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VinTageBuch

AMIGA – der Sound der DDR

Das Plattenlabel zum 70. Geburtstag, von Ostrock bis Lizenzplatten

AMIGA war das Plattenlabel der DDR: Ostrock von Puhdys, Karat und Silly, Lizenzplatten als Bückware, feste Preise und eine MDR-Doku zum 70. Geburtstag.

Musik2010er2017
Eintrag vom 24. Juni 2026 · aktualisiert 11. Sept. 2026

16,10 Mark kostete eine Langspielplatte von AMIGA, ob darauf nun die Puhdys, ein Jazzquartett oder Schlager zu hören waren. Der Preis stand fest, so wie vieles in der DDR, und doch erzählt das Plattenlabel eine der ungewöhnlicheren Erfolgsgeschichten des geteilten Landes.

AMIGA wurde 1947 gegründet und feierte 2017 seinen 70. Geburtstag, nach einer Geschichte, die musikalisch wie wirtschaftlich in Ost und West spielte.

Ein Label für ein ganzes Land

AMIGA war das Monopollabel für Unterhaltungsmusik in der DDR und gehörte zum Volkseigenen Betrieb Deutsche Schallplatten. Fast 50 Jahre lang erschien dort das komplette Repertoire an zeitgenössischer Musik: Rock und Pop, Jazz, Schlager und volkstümliche Musik. Gepresst wurden mehr als 2.000 Alben und 5.000 Singles.

Die Bandbreite war enorm. Sie reichte von Sillys Album „Bataillon d’Amour“ über das Kinderlied „Kleine weiße Friedenstaube“ bis zu „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode, das in der Endphase der DDR ebenfalls auf AMIGA erschien.

Das Label war ein streng wirtschaftlich geführtes Unternehmen, unterstand aber dem Kulturministerium. Mit seinen Gewinnen subventionierte es andere Bereiche der Kultur. Und es lieferte, auch das gehört zur Geschichte, eine bemerkenswerte Qualität: Peter Schimmelpfennig, der als Musikpromoter im Westen arbeitete, schwärmt bis heute von der musikalischen und handwerklichen Perfektion, mit der Künstler, Musiker und Techniker ihre Alben unter den Bedingungen des realen Sozialismus produzierten.

Ostrock für den Westen: Karat, Puhdys, City und Silly

Die wichtigste eigene Richtung des Labels bekam einen eigenen Namen: Ostrock. Bands wie City, die Puhdys, Karat und Silly wurden zum Sound der DDR, und AMIGA exportierte diesen Sound schon damals erfolgreich in die Bundesrepublik.

Den größten Coup landete das Label mit Karats Album „Der blaue Planet“ von 1982. Bis 1989 wurden davon auf der anderen Seite der Mauer fast 480.000 Exemplare verkauft. Jörg Stempel, der letzte Chef von AMIGA, sieht darin die Grundlage dafür, dass Ostrock bis heute populär ist. Karat war im Westen allerdings schon vorher kein unbekannter Name, denn Peter Maffay hatte 1980 ihren Song „Über sieben Brücken musst du gehn“ gecovert.

Die meistverkauften AMIGA-Produktionen waren trotzdem keine Rockplatten im engeren Sinn. Ganz oben stand „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel und Aurora Lacasa mit rund 1,4 Millionen Exemplaren. Dahinter folgten „Rock’n Roll Music“ von den Puhdys mit rund 1,1 Millionen und „Der blaue Planet“ mit rund einer Million. Wenn du in einem ostdeutschen Haushalt aufgewachsen bist, stehen die Chancen gut, dass mindestens eine dieser drei Platten im Regal stand.

Lizenzplatten als Bückware

Neben den Künstlern aus der DDR verlegte AMIGA auch heiß begehrte Alben aus dem Westen. Hits der Beatles, von Bob Dylan oder Roger Whittaker erschienen in Lizenz und wurden zur Bückware, zu Waren also, die der Verkäufer für ausgewählte Kunden unter dem Ladentisch hervorholte. Zu den Anekdoten, die sich um diese Platten ranken, gehören Lizenzausgaben, deren Auflagen heimlich erhöht wurden.

Auch die Hüllen dieser Platten erzählen Geschichte. Für die Lizenzausgaben gestaltete AMIGA meist eigene Cover, die sich an den Originalen orientierten, aber häufig um politische Details verändert wurden. Auf einer LP von Herbert Grönemeyer wurde der Schlagzeuger aus den Bandfotos retuschiert, weil er 1978 aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt war. Bei einer LP von John Lennon fehlte der Auszug aus der US-Verfassung, der auf dem Original abgedruckt war.

16,10 Mark und ein halbes Jahr Vorlauf

Die Preise waren fest. Eine Langspielplatte kostete 16,10 Mark, Platten mit einer Bestellnummer, die mit 845 begann, etwa Folk-Produktionen oder Musik für Kinder, gab es für 12,10 Mark. Auch Doppelalben, Singles und Musikkassetten hatten festgelegte Preise, gelegentlich wurden Restposten billiger abgegeben.

Die Cover entwarf eine firmeneigene Gestaltungsabteilung, gedruckt wurden sie beim VEB Gotha-Druck, und die Vorlaufzeit betrug dort bis zu einem halben Jahr. Die meisten LPs steckten in einer einfachen vierfarbigen Hülle mit neutraler Innenhülle, Doppelalben, Boxen oder Beilagen blieben die Ausnahme. Bei den Singles wurde noch stärker gespart: Viele erschienen in neutralen Hüllen oder einheitlichen Lochcovers, und selbst individuell gestaltete Singlehüllen bestanden oft nur aus Schrift. Die drei Beatles-Singles, die 1965 auf AMIGA erschienen, teilen sich ein und dasselbe Covermotiv. Westdeutsche Plattenfirmen arbeiteten dagegen mit vollständigen Druckdesigns für jede Veröffentlichung.

Die Dokumentation zum 70. Geburtstag

Zum Jubiläum zeigte der MDR im Oktober 2017 die abendfüllende Dokumentation „AMIGA – der Sound der DDR“. Autorin Heike Sittner erzählt darin die Anekdoten hinter den Alben und das Lebensgefühl, das AMIGA in Ost und West vermittelte. Sie sprach mit Uwe Hassbecker und Rüdiger „Ritchie“ Barton von Silly, mit Dieter „Maschine“ Birr und Dieter „Quaster“ Hertrampf von den Puhdys, mit Jürgen Ehle von Pankow, Ralf Schmidt von Falkenberg und Christian „Flake“ Lorenz von Feeling B, der später bei Rammstein spielte. Dazu kamen Dirk Zöllner, Jürgen Drews, Angelika Mann, Petra Zieger, Günther Fischer, Frank Schöbel, Andreas Holm, Julia Axen, Jürgen Karney, Helmar Federowski, Peter Schimmelpfennig und Jörg Stempel. Heute gehört AMIGA zu Sony Music, das die Kataloge weiter auswertet.

Weitere Alben und Musikgeschichten stehen in der Rubrik Musik, die große Zeit von Karat und Silly in der Übersicht zu den 1980er Jahren. Und wer die Geschichte anfassen will, fährt nach Kröpelin in Mecklenburg: Dort eröffnete am 3. Juli 2015 das Ostrockmuseum, das sich ausschließlich der Rockmusik der DDR und ihrer Nachbarländer in Osteuropa widmet.

Fragen zu AMIGA

Was war AMIGA?

Das Plattenlabel für Unterhaltungsmusik in der DDR. Es gehörte zum Volkseigenen Betrieb Deutsche Schallplatten, unterstand dem Kulturministerium und veröffentlichte in fast 50 Jahren mehr als 2.000 Alben und 5.000 Singles, von Rock und Pop über Jazz und Schlager bis zur volkstümlichen Musik.

Welche AMIGA-Platten verkauften sich am besten?

An der Spitze stand Weihnachten in Familie von Frank Schöbel und Aurora Lacasa mit rund 1,4 Millionen Exemplaren. Es folgten Rock’n Roll Music von den Puhdys mit rund 1,1 Millionen und Der blaue Planet von Karat mit rund einer Million.

Was kostete eine AMIGA-Langspielplatte?

Der Preis war festgelegt und lag bei 16,10 Mark der DDR. Platten, deren Bestellnummer mit 845 begann, etwa Folk-Produktionen oder Musik für Kinder, kosteten 12,10 Mark. Auch Doppelalben, Singles und Musikkassetten hatten feste Preise.

Hat AMIGA auch westliche Musik veröffentlicht?

Ja, in Lizenz erschienen unter anderem Platten der Beatles, von Bob Dylan und Roger Whittaker, später sogar Enjoy the Silence von Depeche Mode. Solche Platten waren schnell vergriffen und wurden zur Bückware, die man nur mit Glück oder Beziehungen bekam.

Warum wurden Plattencover bei AMIGA verändert?

Lizenzausgaben bekamen eigene Hüllen, die sich an den Originalen orientierten, aber politisch angepasst wurden. Auf einer LP von Herbert Grönemeyer wurde der Schlagzeuger aus den Bandfotos retuschiert, weil er 1978 aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt war, und bei einer LP von John Lennon fehlte der Auszug aus der US-Verfassung.

Worum geht es in der Dokumentation AMIGA – der Sound der DDR?

Der abendfüllende Film von Heike Sittner lief im Oktober 2017 im MDR und erzählt die Geschichte des Labels anhand von Anekdoten hinter den Alben. Zu Wort kommen unter anderem Musiker von Silly, den Puhdys und Pankow, dazu Frank Schöbel, Jürgen Drews und der letzte AMIGA-Chef Jörg Stempel.