Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons
Der ungewöhnlichste Buchtitel 2018 von Henrik Szanto
Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons: zwölf Texte des Slam-Poeten Henrik Szanto über Finnland, Ungarn und die Freude an Sprache.

Wie viele Ypsilons verträgt ein Buchtitel? Henrik Szanto hat die Frage 2018 mit einer Zahl beantwortet, noch bevor jemand das Buch aufschlagen konnte: „Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons“. Der Titel wurde als ungewöhnlichster Buchtitel des Jahres 2018 ausgezeichnet, ein Preis, der jährlich auf der Leipziger Buchmesse vergeben wird und nicht den Inhalt, sondern allein die Worte auf dem Umschlag würdigt.
Ein Buchtitel als Rätsel
Welches Wort gemeint ist, verrät der Titel nicht, aber die Zahlen sind präzise genug, um zum Nachzählen einzuladen. Wer ein wenig Finnisch kann, ahnt immerhin die Richtung. Im Finnischen ist das Y ein ganz gewöhnlicher Vokal, ausgesprochen ungefähr wie das deutsche Ü, und es steckt in vielen Alltagswörtern: ystävä, der Freund, beginnt damit, ebenso yksi, die Zahl Eins. Im Ungarischen wiederum steckt das Y in Buchstabenverbindungen wie gy, ny oder ty, und schon das Wort magyar, also ungarisch, trägt eines in sich.
Beide Sprachen gehören zur uralischen Sprachfamilie. Verwandt sind sie trotzdem nur sehr entfernt, so entfernt, dass ein Finne und ein Ungar einander kein Wort verstehen. Für einen Autor mit einer finnischen Mutter und einem ungarischen Vater ist das Ypsilon damit eine Art Familienbuchstabe.
Das Buch erschien am 20. September 2018 im Lektora Verlag, ein Taschenbuch mit 100 Seiten. Als Sprachen nennt der Verlag Deutsch, Finnisch und Ungarisch.
Zwölf Texte zwischen Finnland und Ungarn
Szanto lebe im Spannungsfeld der Vielfalt und Mehrsprachigkeit, heißt es im Klappentext, und die zwölf Texte des Bandes spielen genau dort. Sie bewegen sich zwischen Lyrik und Prosa, zwischen Humor und Sehnsucht, und sie wechseln die Schauplätze schnell. Ein Text steht am finnischen Seeufer, umgeben von Redewendungen, ein anderer im Lateinunterricht. Es gibt ein Abendessen mit dem Vater, eine Szene beim Brustschwimmen, einen Text in den Mauern eines alten Hauses in Budapest, einer Stadt, die erst 1873 aus Buda, Óbuda und Pest zusammengelegt wurde, und einen mitten im Torjubel.
Welches Spiel da bejubelt wird, bleibt der Lektüre überlassen. Für Ungarn ist Fußball jedenfalls eng mit der Erinnerung an die „Goldene Elf“ der 1950er Jahre verbunden, die 1954 das WM-Endspiel in Bern verlor, ausgerechnet gegen Deutschland, das Geburtsland des Autors.
Was die Texte verbindet, ist weniger ein Thema als eine Haltung: Sprache ist hier kein Werkzeug, sondern ein Spielplatz.
Das merkt man auch an den kleinen Stellen. Der Lateinunterricht etwa ist kein zufälliger Ort für jemanden, der sich mit Ypsilons beschäftigt, denn im klassischen Latein kommt der Buchstabe fast nur in Wörtern vor, die aus dem Griechischen übernommen wurden. Wenn du selbst mehrsprachig aufgewachsen bist, wirst du in diesen Szenen einiges wiedererkennen, vom Moment, in dem ein Wort in der einen Sprache fehlt, bis zu dem, in dem es in der anderen genau richtig sitzt.
Henrik Szanto: Slam-Poet zwischen drei Ländern
Szantos Vater stammt aus Ungarn, seine Mutter aus Finnland, geboren wurde er in Deutschland. Neben der finnischen besitzt er auch die britische Staatsbürgerschaft. Seit 2012 ist er im gesamten deutschsprachigen Raum als Poetry Slammer unterwegs, und seine Texte greifen häufig auf humorvolle Weise den eigenen Alltag auf oder beschäftigen sich satirisch und kritisch mit aktuellen politischen Ereignissen.
Poetry Slam als Form ist jünger, als viele annehmen. Entstanden ist er Mitte der 1980er Jahre in Chicago, unter anderem in der Bar Green Mill, wo der Bauarbeiter und Dichter Marc Kelly Smith Lesungen in einen Wettbewerb mit Publikumswertung verwandelte. Im deutschsprachigen Raum fanden die ersten Meisterschaften Ende der 1990er Jahre statt, und heute gehören regelmäßige Slams in vielen Universitätsstädten zum Kulturkalender. Slam-Texte sind für die Bühne geschrieben, für eine Stimme, ein Publikum und ein knappes Zeitlimit. Im Buch fehlen Stimme und Timing, dafür lassen sich die Wortspiele in Ruhe nachlesen, und bei einem Autor, der mit drei Sprachen jongliert, lohnt sich das zweite Lesen.
Weitere Veröffentlichungen
Vor dem ausgezeichneten Titel erschien 2014 „Miasma. Augarten“, herausgegeben von Lieselotte Stalzer. 2016 folgte „Es glänzt und ist schön“ im Wiener Milena Verlag. Nach dem Ypsilon-Buch gab er gemeinsam mit Anna-Lena Obermoser 2019 bei Lektora „G’scheit goschert“ heraus, die österreichische U20-Poetry-Slam-Anthologie, deren Titel sich übrigens ebenfalls nur mit etwas Übung aussprechen lässt. Weitere Bücher finden sich unter Bücher und in der Übersicht zu den 2010er Jahren.
Und das Wort mit den neun Ypsilons? Darüber darfst du vor der Lektüre selbst rätseln.
Fragen zu Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons: der ungewöhnlichste Buchtitel 2018
Was ist der Preis Ungewöhnlichster Buchtitel des Jahres?
Ein Literaturpreis, der jährlich auf der Leipziger Buchmesse vergeben wird und nicht den Inhalt, sondern den Titel eines Buches auszeichnet. Für das Jahr 2018 ging er an Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons von Henrik Szanto.
Worum geht es in Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons?
Das Buch versammelt zwölf Texte zwischen Lyrik und Prosa, Humor und Sehnsucht, die in Finnland und Ungarn spielen. Schauplätze sind etwa ein finnisches Seeufer, der Lateinunterricht, ein Abendessen mit dem Vater oder ein altes Haus in Budapest, und im Mittelpunkt steht die Freude an Sprache.
Wer ist Henrik Szanto?
Ein Autor und Poetry Slammer, der seit 2012 im gesamten deutschsprachigen Raum auftritt. Sein Vater stammt aus Ungarn, seine Mutter aus Finnland, geboren wurde er in Deutschland; er besitzt die finnische und die britische Staatsbürgerschaft.
In welchen Sprachen ist das Buch geschrieben?
Als Sprachen nennt der Verlag Deutsch, Finnisch und Ungarisch. Das passt zum Thema: Beide Sprachen gehören zur uralischen Sprachfamilie, sind einander aber so fern, dass Sprecher sich gegenseitig nicht verstehen.
Welche weiteren Bücher hat Henrik Szanto veröffentlicht?
Unter anderem Miasma. Augarten (2014, herausgegeben von Lieselotte Stalzer) und Es glänzt und ist schön im Milena Verlag (2016). Gemeinsam mit Anna-Lena Obermoser gab er 2019 bei Lektora die österreichische U20-Poetry-Slam-Anthologie G’scheit goschert heraus.