Deutschland 1968
Achtundsechzig in der Literatur, in der Musik und im Film
Deutschland 1968: die ARD-Dokumentation Deutschland '68, die wichtigsten Bücher von Siegfried, Frei, Kraushaar und Koch, die Schlager des Jahres und eine Chronik der Ereignisse.

Demonstrierende Studenten, Polizisten mit Schlagstöcken und Wasserwerfern, Sit-ins in Hörsälen, die ersten Kommunen. Diese Bilder aus dem Jahr 1968 kennt jeder. Die Musik wurde lauter, die Haare der Männer länger, die Röcke kürzer, und nichts davon war geplant oder organisiert.
Daneben gab es das andere Deutschland. Die Frau am Herd, der Mann beim Frühschoppen, und in den Charts zog der dreizehnjährige Heintje mit „Mama“ an den Beatles und den Rolling Stones vorbei. Wer 1968 verstehen will, muss beide Seiten zusammen sehen.
Die Dokumentation Deutschland ’68
Der Film „Deutschland ’68“ von Caroline Pellmann und János Kereszti, eine Bremedia-Produktion für Radio Bremen, NDR und BR, lief am 26. März 2018 im Ersten. Er zeigt das Jahr in der Bundesrepublik und in der DDR, in der Großstadt und auf dem Land, erzählt von Menschen, die es auf sehr verschiedene Weise erlebt haben.
Barbara Köster war Studentin in Frankfurt und Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund. „Das war eine antiautoritäre Bewegung“, sagt sie. „Wir waren gegen Autorität jeglicher Art, in der Familie, im Gericht, im Hörsaal, zwischen den Geschlechtern.“ Peter Wietzke stand als junger Polizist in Berlin auf der anderen Seite, bei fast jeder Demonstration. Für die Musik und das Aufbegehren hatte er Sympathie, für die Aggression nicht: „Fast immer gab es verbale Aggressionen, meistens flogen danach Eier und später auch Steine.“
In der DDR baute die SED ihre Macht aus, während viele vom Prager Frühling träumten. Andreas Pilz malte mit seinem Bruder und zwei Freunden in einem Ort nahe der tschechischen Grenze Plakate gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche. Die vier Schüler wurden erwischt und von der Stasi verhört, zwei flogen von der Schule.
Heinz Rittermeier, Sohn einer Stahlarbeiterfamilie aus Bochum, erinnert sich an Studenten, die das Schild „Springer-Platz“ abreißen wollten, ohne zu wissen, dass der Platz nach dem Widerstandskämpfer Karl Springer benannt war und nicht nach dem Verleger. Studenten und Arbeiter fanden 1968 selten zusammen. Evelyn Frisinger verkaufte in ihrer Bremer Boutique lieber kurze Röcke und durchsichtige Blusen, als auf Demonstrationen zu gehen, und war trotzdem sicher: „Wir waren alle links.“ Rittermeier widerspricht dem Wort Revolution. Verändert habe sich die Gesellschaft nicht auf einen Schlag, aber es seien Reformen angestoßen worden.
Die Bücher zum Jahr

Detlef Siegfried zeigt in „1968: Protest. Revolte. Gegenkultur“ (Reclam, 2018, 299 Seiten), dass nichts erst in diesem Jahr begann. Die Pille, die Musikfestivals, die Kommunen, die neuen Zeitschriften hatten Vorläufer, und die Revolte der Schüler, Studenten und Lehrlinge brauchte Vorarbeit. Siegfried nimmt neben Berlin und Frankfurt auch die Provinz in den Blick und fragt am Ende, was aus all den Linken wurde.
Norbert Frei sieht in „1968: Jugendrevolte und globaler Protest“ (dtv, 288 Seiten) die Anfänge in den USA, wo im Kampf um die Gleichberechtigung der Schwarzen seit den Fünfzigern die Protestformen entstanden: Sit-ins, Go-ins, Happenings. Die Bilder glichen sich weltweit, die Gründe nicht. In Deutschland trieb die unbewältigte NS-Vergangenheit, in Frankreich der Verdruss an den neuen Universitäten, in England die Popkultur; der Vietnamkrieg war überall das Motiv.
Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung zieht in „Achtundsechzig: Eine Bilanz“ (Propyläen, 336 Seiten) den unbequemsten Schluss. Er weist führenden Köpfen der Bewegung eine problematische Nähe zur Gewalt nach, antisemitische und nationalistische Tendenzen und ein unausgegorenes Verhältnis zur deutschen Vergangenheit. Wer die Mythen der Achtundsechziger liebt, wird das Buch nicht mögen. Lesen sollte er es trotzdem.
Rudolf Sievers hat in „1968: Eine Enzyklopädie“ (edition suhrkamp, 490 Seiten) die intellektuellen Quellen der Bewegung gesammelt, von Karl Marx über Jean-Paul Sartre bis Peter Handke, und in den Randspalten alle 365 Tage des Jahres notiert. Peter Sloterdijk nannte es das „dichteste Jahr der Weltgeschichte“, die Französische Revolution vielleicht ausgenommen. Claus Koch erzählt in „1968: Drei Generationen – eine Geschichte“ (Gütersloher Verlagshaus, 2018, 288 Seiten) von den Eltern, die das Land in Schutt und Asche legten und wieder aufbauten, von den Kindern, die es 1968 noch einmal anzünden wollten, und von den Enkeln. Und der Wartberg-Band „Wir vom Jahrgang 1968“ von Martin von Arndt erinnert die, die in diesem Jahr geboren wurden, an Bonanzarad, Barbie, Latzhosen und Interrail.
Die Musik des Jahres
Die Beatles und die Bee Gees beherrschten die Hitparaden, „Albatross“ von Fleetwood Mac, „Mrs. Robinson“ von Simon and Garfunkel und „Light My Fire“ in der Version von José Feliciano liefen im Radio. Die meistverkaufte Single in Deutschland war trotzdem „Mama“ von Heintje.
Die Schlager des Jahres versammeln mehrere Compilations, etwa „Die Schlager des Jahres 1968“ (Musictales, 2018) oder die Box „Deutsche Schlager 1967–1969“ von Polydor. Wer darin blättert, findet Roy Black mit „Bleib bei mir“, Wencke Myhre mit dem „Flower-Power-Kleid“, Drafi Deutscher mit „Der Hauptmann von Köpenick“, France Gall mit „Der Computer“, Graham Bonney mit „Wähle 3-3-3“, Siw Malmkvist mit „Harlekin“, Dorthe mit „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ und Karel Gott mit „Delilah“. Eine Welt, in der die Studentenbewegung nicht vorkam, und die sich trotzdem im selben Jahr abspielte.
Im Kino lachte das Land über „Die Lümmel von der ersten Bank“ und sah „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ nach dem Roman von Eric Malpass, uraufgeführt in Essen; die Filmmusik von James Last wurde selbst ein Hit. In New York hatte im April das Musical „Hair“ Premiere.
Chronik 1968
Das Jahr begann mit der Mehrwertsteuer: Am 1. Januar führte die Bundesrepublik sie mit zehn Prozent ein, ermäßigt fünf Prozent für Nahrungsmittel und Druckerzeugnisse. Am 18. Januar begann in Aachen der Contergan-Prozess. Am 30. Januar startete die Tet-Offensive in Vietnam; sie scheiterte militärisch, machte der amerikanischen Öffentlichkeit aber zum ersten Mal klar, dass der Krieg verloren gehen konnte. Am 16. März töteten US-Soldaten in My Lai 503 Zivilisten, bekannt wurde das Massaker erst ein Jahr später.
Am 3. April legten Andreas Baader und Gudrun Ensslin in einem Frankfurter Kaufhaus Feuer. Am 4. April wurde Martin Luther King in Memphis erschossen. Am 11. April schoss Josef Bachmann in Berlin auf Rudi Dutschke; es folgten die Osterunruhen mit Hunderten Verletzten und zwei Toten, gerichtet vor allem gegen den Springer-Verlag. Im Mai besetzten Studenten in Paris die Sorbonne, am 5. Juni starb Robert Kennedy, am 28. Juni traten in Bonn die Notstandsgesetze in Kraft.
In der Tschechoslowakei hatte Alexander Dubček seit Januar die Zensur gelockert. In der Nacht zum 21. August marschierten rund eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts ein, Dubček wurde nach Moskau gebracht und durch Gustáv Husák ersetzt. Im November verkündete Leonid Breschnew die Doktrin der beschränkten Souveränität, die den Einmarsch nachträglich rechtfertigen sollte.
Der Rest des Jahres las sich so: Am 7. Juni eröffnete in Billund das erste Legoland, am 18. Juli gründeten Robert Noyce und Gordon Moore die Firma Intel. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt sprang Bob Beamon 8,90 Meter weit. Jacqueline Kennedy heiratete am 20. Oktober den Reeder Aristoteles Onassis. Am 5. November gewann Richard Nixon die Präsidentschaftswahl. Graham Hill wurde zum zweiten Mal Formel-1-Weltmeister, Italien Fußball-Europameister, der 1. FC Nürnberg Deutscher Meister. In Ägypten versetzten Ingenieure die Tempel von Abu Simbel wegen des Nasser-Stausees auf höheres Gelände. Die Hongkong-Grippe forderte weltweit fast eine Million Tote. Und im Dezember umkreisten die drei Astronauten von Apollo 8 als erste Menschen den Mond.
Du kannst das Jahr also als Revolte lesen oder als Heintje-Jahr. Beides stimmt, und die Zeitzeugen im Film widersprechen sich bis heute darüber, welches davon das eigentliche 1968 war.
Mehr aus dem Jahrzehnt steht unter /jahrzehnte/1960er/, die Sachbücher zur Zeitgeschichte unter /category/sachbuecher/.
Fragen zu Deutschland 1968
Worum geht es in der Dokumentation Deutschland '68?
Der Film von Caroline Pellmann und János Kereszti, produziert von Bremedia für Radio Bremen, NDR und BR, lief am 26. März 2018 im Ersten. Er zeigt das Jahr 1968 aus der Sicht von Zeitzeugen in Ost und West: einer Frankfurter SDS-Studentin, einem Berliner Polizisten, einem Bochumer Stahlarbeiter-Sohn, einer Bremer Boutiquenbesitzerin und einem DDR-Schüler, den die Stasi verhörte.
Welche Bücher über 1968 lohnen sich?
Detlef Siegfried erklärt in 1968: Protest. Revolte. Gegenkultur (Reclam, 2018), was der Revolte vorausging. Norbert Frei verfolgt in 1968: Jugendrevolte und globaler Protest die Bewegung von den USA bis hinter den Eisernen Vorhang. Wolfgang Kraushaar zieht in Achtundsechzig: Eine Bilanz kritisch Bilanz, und Rudolf Sievers versammelt in 1968: Eine Enzyklopädie die Bezugstexte der Studenten von Marx bis Handke.
Welche Musik lief 1968 in Deutschland?
In den Hitparaden dominierten die Beatles und die Bee Gees, die meistverkaufte Single des Jahres in Deutschland war aber Mama des dreizehnjährigen Heintje. Daneben liefen Roy Black, Wencke Myhre, Drafi Deutscher, France Gall und Graham Bonney. Compilations wie Die Schlager des Jahres 1968 oder Deutsche Schlager 1967–1969 versammeln diese Titel.
Was geschah 1968 in der Bundesrepublik?
Am 1. Januar wurde die Mehrwertsteuer mit zehn Prozent eingeführt, am 18. Januar begann in Aachen der Contergan-Prozess. Am 3. April verübten Andreas Baader und Gudrun Ensslin einen Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus, am 11. April schoss Josef Bachmann in Berlin auf Rudi Dutschke, es folgten die Osterunruhen. Am 28. Juni traten die Notstandsgesetze in Kraft, und der 1. FC Nürnberg wurde Deutscher Meister.
Was war der Prager Frühling?
Unter Alexander Dubček, seit Januar 1968 Erster Sekretär der KSČ, lockerte die Tschechoslowakei die Verhältnisse und hob die Pressezensur auf; das Motto lautete Sozialismus mit menschlichem Antlitz. In der Nacht zum 21. August marschierten etwa eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts ein, Dubček wurde nach Moskau gebracht und durch Gustáv Husák ersetzt.
Welche Filme liefen 1968 in den deutschen Kinos?
Zu den Kassenerfolgen gehörten Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung nach Eric Malpass, uraufgeführt in Essen, und die Schulkomödie Die Lümmel von der ersten Bank. Beide zeigen die andere Seite des Jahres: das konservative, heitere Deutschland fernab der Demonstrationen.