Handeln statt Hoffen von Carola Rackete
Aufruf an die letzte Generation, gelesen als Sachbuch
Handeln statt Hoffen von Carola Rackete verbindet die Sea-Watch-Rettung 2019 mit Klimakrise, Artensterben und zivilem Ungehorsam. Was im Buch steht und was es auslässt.
Im Juni 2019 steuerte Carola Rackete die Sea-Watch 3 mit 40 aus dem Mittelmeer geretteten Menschen an Bord ohne Genehmigung in den Hafen von Lampedusa. Sie wurde festgenommen, wenige Tage später wieder freigelassen, und für einige Wochen war die Kapitänin aus Preetz in Schleswig-Holstein das Gesicht eines Streits zwischen Seenotrettern und der italienischen Regierung unter Innenminister Matteo Salvini. Vier Monate später erschien Handeln statt Hoffen, ihr Buch dazu.
Wer einen Abenteuerbericht erwartet, liest das falsche Buch.
Was in Handeln statt Hoffen tatsächlich steht
Die Rettungsfahrt nimmt nur einen Teil des Buchs ein. Rackete schildert die Tage vor Lampedusa, die Verhandlungen mit Behörden, die Lage an Bord. Doch sie nutzt die Geschichte als Einstieg für ein größeres Argument. Der Untertitel heißt „Aufruf an die letzte Generation“, und gemeint ist die Generation, die den Klimawandel noch begrenzen kann.
Rackete verknüpft drei Themen, die in der öffentlichen Debatte meist getrennt laufen: die Klimakrise, das Artensterben und Flucht. Ihr Punkt ist, dass Dürre, Ernteausfall und der Verlust von Lebensräumen Menschen zur Bewegung zwingen, und dass Europa mit Grenzpolitik auf ein Problem antwortet, das es mitverursacht hat.
Sie schreibt aus einer Doppelrolle. Rackete hat Nautik studiert, fuhr für das Alfred-Wegener-Institut auf dem Forschungsschiff Polarstern in die Arktis und die Antarktis und arbeitete für Greenpeace. Die Beschreibungen schmelzender Eisflächen stammen deshalb nicht aus zweiter Hand.
Ziviler Ungehorsam als Kern des Buchs
Der eigentliche Anspruch von Handeln statt Hoffen ist ein juristisch-ethischer. Rackete argumentiert, dass Regelbruch legitim ist, wenn Staaten ihre eigenen Verpflichtungen nicht einhalten, etwa das Verbot, Menschen in Seenot nicht zu retten, oder die Klimaziele des Pariser Abkommens von 2015.
Sie beruft sich dabei auf die Tradition des zivilen Ungehorsams und auf die Bewegung Extinction Rebellion, die 2018 in Großbritannien entstand. Ihre Forderung ist nicht revolutionär, sondern ziemlich konkret: Blockaden, Besetzungen und offene Regelverstöße als Druckmittel, bis Parlamente handeln.
Du kannst das für naiv halten. Rackete selbst nimmt diesen Einwand vorweg und antwortet mit Zahlen zur Erderwärmung und zum Rückgang der Insektenbestände. Ob das überzeugt, hängt davon ab, wie viel Vertrauen du in parlamentarische Prozesse setzt.
Was das Buch auslässt
Zwei Dinge fallen auf. Erstens bleibt die persönliche Ebene dünn. Wer wissen will, wie es sich anfühlt, mit 31 Jahren an einem Hafen verhaftet zu werden, bekommt Andeutungen, keine Innenschau. Rackete will offenbar nicht die Heldin sein, die die Medien im Sommer 2019 aus ihr gemacht haben.
Zweitens ist die Gegenseite kaum präsent. Die Argumente von Regierungen, die Seenotrettung als Anreiz für Schleuser betrachten, werden genannt, aber nicht ernsthaft geprüft. Das Buch ist ein Aufruf, keine Abwägung, und es versteckt das auch nicht.
Die Mitautorin Anne Weiss hat den Text lesbar gehalten. Kurze Kapitel, klare Sprache, wenig Fachjargon. In den schmalen Band passt kein Klimaseminar, und das Buch versucht auch keins zu sein.
Was aus der Autorin wurde
Rackete blieb nach 2019 in der Klimabewegung aktiv, unter anderem bei Protesten gegen die Rodung von Wäldern in Deutschland. Im Juni 2024 zog sie als parteilose Kandidatin auf der Liste der Linken ins Europäische Parlament ein. Das Buch liest sich im Rückblick wie das Programm dieser Kandidatur, geschrieben fünf Jahre früher.
Für die Einordnung unter den Sachbüchern der 2010er Jahre ist Handeln statt Hoffen ein Zeitdokument: entstanden im selben Jahr wie die großen Schulstreiks von Fridays for Future, veröffentlicht, als die Bewegung ihren Höhepunkt hatte, und geschrieben von jemandem, der den Konflikt zwischen Recht und Gewissen nicht theoretisch kennt.
Das Kapitel über die Polarstern ist übrigens das ruhigste im Buch. Eis, Wind, Messgeräte. Man merkt, dass Rackete dort lieber wäre als in Talkshows.
Fragen zu Handeln statt Hoffen
Worum geht es in Handeln statt Hoffen von Carola Rackete?
Um die Verbindung von Klimakrise, Artensterben und Flucht. Rackete beschreibt die Rettungsfahrt der Sea-Watch 3 im Juni 2019 und leitet daraus eine politische Forderung ab: Der Staat handelt zu langsam, deshalb sei ziviler Ungehorsam legitim.
Wer ist Carola Rackete?
Eine 1988 geborene Nautikerin, die unter anderem für das Alfred-Wegener-Institut auf dem Forschungsschiff Polarstern fuhr und für Greenpeace tätig war. Als Kapitänin der Sea-Watch 3 lief sie im Juni 2019 ohne Erlaubnis den Hafen von Lampedusa an und wurde festgenommen.
Ist Handeln statt Hoffen ein Erlebnisbericht oder ein politisches Buch?
Beides, mit deutlichem Schwerpunkt auf dem Politischen. Die Ereignisse auf See nehmen nur einen Teil des Buchs ein; der größere Teil behandelt Klimagerechtigkeit, Naturschutz und die Frage, wann Regelbruch geboten ist.
Hat Rackete das Buch allein geschrieben?
Auf dem Titel steht neben Carola Rackete die Journalistin und Autorin Anne Weiss als Mitautorin. Das Buch erschien im Oktober 2019 bei Droemer.