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VinTageBuch

Einfach losgehen

Bertram Weisshaar über das Spazieren, Streunen, Wandern und Denkengehen

Einfach losgehen von Bertram Weisshaar (Eichborn, 2018): der Spaziergangsforscher über Wanderungen vor der Haustür, Audio-Walks, Zeitreichtum und das Gehen als Zugang zur Welt.

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Eintrag vom 1. Mai 2020 · aktualisiert 11. Sept. 2026

„Eine Wanderung an der eigenen Haustüre zu beginnen, scheint mir sehr naheliegend, wortwörtlich das Nächstliegende“, schreibt Bertram Weisshaar in „Einfach losgehen“. Das Überraschende komme schnell: „Schon nach wenigen Minuten verändert sich etwas. Jeder Schritt hier, alles ist mir doch so vertraut, unmittelbares Wohnumfeld, und doch ist es ein bisschen so, als wäre es mir nun ein wenig fremd, als wäre ich schon nicht mehr von hier.“

Das Buch erschien am 31. August 2018 bei Eichborn, gebunden, 288 Seiten, mit dem Untertitel „Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen“. Es ist kein Wanderführer und kein Fitnessratgeber, sondern eine Sammlung von Gedankengängen im doppelten Sinn.

Der Spaziergangsforscher

Weisshaar ist ausgebildeter Fotograf und Landschaftsplaner und arbeitet seit den Neunzigerjahren freiberuflich als Spaziergangsforscher, ein Feld, das an der Universität Kassel unter dem Namen Promenadologie begründet wurde. Er lebt in Leipzig. Bei seiner Arbeit spielt das Gehen immer die zentrale Rolle: in den Texten, aber auch in den Audio-Walks und den geführten Spaziergängen und Wanderungen, die er durch Städte und Landschaften gestaltet, manchmal über mehrere Tage.

Es gehe dabei immer um die Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive der Gehenden, sagt er. Das Gehen sei einer der unmittelbarsten Zugänge zur Welterfahrung. Seine Touren suchen den ungewöhnlichen Blick: nicht den Park, sondern das Gewerbegebiet nebenan, nicht den markierten Weg, sondern den Umweg. Das Greenpeace Magazin beschrieb einen Streifzug mit ihm durch Leipzig im November 2019 als „Lehrgang über das Verlassen eingetretener Pfade“; der Kunstverein Bielefeld ließ sich 2016 in einem Workshop zeigen, wie man die eigene Stadt anders sieht.

Ein Beispiel für seine Audio-Walks ist der zweiteilige „Talk Walk Audio“ zu Schloss Schönefeld bei Leipzig, produziert 2018 in seinem Atelier Latent gemeinsam mit dem Geschäftsführer Jens Eberl: ein Teil zur Gegenwart des Hauses, ein Teil zu seiner Geschichte.

Das Interview im Frühjahr 2020

Als im Frühjahr 2020 Millionen Menschen zu Hause saßen, befragte der Verlag Weisshaar zu seiner Devise. Seine Antworten sind das eigentliche Stück dieser Seite.

Warum Spazieren gerade dann guttut: Tägliches Gehen fördere die Gesundheit, er verweist auf die oft zitierte Empfehlung von 8.000 bis 10.000 Schritten am Tag. Damit könne man vielen sogenannten Zivilisationskrankheiten schlicht davonlaufen. Und das Unterwegssein bringe auf andere Gedanken, gerade im Frühjahr mit seinen sinnlichen Erlebnissen, eine notwendige Abwechslung zum verordneten Stubenhocken.

Ob es eine Einsteigerstrecke oder einen Plan braucht: Nein. Das sei das Schöne am Gehen, es sei denkbar einfach. Man stehe auf, mache den ersten Schritt, und siehe da, schon gehe man. Es brauche im Prinzip keinerlei Zeug, außer Schuhen und Kleidung, für Menschen mit durchschnittlicher Gesundheit sei das alles. Das Gehen sei in diesem Sinn urdemokratisch, jedem Menschen angeboren.

Die Einschränkung sei die Zeit. Oft höre er den Satz „Ich hab gar nicht die Zeit, meine Wege zu Fuß zurückzulegen.“ Nicht fahren zu müssen, sondern gehen zu können, sei heute ein Ausdruck von Reichtum, von Zeitreichtum. Viele Menschen seien durch die Pandemie vorübergehend zeitreicher geworden, jedenfalls die, die gesund geblieben und nicht in wirtschaftliche Not geraten seien und keine Ausgangssperre hätten wie in Frankreich. Sein Rat dazu war kurz: Nutzt das. Geht, geht, geht.

Was sich verändern werde: Weisshaar beobachtete, dass das Gehen neu entdeckt wurde, gerade weil „nichts mehr ging“. Plötzlich waren die zu schmalen oder kaputten Gehwege ein Thema, die Stadtparks wurden an sonnigen Sonntagen als zu klein erlebt, und Stadtverwaltungen registrierten, wie schnell sie voll wurden. Daraus erwartete er einen Impuls für die Stadtgestaltung: mehr Parks, bessere Infrastruktur für Fußgänger. Ob der Impuls angekommen ist, kannst du in deiner eigenen Straße nachprüfen.

Und sein eigenes Jahr: Der Kalender war voll gewesen mit öffentlichen Spaziergängen, Wanderungen und Landpartien, vieles davon stand plötzlich in der Schwebe. Das gemeinsame Unterwegssein mit anderen Menschen vermisste er. Die Zeit lehre aber, bei Planungen das Unwägbare wieder einzuplanen, und stelle die Frage, was über den Tag hinaus wirklich wichtig sei.

Im Kreis gehen, allein gehen

Die ZEIT griff das Thema im April 2020 gleich zweimal auf. „Manchmal ist es am schönsten, im Kreis zu gehen“, hieß es in einem Gespräch mit Weisshaar über das Denken im Gehen. Und auf die Frage, ob man schon wieder spazieren gehen solle, antwortete er: Ja, und zwar am besten allein. Die Leipziger Volkszeitung und der MDR zitierten ihn im selben Monat mit dem Plädoyer für regelmäßige Fußmärsche im Freien, wobei es nicht immer Natur sein müsse; auch das benachbarte Gewerbegebiet tauge als Strecke.

Das Buch trägt diese Haltung schon im Titel. Wer es liest, wird die eigene Straße danach anders sehen, und die Frage, wohin die Wanderung führen soll, stellt sich gar nicht mehr. Sie beginnt an der Tür.

Weitere Bücher über Natur, Bewegung und Wohlbefinden stehen unter /category/sachbuecher/, Neuerscheinungen dieses Jahrzehnts unter /jahrzehnte/2020er/.

Fragen zu Einfach losgehen

Worum geht es in Einfach losgehen von Bertram Weisshaar?

Das Buch handelt vom Gehen in allen Formen: Spazieren, Streunen, Wandern und dem, was Weisshaar Denkengehen nennt. Er beschreibt, wie sich die Wahrnehmung schon nach wenigen Minuten verändert, und plädiert dafür, Wanderungen an der eigenen Haustür zu beginnen statt erst nach einer Anreise.

Was ist ein Spaziergangsforscher?

Die Spaziergangswissenschaft, auch Promenadologie, untersucht, wie Menschen Landschaft und Stadt im Gehen wahrnehmen. Bertram Weisshaar, ausgebildet als Fotograf und Landschaftsplaner, arbeitet seit den Neunzigerjahren freiberuflich in diesem Feld, schreibt Texte und gestaltet Audio-Walks sowie geführte Spaziergänge und Wanderungen durch Städte und Landschaften.

Wie viele Schritte am Tag empfiehlt Bertram Weisshaar?

Im Interview zum Buch verweist er auf die häufig zitierte Empfehlung von 8.000 bis 10.000 Schritten täglich. Sein Argument ist weniger die Zahl als die Einfachheit: Man steht auf, macht den ersten Schritt, und schon geht man. Ausrüstung braucht es nicht, nur Zeit.

Was sind Audio-Walks?

Geführte Spaziergänge, bei denen die Führung über Kopfhörer kommt. Weisshaar produziert sie in seinem Atelier Latent, etwa 2018 den zweiteiligen Talk Walk Audio zu Schloss Schönefeld bei Leipzig mit dem Geschäftsführer Jens Eberl, einmal zur Gegenwart, einmal zur Geschichte des Hauses.

Was meint Weisshaar mit Zeitreichtum?

Nicht fahren zu müssen, sondern gehen zu können, sei heute ein Ausdruck von Reichtum, weil es Zeit voraussetzt. Viele Menschen sagten, sie hätten keine Zeit, ihre Wege zu Fuß zurückzulegen. Im Frühjahr 2020 wurden viele vorübergehend zeitreicher, und Weisshaar riet, das zu nutzen.