Ausgerechnet Deutschland und Liebesgrüße aus Deutschland
Zwei Erzählbände von Wladimir Kaminer
Wladimir Kaminers Erzählbände „Ausgerechnet Deutschland“ und „Liebesgrüße aus Deutschland“, dazu ein Überblick über seine anderen Bücher seit Russendisko.

In Babelsberg drehte ein amerikanisches Filmteam Szenen für die Agentenserie „Homeland“ und suchte Komparsen, die als Syrer durchgehen. Echte Syrer bewarben sich und wurden abgelehnt. Genommen wurden Albaner, weil sie in den Augen der Casting-Leute „syrischer“ aussahen. Wladimir Kaminer erzählt diese Episode in „Ausgerechnet Deutschland: Geschichten unserer neuen Nachbarn“, und sie zeigt ziemlich genau, wie das Buch funktioniert: Die Pointe liegt nie bei den Neuankömmlingen, sondern in dem Bild, das sich ihre neue Umgebung von ihnen macht.
Ausgerechnet Deutschland: Geschichten aus Brandenburg, Rügen und Babelsberg
Der Band erschien am 19. März 2018 als Taschenbuch-Originalausgabe bei Goldmann, 240 Seiten, und kam auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Sein Thema sind die Menschen, die seit 2015 aus Syrien und anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, und die Deutschen, die ihnen begegnen. Kaminer schreibt dabei aus einer besonderen Position. Er ist selbst 1990 als junger Mann aus Moskau nach Berlin gekommen und kennt die Mischung aus Behördengängen, Sprachverwirrung und gut gemeinter Hilfe aus eigener Erfahrung.
Die Geschichten spielen oft vor der eigenen Haustür. In Kaminers Dorf in Brandenburg gründet sich ein „syreralistisches Komitee zur Rettung der Welt“, ein Wortspiel aus syrisch und surrealistisch, das den Ton trifft. Ein Zuckerbäcker aus Damaskus versucht auf Rügen mit seinen Kreationen Fuß zu fassen und scheitert. Kaminers Sohn will muslimische Asylbewerber mit Schweineöhrchen beschenken, was die Beschenkten eher erschreckt als freut.
Kaminer erklärt nichts und fordert nichts. Er sammelt Szenen, in denen zwei Arten, die Welt zu sehen, aufeinanderprallen, und lässt sie stehen. Das ist politischer, als es auf den ersten Blick wirkt, weil beide Seiten gleich komisch aussehen dürfen. Pathos kommt nicht vor. Wer 2018 die Debatten über Flüchtlinge verfolgt hat, wird manche Geschichte als Gegenentwurf lesen.
Liebesgrüße aus Deutschland: Colt, Destilliergerät, Leitz-Ordner
Der ältere Band, als Taschenbuch 2013 bei Goldmann mit 288 Seiten erschienen, dreht die Perspektive um. Hier ist Deutschland selbst das fremde Land, und Kaminer betrachtet es wie ein freundlicher Ethnologe. Er findet Sparkassenberater, die von jeder Geldanlage abraten, Zeitungsenten aus Plüsch und Vegetarier, die gern Fleisch essen, nur eben nicht das von Tieren.
Sein Leitgedanke steht schon im Klappentext. Jedes Land brauche Erfindungsgeist, um mit sich selbst fertigzuwerden, und so hätten die Amerikaner den Colt erfunden, die Russen das Destilliergerät und die Deutschen den Leitz-Ordner. Der Satz ist ein Witz, aber ein genauer: Die Stuttgarter Firma Leitz steht bis heute für ein Land, das seine Unordnung in Ordnern abheftet.
Die Texte sind kurz, meist nur wenige Seiten, und eignen sich zum Vorlesen. Wenn du Kaminer bisher nur vom Namen kennst, ist dieser Band ein guter Einstieg, weil er ohne Vorwissen über seine Familie oder seine russische Herkunft auskommt.
Wer Wladimir Kaminer ist
Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren, machte dort eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte Dramaturgie. 1990 kam er nach Ost-Berlin, kurz vor der Wiedervereinigung, und blieb. Mit seiner Frau Olga und den beiden Kindern lebt er in Berlin, die Familie taucht in fast jedem seiner Bücher auf.
Der Durchbruch kam 2000 mit „Russendisko“, einer Sammlung kurzer Geschichten über das Leben russischer Einwanderer in Berlin-Prenzlauer Berg. Den Titel teilte das Buch mit den Tanzabenden, die Kaminer mit dem Musiker Yuriy Gurzhy im Kaffee Burger in der Torstraße veranstaltete. 2012 kam die Verfilmung mit Matthias Schweighöfer in die Kinos. Seitdem erscheint fast jedes Jahr ein neues Buch von Wladimir Kaminer, und die Leser wissen ungefähr, was sie erwartet: kurze Kapitel, trockene Pointen, eine Familie, die man über die Jahre kennenlernt. Mehr Titel dieser Jahre stehen unter 2010er und im Bereich Bücher.
Weitere Bücher von Wladimir Kaminer
Grob lassen sich seine Bücher in vier Gruppen sortieren.
Die erste handelt von der Familie. „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ kreist um Olga, die aus einer Socke erst eine Jacke und dann einen Teppich strickt. „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“ erzählt in 33 Geschichten von der 84-jährigen Mutter, die Englisch lernt und sich von einer sprechenden Uhr nicht einschüchtern lässt. „Coole Eltern leben länger“ und „Ich mache mir Sorgen, Mama“ drehen sich um Pubertät und Erziehung, „Meine kaukasische Schwiegermutter“ spielt im Dorf Borodinowka, wo ein Fernsehteam die Dokumentation „Kaminer Goes Kaukasus“ dreht.
Die zweite Gruppe spielt im Grünen. In „Mein Leben im Schrebergarten“ verstößt der Neuling in der Kolonie „Glückliche Hütten“ in kürzester Zeit gegen fast jede Vorschrift des Bundeskleingartengesetzes, in „Diesseits von Eden“ zieht die Familie in ein Dorf vor Berlin, das im Buch Glücklitz heißt und angeblich den nördlichsten Weinberg der Welt besitzt.
Die dritte Gruppe gilt Russland und der Sowjetunion: „Militärmusik“ über die Gorbatschow-Jahre, „Es gab keinen Sex im Sozialismus“, das mit Olga geschriebene Kochbuch „Küche totalitär“, in dem die Ananas als eigentliches Luxussymbol der Russen auftritt, und „Goodbye, Moskau“, ein Blick auf die alte Heimat zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. „Tolstois Bart und Tschechows Schuhe“ porträtiert sieben russische Autoren, von Dostojewski, Tolstoi und Tschechow über Bulgakow und Majakowski bis zu Nabokov und Daniil Charms.
Die vierte Gruppe sind Reise- und Stadtbücher. Zu „Die Kreuzfahrer“ gehört Kaminers Satz „Reisen ist, wie beim Gärtnern auf die Harke zu treten. Man spürt, dass man lebt.“, das Buch führt von Putin-Schokolade in St. Petersburg bis zur Akropolis. „Die Reise nach Trulala“ schickt Onkel Boris nach Paris, das in Wahrheit eine Kulisse in der südrussischen Steppe ist. „Ich bin kein Berliner“ ist ein Reiseführer für faule Touristen, „Schönhauser Allee“ eine Straße voller merkwürdiger Läden.
Ein Titel passt in keine Gruppe. In „Karaoke“ geht es um Musik, um eine Popband, deren Mitglieder alle wie junge Gorbatschows aussehen, und um den Kassettenrekorder „Romantiker 306“, ein sowjetisches Wunderwerk aus Abfällen der Raketenindustrie, das rätselhafterweise nur auf heimischem Boden funktionierte.
Fragen zu Ausgerechnet Deutschland und Liebesgrüße aus Deutschland
Worum geht es in „Ausgerechnet Deutschland“ von Wladimir Kaminer?
Um Begegnungen zwischen Alteingesessenen und Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Kaminer erzählt etwa von einem Zuckerbäcker aus Damaskus, der auf Rügen scheitert, und von Syrern, die in Babelsberg als Komparsen für „Homeland“ abgelehnt werden, weil Albaner angeblich syrischer aussehen.
Wann ist „Ausgerechnet Deutschland“ erschienen?
Am 19. März 2018 als Taschenbuch-Originalausgabe im Goldmann Verlag, mit 240 Seiten. Der Band stand auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.
Was steht in „Liebesgrüße aus Deutschland“?
Kurze Geschichten über deutsche Eigenheiten aus der Sicht eines Zugezogenen: Sparkassenberater, die von jeder Geldanlage abraten, Vegetarier, die Fleisch mögen, solange es nicht von Tieren stammt, und der Leitz-Ordner als deutscher Beitrag zur Weltgeschichte. Die Taschenbuchausgabe von Goldmann hat 288 Seiten.
Woher stammt Wladimir Kaminer?
Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Bekannt wurde er mit der Erzählsammlung „Russendisko“ von 2000 und den gleichnamigen Tanzabenden, die er mit Yuriy Gurzhy im Berliner Kaffee Burger veranstaltete.
Mit welchem Buch fängt man bei Kaminer am besten an?
Mit „Russendisko“, weil dort der Ton entsteht, der alle späteren Bücher trägt. Wer lieber über das heutige Deutschland liest, greift zu „Ausgerechnet Deutschland“. Für Russland-Interessierte sind „Militärmusik“ und „Goodbye, Moskau“ die naheliegenden Titel.