Ungewöhnliche Todesfälle im 20. Jahrhundert
Die 1930er Jahre von Eben Byers bis Ödön von Horváth
Drei ungewöhnliche Todesfälle der 1930er Jahre: Eben Byers und das Radiumwasser, Michael Malloy und der Murder Trust, Ödön von Horváth und der Ast in Paris, dazu Horváths Leben.
Listen ungewöhnlicher Todesfälle sammeln, was sich im Lauf der Geschichte an einmaligen oder sehr seltenen Todesumständen ereignet hat und von mehreren Quellen als ungewöhnlich beschrieben wurde. Für die 1930er Jahre bleiben drei Fälle hängen: ein Millionär, der sich mit Radium vergiftete, ein Trinker, den fünf Männer nicht totbekamen, und ein Dramatiker, den ein Ast erschlug.
1932: Eben Byers und das Radiumwasser
Eben Byers war Golfer, Amateurmeister der USA von 1906 und Industrieller aus Pittsburgh. Nach einer Armverletzung empfahl ihm ein Arzt das Mittel Radithor, in Wasser gelöstes Radium, damals als Stärkungsmittel verkauft. Byers trank es über drei Jahre, angeblich fast 1.400 Flaschen.
Die Folgen kamen langsam. Er verlor den Unterkiefer, erlitt Hirnschäden, die Knochen zerfielen. 1932 starb er an dem Krebs, den das Radium ausgelöst hatte. Der Fall wurde in den USA breit berichtet und trug dazu bei, dass radioaktive Heilmittel vom Markt verschwanden.
1933: Michael Malloy, der Unverwüstliche
Michael Malloy stammte aus dem County Donegal in Irland, war Feuerwehrmann gewesen und lebte als obdachloser Wanderarbeiter in New York. Fünf Bekannte schlossen Lebensversicherungen auf ihn ab und versuchten dann, ihn umzubringen: mit Alkohol, mit Gift, mit Kälte. Malloy überlebte einen Anschlag nach dem anderen.
Die Zeitungen nannten ihn später „Mike the Durable“ und „Iron Mike“, die Täter den „Murder Trust“. 1933 gelang ihnen der Mord doch noch; die Versicherungsauszahlung führte die Polizei zu ihnen. Die Geschichte ist bis heute Stoff für Bücher und Songs, gerade weil sie so unglaubwürdig klingt.
1938: Ödön von Horváth und der Ast
Ein Wahrsager hatte Ödön von Horváth prophezeit, dass ihm in den ersten Junitagen 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstehe. Horváth war abergläubisch und benutzte danach keine Fahrstühle mehr. Am 1. Juni traf er sich in Paris mit dem Regisseur Robert Siodmak, der seinen Roman „Jugend ohne Gott“ verfilmen wollte. Das Angebot, ihn mit dem Auto ins Hotel zu bringen, lehnte er ab: zu gefährlich. Gegen 19:30 Uhr erschlug ihn auf den Champs-Élysées, gegenüber dem Théâtre Marigny, ein herabstürzender Ast.
In seiner Tasche fand man angeblich eine Zigarettenschachtel mit den Zeilen: „Und die Leute werden sagen / In fernen blauen Tagen / Wird es einmal recht / Was falsch ist und was echt // Was falsch ist, wird verkommen / Obwohl es heut regiert. / Was echt ist, das soll kommen – / Obwohl es heut krepiert.“ Am 7. Juni wurde er auf dem Friedhof Saint-Ouen beigesetzt, viele Exilautoren kamen.
Wer Ödön von Horváth war
Geboren wurde er 1901 in Fiume als Edmund Josef von Horváth, erster Sohn eines ungarischen Diplomaten. Seine Herkunft beschrieb er selbst so: „Ich wurde in Fiume geboren, bin in Belgrad, Budapest, Preßburg, Wien und München aufgewachsen und habe einen ungarischen Paß – aber: ›Heimat‹? Kenn ich nicht. Ich bin eine typisch alt-österreichisch-ungarische Mischung: magyarisch, kroatisch, deutsch, tschechisch – mein Name ist magyarisch, meine Muttersprache ist deutsch.“ Während der Schulzeit wechselte er viermal die Unterrichtssprache; seinen ersten deutschen Satz schrieb er nach eigener Aussage mit vierzehn.
Ab 1919 studierte er in München, ohne Abschluss, und begann zu schreiben. Die Pantomime „Das Buch der Tänze“ erschien 1922 in 500 Exemplaren; 1926 kaufte er die Restauflage mit Hilfe seines Vaters auf und vernichtete sie. Ab 1924 druckte der Simplicissimus seine „Sportmärchen“, danach zog er nach Berlin. Das Volksstück „Revolte auf Côte 3018“ über den Bau der Zugspitzbahn fiel 1927 in Hamburg durch, die Neufassung „Die Bergbahn“ wurde am 4. Januar 1929 in Berlin ein Erfolg. Ullstein bot ihm daraufhin einen Vertrag mit Fixum an, zunächst 300, ab 1931 500 Mark im Monat, und Horváth konnte als freier Schriftsteller leben.
1930 erschien der Roman „Der ewige Spießer“. Im selben Jahr trat er aus der katholischen Kirche aus. 1931 war sein Jahr: „Italienische Nacht“ hatte am 20. März am Theater am Schiffbauerdamm Premiere, im Herbst erhielt er auf Vorschlag Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger den Kleist-Preis, und am 2. November machte ihn die Uraufführung der „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Deutschen Theater in Berlin zum anerkannten Dramatiker. „Kasimir und Karoline“ folgte am 18. November 1932 in Leipzig, mit gespaltener Kritik; Horváth schrieb daraufhin eine „Gebrauchsanweisung“ für künftige Inszenierungen seiner Stücke.
„Glaube Liebe Hoffnung“ entstand 1932 zusammen mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl, nach einem „alltäglichen Fall“, als „Stück gegen die bürokratisch-verantwortungslose Anwendung kleiner Paragraphen“. Friedrich Torberg nannte es „ein böses, ein genialisch böses Stück“. Friedrich Luft schrieb, Horváth sei es gegeben gewesen, „Sprache als Mittel der Entlarvung und Offenlegung zu nutzen“; nicht, was in seinen Stücken passiere, sei wichtig, sondern wie die Leute auf der Bühne darüber redeten. Heinz Hilpert hatte das Stück angenommen, musste es 1933 aber auf Druck der Nationalsozialisten absetzen. Uraufgeführt wurde es erst am 13. November 1936 in Wien, unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe hat 90 Seiten.
Exil und die letzten Jahre
1933 durchsuchte ein SA-Trupp das Haus der Eltern in Murnau. Horváth verließ Deutschland, lebte in Österreich, musste zur Erhaltung der ungarischen Staatsbürgerschaft nach Budapest reisen und machte daraus die Posse „Hin und Her“. Am 27. Dezember 1933 heiratete er in Wien die Sängerin Maria Elsner; die Ehe wurde im September 1934 geschieden. In Berlin fand er zeitweise Anschluss an die Filmindustrie und schrieb Dialoge und Exposés.
1935 nahm er für den Max Pfeffer Verlag die Auftragsarbeit „Mit dem Kopf durch die Wand“ an, die in Wien durchfiel. Später nannte er das seinen Sündenfall: „Ich machte Kompromisse, verdorben durch den neupreußischen Einfluß und wollte ein Geschäft machen, sonst nichts. Es wurde gespielt und fiel durch. Eine gerechte Strafe.“ 1936 entzog man ihm bei einem Besuch der Eltern in Possenhofen die Aufenthaltsgenehmigung, er hatte Deutschland binnen 24 Stunden zu verlassen. Im selben Jahr wurden „Der jüngste Tag“, „Figaro läßt sich scheiden“ und „Don Juan kommt aus dem Krieg“ fertig.
1937 kündigte er die „Komödie des Menschen“ an: „Es gibt nichts Entsetzlicheres als eine schreibende Hur. Ich geh nicht mehr auf den Strich.“ In Henndorf bei Salzburg beendete er den Roman „Jugend ohne Gott“, der im Herbst 1937 bei Allert de Lange in Amsterdam erschien und mehrfach übersetzt wurde. „Figaro läßt sich scheiden“ hatte am 2. April 1937 in Prag Premiere, „Der jüngste Tag“ am 11. Dezember in Mährisch-Ostrau. Der zweite Roman, „Ein Kind unserer Zeit“, kam 1938 im selben Verlag heraus.
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 gingen seine Freunde ins Exil: Walter Mehring nach Zürich, Hertha Pauli nach Paris, Franz Theodor Csokor nach Polen. Horváth fuhr nach Budapest und Fiume und schrieb an Csokor: „Die Hauptsache, lieber guter Freund, ist: Arbeiten! Und nochmals: Arbeiten! Und wieder: Arbeiten!“ Dann Paris, der 1. Juni, der Ast. Er wurde 36 Jahre alt.
Weitere Geschichten aus dem Jahrzehnt findest du unter /jahrzehnte/1930er/, die Buchbesprechungen unter /buecher/.
Fragen zu Ungewöhnliche Todesfälle im 20. Jahrhundert
Woran starb Eben Byers?
Der amerikanische Golfer und Industrielle starb 1932 an Krebs, ausgelöst durch eine Überdosis Radium. Ein Arzt hatte ihm gegen eine Armverletzung das Mittel Radithor empfohlen, in Wasser gelöstes Radium. Byers trank über drei Jahre angeblich fast 1.400 Flaschen davon, verlor den Unterkiefer und erlitt Hirnschäden.
Wer war Michael Malloy?
Ein obdachloser irischer Wanderarbeiter aus dem County Donegal, der in den Zwanzigern und Dreißigern in New York lebte. Fünf Bekannte schlossen Lebensversicherungen auf ihn ab und versuchten ihn zu töten. Weil er mehrere Anschläge überlebte, nannte ihn die Presse Mike the Durable und Iron Mike; 1933 starb er schließlich doch, die Täter kamen als Murder Trust vor Gericht.
Wie starb Ödön von Horváth?
Am 1. Juni 1938 erschlug ihn gegen 19:30 Uhr auf den Champs-Élysées gegenüber dem Théâtre Marigny ein herabstürzender Ast. Kurz zuvor hatte er sich mit dem Regisseur Robert Siodmak getroffen, der Jugend ohne Gott verfilmen wollte. Ein Wahrsager soll ihm für Anfang Juni das bedeutendste Ereignis seines Lebens vorhergesagt haben; der abergläubische Horváth mied deshalb sogar Fahrstühle.
Welche Stücke von Ödön von Horváth sind die bekanntesten?
Geschichten aus dem Wiener Wald, uraufgeführt am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin, machte ihn zum anerkannten Dramatiker; im selben Jahr erhielt er den Kleist-Preis. Dazu kommen Italienische Nacht (1931), Kasimir und Karoline (1932), Glaube Liebe Hoffnung (geschrieben 1932) und die Romane Jugend ohne Gott (1937) und Ein Kind unserer Zeit (1938).
Warum wurde Glaube Liebe Hoffnung erst 1936 uraufgeführt?
Horváth schrieb den kleinen Totentanz 1932 mit Lukas Kristl nach einem alltäglichen Fall aus der Gerichtspraxis. Heinz Hilpert hatte das Stück zur Uraufführung angenommen, musste es 1933 auf Druck der Nationalsozialisten aber absetzen. Erst am 13. November 1936 kam es in Wien unter dem Titel Liebe, Pflicht und Hoffnung auf die Bühne.
Wo liegt Ödön von Horváth begraben?
Er wurde am 7. Juni 1938 auf dem Pariser Friedhof Saint-Ouen beigesetzt, unter Anteilnahme vieler Exilautoren. 1988 wurden seine Gebeine nach Wien überführt, wo er heute auf dem Heiligenstädter Friedhof liegt.