Der Zug von Zürich nach Petrograd mit Ben Kingsley
Damiano Damianis Politdrama über Lenins Sonderzug
Der Zug von Damiano Damiani: Ben Kingsley als Lenin auf der Fahrt im plombierten Wagen von Zürich durch Deutschland und Schweden nach Petrograd 1917.
Am 6. April 1917 erklären die Vereinigten Staaten dem Deutschen Reich den Krieg. Drei Tage später steigt in Zürich ein russischer Emigrant mit rund dreißig Begleitern in einen Zug, der ihn durch genau dieses Deutsche Reich nach Hause bringen soll. Der Mann heißt Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, und die deutsche Oberste Heeresleitung hat nichts gegen die Reise. Sie hofft, dass er in Russland Unruhe stiftet und das Land aus dem Krieg holt. Damiano Damianis Fernsehfilm Der Zug von 1988 erzählt diese Fahrt als Politdrama.
Die Fahrt im plombierten Wagen
Nach der Februarrevolution war der Zar gestürzt, doch die neue Provisorische Regierung in Petrograd führte den Krieg gegen Deutschland weiter. Lenin saß in Zürich fest, umgeben von Frontlinien. Die Lösung vermittelten der Schweizer Sozialist Fritz Platten und, im Hintergrund, Alexander Parvus, ein russischer Revolutionär und Geschäftsmann, der dem deutschen Auswärtigen Amt vorgerechnet hatte, was ein Umsturz in Russland für den Kriegsverlauf bedeuten könnte.
Die Bedingungen waren ungewöhnlich. Der Wagen galt als exterritorial, die Reisenden durften ihn auf deutschem Boden nicht verlassen, und niemand sollte mit ihnen sprechen. Der Zug fuhr über Gottmadingen, Frankfurt am Main und Berlin an die Ostsee nach Sassnitz, von dort ging es mit der Fähre ins schwedische Trelleborg, weiter über Stockholm an die finnische Grenze und schließlich nach Petrograd. Am Abend des 16. April 1917 kam Lenin am Finnländischen Bahnhof an und hielt noch am Bahnhof eine Rede.
Winston Churchill schrieb später, die Deutschen hätten Lenin „wie einen Pestbazillus“ in einem versiegelten Wagen nach Russland geschickt. Wörtlich versiegelt war nichts, aber das Bild hat sich gehalten. Die britische Historikerin Catherine Merridale hat die Reise 2016 in ihrem Buch „Lenin on the Train“ Station für Station rekonstruiert. Überliefert ist etwa, dass Lenin im Waggon Berechtigungsscheine für die Toilette ausgeben ließ, weil die Raucher sie ständig blockierten.
Damiano Damianis Film von 1988
Der Zug, im Original „Il treno di Lenin“, ist eine italienisch-deutsch-französisch-österreichische Koproduktion für das Fernsehen. Regie führte Damiano Damiani, der mit politischen Stoffen und mit der Mafia-Serie „Allein gegen die Mafia“ bekannt geworden war. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Fulvio Gicca Palli. Mit rund 208 Minuten ist der Film lang, im deutschen Fernsehen lief er erstmals im Februar 1990 als Zweiteiler, später unter anderem auf ARTE.
Gedreht wurde zu einem guten Teil in Österreich. Der Bahnhof Tattendorf an der Aspangbahn diente als Kulisse, und im Eisenbahnmuseum Strasshof bei Wien entstanden die Szenen an der russischen Grenzstation und am Bahnhof von Petrograd.
Ben Kingsley als Lenin
Die Besetzung ist international. Ben Kingsley, der wenige Jahre zuvor für „Gandhi“ den Oscar erhalten hatte, spielt Lenin; der Revolutionär war bei der Reise 46 Jahre alt, sein Darsteller bei den Dreharbeiten nur wenig jünger. Leslie Caron, bekannt aus „Ein Amerikaner in Paris“ und „Gigi“, ist Lenins Ehefrau Nadeschda Krupskaja. Dominique Sanda, die in Bernardo Bertoluccis „Der große Irrtum“ spielte, verkörpert Inessa Armand, die französisch-russische Revolutionärin, die Lenin nahestand. Timothy West spielt Parvus, Paolo Bonacelli den späteren Parteifunktionär Grigori Sinowjew, Peter Whitman Karl Radek und Xabier Elorriaga Fritz Platten.
Der Film nutzt die geschlossene Situation des Zugs für das, was im Zug tatsächlich stattfand: Diskussionen. Lenin erklärt seinen Mitreisenden, was er in Petrograd vorhat, und daneben steht die Beziehung zwischen Lenin und Inessa Armand, der der Film viel Raum gibt – vor den Augen von Lenins Ehefrau.
Ein Zug als Bühne.
Geschichte und Film
Wenn du den Film siehst, lohnt es sich, das Ende der Reise mitzudenken, denn der Film endet dort, wo die eigentliche Geschichte erst beginnt. Wenige Tage nach der Ankunft stellte Lenin seine Aprilthesen vor, die Forderung nach einem sofortigen Ende des Kriegs und nach „aller Macht den Sowjets“. Im November desselben Jahres übernahmen die Bolschewiki die Macht, und im März 1918 schloss Sowjetrussland mit dem Deutschen Reich den Frieden von Brest-Litowsk. Die deutsche Rechnung war damit kurzfristig aufgegangen.
Weitere Filme über das Jahrzehnt des Ersten Weltkriegs stehen in der Übersicht zu den 1910er Jahren, mehr Fernsehfilme und Kinoklassiker unter Filme. Am Finnländischen Bahnhof in Sankt Petersburg steht übrigens bis heute eine Lokomotive aus diesem Jahr: Auf ihr fuhr Lenin im August 1917, als Heizer verkleidet, nach Finnland, als er vor der Provisorischen Regierung untertauchen musste.
Fragen zu Der Zug: Damiano Damianis Politdrama über Lenins Sonderzug
Worum geht es in dem Film Der Zug?
Der Film erzählt, wie Lenin im April 1917 mit anderen russischen Emigranten aus dem Schweizer Exil in Zürich per Sonderzug durch Deutschland und Schweden nach Petrograd reist. Die deutsche Führung erlaubt die Fahrt, weil sie hofft, dass die Revolutionäre Russland aus dem Krieg lösen. Während der Reise diskutiert Lenin mit seinen Mitreisenden über seine politischen Pläne.
Wer spielt Lenin in Der Zug?
Ben Kingsley, der 1983 den Oscar für seine Titelrolle in Gandhi gewonnen hatte. Leslie Caron spielt Lenins Frau Nadeschda Krupskaja, Dominique Sanda die Revolutionärin Inessa Armand und Timothy West den Vermittler Alexander Parvus.
Aus welchem Jahr stammt Der Zug?
Der Fernsehfilm entstand 1988 als italienisch-deutsch-französisch-österreichische Koproduktion unter der Regie von Damiano Damiani. Im deutschen Fernsehen lief er erstmals im Februar 1990 als Zweiteiler, die Gesamtlänge beträgt rund 208 Minuten.
War Lenins Zug wirklich plombiert?
Nicht im wörtlichen Sinn. Der Wagen galt während der Fahrt durch Deutschland als exterritorial, die Reisenden durften ihn nicht verlassen und keinen Kontakt zu Deutschen aufnehmen. Der Begriff des plombierten Wagens hat sich trotzdem durchgesetzt.
Wo wurde Der Zug gedreht?
Unter anderem in Österreich. Der historische Bahnhof Tattendorf an der Aspangbahn diente als Kulisse, und im Eisenbahnmuseum Strasshof bei Wien wurden die russische Grenzstation und der Bahnhof von Petrograd nachgestellt.