Der Zirkus von 1928 aus dem Charlie Chaplin Filmstudio
Der Tramp in der Manege, das Chaos hinter den Kulissen und der erste Oscar
Der Zirkus von 1928: Wie der Tramp im Charlie Chaplin Filmstudio an der La Brea Avenue entstand, warum die Dreharbeiten zum Desaster wurden und was der Ehren-Oscar von 1929 bedeutete.
Der Tramp steht auf einem Hochseil, ein Sicherungsgurt hat sich gelöst, und drei Affen klettern ihm ins Gesicht. Diese Szene aus „Der Zirkus“ von 1928 gehört zu den besten, die Charlie Chaplin je gedreht hat, und der Film, aus dem sie stammt, ist zugleich der, über den er am wenigsten sprechen wollte. Was im Charlie Chaplin Filmstudio an der La Brea Avenue zwischen 1926 und 1928 geschah, war ein Desaster mit einem Meisterwerk als Nebenprodukt.
Der Ehren-Oscar, den Chaplin dafür 1929 bekam, war der erste seiner Laufbahn. Er hat ihn angeblich als Türstopper benutzt.
Der Tramp in der Manege: Worum es in Der Zirkus geht
Der Tramp gerät auf der Flucht vor einem Polizisten in eine Zirkusvorstellung, stolpert durch die Manege und bringt das Publikum zum Lachen, ohne es zu wollen. Der Direktor stellt ihn ein, aber jeder Versuch, absichtlich komisch zu sein, scheitert. Nur wenn der Tramp nichts ahnt, funktioniert er.
Dazu kommt die Reiterin, gespielt von Merna Kennedy, die Tochter des Direktors, die von ihrem Vater geschlagen wird und in die sich der Tramp verliebt. Sie liebt einen anderen, den Seiltänzer. Am Ende zieht der Zirkus weiter, und der Tramp bleibt allein auf dem Platz zurück, zerknüllt ein Stück Papier und geht davon.
Es ist ein Film über einen Komiker, der nicht weiß, warum er komisch ist. Chaplin, der genau wusste, warum er komisch war, hat damit etwas über sich selbst gesagt.
Das Charlie Chaplin Filmstudio und die Dreharbeiten, die nicht enden wollten
Chaplin hatte sein Studio 1917 bauen lassen, mit Fassaden im Stil englischer Landhäuser, damit es von der Straße aus nicht wie ein Studio aussah. Er war der einzige Eigentümer und drehte dort ohne Zeitdruck, weil niemand ihn drängen konnte. Für „Der Zirkus“ wurde das zum Problem.
Im September 1926 brannte das Zirkuszelt-Set ab. Kurz darauf reichte Lita Grey, seine zweite Frau und Mutter seiner beiden Söhne, die Scheidung ein, mit einer Klageschrift, die in Hollywood herumgereicht wurde und Chaplins Ruf beschädigte. Die Steuerbehörde meldete Forderungen an. Die Produktion stand acht Monate still, das Negativ wurde außer Landes gebracht, damit es nicht beschlagnahmt werden konnte, und Chaplins Haare wurden in dieser Zeit grau.
Die Seiltanzszene, für die Chaplin wochenlang trainiert hatte, musste nach dem Verlust von Material neu gedreht werden. Wer sie heute sieht, sieht einen Mann, der wirklich auf einem Seil steht und wirklich Affen im Gesicht hat.
Charlie Chaplin Oscar 1929: Der erste Sonderpreis der Academy
Bei der ersten Verleihung der Academy Awards im Mai 1929 bekam Chaplin einen Ehrenpreis „für Vielseitigkeit und Genialität beim Schreiben, Spielen, Inszenieren und Produzieren“ von „Der Zirkus“. Die Academy hatte ihn zunächst regulär nominiert, als Schauspieler und als Regisseur einer Komödie, und die Nominierungen dann gestrichen, um ihn aus dem Wettbewerb zu nehmen.
Chaplin blieb der Zeremonie fern. Sein Verhältnis zu Hollywood war schon damals distanziert, und es wurde nicht besser. Der zweite Ehren-Oscar kam 1972, als Chaplin nach 20 Jahren Exil zum ersten Mal wieder amerikanischen Boden betrat und im Dorothy Chandler Pavilion minutenlang stehend gefeiert wurde. Der dritte, ein regulärer Oscar für die beste Filmmusik, folgte 1973 für „Rampenlicht“, einen Film von 1952, der erst 20 Jahre später in Los Angeles gezeigt worden war.
Charlie Chaplin alt: Die späten Jahre und die Familie
Chaplin verließ die USA 1952. Als er sich mit dem Schiff auf dem Weg nach London befand, entzog ihm der amerikanische Justizminister das Wiedereinreiserecht, mit der Begründung, seine politischen Ansichten seien zu prüfen. Er ließ sich in Corsier-sur-Vevey am Genfer See nieder und blieb dort bis zu seinem Tod am 25. Dezember 1977, mit 88 Jahren.
Mit Oona O’Neill, der Tochter des Dramatikers Eugene O’Neill, die er 1943 geheiratet hatte, bekam er acht Kinder. Die älteste Tochter, Geraldine Chaplin, wurde selbst Schauspielerin und spielte 1965 in „Doktor Schiwago“. Sie ist heute das bekannteste Gesicht der Familie und hat ihren Vater in Interviews als Mann beschrieben, der zu Hause selten den Tramp gab.
„Der Zirkus“ hat Chaplin 1969 noch einmal angefasst: Er komponierte eine neue Musik und sang selbst das Lied „Swing Little Girl“ über den Vorspann, mit 80 Jahren. Die Stimme ist brüchig, das Lied ist schön, und es ist die einzige Aufnahme, in der Chaplin in einem seiner Filme mit eigener Stimme singt.
Weitere Filme dieser Jahre findest du unter /jahrzehnte/1920er/, eine Übersicht aller Filmthemen unter /filme/.
Fragen zu Der Zirkus
Wo stand das Charlie Chaplin Filmstudio?
An der La Brea Avenue in Hollywood, Los Angeles. Chaplin ließ das Studio 1917 bauen, im Stil englischer Landhäuser, und drehte dort alle seine großen Filme von Ein Hundeleben bis Rampenlicht. Das Gelände existiert noch und gehört seit 2000 der Jim Henson Company.
Welchen Oscar bekam Charlie Chaplin für Der Zirkus?
Einen Ehrenpreis bei der ersten Oscar-Verleihung 1929, für seine Vielseitigkeit als Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent des Films. Die Academy hatte ihn ursprünglich in regulären Kategorien nominiert und zog die Nominierungen zurück, um ihn stattdessen mit einem Sonderpreis zu ehren.
Wer ist die bekannteste Tochter von Charlie Chaplin?
Geraldine Chaplin, geboren 1944, das älteste Kind aus seiner Ehe mit Oona O'Neill. Sie wurde als Schauspielerin bekannt, unter anderem in Doktor Schiwago von 1965, und spielte später ihre eigene Großmutter im Film Chaplin von 1992. Chaplin hatte insgesamt elf Kinder.
Warum ist Der Zirkus weniger bekannt als Chaplins andere Filme?
Chaplin selbst hat den Film lange verdrängt, weil die Dreharbeiten mit einem Studiobrand, seiner Scheidung von Lita Grey und Steuerproblemen zusammenfielen. In seiner Autobiografie erwähnt er ihn kaum. Erst mit der Wiederaufführung 1969, für die er eine neue Musik komponierte, kam der Film zurück ins Bewusstsein.