Die Cocktail-Revolution von Nicole Herft
Ein Rezeptbuch zwischen Klassikern und der neuen Barkultur
Die Cocktail-Revolution von Nicole Herft stellt klassische und moderne Drinks vor. Was das Buch leistet, woher die Cocktail-Revolution der Bars seit den 2000er Jahren kommt und welche Rezepte tragen.
Der Titel verspricht mehr, als ein Rezeptbuch halten kann, aber er trifft einen Punkt. Die Cocktail-Revolution von Nicole Herft ist ein Buch für die Hausbar, geschrieben in einer Zeit, in der Cocktails wieder ernst genommen werden: mit frischem Saft, richtigem Eis und Rezepturen, die man abmisst statt schätzt. Herft, die als Food-Stylistin und Kochbuchautorin in London arbeitet, hat daraus ein Buch gemacht, das sich an Anfänger richtet und trotzdem nicht herablassend ist.
Um zu verstehen, was daran revolutionär sein soll, hilft ein Blick auf die Barkultur davor.
Was die Cocktail-Revolution war
In den 1970er und 1980er Jahren war der Cocktail in den meisten Bars ein süßes Getränk aus Fertigmischung, Fruchtsirup und Eis aus dem Beutel. Piña Colada, Tequila Sunrise, Sex on the Beach. Die Rezepte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, gesammelt in Jerry Thomas’ „How to Mix Drinks“ von 1862 oder Harry Johnsons „Bartenders’ Manual“, waren vergessen.
Die Wende kam Ende der 1990er Jahre. Dale DeGroff hatte im Rainbow Room in New York begonnen, frisch gepresste Säfte und historische Rezepte zu verwenden. 1999 eröffnete Sasha Petraske in der Lower East Side die Bar Milk & Honey: kein Schild, Reservierung nur per Telefon, Hausregeln, handgeschnittenes Eis und Rezepte, die auf den Milliliter stimmen mussten. Von dort aus verbreitete sich das Konzept nach London, Berlin und in fast jede Großstadt.
Die Cocktail-Revolution war also eine Rückkehr. Sie brachte die Prä-Prohibitions-Klassiker zurück, den Old Fashioned, den Manhattan, den Daiquiri in seiner ursprünglichen Form, und sie stellte das Handwerk über die Show.
Was Nicole Herft daraus macht
Herfts Buch überträgt diese Haltung in die Küche. Die Rezepte sind in Gruppen sortiert, nach Spirituose oder nach Anlass, und jedes Rezept nennt Zutaten in Millilitern, das Werkzeug und die Glasform. Das ist banal, wird aber in vielen Cocktailbüchern für Einsteiger unterschlagen.
Die Klassiker sind komplett: Negroni, Martini, Whiskey Sour, Margarita, Mojito, Daiquiri. Dazu kommen Drinks, die die Cocktail-Revolution hervorgebracht hat, etwa Varianten mit hausgemachten Sirupen, mit Kräutern oder mit Aperitifs, die in den 2010er Jahren wieder in Mode kamen.
Die Grundlagenkapitel sind der brauchbarste Teil. Herft erklärt, warum Eis aus dem Gefrierfach zu schnell schmilzt, wie ein einfacher Zuckersirup entsteht und warum ein Drink mit Zitrusfrucht geschüttelt und einer ohne gerührt wird. Wer das verstanden hat, braucht die Hälfte der Rezepte nicht mehr.
Die Fotografie ist, wie bei Herft üblich, aufgeräumt und hell. Das passt zum Konzept eines Buchs, das Cocktails aus der dunklen Bar in die Küche holt.
Drei Rezepte, die tragen
Der Negroni besteht aus gleichen Teilen Gin, rotem Wermut und Campari, gerührt auf Eis, mit einer Orangenzeste. Erfunden wurde er der Legende nach in Florenz um 1919, als ein Graf Negroni seinen Americano mit Gin statt Soda bestellte. Er ist bitter, stark und in zwei Minuten fertig.
Der Daiquiri in der Grundform: Rum, Limettensaft, Zuckersirup, geschüttelt, ins gekühlte Glas abgeseiht. Kein Erdbeerpüree, keine Eismaschine. Diese Form stammt aus Kuba und war lange vor der Frozen-Version da.
Der Whiskey Sour: Bourbon, Zitronensaft, Zuckersirup, auf Wunsch etwas Eiweiß für den Schaum. Die Sour-Formel, Spirituose plus Säure plus Süße, ist die Grundlage von Margarita, Sidecar und Dutzenden anderer Drinks. Wer den Sour beherrscht, kann fast alles.
Wo das Buch seine Grenzen hat
Wer bereits zwei Cocktailbücher besitzt, findet hier wenig Neues. Die Cocktail-Revolution ist ein Einstiegsbuch, und die Geschichte der Drinks, die für viele Leser der eigentliche Reiz der Barkultur ist, kommt nur in Nebensätzen vor. Auch die Spirituosenkunde bleibt knapp: Welcher Gin, welcher Rum, welcher Wermut, das musst du dir anderswo zusammensuchen.
Im Regal der Sachbücher zur Lebensart der 2010er Jahre steht das Buch neben den Titeln, die den Trend zur Hausbar begleitet haben. Es ist das freundlichste davon und nicht das gründlichste.
Eine Bemerkung zum Eis, weil Herft darauf besteht und recht hat: Große Würfel aus einer Silikonform, aus abgekochtem Wasser, schmelzen langsamer und verwässern weniger. Der Unterschied ist im Glas zu schmecken.
Fragen zu Die Cocktail-Revolution
Was steht in Die Cocktail-Revolution von Nicole Herft?
Rezepte für klassische Cocktails wie Old Fashioned, Negroni oder Daiquiri und für neuere Drinks, dazu Grundlagen zu Barwerkzeug, Eis, Sirupen und Zitrusfrüchten. Das Buch richtet sich an Menschen, die zu Hause mixen wollen, nicht an Profis.
Was ist mit der Cocktail-Revolution gemeint?
Die Rückkehr handwerklicher Cocktails seit Ende der 1990er Jahre: frisch gepresster Saft statt Fertigmix, klares Eis, gemessene Rezepturen und die Wiederentdeckung von Rezepten aus der Zeit vor der Prohibition. Bars wie Milk & Honey in New York gelten als Ausgangspunkt.
Braucht man für die Rezepte teure Ausstattung?
Nein. Ein Shaker, ein Rührglas, ein Barlöffel, ein Sieb und ein Messbecher reichen für fast alle Drinks. Wichtiger als Werkzeug sind gutes Eis und frische Zitrusfrüchte.
Welche Cocktails eignen sich für Einsteiger?
Drinks mit drei Zutaten und klarer Struktur: Negroni (Gin, Wermut, Campari), Daiquiri (Rum, Limette, Zucker) und Whiskey Sour (Whiskey, Zitrone, Zucker). Wer diese drei beherrscht, versteht die Grundformeln fast aller anderen.