Zum Inhalt
VinTageBuch

Erklär mir Italien!

Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo im Gespräch über ein Land, das zur Verzweiflung treibt

Erklär mir Italien! ist ein Gesprächsbuch von Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo über Mafia, Populisten, Mussolini, Renzi und die Frage, wie man ein Land lieben kann, das einen zur Verzweiflung treibt.

Buch2010er2017
Eintrag vom 20. Aug. 2019 · aktualisiert 11. Sept. 2026

Der Titel ist eine Bitte, und die richtet ein Deutsch-Italiener an einen Neapolitaner: „Erklär mir Italien!“ Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“, und Roberto Saviano, Autor von „Gomorrha“, setzen sich zusammen und reden über das Land, das beide lieben und das beide zur Verzweiflung treibt. Das Buch erschien 2017 bei Kiepenheuer & Witsch.

Eines vorweg, weil der Zusatz „Roman“ oft mitgeschleppt wird: Es ist keiner. Es ist ein Gesprächsbuch, aufgezeichnet, gegliedert, ohne erfundene Figuren. Die einzige Handlung ist die, die Italien selbst liefert.

Zwei Gesprächspartner, zwei Blickwinkel

Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, wurde 2006 mit „Gomorrha“ schlagartig bekannt. Das Buch beschrieb die Camorra nicht als Folklore, sondern als Wirtschaftssystem, das Müllentsorgung, Textilindustrie und Bauwesen in Kampanien durchdringt. Die Camorra reagierte mit Drohungen; Saviano lebt seither unter Polizeischutz und wechselt regelmäßig den Wohnort. Wenn er über die Mafia spricht, spricht er über etwas, das ihm sein Leben genommen hat, wie er es vorher kannte.

Giovanni di Lorenzo, 1959 in Stockholm geboren, wuchs in Rom und in Hannover auf und leitet seit 2004 die Redaktion der „Zeit“. Er ist der Fragende in diesem Buch, aber kein neutraler. Er kennt Italien von innen, hat es aber aus deutscher Perspektive zu erklären gelernt, und genau diese Doppelstellung macht ihn zum richtigen Partner: Er weiß, welche Fragen ein deutsches Publikum stellt, und er weiß, welche Antworten in Italien als naiv gelten.

Mafia, Mussolini, Populisten

Das Gespräch springt zwischen Geschichte und Gegenwart. Da ist Mussolini, dessen Erbe in Italien nie so gründlich aufgearbeitet wurde wie das des Nationalsozialismus in Deutschland; Saviano und di Lorenzo diskutieren, warum der Faschismus in italienischen Familien oft als Episode gilt und nicht als Schuld. Da ist die Mafia als das eigentliche Machtzentrum des Südens, mit Verbindungen nach Norden und ins Ausland, bis in deutsche Städte. Und da sind die Populisten, die 2017 gerade auf dem Weg an die Macht waren: die Fünf-Sterne-Bewegung und die Lega, deren Aufstieg das Buch als Folge einer Politik beschreibt, die ihre Versprechen nicht hielt.

Matteo Renzi bekommt dabei besonders viel Aufmerksamkeit. Der junge Ministerpräsident, der 2014 als Reformer antrat, verlor im Dezember 2016 sein Verfassungsreferendum und trat zurück. Für Saviano ist das kein Unfall, sondern ein Muster: Italien wählt Hoffnungsträger und verschleißt sie in wenigen Jahren.

Neapel, Savianos Heimatstadt, ist die Bühne, auf die das Gespräch immer wieder zurückkehrt.

Europa, Migration und der Blick von außen

Ein zweiter Strang des Buches handelt von Italiens Platz in Europa. Die Migration über das Mittelmeer aus dem Maghreb und aus Subsahara-Afrika trifft Italien als erstes Land, und die beiden diskutieren, warum sich das Land von Brüssel und Berlin damit alleingelassen fühlt. Berlin und Paris tauchen als Vergleichsgrößen auf: Städte, in denen Verwaltung funktioniert, in denen Korruption ein Skandal und nicht ein Alltag ist, und in denen Italiener wie Saviano trotzdem Heimweh bekommen.

Diese Passagen sind die, in denen di Lorenzos deutscher Blick am stärksten wird. Er stellt die Frage, die Deutsche in Italien immer stellen: Warum ändert ihr das nicht? Savianos Antworten sind keine Entschuldigungen, sondern Beschreibungen einer Gesellschaft, in der Misstrauen gegenüber dem Staat historisch gut begründet ist.

Was das Buch leistet und was nicht

„Erklär mir Italien!“ ist kein Sachbuch mit Fußnoten und kein Reiseführer. Es ist ein Gespräch, mit allen Vorzügen und Nachteilen der Form: lebendig, sprunghaft, manchmal repetitiv, an vielen Stellen klüger als ein durchkomponierter Essay, weil zwei Menschen einander widersprechen dürfen. Wer eine systematische Geschichte Italiens sucht, wird sie hier nicht finden. Wer wissen will, wie zwei kluge Beobachter über ihr Land denken, wenn niemand ihnen ein Thema vorgibt, bekommt genau das.

Wenn du im Sommer in Italien warst und dich gefragt hast, warum der Bahnhof glänzt und die Schule daneben zerfällt, ist dieses Buch eine mögliche Antwort. Keine vollständige, aber eine ehrliche.

Weitere politische Sachbücher und Gesprächsbände finden sich unter Sachbücher und in der Übersicht zu den 2010er Jahren.

Fragen zu Erklär mir Italien! Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo im Gespräch über ein Land, das zur Verzweiflung treibt

Ist Erklär mir Italien! ein Roman?

Nein, trotz des verbreiteten Zusatzes. Das Buch ist ein Gespräch zwischen Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo, aufgezeichnet und in Kapitel gegliedert. Es gibt keine erfundene Handlung, sondern zwei Männer, die über Italien streiten und sich ergänzen.

Wer sind Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo?

Saviano, 1979 in Neapel geboren, wurde 2006 mit Gomorrha über die Camorra bekannt und lebt seither unter Polizeischutz. Di Lorenzo, 1959 in Stockholm geboren und in Rom und Hannover aufgewachsen, ist seit 2004 Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit.

Welche Themen behandelt das Gespräch?

Die Mafia und ihr Einfluss auf Wirtschaft und Politik, das Erbe Mussolinis, den Aufstieg der Populisten, Matteo Renzis gescheiterte Reformen, die Migration über das Mittelmeer aus dem Maghreb, das Verhältnis Italiens zu Europa und den Vergleich mit Städten wie Berlin und Paris.

Wann und wo ist das Buch erschienen?

2017 im Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln, auf Deutsch. Der vollständige Titel lautet Erklär mir Italien! Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?

Für wen lohnt sich Erklär mir Italien!?

Für Lesende, die Italien aus dem Urlaub kennen und verstehen wollen, warum das Land politisch so anders funktioniert als Deutschland. Vorkenntnisse sind nicht nötig, di Lorenzo fragt an den entscheidenden Stellen nach.