Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen von Markus Krall
Thesen zu Währungskollaps, Demokratie und Freiheit
Markus Kralls „Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen“ (2018): Währungskollaps, Quantencomputer, Parteienkritik, Migration und zwei Szenarien für 2035.
Bis ins 17. Jahrhundert galt in Europa als ausgemacht, dass alle Schwäne weiß sind. Dann fanden Seefahrer in Australien schwarze. Der Statistiker Nassim Nicholas Taleb machte daraus 2007 in „The Black Swan“ eine Metapher für seltene, kaum vorhersehbare Ereignisse mit gewaltigen Folgen. Markus Krall treibt das Bild eine Stufe weiter: Was passiert, wenn schwarze Schwäne Junge kriegen, wenn also mehrere solcher Ereignisse zugleich eintreten und einander verstärken?
„Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen. Warum wir unsere Gesellschaft neu organisieren müssen“ erschien am 3. Dezember 2018 im FinanzBuch Verlag, gebunden, 336 Seiten. Krall, Ökonom und Risikoberater, hatte ein Jahr zuvor mit „Der Draghi-Crash“ einen Bestseller gelandet, in dem er vor den Folgen der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank unter Mario Draghi gewarnt hatte.
Die These: Wer Risiken unterdrückt, macht sie größer
Den Ausgangspunkt fasst Krall in wenigen Zeilen: „Keine Veränderung, kein Risiko, keine Volatilität bitte. Doch ohne Risiko gibt es keinen Fortschritt, kein Lernen, keine Erkenntnis.“ Zentralbanken, so seine Diagnose, ertränken die Gefahren im Banken- und Wirtschaftssystem in billigem Geld, Regierungen überdecken gesellschaftliche Probleme mit Ausgaben. Überall herrsche der Wunsch nach einem „Weiter so“.
Das Problem daran sei nicht nur, dass es teuer werde. Aufgestaute Risiken entladen sich nach Kralls Überzeugung nicht in vielen kleinen Korrekturen, sondern auf einmal. Sein Vorwort überschreibt er mit „Mein Leben als Spielverderber“.
Währungskollaps, Quantencomputer, Firmensterben
Das erste Kapitel gilt dem Währungskollaps, dem Thema, mit dem Krall bekannt geworden ist. Überraschender ist das zweite. Unter der Überschrift „Technogeddon oder: das Quantencomputer-Dilemma“ erklärt er, wie digitale Verschlüsselung mit privaten und öffentlichen Schlüsseln und Hash-Verfahren funktioniert und warum leistungsfähige Quantencomputer diese Verfahren angreifen könnten. Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen: Schon 1994 zeigte der Mathematiker Peter Shor, dass ein Quantencomputer die Faktorisierung großer Zahlen, auf der das verbreitete RSA-Verfahren beruht, drastisch beschleunigen würde. Wie schnell solche Rechner praktisch einsatzfähig werden, ist allerdings offen.
Im vierten Kapitel geht es erneut um die Zukunft des Unternehmens. Krall beschreibt eine „neue kreative Zerstörung“, die den klassischen Konzern auflöst, und stellt den unternehmerischen Antrieb gegen das, was er „korporative Sklerose“ nennt. Ein eigener Abschnitt heißt „Die schädliche Wirkung der Regulierung“. Wer Joseph Schumpeter kennt, erkennt die Begriffe wieder, denn die kreative Zerstörung ist dessen Formel für den Motor des Kapitalismus.
Parteiendemokratie, Migration, Geopolitik
Spätestens im dritten Kapitel verlässt das Buch die Ökonomie. Krall spricht von einer „feindlichen Übernahme der Parteien durch minderbegabte Karrieristen und Rentenjäger“, kritisiert die Europäische Union als Entkopplung der Entscheidungen von der Kontrolle des Souveräns, beklagt den „Tod der freien Presse“, den Überwachungsstaat und den Kontrollverlust an den Grenzen. Unter den Abschnittstiteln finden sich auch „Die Vergiftung der Gesellschaft durch das Erbe der 68er-Revolte“ und die Frankfurter Schule sowie „Der Untergang der traditionellen Familie“.
Das fünfte Kapitel, „Das geostrategische Vakuum“, behandelt die Rolle der Türkei im syrischen Krieg, eine „organisierte Migration nach Europa“ samt einer Simulation zur Bevölkerungsentwicklung und das „geopolitische Design des neoosmanischen Reichs und der Muslimbruderschaft“.
Du solltest wissen, worauf du dich einlässt. Diese Teile sind keine nüchterne Risikoanalyse, sondern ein politisches Programm aus liberal-konservativer Sicht, mit zugespitzten Begriffen und Deutungen, die politisch umstritten sind. Wer das Buch als Beitrag zu einer Debatte liest und nicht als Faktensammlung, hat mehr davon.
Rückblick aus dem Jahr 2035
Die letzten Kapitel wechseln die Perspektive. „Die Ordnung der Freiheit oder der Tod der Zivilisation“ formuliert Kralls Gegenentwurf, in dem Eigentumsrechte, persönliche Autonomie und ein schlanker Staat im Mittelpunkt stehen. Kapitel 7 blickt aus dem Jahr 2035 zurück und spielt zwei Szenarien durch, einmal den Absturz, einmal eine „Republik der Freiheit“.
Den Schluss bildet ein Epilog mit dem Titel „Die Hambacher Rede – ein Aufruf zur Verteidigung der Freiheit“. Die Anspielung ist gewollt. Beim Hambacher Fest im Mai 1832 zogen rund 30.000 Menschen zur Schlossruine bei Neustadt an der Weinstraße und forderten Pressefreiheit, Bürgerrechte und ein geeintes Deutschland, unter Fahnen in Schwarz, Rot und Gold.
Ob man Kralls Szenarien für plausibel hält, hängt stark davon ab, wie man seine Prämissen bewertet. Als zugespitzte Gegenposition zur Politik des billigen Geldes ist das Buch trotzdem aufschlussreich. Weitere Titel dieser Art stehen unter Sachbücher und bei den Büchern der 2010er Jahre.
Und die Frage des Titels bleibt tatsächlich stehen. Taleb selbst hat immer betont, dass sich schwarze Schwäne gerade nicht vorhersagen lassen, auch nicht von denen, die vor ihnen warnen.
Fragen zu Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen
Worum geht es in „Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen“?
Markus Krall beschreibt Risiken, die er in Wirtschaft, Technik und Politik aufziehen sieht, vom Zusammenbruch des Währungssystems über die Folgen von Quantencomputern bis zum Ende der Parteiendemokratie. Seine Grundthese lautet, dass Politik und Zentralbanken Risiken unterdrücken und sie dadurch größer machen.
Was bedeutet der Begriff schwarzer Schwan?
Der Begriff stammt aus dem Buch „The Black Swan“ des Statistikers Nassim Nicholas Taleb von 2007. Er bezeichnet seltene, kaum vorhersehbare Ereignisse mit enormen Folgen. Krall fragt, was geschieht, wenn solche Ereignisse sich gegenseitig verstärken.
Wann und wo ist das Buch erschienen?
Das Buch kam am 3. Dezember 2018 im FinanzBuch Verlag heraus, als gebundene Ausgabe mit 336 Seiten. Es folgte auf Kralls Bestseller „Der Draghi-Crash“.
Welche Kapitel enthält das Buch?
Die sieben Kapitel behandeln den Währungskollaps, das Quantencomputer-Dilemma, das Ende der Parteiendemokratie, die Zukunft des Unternehmens, das geostrategische Vakuum, die Ordnung der Freiheit und einen Rückblick aus dem Jahr 2035 mit zwei Szenarien. Den Schluss bildet ein Epilog mit dem Titel „Die Hambacher Rede“.
Ist das Buch ein reines Wirtschaftsbuch?
Nein. Neben ökonomischen Analysen enthält es deutliche gesellschaftspolitische Positionen, etwa zur Migration, zur Europäischen Union, zur Presse und zum Erbe der 68er-Bewegung. Diese Teile sind klar wertend und politisch umstritten.