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VinTageBuch

Zukunftsblind von Benedikt Herles

Digitalisierung, Biotechnologie und ein Zehn-Punkte-Plan für die Politik

Benedikt Herles warnt in „Zukunftsblind“ vor Algokratie, genetischem Wettrüsten und schrumpfender Mittelschicht und schlägt zehn politische Reformen vor.

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Eintrag vom 28. Okt. 2018 · aktualisiert 11. Sept. 2026

Ein Zukunftsministerium hatte Deutschland 2018 nicht. Benedikt Herles hält genau das für einen Fehler und fordert in „Zukunftsblind“ eine eigene Fortschrittsbehörde, die sich um die gesellschaftlichen Folgen des technologischen Wandels kümmert. Die Forderung ist Punkt sieben eines Zehn-Punkte-Plans, den der Volkswirt und Technologie-Investor vorlegt. Der größere Teil des Buchs beschreibt, warum Politik und Gesellschaft seiner Ansicht nach blind in einen Umbruch laufen.

Was Herles in Zukunftsblind beschreibt

Das Buch mit dem Untertitel „Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ erschien am 2. November 2018 bei Droemer, als gebundene Ausgabe mit 304 Seiten. Herles schreibt aus der Perspektive eines Wagniskapitalgebers, der Start-ups finanziert und deshalb früh sieht, woran gearbeitet wird: an Firmen, die am Altern und an der Unsterblichkeit forschen, an Genen aus dem Labor, an Robotern, die in wenigen Jahren selbstverständliche Kollegen sein sollen.

Seine erste These lautet, dass der Wandel unterschätzt wird. Internet und Smartphone seien erst der Anfang gewesen, und schon das Wort Digitalisierung verharmlose, was gerade geschieht. Herles spricht von einem Wendepunkt der Zivilisationsgeschichte.

Die zweite These betrifft die Folgen, die er in drei Bereiche sortiert. Ökonomisch polarisiere eine Wirtschaft der künstlichen Intelligenz, wenige gewinnen, die Mittelschicht schrumpft. Politisch verlören Staaten in Zeiten von Blockchains und Plattform-Monopolen an Ordnungsmacht, am Ende drohe eine Herrschaft der Algorithmen, für die er den Begriff Algokratie benutzt. Biologisch schließlich könnten Oberschichten ihr Erbgut optimieren und Staaten sich ein genetisches Wettrüsten liefern, sodass aus wirtschaftlicher Ungleichheit eine biologische wird.

Dass solche Eingriffe kein ferner Gedanke mehr sind, liegt vor allem an der Genschere CRISPR/Cas9, die Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna 2012 beschrieben haben. Mit ihr lässt sich Erbgut vergleichsweise billig und präzise verändern, und genau diese Verbilligung ist es, die Herles beunruhigt.

Das klingt nach Science-Fiction, und Herles weiß das. Er verweist darauf, dass sich die Verunsicherung schon heute in Sozialstatistiken und im Erfolg populistischer Parteien ablesen lasse. Seine Grundhaltung ist dabei nicht technikfeindlich. Das Problem sei nicht die Technologie, heißt es im Klappentext, sondern das, was Menschen aus ihr machen.

Der Zehn-Punkte-Plan

Der konstruktive Teil des Buchs ist ein Programm, das quer zu den üblichen Parteilinien liegt. Die ersten Punkte zielen auf Verteilung: Kapital und Löhne sollen gleich besteuert, die Erbschaftsteuer angehoben werden. Statt eines bedingungslosen Grundeinkommens schlägt Herles ein bedingtes vor, das bürgerschaftliches Engagement dokumentiert und entlohnt. Belegschaften sollen über Aktien an Unternehmensgewinnen beteiligt werden.

Punkt vier verlangt eine Bildungsrevolution mit zeitgemäßen Inhalten und Lehrmethoden. Punkt fünf ist ein staatlicher Fonds, der in führende Technologieunternehmen investiert, eine Idee, die an den norwegischen Staatsfonds erinnert, der Öleinnahmen weltweit in Aktien anlegt. Punkt sechs, eine „Bürger-Blockchain“, soll nachvollziehbar machen, wofür Steuergeld ausgegeben wird. Hier ist der Investor am deutlichsten zu hören: Eine Technik, die ursprünglich für die Kryptowährung Bitcoin entwickelt wurde, soll staatliches Handeln überprüfbar machen.

Die übrigen vier Punkte betreffen Institutionen: das erwähnte Zukunftsministerium, eine staatliche Kontrolle von künstlicher Intelligenz und kritischer Software, einen europäischen Genplan mit einer EU-Agentur für Biotechnologie und schließlich eine Technologiefolgen-Konferenz der Vereinten Nationen mit internationalen Kontrollinstanzen.

Man muss nicht jeden Punkt überzeugend finden, um den Plan nützlich zu finden. Gerade das bedingte Grundeinkommen wirft Fragen auf: Wer entscheidet, welches Engagement zählt, und wie viel Bürokratie kostet es, das zu dokumentieren? Wenn du dich für die Debatte um Grundeinkommen interessierst, lohnt der Blick auf diese Variante trotzdem, weil sie Geld an Engagement knüpft statt an Bedürftigkeit.

Wer Benedikt Herles ist

Herles, Jahrgang 1984, studierte Volks- und Betriebswirtschaftslehre und promovierte über das Entstehen ökonomischer Werte. Bekannt wurde er mit „Die kaputte Elite“, einem viel diskutierten Wirtschaftsbestseller über den Zustand der deutschen Wirtschaftselite. Als Start-up-Investor ist er international unterwegs und erlebt die technologischen Umbrüche aus der Nähe.

Diese Doppelrolle macht das Buch interessant und angreifbar zugleich. Ein Autor, der beruflich auf den Erfolg neuer Technologien setzt, warnt vor deren Folgen, und er tut es mit dem Vokabular eines Insiders. Wer das für einen Widerspruch hält, wird im Buch keine Auflösung finden, eher die Überzeugung, dass gerade die Nähe zur Branche den Blick schärft.

Zur Buchpremiere in Berlin im November 2018 diskutierte Herles mit dem CDU-Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann, moderiert vom Journalisten Jan Fleischhauer. Wer das Buch einordnen will, findet verwandte Titel unter Sachbücher, weitere Bücher dieser Jahre unter 2010er.

Fragen zu Zukunftsblind

Worum geht es in „Zukunftsblind“ von Benedikt Herles?

Um die gesellschaftlichen Folgen von künstlicher Intelligenz, Robotik und Gentechnik. Herles argumentiert, dass Politik und Öffentlichkeit Tempo und Wucht dieses Wandels unterschätzen, und beschreibt Risiken wie eine schrumpfende Mittelschicht, die Macht von Algorithmen und ein genetisches Wettrüsten.

Was ist mit „Algokratie“ gemeint?

Herles bezeichnet damit eine Herrschaft von Algorithmen, in der Plattform-Monopole und automatisierte Systeme mehr zu sagen haben als Staaten. Nationale Politik verliert in diesem Szenario ihre Ordnungsmacht.

Welche Forderungen stellt Herles?

Ein Zehn-Punkte-Plan, unter anderem mit gleicher Besteuerung von Kapital und Löhnen, einem bedingten Grundeinkommen, einem staatlichen Zukunftsfonds, einem Zukunftsministerium, einer staatlichen Kontrolle von Algorithmen und einer EU-Agentur für Biotechnologie.

Wann ist Zukunftsblind erschienen?

Am 2. November 2018 als gebundene Ausgabe bei Droemer, mit 304 Seiten. Parallel erschien ein E-Book.

Wer ist Benedikt Herles?

Ein Volkswirt, Jahrgang 1984, der über das Entstehen ökonomischer Werte promoviert hat und als Wagniskapitalgeber in junge Technologiefirmen investiert. Bekannt wurde er mit dem Wirtschaftsbestseller „Die kaputte Elite“.