Fasnet rund um Lackendorf: Hexen, Hansel und Brezelsegen
Dazu Heinz Klees „Lust auf Dorf?“
Schwäbisch-alemannische Fasnet zwischen Rottweil, Villingen und Schramberg: Larven, Häs, Hexen und Brezelsegen, dazu Heinz Klees „Lust auf Dorf?“.

In Rottweil knallen zum Beginn der närrischen Tage die Peitschen. Buben ziehen mit Fuhrmannspeitschen durch die Gassen und „klepfen“, bis es zwischen den Häusern widerhallt. In Villingen schütteln die Narren die Rollen, die Glocken an ihrem Häs, so ausdauernd, dass sich angeblich kein Staubkorn mehr darin halten kann. Laut beginnen die närrischen Tage fast überall im Südwesten.
Wer das in mehreren Städten erleben will, braucht einen Standort in der Mitte. Lackendorf, mit etwa 530 Einwohnern der kleinste Ortsteil der Gemeinde Dunningen im Landkreis Rottweil, ist so einer. Rottweil, Schramberg und Villingen-Schwenningen liegen jeweils nur eine kurze Autofahrt entfernt, und abends ist ein Dorf dieser Größe deutlich ruhiger als die Innenstädte der Hochburgen.
„Lust auf Dorf?“ von Heinz Klee
Der Ortsname taucht auch in einem Buch auf. Heinz Klee erzählt in „Lust auf Dorf? Geschichten vom Landleben der 1940er Jahre“ aus der Sicht zweier Kinder, wie Menschen auf dem Land in den schweren Jahren um das Ende des Zweiten Weltkriegs lebten. Es geht um Mühen und Sorgen, um besondere Begebenheiten und um die schönen Seiten eines Alltags, der sich zwischen Kirche, Dorfschule, Feld und Farrenstall abspielte, dem Stall für den Gemeindebullen.
Das schwäbische Lackendorf des Buchs steht dabei für viele Dörfer. Dieselben Geschichten, so der Verlag, hätten sich ebenso im Schwarzwald, auf der Alb, im Odenwald oder im Spessart zutragen können. Aus heutiger Sicht ist kaum noch vorstellbar, wie die Generation der Großeltern lebte, und genau diese Lücke will Klee füllen.
Das gebundene Buch erschien am 6. Oktober 2014 im verlag regionalkultur und hat 160 Seiten (ISBN 978-3897357259).
Larven, Häs und Hexen: was die schwäbisch-alemannische Fasnet ausmacht
Fasnet ist das schwäbische und alemannische Wort für Fastnacht, und mit dem rheinischen Karneval oder dem Fasching wollen die Narren im Südwesten nicht verwechselt werden. Kennzeichen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ist die Vermummung. Die Masken heißen Larven oder Schemen und sind meist aus Holz geschnitzt, in Ausnahmefällen aus Stoff, Papier, Ton, Blech oder Drahtgaze. Das Kostüm, das Häs, wechselt nicht jedes Jahr. Wer einmal ein Häs hat, behält es, und in manchen Gegenden wird es über Generationen vererbt.
Selbstverständlich war diese Kontinuität nicht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten die alten Bräuche erst vereinzelt wieder auf. Wie knapp es war, zeigt Rottweil: Am Narrensprung 1903 nahmen gerade noch sieben Narren teil, was in der Stadt ein Umdenken auslöste.
Die bekannteste Figur von heute ist dagegen eine vergleichsweise junge. 1933 gründete sich in Offenburg eine Hexenzunft, deren Figur eine Mischung aus Märchenhexe und mittelalterlicher Hexe war, und machte die Fasnet-Hexe populär. Keine andere Fastnachtsfigur hat seither so zugelegt. Den Brauchtumsverbänden bereitet das seit Langem Kopfzerbrechen, denn sie sehen die traditionelle Fastnacht durch die Flut der Hexenzünfte ähnlich bedroht wie durch das Überhandnehmen der Narrentreffen. Das ist eine ehrliche Sorge, und zugleich eine, die an jedem Fasnetssonntag an den Straßenrändern überstimmt wird.
Im Dezember 2014 wurde die schwäbisch-alemannische Fastnacht in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, als einer der ersten 27 Einträge. Den Antrag hatte die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) im Auftrag der Narrenverbände gestellt.
Schramberg: Hanselsprung, Brezelsegen und Da-Bach-na-Fahrt
Schramberg liegt im mittleren Schwarzwald, etwa 25 Kilometer nördlich von Villingen-Schwenningen und 47 Kilometer nordöstlich von Freiburg, und ist nach Rottweil die zweitgrößte Stadt im Landkreis. Für die Fasnet ist es eine Hochburg. Die bekannteste Attraktion ist die Da-Bach-na-Fahrt am Fasnetsmontag, bei der Narren in Holzzubern den Bach hinunterfahren, eine Tradition seit 1936, die inzwischen bis zu 30.000 Zuschauer anzieht.
Zu den Schramberger Figuren gehören neben dem Bach-na-Fahrer der Narro, der Hansel und der Bruele, außerdem sind zahlreiche Hexenzünfte aktiv. Am meisten Freude bei den Kindern macht der Brezelsegen, der an mehreren Terminen der Fasnetstage stattfindet. Die Hansel verteilen dabei Brezeln, aber nicht umsonst: Wer eine will, muss den Schramberger Narrenruf singen.
„Hoorig, hoorig, hoorig isch dia Katz.“
Auf Hochdeutsch heißt das nicht mehr als „Haarig ist die Katze“, einen tieferen Sinn muss niemand darin suchen. Wenn du mit Kindern hinfährst, lohnt es sich, den Ruf vorher im Auto ein paar Mal zu üben. Mit Schwarzwälder Aussprache klappt es besser.
Schramberg, Rottweil und Villingen sind nur drei von vielen Orten mit einer lebendigen alemannischen Fasnet. Zu den Hochburgen zählen außerdem Elzach, Mitglied im sogenannten Viererbund, Bad Waldsee, Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen, Offenburg, Haslach im Kinzigtal, Wolfach, Munderkingen an der Donau, Rottenburg am Neckar und Singen am Hohentwiel, und in Hauingen feiert man eine eigene Buurefasnacht.
Fragen zu Fasnet rund um Lackendorf: Hexen, Hansel und Brezelsegen
Wo liegt Lackendorf?
Lackendorf ist der kleinste Ortsteil der Gemeinde Dunningen im Landkreis Rottweil in Baden-Württemberg und hat rund 530 Einwohner. Von dort sind Rottweil, Schramberg und Villingen-Schwenningen schnell zu erreichen, drei Zentren der schwäbisch-alemannischen Fasnet.
Seit wann ist die Hexe eine Fasnetsfigur?
Als populäre Fastnachtsfigur setzte sich die Hexe erst im 20. Jahrhundert durch. 1933 gründete sich in Offenburg eine Hexenzunft, deren Figur Märchenhexe und mittelalterliche Hexe mischte. Seitdem ist keine Figur so stark gewachsen, was Brauchtumsverbände zum Teil mit Sorge sehen.
Was ist der Brezelsegen in Schramberg?
Beim Brezelsegen verteilen die Schramberger Hansel Brezeln an die Zuschauer, vor allem an Kinder. Die Brezel gibt es, wenn der Narrenruf „Hoorig, hoorig, hoorig isch dia Katz“ gesungen wird. Der Brauch findet an mehreren Terminen während der Fasnetstage statt.
Ist die schwäbisch-alemannische Fastnacht immaterielles Kulturerbe?
Ja. Im Dezember 2014 wurde sie in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen und gehörte damit zu den ersten 27 Einträgen. Den Antrag stellte die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte im Auftrag der Narrenverbände.
Worum geht es in „Lust auf Dorf?“ von Heinz Klee?
Heinz Klee erzählt aus der Sicht zweier Kinder vom Landleben in den 1940er Jahren, von Mühen und Sorgen, aber auch von schönen Seiten des Alltags um das Ende des Zweiten Weltkriegs. Das schwäbische Lackendorf steht dabei stellvertretend für viele Dörfer. Das Buch erschien 2014 im verlag regionalkultur und hat 160 Seiten.