Advent im Weihnachtsland Erzgebirge
Schwibbogen, Räuchermännchen, Neunerlei und eine Entdeckungsreise im MDR
Weihnachtsland Erzgebirge: der MDR-Film mit Axel Bulthaupt, der Schwibbogen von Johanngeorgenstadt, Mettenschicht, Hutzenabend, Neunerlei und Bücher.

700 Tonnen Stahlbeton und 15 Tonnen Edelstahl stecken im größten freistehenden Schwibbogen der Welt. Er steht in Johanngeorgenstadt, und das ist kein Zufall: In dieser Bergstadt soll um 1740 auch der erste Schwibbogen überhaupt gebaut worden sein. Am dritten Advent feiert sie ein eigenes Schwibbogenfest.
Solche Superlative gehören zum Erzgebirge wie die Räuchermännchen. Im Dezember 2019 zeigte das MDR-Fernsehen in der Reihe „Sagenhaft“ den Film „Advent im Weihnachtsland“, eine vorweihnachtliche Entdeckungsreise mit dem Moderator Axel Bulthaupt. Der Film fragt, wie das Erzgebirge zum Weihnachtsland geworden ist, wie Tradition und Moderne hier zusammengehen und wie die Menschen eigentlich selbst feiern, wenn die Räuchermännchen verkauft und die Reisebusse wieder abgefahren sind.
Unterwegs mit Axel Bulthaupt
Die Stationen des Films sind handfest. In Schneeberg trifft Bulthaupt Bernd Sparmann, der das fast ausgestorbene Zinngießen wiederbelebt und Jugendlichen beibringt. In der Bergkirche St. Marien in Annaberg-Buchholz erzählen 32 Figuren, jede 1,20 Meter groß, von Bergbau und Weihnachten zugleich.
Mit der Schmalspurbahn geht es durch das verschneite Preßnitztal nach Jöhstadt, zur Mettenschicht im Besucherbergwerk Andreas-Gegentrum-Stolln. Die Mettenschicht war früher die letzte Schicht der Bergleute vor Weihnachten: Statt Erz zu fördern, versammelten sie sich unter Tage zu Andacht, Gesang und einem gemeinsamen Essen. Heute richten Besucherbergwerke solche Mettenschichten für Gäste aus. In Riechberg drechselt Volkmar Wagner Schneemänner in allen denkbaren Lebenslagen, mit Bauchladen, auf dem Snowboard oder im Liegestuhl. In Clausnitz webt Karin Wunderlich Heu, Stroh, Flachs und Kräuter zu Läufern und Wandschmuck, eine Handarbeit, die kaum noch jemand beherrscht.
Die überraschendste Begegnung liegt am Rand von Chemnitz. In Kändler hat Marlen Tröger die Weihnachtskrippe neu erfunden, als Handkrippe: Die Figuren sitzen in einer Kugel aus Lindenholz, nicht größer als ein Schneeball. Im ersten Räuchermann-Museum Deutschlands in Sehmatal-Cranzahl schließlich lernt Bulthaupt die Geschichte der qualmenden Holzmännchen kennen und das „Raachermannellied“, das im Erzgebirge jeder kennt.
Natürlich darf ein Hutzenabend nicht fehlen. Früher kamen die Leute an Winterabenden in einer Stube zusammen, um Licht und Brennholz zu sparen, erzählten sich die Neuigkeiten aus dem Dorf, sangen zur Stubenmusik und spannen, webten oder klöppelten dabei. Wenn du heute im Advent ins Erzgebirge fährst, findest du solche Abende wieder, in Altenberg ebenso wie in Olbernhau.
Wie aus einem Bergbaugebiet das Weihnachtsland wurde
Hinter der Idylle steht eine harte Geschichte. Über Jahrhunderte lebte das Erzgebirge vom Bergbau, von Silber, Zinn und später Uran. Die Weihnachtsbräuche kommen aus dieser Welt. Der Schwibbogen erinnert der verbreiteten Deutung nach an das Mundloch eines Stollens, und die Lichter darauf stehen für die Grubenlampen der Bergleute, die im Winter die Sonne oft wochenlang nicht sahen. Engel und Bergmann, das klassische Leuchterpaar, tragen beide Kerzen in den Händen. Und in der Adventszeit ziehen Berg- und Hüttenleute in ihren historischen Uniformen, dem Habit, mit Blasmusik zu Bergparaden durch die Städte, als hätte der Bergbau nie aufgehört.
Als die Gruben immer weniger hergaben, mussten viele Familien auf Heimarbeit umsteigen: Sie schnitzten, drechselten und bemalten Spielzeug, klöppelten Spitzen und stickten Posamenten. Aus dieser Not wuchs die Holzkunst von Seiffen, dem „Spielzeugdorf“. Dort stellte der Drechsler Wilhelm Füchtner um 1870 die ersten Nussknacker in Serie her, und von dort gingen Pyramiden, Räuchermännchen und Männeln in die ganze Welt.
Seit Juli 2019 gehört die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, die sächsische und die böhmische Seite des Gebirges gemeinsam, zum UNESCO-Welterbe. Gewürdigt wurde damit der Bergbau, doch ohne ihn gäbe es auch das Weihnachtsland nicht.
Das Neunerlei am Heiligabend
Am Heiligabend kommt im Erzgebirge vielerorts das Neunerlei auf den Tisch, mundartlich Neinerlaa. Es besteht aus neun Gerichten oder Zutaten, die von Familie zu Familie wechseln. Schon das „Ur-Heilig-Obnd-Lied“ von 1799 besingt es: „M’r ham aah Neinerlaa gekocht, aah Worscht un Sauerkraut.“
Jedes Gericht hat seinen Sinn. Bratwurst steht für Herzlichkeit und Kraft, Sauerkraut dafür, dass einem das Leben nicht sauer wird. Linsen sollen verhindern, dass das Kleingeld ausgeht, Klöße, Karpfen oder Hering sorgen für das große Geld. Gans oder Schweinebraten halten das Glück, Kompott die Lebensfreude, Nüsse oder Mandeln ölen den „Lebenswagen“ fürs neue Jahr, und Pilze oder rote Rüben bringen Gesundheit und rote Backen.
Zum Mahl gehören weitere Bräuche. Auf dem Tisch brennt das Heiligabendlicht, unter der Tischdecke liegt Stroh, unter den Tellern Kleingeld, und ein zusätzliches Gedeck wartet auf einen fremden oder armen Gast. Salz und Brot werden nach dem Essen ins Tischtuch gewickelt und bleiben über Nacht liegen. Was übrig bleibt, wird am nächsten Tag gegessen.
Bücher für den Advent im Erzgebirge
Wer das Weihnachtsland lieber lesend bereist, hat reichlich Auswahl. „Das große erzgebirgische Weihnachtsbuch“, herausgegeben von Reinhold Lindner, Klaus Walther und Matthias Zwarg, erschien 2015 im Chemnitzer Verlag und erzählt auf 228 Seiten mit alten und neuen Geschichten und vielen Bildern, wie das Gebirge zum Weihnachtsland wurde. Ehrhardt Heinold hat für „Weihnachten im alten Erzgebirge“ (2018) mehr als 80 Erinnerungen, Berichte und Gedichte aus der Zeit zwischen 1800 und 1945 gesammelt, die meisten davon bisher in keiner Anthologie.
Dietmar Sehn mischt in „Advent und Weihnachten im Erzgebirge“ (2015) Erzählungen, Rezepte, Mundartgedichte und einen Bummel über die Weihnachtsmärkte. Ute Krebs porträtiert in „Seiffen. Das Spielzeugdorf im Weihnachtsland“ (2018) Handwerker, Museen und die berühmte achteckige Dorfkirche. Karl-Heinz Schmidt versammelt in „Weihnachten in Gebirg’“ Mundartgeschichten fürs „Hutzn gieh“, und auf der CD „Wenn es Raachermannel naabelt“ liest Wolf Butter erzgebirgische Weihnachtsgeschichten von Autoren wie Kurt Arnold Findeisen und Max Wenzel. Mehr Bücher und Filme zum Thema stehen unter Filme und Bücher, die Anfänge vieler dieser Bräuche unter 1800er. Nicht im Gebirge, aber im nahen Dresden spielt Ralf Günthers illustrierte Erzählung „Eine Kiste voller Weihnachten“ (2019): Im Dezember 1890 muss ein Hersteller von Christbaumschmuck aus Pappe am Heiligabend eine vergessene Lieferung ausfahren und gerät mit einem kleinen Mädchen in einen Schneesturm.
Eine Regel des Neunerlei solltest du übrigens kennen, bevor du eingeladen wirst. Während des Essens steht niemand auf. Sonst, so heißt es, wird man bestohlen, oder die Hühner verlegen ihre Eier.
Fragen zu Advent im Weihnachtsland Erzgebirge: Schwibbogen, Räuchermännchen, Neunerlei und eine Entdeckungsreise im MDR
Warum heißt das Erzgebirge Weihnachtsland?
Im Erzgebirge entstanden aus der Bergbautradition und der späteren Holzkunst viele Figuren und Bräuche, die heute weltweit mit Weihnachten verbunden werden: Schwibbögen, Pyramiden, Räuchermännchen, Nussknacker, Engel und Bergmänner. Dazu kommen Bergparaden, Mettenschichten und Hutzenabende, die in der Adventszeit bis heute gepflegt werden.
Wo steht der größte Schwibbogen der Welt?
Der größte freistehende Schwibbogen steht in Johanngeorgenstadt. Für ihn wurden rund 700 Tonnen Stahlbeton und 15 Tonnen Edelstahl verbaut. In Johanngeorgenstadt soll 1740 auch der erste Schwibbogen überhaupt entstanden sein, am dritten Advent feiert die Stadt ein Schwibbogenfest.
Was ist das Neunerlei?
Das Neunerlei ist ein Essen aus neun Gerichten oder Zutaten, das im Erzgebirge am Heiligabend auf den Tisch kommt. Jedes Gericht hat eine Bedeutung: Linsen sollen dafür sorgen, dass das Kleingeld nicht ausgeht, Sauerkraut dafür, dass das Leben nicht sauer wird, Bratwurst für Herzlichkeit und Kraft.
Was ist ein Hutzenabend?
Beim Hutzenabend saßen die Menschen früher an Winterabenden in einer Stube zusammen, um Licht und Heizung zu sparen. Man erzählte Neuigkeiten, sang, spielte Stubenmusik und arbeitete dabei weiter, etwa beim Spinnen, Weben oder Klöppeln. In vielen Orten des Erzgebirges werden solche Abende wieder veranstaltet.
Was ist eine Mettenschicht?
Die Mettenschicht war die letzte Schicht der Bergleute vor Weihnachten. Statt zu arbeiten, versammelten sie sich unter Tage zu Andacht, Gesang und einem gemeinsamen Essen. Besucherbergwerke wie der Andreas-Gegentrum-Stolln bei Jöhstadt bieten solche Mettenschichten heute für Gäste an.