsseldorf, verhaftet, nachdem sie von Geistererscheinungen erzählt und ihre Nachbarin Agnes Olmans beschuldigt hatte. Beide wurden am 19. August 1738 im letzten Hexenprozess am Niederrhein verbrannt. Seit 2011 trägt ein Platz in Gerresheim ihre Namen.
Wie viele Hexenprozesse gab es in Hamburg?
In Hamburg und seinen heutigen Stadtteilen sind mindestens 101 Verfahren gegen mutmaßliche Hexen, Zauberer und Wahrsager belegt, rund 80 Prozent endeten mit dem Tod. Das erste bekannte Opfer war 1444 Katharina Hanen, der letzte Prozess endete 1678 in Bergedorf mit einem Freispruch.
Warum gilt der Brocken als Hexenberg?
Schon in einem Hexenprozess von 1540 werden der Brocken und die Walpurgisnacht zusammen genannt. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts galt er als Hauptversammlungsort der Hexen. Populär machten ihn Johannes Praetorius mit „Blockes-Berges Verrichtung“ von 1668 und später Goethes „Faust“.
Wer war Maria Renata Singer von Mossau?
Sie war Superiorin des Klosters Unterzell bei Würzburg. Nach Fällen von Besessenheit im Kloster wurde sie 1749 als Hexe angeklagt und am 21. Juni 1749 hingerichtet. Neben Sophia Agnes von Langenberg gehört sie zu den wenigen Ordensfrauen, die öffentlich als Hexe angeklagt und hingerichtet wurden.
Gibt es Bücher über die letzte Hexe Anna Maria Schwegelin?
Wolfgang Petz rekonstruiert in „Die letzte Hexe. Das Schicksal der Anna Maria Schwägelin“ (Campus) den Fall anhand verschollen geglaubter Quellen. Uwe Gardein hat ihre Geschichte in dem Roman „Die letzte Hexe – Maria Anna Schwegelin“ (Gmeiner) erzählt.