Schluss mit dem täglichen Weltuntergang von Maren Urner
Nachrichtenflut und konstruktiver Journalismus
Maren Urners Sachbuch Schluss mit dem täglichen Weltuntergang erklärt, was Dauernachrichten mit dem Gehirn machen und was konstruktiver Journalismus ändert.

Kriege, Skandale, Terroranschläge, Katastrophen: morgens in der Zeitung, abends im Fernsehen und dazwischen im Liveticker auf dem Smartphone. Wer sich so über den Zustand der Welt informiert, gewinnt schnell den Eindruck, es sei noch nie so schlimm gewesen und werde noch schlimmer. Genau diese Wahrnehmung nimmt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner in „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ auseinander. Der Untertitel benennt die Diagnose: „Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren“.
Das Buch erschien am 3. Juni 2019 im Droemer Knaur Verlag, als Broschur mit 224 Seiten. Es war Urners erstes Buch. Am Erscheinungstag meldete sie sich aus Münster, wo es gerade donnerte, aber sonst nicht die Welt unterging.
Was die Nachrichtenflut mit dem Gehirn macht
Urners Ausgangspunkt ist ein Missverhältnis. Das menschliche Gehirn hat sich über Jahrtausende in einer Umwelt entwickelt, in der eine Bedrohung eine unmittelbare Bedrohung war: ein Raubtier, ein Feuer, ein feindlicher Stamm. Auf solche Signale reagiert es mit Stress, Aufmerksamkeit und Angst. Die digitale Medienwelt liefert dieselben Signale rund um die Uhr, aus jedem Winkel des Planeten, ohne dass irgendetwas davon in Reichweite des Einzelnen läge. Das Gehirn kann die Differenz nicht auflösen. Es bleibt im Alarmzustand.
Die Folgen beschreibt sie als Kette. Wer dauernd Katastrophenmeldungen konsumiert, ist gestresst, ohne handeln zu können. Aus Stress wird Ohnmacht, aus Ohnmacht Rückzug oder Zynismus. Das Weltbild kippt dabei ins Schwarz-Weiße, weil die Meldungen genau das bedienen: Konflikt, Schuld, Untergang. Was sich langsam verbessert, taucht in keinem Liveticker auf. Sinkende Kindersterblichkeit ist keine Eilmeldung.
Ein Punkt, den Urner ausführlich behandelt, ist die Sucht nach dem nächsten Update. Das erste Kapitel trägt diesen Titel. Die ständige Verfügbarkeit von Neuem belohnt das Gehirn mit kleinen Dopaminstößen, und das Belohnungssystem verlangt Nachschub. Wer alle paar Minuten aufs Handy schaut, tut das nicht, weil er in dieser Zeit etwas verpasst hätte, sondern weil das Schauen selbst zur Gewohnheit geworden ist.
Der Ausweg: konstruktiver Journalismus
Die zweite Hälfte des Buches wechselt die Richtung. Kapitel drei heißt „Weg von der Nadel“ und stellt den konstruktiven Journalismus als Alternative vor. Das Konzept lehnt Schönfärberei ausdrücklich ab. Probleme werden benannt, Verantwortliche auch. Der Unterschied liegt in der Frage, die an das Problem angeschlossen wird: Was folgt daraus, welche Ansätze gibt es, wer hat es woanders schon anders gemacht?
Urner kennt diese Arbeitsweise aus der Praxis. 2016 gründete sie zusammen mit Han Langeslag und Bernhard Eickenberg Perspective Daily, das erste werbefreie Online-Magazin für konstruktiven Journalismus im deutschsprachigen Raum. Das Magazin finanziert sich über Mitglieder und veröffentlicht täglich einen Artikel, der ein Thema in die Tiefe verfolgt statt es im Minutentakt zu aktualisieren. Was im Buch als Theorie steht, ist dort seit Jahren Redaktionsalltag.
Das vierte Kapitel gibt dem Leser Werkzeuge in die Hand. „Deine einzige Chance“ nennt Urner es, mit einem Crashkurs in kritischem Denken: Wie prüft man eine Quelle, wie erkennt man, wann eine Zahl ohne Vergleichsgröße nichts aussagt, wie unterscheidet man ein Ereignis von einem Trend. Wenn du das Buch in einem Zug liest, ist dieses Kapitel das, was hängen bleibt.
Die Autorin
Maren Urner hat Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland, Kanada und den Niederlanden studiert und am University College London promoviert. Seit April 2019 lehrt sie Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln. Sie ist in Deutschland eine der Stimmen, die den konstruktiven Journalismus über die Fachdebatte hinaus bekannt gemacht haben. 2021 folgte mit „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ ein zweites Buch, das die Gedanken des ersten weiterführt.
Die Themen des Buches greifen ineinander: Nachrichten, Digitalisierung, Katastrophen, Kultur. Es ist kein Ratgeber im engen Sinn, obwohl es Ratschläge enthält, und kein neurowissenschaftliches Lehrbuch, obwohl es Studien zitiert. Am ehesten ist es eine Einladung, den eigenen Medienkonsum einmal so zu betrachten, wie man Ernährung oder Schlaf betrachtet: als etwas, das dem Körper gut oder schlecht bekommt.
Ein Detail am Rande: Die Autorin schreibt in der Du-Form und spricht den Leser direkt an. Das passt zum Anliegen. Wer den Nachrichtenkonsum ändern will, muss selbst anfangen, und Urner lässt keinen Zweifel daran, dass sie das jedem zutraut.
Einordnung im Sachbuchjahr 2019
„Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ gehört zu den Sachbüchern, die 2019 den Umgang mit digitalen Medien verhandelten, neben Sarah Spiekermanns „Digitale Ethik“, das im April desselben Jahres bei Droemer erschien und die Frage aus der Perspektive der Wertethik stellt. Wo Spiekermann fragt, welche Werte Technik verkörpern soll, fragt Urner, was die Technik gerade mit dem Kopf ihrer Nutzer anstellt. Beide Bücher stehen in der Rubrik Sachbücher nebeneinander, und beide gehören zu den Titeln, die das Jahrzehnt der 2010er in Sachen Digitalisierung geprägt haben.
Urner beschließt ihr Buch nicht mit einem Appell an die Medienhäuser, sondern mit einer Rechnung: Jede Minute, die nicht im Liveticker verbracht wird, ist eine Minute, in der das Gehirn etwas anderes tun kann. Zum Beispiel ein Buch lesen.
Fragen zu Schluss mit dem täglichen Weltuntergang
Worum geht es in Schluss mit dem täglichen Weltuntergang?
Maren Urner beschreibt, wie der ständige Strom negativer Nachrichten das Gehirn in einen Dauerstress versetzt und das Weltbild verzerrt. Sie erklärt die neurowissenschaftlichen Hintergründe und stellt den konstruktiven Journalismus als Alternative vor, der Probleme benennt, aber Lösungen mitdenkt.
Wer ist Maren Urner?
Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin. Sie hat Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland, Kanada und den Niederlanden studiert und am University College London promoviert. 2016 gründete sie das werbefreie Online-Magazin Perspective Daily mit, seit 2019 lehrt sie Medienpsychologie an der HMKW in Köln.
Wann und wo ist das Buch erschienen?
Das Buch erschien am 3. Juni 2019 im Droemer Knaur Verlag als Broschur mit 224 Seiten. Es war Maren Urners erstes Buch und wurde auch als E-Book veröffentlicht.
Was versteht Maren Urner unter konstruktivem Journalismus?
Eine Berichterstattung, die Missstände nicht beschönigt, aber die Frage nach dem Wie-weiter stellt und Lösungsansätze prüft. Das Konzept setzt Perspective Daily seit 2016 um. Urner gilt als eine der Vorreiterinnen dieser Richtung in Deutschland.
Für wen eignet sich das Buch?
Für Leser, die sich von Liveticker, Push-Nachrichten und Katastrophenmeldungen ausgelaugt fühlen und verstehen wollen, warum das so ist. Das vierte Kapitel enthält einen kurzen Kurs in kritischem Denken, der sich direkt im Alltag anwenden lässt.
Wie ist das Buch aufgebaut?
Vier Kapitel: Nachrichtenkonsum im 21. Jahrhundert, die Folgen der Informationsflut für Gehirn und Psyche, der konstruktive Journalismus als Alternative und das Rüstzeug gegen die tägliche Informationsflut. Das Buch enthält außerdem einen interaktiven Crashkurs in kritischem Denken.