Oum Kalthoum, die Diva von Kairo
Leben, Stimme und Nachruhm der ägyptischen Sängerin
Oum Kalthoum: vom Dorf im Nildelta nach Kairo, Radio Cairo 1934, das goldene Zeitalter, Paris 1967, ihr Tod 1975 und der ARTE-Film von Xavier Villetard.
Den Sarg trugen nicht die Träger, die dafür bestimmt waren. Als Oum Kalthoum im Februar 1975 in Kairo beerdigt wurde, nahm ihnen die Menge den Sarg ab und reichte ihn über drei Stunden lang in zahllosen Windungen durch die überfüllten Straßen. Mehrere Millionen Menschen waren gekommen. Kaum eine Beerdigung des 20. Jahrhunderts zeigt so deutlich, was eine Sängerin für ein ganzes Land bedeuten konnte.
Oum Kalthoum, in anderer Schreibweise Umm Kulthum, starb am 3. Februar 1975. Ihr Ruhm in der arabischen Welt wird oft mit dem von Maria Callas oder den Beatles im Westen verglichen, und selbst dieser Vergleich greift eher zu kurz. „Über ihr steht nur der Koran“, urteilte der ägyptische Journalist Mustafa Amin.
Von Tammai az-Zahaira nach Kairo
Wann genau sie geboren wurde, ist unsicher. Genannt werden Jahre zwischen 1898 und 1910, wahrscheinlich war es der 4. Mai 1904, in dem Dorf Tammai az-Zahaira im Nildelta. Ihr vollständiger Name lautete Umm Kulthum Fatima Ibrahim as-Sayyid al-Baltagi.
Das Singen lernte sie bei ihrem Vater, einem strenggläubigen Imam. Als der es nicht mehr mit seinen religiösen Überzeugungen vereinbaren konnte, dass seine Tochter vor Männern auftrat, schickte er sie in Jungenkleidern auf die Bühne. Lange blieb diese frühe Karriere auf die Heimatregion beschränkt.
1920 sang sie Scheich Zakariyya Ahmad vor, der später sagte, er habe ihre Stimme seitdem nicht mehr vergessen können. Er verschaffte ihr erste Engagements in Kairo und wollte sie ganz in die Hauptstadt holen, doch die Familie war dagegen. Die beiden trafen sich später wieder, Ahmad komponierte für sie – und zerstritt sich mit ihr über die Tantiemen so gründlich, dass er sie verklagte und die Freundschaft zerbrach.
Den entscheidenden Anstoß gab 1923 eine zufällige Begegnung mit Scheich Abu l-Ila, damals der führende religiöse Sänger Ägyptens und Hauptvertreter der klassischen islamischen Gesangstradition. Er unterrichtete sie vor allem darin, die Bedeutung der Worte in Tönen auszudrücken, und riet ihr ebenfalls zum Umzug nach Kairo. Nach schwerem Streit gab der Vater nach, und die Familie zog mit Vater und Bruder in die Stadt.
Dort galt ihr ländlicher, konservativer Stil zunächst als altmodisch. Stimme und Auftreten fehlte der Schliff. Mit dem Geld ihres Vaters nahm sie Gesangsunterricht, lernte die Oud, erneuerte ihr Repertoire und machte spätestens 1924/1925 ihre ersten Aufnahmen. 1928 zählte sie bereits zu den führenden Sängerinnen Kairos.
Radio, Film und das goldene Zeitalter
Die nächsten Schritte kamen schnell. 1932 führte sie eine erste internationale Tournee nach Damaskus, Bagdad, Beirut und Tripolis. Im Mai 1934 weihte sie Radio Cairo ein, den ersten ägyptischen Rundfunksender, und ab 1935 drehte sie für einige Jahre auch Filme.
Die 1940er und 1950er Jahre gelten als das goldene Zeitalter ihres Gesangs. In dieser Zeit gewann sie die vollständige künstlerische Kontrolle über ihre Karriere und übernahm wichtige Funktionen im Musikgeschäft, für eine Frau in der arabischen Welt jener Jahrzehnte eine Ausnahme. Sie sang von Gott, von Liebe und von der Heimat, und ihre Konzerte, die sich über Stunden hinziehen konnten, lebten von Improvisationen, mit denen sie ihr Publikum in eine Art Trance versetzte.
Ihr Publikum reichte vom Straßenkehrer in Kairo bis zu Präsident Gamal Abdel Nasser, dem sie eng verbunden war. In Frankreich hörten ihr arabische Gastarbeiter und Arbeiter bei Renault ebenso zu wie Charles de Gaulle, Maria Callas und Maurice Chevalier. Mit ihren Liedern in arabischer Sprache wurde sie über die Jahrzehnte zu einem nationalen Symbol Ägyptens.
Wenn du nur ein einziges Stück von ihr hören willst, ist „Alf Leila wa Leila“ ein guter Anfang, eines ihrer bekanntesten Lieder.
Paris 1967 und das Ende 1975
Nach der ägyptischen Niederlage im Sechstagekrieg 1967 ging Oum Kalthoum auf Tournee durch viele arabische Länder und trat zweimal im Pariser Olympia auf. Es blieben ihre einzigen Konzerte im Westen. Die Einnahmen spendete sie für den Wiederaufbau der ägyptischen Armee.
Gesundheitlich hatte sie schon seit den 1930er Jahren Probleme, unter anderem mit Leber und Galle. Nach fast sechzig Jahren auf der Bühne und vielen hundert Aufnahmen starb sie 1975 an einer Nierenentzündung. Ihr Tod wurde weit über Ägypten hinaus betrauert und bekam sogar politische Bedeutung.
Die Diva von Kairo im Film und in Büchern
Der französische Dokumentarfilm „Die Diva von Kairo, Oum Kalthoum“ von Xavier Villetard, produziert von Illégitime Défense und ARTE France, zeichnet auf gut 52 Minuten ihr Leben als Gang durch das Ägypten des 20. Jahrhunderts nach. Zu Wort kommen unter anderem der Schriftsteller Robert Solé, Musiker und Verwandte. Erstmals gesendet wurde er im Juni 2017 bei ARTE.
Wie schwer sich diese Lieder übersetzen lassen, zeigt eine Zeile, über die sich eine ägyptische Zuschauerin nach der Ausstrahlung beschwerte. Die deutsche Fassung übersetzte sie mit „Was meine Augen sahen, bevor sie dich erblickten, war gänzlich ohne Wert“. Genauer sei: „Was ich gesehen habe, bevor dich meine Augen sahen, ist eine verlorene Lebenszeit; wie konnte man sie meinem Leben anrechnen.“ Der Unterschied zwischen „ohne Wert“ und „verlorener Lebenszeit“ ist genau die Art von Nuance, von der Oum Kalthoums Kunst lebte.
Einen ganz anderen Weg geht der Spielfilm „Looking for Oum Kulthum“ der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, geschrieben mit Shoja Azari und 2017 bei den 74. Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt. Wer sich wissenschaftlich mit ihr beschäftigen will, findet ausführliche Darstellungen bei Gabriele Braune („Umm Kultūm: Ein Zeitalter der Musik in Ägypten“, Peter Lang, 1994) und Virginia Danielson („The Voice of Egypt“, University of Chicago Press, 1997). Auf der Nilinsel Roda in Kairo zeigt ein Museum Fotos, persönliche Gegenstände und Originalgarderobe der Sängerin.
Fragen zu Oum Kalthoum, die Diva
Wer war Oum Kalthoum?
Oum Kalthoum, auch Umm Kulthum geschrieben, war eine ägyptische Sängerin und Musikerin, die als größte Stimme der arabischen Welt im 20. Jahrhundert gilt. Ihr Ruhm dort wird oft mit dem von Maria Callas oder den Beatles im Westen verglichen. Sie starb am 3. Februar 1975 in Kairo.
Wann wurde Oum Kalthoum geboren?
Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht gesichert. Genannt werden Jahre zwischen 1898 und 1910, am wahrscheinlichsten ist der 4. Mai 1904. Geboren wurde sie in Tammai az-Zahaira im Nildelta.
Wie begann ihre Karriere in Kairo?
Sie lernte das Singen von ihrem Vater, einem Imam, und trat als Kind in Jungenkleidung auf. 1920 verschaffte ihr Scheich Zakariyya Ahmad erste Engagements in Kairo, 1923 wurde der religiöse Sänger Scheich Abu l-Ila ihr Lehrer. In Kairo nahm sie Gesangsunterricht, lernte die Oud und galt 1928 als eine der führenden Sängerinnen der Stadt.
Ist Oum Kalthoum im Westen aufgetreten?
Nur zweimal, beide Male im Pariser Olympia nach dem Sechstagekrieg 1967. Es waren ihre einzigen Konzerte im Westen. Die Einnahmen der Tournee spendete sie für den Wiederaufbau der ägyptischen Armee.
Welcher Film erzählt ihr Leben?
Der französische Dokumentarfilm „Die Diva von Kairo, Oum Kalthoum“ von Xavier Villetard dauert rund 52 Minuten und lief erstmals im Juni 2017 bei ARTE. Einen anderen Zugang wählt der Spielfilm „Looking for Oum Kulthum“ der Künstlerin Shirin Neshat, der 2017 in Venedig Premiere hatte.