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Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland A–C

Orte, Namen und Gedenkstätten von Aachen bis Coburg

Hexenverfolgung in Deutschland von Aachen bis Coburg: Bamberg, Büdingen, Arnsberg, Balingen und Bernau, mit Namen aus den Akten und heutigen Gedenkorten.

Lebensart1500er1500
Eintrag vom 25. Aug. 2018 · aktualisiert 11. Sept. 2026

Wer die Hexenprozesse in Deutschland Ort für Ort durchgeht, von Aachen über Bamberg bis Coburg, landet nicht im finsteren Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit. Die großen Wellen der Hexenverfolgung rollten zwischen etwa 1560 und 1660, also in der Zeit von Buchdruck, Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Auch die Legende von Millionen verbrannter „weiser Frauen“ hält der Überprüfung nicht stand. Die Forschung geht für ganz Europa von rund 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen aus, etwa die Hälfte davon im Heiligen Römischen Reich. Ungefähr jedes vierte Opfer war ein Mann.

Das ist schlimm genug. Und es war extrem ungleich verteilt.

Landesherren statt Rom

Dass die Kirche lange als Alleinschuldige galt, hat mit einer Schrift zu tun. Der Dominikaner Heinrich Kramer, latinisiert Institoris, veröffentlichte 1486 den „Hexenhammer“, zwei Jahre nachdem Papst Innozenz VIII. in der Bulle „Summis desiderantes affectibus“ ihm und Jakob Sprenger Vollmachten als Inquisitoren in Deutschland bestätigt hatte. Die Prozesse selbst führten aber weltliche Gerichte. Wenn die Fürstbischöfe von Bamberg, Würzburg oder Eichstätt verfolgen ließen, handelten sie als Landesherren, und eine Einmischung aus Rom hätten sie sich verbeten.

Mit der Konfession lässt sich wenig erklären. Die Reichsstadt Nürnberg hielt die Vorstellung von Hexen schon in den 1530er-Jahren für Wahn und gab dem Druck aus der Bürgerschaft lange nicht nach, während evangelische Fürsten in Thüringen, im Coburger Land und in Mecklenburg hart durchgriffen. Der fränkische Historiker Günter Dippold hat darauf hingewiesen, dass es für fast verfolgungsfreie wie für besonders grausame Territorien katholische und evangelische Beispiele gibt.

Seit 1532 galt im Reich die Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V., die Constitutio Criminalis Carolina. Sie regelte die Folter und verlangte Indizien, ließ regionales Recht aber bestehen. Wo Kommissare Hexerei als Ausnahmeverbrechen behandelten, fielen diese Schranken. Im Erzstift Bremen dagegen lehnte sich die Kriminalgerichtsordnung von 1603 eng an die Carolina an, der „Hexenhammer“ spielte vor den dortigen Gerichten keine Rolle, und in Buxtehude zählt man zwischen 1540 und 1644 insgesamt 21 Prozesse mit 18 hingerichteten Frauen. Ein Erlass der schwedischen Königin Christina leitete dort 1649 das Ende der Prozesse ein. Wer den europäischen Rahmen sucht, findet ihn in Brian P. Levacks „Hexenjagd“, erschienen bei C.H. Beck, und in weiteren Titeln unter Sachbücher.

Bamberg, Büdingen und das Herzogtum Westfalen

Im Hochstift Bamberg erreichte die Verfolgung unter Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim ihren Höhepunkt, der von 1623 bis 1633 regierte und den Beinamen „Hexenbrenner“ trug. Sein Weihbischof Friedrich Förner war der schärfste Prediger gegen die Hexen. 1627 ließ der Bischof ein eigenes Gefängnis für Verdächtige bauen, das Drudenhaus, mit 26 Einzelzellen und zwei größeren Räumen. Über dem Portal stand ein Vers aus Vergils „Aeneis“, eine Mahnung, Gerechtigkeit zu lernen und die Götter nicht zu missachten.

Im Drudenhaus saß im Sommer 1628 auch Johannes Junius, der mehrfach Bürgermeister der Stadt gewesen war. Unter der Folter gestand er alles, was die Kommissare hören wollten, einschließlich nächtlicher Ritte auf einem schwarzen Hund zum Hexensabbat. Am 24. Juli 1628 ließ er einen Brief an seine Tochter Veronica hinausschmuggeln: „Unschuldig bin ich in das gefengnus kommen, unschuldig bin ich gemarttert worden, unschuldig muß ich sterben.“ Kurz darauf wurde er hingerichtet.

Erst die schwedischen Truppen, die im Februar 1632 einrückten, beendeten die Bamberger Prozesse. Der Fürstbischof floh und starb 1633. Seit 2015 steht zwischen Ludwigskanal und Schloss Geyerswörth ein Mahnmal, dessen Tafel festhält, dass im Hochstift im 17. Jahrhundert etwa 1.000 Frauen, Männer und Kinder unschuldig angeklagt, gefoltert und hingerichtet wurden.

Zur Kernzone der Verfolgung gehörte auch die kleine Grafschaft Büdingen in der Wetterau. Zwischen 1532 und 1699 wurden dort 485 Menschen der Hexerei angeklagt, mehr als 400 hingerichtet. Ausgerechnet aus diesem Umfeld kam einer der ersten lauten Gegner. Der Hofprediger Anton Praetorius holte 1597 eine Frau aus der Folterkammer und veröffentlichte ein Jahr später seinen „Gründlichen Bericht von Zauberey und Zauberern“.

Im kurkölnischen Herzogtum Westfalen hatte ein Generalkapitel der Femegerichte schon 1490 in Arnsberg Hexerei als Straftat definiert. Um 1630 arbeiteten dort Hexenkommissare wie Heinrich von Schultheiß. Der Arnsberger Bürgermeister Henneke von Essen warnte, die geplanten Verfolgungen könnten ein „Wirtzburgisch werck“ werden, eine Anspielung auf die Massenhinrichtungen in Würzburg. Damit machte er sich selbst verdächtig. Er gestand trotz Folter nichts und starb am 14. August 1631, etwa siebzig Jahre alt, im Kerker des kurfürstlichen Schlosses. In Balve erinnert seit 2006 eine zweieinhalb Meter hohe Stele am Galgenberg an rund 300 Opfer aus dem Balver Land.

Namen aus den Akten

Anna Murschel, Witwe des Balinger Bürgermeisters Caspar Murschel, geriet nach einem Hagelsturm im Mai 1596 in Verdacht. Im nahen Geislingen hatte eine gefolterte Frau ausgesagt, auch Balingerinnen seien an dem Unwetter beteiligt gewesen, dazu kam der Vorwurf, sie habe der schwangeren Frau des Obervogts einen vergifteten Apfel gegeben. Die etwa 65-Jährige wurde im August 1598 verhaftet und legte trotz Folter kein Geständnis ab. Nach der Logik der Carolina hatte sie sich damit vom Verdacht gereinigt. Am 5. April 1600 kam sie frei, nach 596 Tagen Haft.

In Bernau bei Berlin begann eine Prozesswelle 1617 mit toten Kutschpferden. Als die Pferde des Kurfürsten Johann Sigismund in der Stadt zusammenbrachen, rief der Kutscher, Hexen seien schuld, und der Rat ließ sofort Frauen verhaften. Dem Bäckermeister Jürgen Crone und seiner Frau warf man später unter anderem vor, ihr Brot und ihre Semmeln schmeckten so gut, dass das nur mit Hilfe eines bösen Geistes möglich sei. Beide wurden 1618 lebendig verbrannt, die Frau erst, nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte.

In Betziesdorf bei Kirchhain überstand Katharina Lips, die Frau des Schulmeisters, in Verfahren von 1671 und 1673 schwerste Folter und wurde am Ende aus der Landgrafschaft Hessen-Kassel verbannt. Ihre 17-jährige Enkelin Anna Schnabel hielt nicht durch und starb am 18. Mai 1674 in Marburg unter dem Schwert.

Tempel Anneke, eigentlich Anna Roleffes, war in Braunschweig als Heilerin und Wahrsagerin bekannt, die gestohlenes Gut wiederfinden konnte. Gerade ihr Erfolg machte sie verdächtig. Am 30. Dezember 1663 wurde die etwa 63-Jährige vor dem Wendentor enthauptet und verbrannt. In Bad Homburg nannten Gefolterte die wohlhabende Pfarrerswitwe Ottilia Preußing eine „Königin der Hexen“, die mit schwarzer Kutsche zu nächtlichen Treffen fahre. Sie starb am 19. April 1654 zusammen mit sechs weiteren Verurteilten.

Und in Aachen verbrannte man 1649 am Königshügel ein dreizehnjähriges Waisenmädchen.

Wenn du nur eines dieser Dokumente selbst lesen willst, nimm den Brief von Johannes Junius. Er ist kurz, und er erklärt den Mechanismus der Prozesse besser als jede Abhandlung.

Hexenberge, Hexentürme, Gedenktafeln

Der bekannteste Hexenberg ist der Brocken im Harz, volkstümlich Blocksberg. Im 16. Jahrhundert teilte er diesen Ruf noch mit anderen Orten, dem Heuberg bei Rottenburg am Neckar, dem Staffelberg in Franken und dem Kandel im Schwarzwald. Später kam der Hörselberg bei Eisenach dazu. Bei Thale am Rand des Harzes heißt ein Felsplateau über dem Bodetal bis heute Hexentanzplatz, gegenüber liegt die Rosstrappe.

Solche Orte waren keine harmlose Folklore am Rand der Verfahren, sie waren ihr Motor. Die Richter verlangten von den Angeklagten, die Tanzplätze zu nennen, die sie besucht hätten, und die Namen der anderen Teilnehmer. Jede Aussage produzierte neue Verdächtige, so entstanden Kettenprozesse. In Büdingen hieß ein solcher angeblicher Treffpunkt Kesslertanz, der Flurname zwischen Rinderbügen und dem Büdinger Wald existiert noch.

Viele Städte haben einen Hexenturm, nicht jeder trägt den Namen zu Recht. Der Turm in der Altstadt von Burg bei Magdeburg schon: Er diente im frühen 17. Jahrhundert als Gefängnis für Angeklagte, mit einem sechs Meter tiefen Verlies, in das Gefangene durch eine Öffnung im Boden hinabgelassen wurden, und blieb bis 1846 Frauengefängnis. Die meisten Prozesse dieser Liste gehören in die Jahrzehnte, die unter 1500er und 1600er versammelt sind.

Seit den 2010er-Jahren haben Stadträte die Opfer ihrer Prozesse moralisch rehabilitiert, Büdingen 2012, Bad Homburg ebenfalls 2012, Bamberg, Balve, Bernau und Barntrup 2015, Buxtehude 2016. Viele dieser Anträge gehen auf den Pfarrer Hartmut Hegeler aus Unna zurück, der auch über Henneke von Essen geschrieben hat.

In der Wallfahrtskirche St. Johann Baptist in Bruchhausen hängt ein Votivbild der Schmerzensmutter, gestiftet 1636 von den Kindern der Anna Katharina Spee, die 1631 als angebliche Hexenkönigin verbrannt worden war. Ihre Tochter Margaretha stritt noch 1675, 44 Jahre nach der Hinrichtung, um das Geld für die Messen der Mutter. Erst der Verkauf eines Hofes machte eine Stiftung dafür möglich.

Fragen zu Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland A–C: Orte, Namen und Gedenkstätten

Wann fanden in Deutschland die meisten Hexenprozesse statt?

Die großen Verfolgungswellen fielen in die frühe Neuzeit, vor allem in die Jahrzehnte zwischen etwa 1560 und 1660. Im Hochstift Bamberg lag der Höhepunkt in den späten 1620er-Jahren, in der Grafschaft Büdingen zwischen 1633 und 1653. Mit dem Mittelalter hat die Massenverfolgung wenig zu tun.

Wie viele Menschen wurden als Hexen hingerichtet?

Die Forschung schätzt die Zahl der Hinrichtungen in Europa auf rund 40.000 bis 60.000, etwa die Hälfte davon im Heiligen Römischen Reich. Rund drei Viertel der Opfer waren Frauen, aber auch Männer, Kinder und Geistliche wurden verurteilt.

Waren Hexenprozesse kirchliche Prozesse?

In Deutschland urteilten fast immer weltliche Gerichte. Auch die Fürstbischöfe von Bamberg, Würzburg oder Eichstätt ließen als Landesherren verfolgen, nicht als Kirchenmänner. Kirchliche Schriften wie der „Hexenhammer“ von 1486 lieferten allerdings die gedankliche Grundlage.

Wer war Johannes Junius?

Johannes Junius war mehrfach Bürgermeister von Bamberg und wurde 1628 als angeblicher Hexer hingerichtet. Bekannt ist er durch einen Brief an seine Tochter Veronica vom 24. Juli 1628, in dem er beschreibt, wie ihm unter der Folter ein falsches Geständnis abgepresst wurde.

Wer hat sich damals gegen die Hexenprozesse gewandt?

Einer der frühen Kritiker war Anton Praetorius, Hofprediger im Dienst der Grafen von Ysenburg-Büdingen. Er befreite 1597 eine Frau aus der Folterkammer und veröffentlichte 1598 den „Gründlichen Bericht von Zauberey und Zauberern“ gegen Folter und Hexenprozesse.

Wurden die Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert?

Rechtlich nicht, moralisch vielerorts schon. Seit den 2010er-Jahren haben Stadträte in Büdingen, Bad Homburg, Bamberg, Balve, Bernau, Barntrup und Buxtehude Beschlüsse gefasst, die die Opfer als unschuldig anerkennen. Dazu kommen Gedenktafeln und Mahnmale.