Yalla, Feminismus! von Reyhan Şahin
Die Linguistin und Rapperin, besser bekannt als Lady Bitch Ray
Yalla, Feminismus! von Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray: ein Sachbuch über Hip-Hop, Kopftuch, Islam und Sexualität aus der Sicht einer Rapperin mit Doktortitel, erschienen 2019.
Reyhan Şahin ist promovierte Linguistin, Rapperin und alevitische Muslimin, und unter dem Namen Lady Bitch Ray hat sie in Deutschland einen Ruf, der ihr vorauseilt. In „Yalla, Feminismus!“ nutzt sie diese Position, um über Sexualität, Islam, Popkultur und Antirassismus zu schreiben, aus einem Winkel, den sonst niemand im feministischen Diskurs besetzt. Das Buch erschien am 21. September 2019 im Tropen Verlag, einem Imprint von Klett-Cotta, als Klappenbroschur mit 316 Seiten.
Der Titel ist Programm. „Yalla“ heißt auf Arabisch und Türkisch so viel wie „los, auf geht’s“, und der Feminismus, den Şahin meint, hat mit dem Seminarraum ebenso wenig zu tun wie mit der Frauenzeitschrift.
Drei Kapitel, drei Kampfzonen
Das Buch gliedert sich in drei große Teile, deren Überschriften den Ton setzen. „Hip-Hop, du Hurensohn“ heißt der erste, mit dem Zusatz in Klammern, damit sei nicht die Mutter gemeint. Şahin rechnet mit der männlich dominierten Rap-Szene ab, in der sie seit ihrer Jugend unterwegs ist, und mit der Doppelmoral, die Frauen dort für dieselben Texte verurteilt, die Männern Ruhm einbringen.
„Die deutsche Kopftuchsaga“ ist der zweite Teil, untertitelt mit „A little bit of Kopftuchsplaining“. Hier spricht die Wissenschaftlerin. Şahin hat die erste empirische Studie zum Bedeutungsgehalt des muslimischen Kopftuchs in Deutschland verfasst und dafür den Deutschen Studienpreis erhalten. Ihr Punkt: Über das Kopftuch reden in Deutschland vor allem Menschen, die keins tragen, und die Debatte sagt mehr über die Debattierenden aus als über die Frauen, um die es angeblich geht. Dass Kopftuch, Modebewusstsein und Feminismus sich nicht ausschließen, führt sie an Beispielen vor.
Der dritte Teil heißt „Die Fuckakademie: Der cis Schwanz aus Elfenbein“ und nimmt den Universitätsbetrieb aufs Korn, in dem Şahin als Frau, als türkisch-muslimische Alevitin und als Rapperin gleich dreifach nicht ins Raster passte. Sie kennt Diskriminierung, wie der Verlag schreibt, aus mehreren Richtungen zugleich, und das Buch zieht daraus seine Autorität.
Die Sprache wechselt dabei zwischen Ghettoslang und wissenschaftlicher Analyse, oft im selben Absatz. Wer das anstößig findet, ist gemeint. Wer es unterhaltsam findet, ebenfalls.
Worum es Şahin geht
Der Feminismus, für den Şahin eintritt, stellt sich gegen die eindimensionale Fixierung auf die weiße westliche Frau. Er setzt auf Selbstermächtigung und Entscheidungsfreiheit für alle Menschen, und er nimmt Frauensolidarität ernster als die Frage, wer die richtige Theorie gelesen hat. Sex-Tabus bricht sie mit Absicht, seit ihren ersten Songs.
Über ihren eigenen Weg sagt sie: „Ich kam sozusagen über die Praxis zum Feminismus, nicht über die Theorie. Die las ich mir viel später an.“ Ihr früh ausgeprägtes Selbstbewusstsein habe sie automatisch emanzipierte Dinge tun lassen, indem sie sich wehrte und selbstbestimmt ihren Weg ging. Es sei eine Emanzipation aus Betroffenheit gewesen.
Genau darin liegt der Reiz des Buches. Es ist kein Lehrbuch und keine Streitschrift eines Kollektivs, sondern die Position einer einzelnen Frau, die alle Etiketten, die man ihr anheften will, gleichzeitig trägt und keins davon als Widerspruch empfindet.
Die Autorin
Reyhan Şahin wurde in Bremen geboren und begann mit zwölf Jahren zu rappen. Als Lady Bitch Ray wurde sie ab 2007 mit expliziten Texten und provokanten Auftritten bundesweit bekannt; ein Fernsehauftritt bei „Schmidt & Pocher“ im Jahr 2008 machte sie einem Publikum weit über die Rap-Szene hinaus zum Begriff. Parallel studierte sie Linguistik und Germanistik, schloss mit dem Magister ab und promovierte, weshalb sie sich seither auch Dr. Bitch Ray nennt.
Derzeit forscht sie in einem Graduiertenkolleg zu Rechtspopulismus, Islam und Gender und arbeitet an ihrer Habilitation. Ihre Artikel erscheinen unter anderem in der „Zeit“, der „taz“ und der „Süddeutschen Zeitung“. Daneben ist sie Performance-Künstlerin, Schauspielerin und Modemacherin, und diese Vielfalt an Rollen ist kein Zufall, sondern das Thema des Buches.
Wenn du dich fragst, ob das Buch etwas für dich ist: Es ist es dann, wenn du eine Stimme hören willst, die in der deutschen Debatte über Islam, Frauen und Popkultur sonst nur zitiert, aber selten gelesen wird. Weitere Titel aus dem Sachbuchjahr 2019 stehen in der Rubrik Sachbücher, die Bücher des Jahrzehnts in der Übersicht der 2010er Jahre.
Das Buch endet mit einem Kapitel, das schlicht „Schlussworte…“ heißt, und Şahin wäre nicht Şahin, wenn diese Schlussworte ein versöhnliches Fazit zögen.
Fragen zu Yalla, Feminismus!
Worum geht es in Yalla, Feminismus!?
Reyhan Şahin schreibt über Sexualität, Islam, Popkultur und Antirassismus aus der Sicht einer Frau, die Rapperin, Linguistin und alevitische Muslimin zugleich ist. Sie stellt sich gegen einen Feminismus, der nur die weiße westliche Frau im Blick hat, und zeigt, dass Kopftuch, Mode und Feminismus sich nicht ausschließen.
Wer ist Lady Bitch Ray?
Der Künstlername von Reyhan Şahin, geboren in Bremen. Sie rappt seit ihrem zwölften Lebensjahr und wurde ab 2007 mit expliziten Texten bundesweit bekannt. Parallel studierte sie Linguistik und Germanistik, promovierte und forscht heute zu Rechtspopulismus, Islam und Gender.
Wann und wo ist das Buch erschienen?
Am 21. September 2019 im Tropen Verlag, einem Imprint von Klett-Cotta, als Klappenbroschur mit 316 Seiten. Eine E-Book-Ausgabe erschien parallel.
Wofür wurde Reyhan Şahin ausgezeichnet?
Für ihre Studie zur Bedeutung des muslimischen Kopftuchs, die erste empirische Arbeit zu diesem Thema in Deutschland. Sie erhielt dafür den Deutschen Studienpreis.
Wie ist das Buch geschrieben?
In einer Sprache, in der Ghettoslang und wissenschaftliche Analyse nebeneinanderstehen. Kapitel heißen etwa Hip-Hop, du Hurensohn oder Die deutsche Kopftuchsaga. Der Ton ist provokant, die Argumentation akademisch geschult.