Das Nazi-Geheimnis vom Toplitzsee
Falschgeld, Marineversuche und der Toplitzseewurm im Salzkammergut
Das Nazi-Geheimnis vom Toplitzsee: versenkte Kisten, Falschgeld aus der Operation Bernhard, Marineversuche, Tauchexpeditionen und der Toplitzseewurm.
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, Ende April und Anfang Mai 1945, sollen SS-Männer am Ufer eines kleinen Bergsees im steirischen Salzkammergut Kisten ins Wasser geworfen haben. Was darin war, wusste niemand genau, und genau das machte den Toplitzsee zum Schauplatz einer der hartnäckigsten Legenden der Nachkriegszeit: Unmengen von Raubgold sollen dort auf dem Grund liegen. Die Dokumentation „Das Nazi-Geheimnis vom Toplitzsee“, die im deutschen Fernsehen unter anderem bei ZDFinfo lief, folgt dieser Legende und den Expeditionen, die sie überprüfen wollten.
Ein See ohne Sauerstoff
Der Toplitzsee liegt in der Gemeinde Grundlsee im Ausseerland, am Südfuß des Toten Gebirges. Er ist etwa 1,9 Kilometer lang und 400 Meter breit, fast rundum von steilen, bewaldeten Hängen umschlossen und bis zu 103 Meter tief.
Das Besondere liegt unter der Oberfläche. Der Toplitzsee ist ein meromiktischer See, seine Wasserschichten mischen sich nicht. Bis in etwa 20 Meter Tiefe gibt es Sauerstoff und Fische, darunter ist das Wasser sauerstofffrei, und der Salzgehalt steigt mit der Tiefe deutlich an. Was dort hinabsinkt, verrottet kaum. Versunkene Baumstämme liegen in Schichten in der Tiefe und machen Tauchgänge gefährlich.
Genau diese Bedingungen machen den See für Biologen interessant. Als der Verhaltensforscher Hans Fricke ab 1983 mit dem Forschungs-U-Boot GEO in die Tiefe fuhr, dem ersten bemannten Forschungstauchboot aus Deutschland, das er selbst hatte entwickeln lassen, fand er in rund 60 Metern einen Wurm, der im sauerstofffreien Wasser lebt, und bis dahin unbekannte Bakterienarten. Der Toplitzseewurm ist seitdem der eigentliche Schatz des Sees, zumindest aus Sicht der Wissenschaft. Seine Tauchfahrten beschrieb Fricke später im Buch „Mythos Toplitzsee“.
Die Versuchsstation der Kriegsmarine
Dass am Toplitzsee überhaupt militärisches Gerät lag, hat einen nüchternen Grund. Von 1943 bis 1945 betrieb eine chemisch-physikalische Versuchsanstalt der deutschen Kriegsmarine am Nordwestufer eine Versuchsstation. Dort wurden Unterwasserexplosionen getestet und eine Unterwasserrakete unter dem Projektnamen „Ursel“ erprobt. Die größte Sprengung am 30. Juni 1944 zündete 4.000 Kilogramm Sprengstoff. Der abgelegene, tiefe und von außen kaum einsehbare See war dafür ideal.
Falschgeld statt Gold
Ende April und Anfang Mai 1945 landete tatsächlich Brisantes im Wasser: Kisten mit gefälschten britischen Pfundnoten aus der Operation Bernhard. Unter diesem Decknamen hatte die SS Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen Banknoten in riesiger Menge fälschen lassen, um die britische Wirtschaft zu schwächen. Die Fälschungen waren so gut, dass sie selbst für Bankfachleute schwer zu erkennen waren. Stefan Ruzowitzky hat die Geschichte der Häftlinge in der Fälscherwerkstatt 2007 in „Die Fälscher“ verfilmt, der Film gewann den Oscar als bester fremdsprachiger Film.
Die erste große Bergung organisierte 1959 die Illustrierte Stern. Ab dem 26. Juli 1959 holten Taucher unter der Leitung des Journalisten Wolfgang Löhde mehrere Kisten mit Falschgeld aus dem See. Vier Jahre später, 1963, ertrank bei einer weiteren, staatlich unterstützten Bergungsaktion ein 19-jähriger Taucher. Zwischen 1983 und 1987 fanden Frickes Expeditionen neben dem Wurm weitere Kisten mit Falschgeld, Munition, Raketentreibstoff, Waffen und Teile, die einem Flugzeug zugeschrieben wurden. Im Jahr 2000 suchte schließlich das US-Unternehmen Oceaneering drei Wochen lang den Grund ab. Zusammengerechnet entsprachen die im See gefundenen Pfundnoten einem Scheinwert von rund zwölf Millionen D-Mark.
Gold fand keine dieser Expeditionen. Die Legende blieb trotzdem.
Das Ausseerland bei Kriegsende
Wenn du verstehen willst, warum sich die Gerüchte ausgerechnet hier so lange halten, hilft ein Blick auf die Umgebung im Mai 1945. Das Ausseerland galt als Teil der sogenannten Alpenfestung, in die sich hohe Funktionäre des NS-Regimes zurückzogen. Adolf Eichmann hielt sich bei Kriegsende in der Gegend um Altaussee auf, bevor er untertauchte und später nach Argentinien floh. Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamts, wurde im Mai 1945 in einer Hütte im Toten Gebirge verhaftet. Und im Salzbergwerk Altaussee lagerten Tausende geraubte Kunstwerke, darunter der Genter Altar der Brüder van Eyck und Michelangelos Brügger Madonna.
In einer Landschaft, in der Kunstschätze in Stollen und Kriegsverbrecher in Almhütten auftauchten, klang die Geschichte vom Gold im See nicht abwegig.
Seit 1991 steht der Toplitzsee unter Naturschutz, Tauchen ist verboten. Von Gößl am Grundlsee aus erreicht man das Ufer zu Fuß, und Boote bringen Besucher über das dunkle Wasser in Richtung Kammersee. Weitere Dokumentationen über die 1940er Jahre und andere Fernsehtipps stehen unter Filme.
Fragen zu Das Nazi-Geheimnis vom Toplitzsee: Falschgeld, Marineversuche und der Toplitzseewurm im Salzkammergut
Liegt im Toplitzsee wirklich Nazigold?
Belegt ist das nicht. Geborgen wurden vor allem Kisten mit gefälschten britischen Pfundnoten aus der Operation Bernhard, dazu Munition, Waffen und Überreste der Versuche der Kriegsmarine. Die Legende vom versenkten Raubgold hält sich trotzdem seit Kriegsende.
Was ist der Toplitzseewurm?
Ein Wurm, der 1983 bei Tauchfahrten des Biologen Hans Fricke mit dem Forschungs-U-Boot GEO in rund 60 Metern Tiefe entdeckt wurde. Bemerkenswert ist er, weil er im sauerstofffreien, salzhaltigen Tiefenwasser des Sees lebt, in dem kaum ein anderes Tier überlebt. Bei denselben Expeditionen fanden die Forscher auch bisher unbekannte Bakterien.
Wie tief ist der Toplitzsee?
Der See ist bis zu 103 Meter tief, rund 1,9 Kilometer lang und etwa 400 Meter breit. Unterhalb von ungefähr 20 Metern enthält das Wasser keinen Sauerstoff mehr, und der Salzgehalt nimmt mit der Tiefe deutlich zu.
Was war die Operation Bernhard?
Unter diesem Decknamen ließ die SS im Zweiten Weltkrieg britische Pfundnoten in großer Zahl fälschen, hergestellt von Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen. Mit dem Falschgeld sollte die britische Wirtschaft geschwächt werden. Bei Kriegsende wurden Teile davon im Toplitzsee versenkt.
Darf man im Toplitzsee tauchen?
Nein. Der See steht seit 1991 unter Naturschutz, Tauchen und die meisten Wassersportarten sind verboten. Besucher können den See aber auf einer Bootsfahrt überqueren.
Wo liegt der Toplitzsee?
Im steirischen Salzkammergut, im Ausseerland, in der Gemeinde Grundlsee am Südfuß des Toten Gebirges. Erreichbar ist er von Gößl am Ostende des Grundlsees aus.