Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Kubricks Satire über den Kalten Krieg
Stanley Kubricks „Dr. Seltsam“ von 1964: Handlung, Peter Sellers in drei Rollen, Ken Adams War Room, die Romanvorlage von Peter George und die Musik.

Ein General glaubt, die Kommunisten zersetzten die „wertvollen Körpersäfte“ der Amerikaner mit Fluor im Trinkwasser, und schickt deshalb Atombomber gegen die Sowjetunion. Aus dieser Prämisse hat Stanley Kubrick 1964 eine der schwärzesten Komödien der Filmgeschichte gemacht: „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, im Original „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“. In Großbritannien und den USA kam der Schwarz-Weiß-Film am 29. Januar 1964 in die Kinos, in der Bundesrepublik am 10. April.
Gelacht wird darin über das, was damals niemand komisch fand. Gut ein Jahr vor dem Kinostart, im Oktober 1962, hatte die Kubakrise die Welt an den Rand eines Atomkriegs gebracht.
Ein General, ein Rückrufcode und die Weltvernichtungsmaschine
General Jack D. Ripper, gespielt von Sterling Hayden, befiehlt den B-52-Bombern des Luftwaffenstützpunkts Burpelson den Angriff. Er lässt die Basis abriegeln, alle Radios einsammeln und seine Soldaten auf jeden schießen, der sich nähert, weil „die Roten“ auch in amerikanischer Uniform auftauchen könnten. Den Rückrufcode kennt nur er.
Im War Room des Pentagons erklärt General Buck Turgidson, gespielt von George C. Scott, dem Präsidenten Merkin Muffley die Lage. Die Bomber lassen sich nicht zurückholen, also solle man gleich alles schicken, was man hat. Die eigenen Verluste würden dann in Grenzen bleiben, versichert Turgidson, man werde sich dabei höchstens die Frisur etwas zerzausen. Muffley lehnt entsetzt ab, er will nicht als größter Massenmörder seit Adolf Hitler in die Geschichte eingehen, und holt den sowjetischen Botschafter in den Raum. Der eröffnet, dass Moskau eine Weltvernichtungsmaschine gebaut hat, die jeden Atomangriff automatisch mit einer Wolke tödlichen Fallouts beantwortet und sich nicht abschalten lässt.
Der Stützpunkt wird zurückerobert, Ripper erschießt sich, und der britische Austauschoffizier Lionel Mandrake errät den Code. Alle Bomber drehen um. Bis auf einen. Die „Leper Colony“ unter Major „King“ Kong hat nach einem Treffer der sowjetischen Flugabwehr kein Funkgerät mehr, fliegt unter dem Radar zu einem Ausweichziel und wirft die Bombe ab, nachdem Kong die klemmende Auslösung selbst repariert hat. Er reitet sie, den Cowboyhut schwenkend, bis zum Einschlag.
Im War Room schlägt der Wissenschaftler Dr. Seltsam daraufhin vor, eine Auswahl von Amerikanern in Bergwerksstollen überleben zu lassen, mit zehn Frauen pro Mann, ausgewählt von einem Computer. Die versammelten Generäle sind sofort begeistert. Dr. Seltsam springt aus dem Rollstuhl und ruft: „Mein Führer, ich kann wieder gehen!“ Dann folgen die Explosionen, unterlegt mit Vera Lynns „We’ll Meet Again“.
Peter Sellers in drei Rollen
Der eigentliche Motor des Films ist Peter Sellers, der gleich drei Figuren spielt und viele Dialoge improvisierte: den höflichen, zunehmend verzweifelten Mandrake, den besonnenen und sichtlich überforderten Präsidenten Muffley und Doktor Seltsam selbst, einen ehemaligen deutschen Rüstungsforscher mit schwarzem Handschuh, dessen rechte Hand gegen den eigenen Willen zum Hitlergruß hochfährt.
Für die Figur gab es keine einzelne Vorlage. Genannt werden der Militärstratege Herman Kahn, der mit „On Thermonuclear War“ 1960 selbst über eine Weltvernichtungsmaschine nachgedacht hatte, außerdem Wernher von Braun, Edward Teller und John von Neumann. Der Originalname Strangelove heißt wörtlich „seltsame Liebe“.
Eigentlich sollte Sellers auch Major Kong spielen. Er gab die Rolle wegen einer Verletzung am Bein ab, und der Westerndarsteller Slim Pickens übernahm. Ob die Verletzung echt war oder Sellers sich nur vor dem texanischen Akzent drücken wollte, darüber wird bis heute gerätselt.
Zu Scotts Turgidson noch ein Hinweis: Kubrick ließ ihn einige Szenen übertrieben spielen, angeblich als Probe, und nahm dann genau diese Aufnahmen. Wenn du auf Scotts Gesicht achtest, während Turgidson über Megatote doziert, verstehst du, warum.
Ken Adams War Room und die Musik
Den War Room entwarf der Szenenbildner Ken Adam, der auch für die frühen James-Bond-Filme die Hauptquartiere der Schurken baute: ein riesiger dreieckiger Raum, ein runder Tisch unter einem Lichtring, an der Wand leuchtende Weltkarten. Filme und Zeichentrickserien haben diesen Raum seither immer wieder zitiert.
Weniger beachtet wurde das Innere der B-52, gerade weil es so echt wirkt. In den USA war das Cockpit des Bombers geheim. Adam hatte sich an Fotos aus einer britischen Fliegerzeitschrift orientiert, und eines Tages bekam er eine Notiz von Kubrick, das FBI könnte sich für seine Quellen interessieren.
Die Musik kommentiert mit. Zum Vorspann, in dem ein Tankflugzeug einen Bomber in der Luft betankt, läuft eine süßliche Orchesterfassung von „Try a Little Tenderness“. In den Szenen an Bord der Leper Colony erklingt „When Johnny Comes Marching Home“, ein Lied aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg über die Heimkehr der Soldaten. Und das Ende der Welt begleitet Vera Lynns sentimentaler Schlager aus dem Zweiten Weltkrieg.
Vom ernsten Roman zur Satire
Die Vorlage war alles andere als komisch. Peter George hatte 1958 unter dem Pseudonym Peter Bryant einen Thriller über einen Atomangriff aus Versehen veröffentlicht, in den USA als „Red Alert“, auf Deutsch später als „Bei Rot: Alarm!“. Kubrick kaufte die Rechte und begann mit George ein ernstes Drehbuch. Je länger die beiden an den Szenen arbeiteten, desto absurder kamen ihnen die Logik der Abschreckung und ihre Sprache vor. Kubrick holte den Satiriker Terry Southern dazu, und aus dem Thriller wurde eine Groteske. Gedreht wurde in den Shepperton Studios bei London.
Der Kinostart war ursprünglich für Dezember 1963 geplant. Nach dem Attentat auf John F. Kennedy am 22. November wurde er verschoben, und in Kongs Monolog über die Notfallausrüstung, mit der man sich „ein schönes Wochenende in Dallas“ machen könne, wurde „Dallas“ durch „Vegas“ ersetzt. Achte bei der Szene einmal auf Slim Pickens’ Lippen.
„Dr. Seltsam“ bekam vier Oscar-Nominierungen und keinen Preis, bei den BAFTA Awards wurde er bester Film. Sidney Lumets „Fail Safe“, ein ernster Film über denselben Albtraum, kam im selben Jahr heraus und ging neben Kubricks Satire fast unter. Als Donald Trump 2017 Nordkorea mit „Feuer und Zorn“ drohte und Anfang 2018 auf Twitter die Größe seines Atomknopfs verglich, wurde der Film in Kommentaren wieder zitiert. Mehr Klassiker des Jahrzehnts findest du unter 1960er und in der Übersicht Filme.
Kubrick hatte übrigens noch ein anderes Ende gedreht: eine Tortenschlacht im War Room, bei der sich Generäle, Botschafter und Präsident mit Sahnetorten bewerfen. Er schnitt sie heraus.
Fragen zu Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Worum geht es in „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“?
Ein paranoider US-General schickt eigenmächtig B-52-Bomber mit Atomwaffen gegen die Sowjetunion. Im War Room des Pentagons versuchen der Präsident und seine Berater, die Maschinen zurückzurufen, während sich herausstellt, dass die Sowjets eine Weltvernichtungsmaschine gebaut haben. Ein einziger Bomber erreicht sein Ziel.
Welche Rollen spielt Peter Sellers?
Peter Sellers spielt drei Figuren: den britischen Austauschoffizier Lionel Mandrake, den US-Präsidenten Merkin Muffley und den deutschstämmigen Wissenschaftler Dr. Seltsam. Ursprünglich sollte er auch den Bomberpiloten Major Kong übernehmen, die Rolle ging dann an Slim Pickens.
Auf welchem Buch beruht der Film?
Die Vorlage ist der Roman „Red Alert“ von Peter George, auf Deutsch „Bei Rot: Alarm!“. Das Buch ist ein ernster Thriller. Erst beim Schreiben des Drehbuchs, an dem neben Kubrick und George auch Terry Southern beteiligt war, wurde daraus eine Satire.
Wer war das Vorbild für Doktor Seltsam?
Eine einzelne Vorlage gibt es nicht. Als Anregungen gelten der Militärstratege Herman Kahn, der Raketeningenieur Wernher von Braun, der Physiker Edward Teller und der Mathematiker John von Neumann. Der Originalname Strangelove heißt wörtlich seltsame Liebe.
Wann kam „Dr. Seltsam“ in die Kinos?
In den USA und Großbritannien lief der Film am 29. Januar 1964 an, in der Bundesrepublik am 10. April 1964. Ursprünglich war der Start früher geplant, wurde nach dem Attentat auf John F. Kennedy im November 1963 aber verschoben.
Hat der Film Preise gewonnen?
„Dr. Seltsam“ war für vier Oscars nominiert, darunter bester Film, beste Regie und bester Hauptdarsteller für Peter Sellers, gewann aber keinen. Bei den britischen BAFTA Awards wurde er als bester Film ausgezeichnet.