Als der Wagen nicht kam von Manfred Lütz und Paulus van Husen
Erinnerungen eines Mannes aus dem Widerstand
Manfred Lütz gibt die Erinnerungen seines Großonkels Paulus van Husen heraus: Kaiserreich, Oberschlesien, Kreisauer Kreis, 20. Juli 1944 und Volksgerichtshof.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem 20. Juli 1944 erbte der Psychiater und Theologe Manfred Lütz den Nachlass seines Großonkels, den er nie kennengelernt hatte. Am Boden eines Schrankes lag ein Manuskript: die Lebenserinnerungen von Paulus van Husen, Jurist, Mitglied des Kreisauer Kreises und ein Mann, der die Verfolgung nach dem gescheiterten Attentat knapp überlebte. Lütz begann abends mit dem Korrekturlesen und kam, wie er später erzählte, nicht mehr davon los.
Unter dem Titel „Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand“ erschien der Bericht am 18. März 2019 im Verlag Herder, 384 Seiten stark, mit einer Einleitung von Lütz. Bei der Vorstellung in der Bundespressekonferenz sagte der Historiker Michael Stürmer, er habe das Buch „gar nicht zumachen“ können.
Ein Leben, das nicht nach Verschwörung aussah
Paulus van Husen kam am 26. Februar 1891 in Horst an der Emscher zur Welt, als Sohn einer katholischen Arztfamilie. Er machte 1909 am Gymnasium Paulinum in Münster Abitur und studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Oxford, München, Genf und Münster. Die ersten Kapitel erzählen von dieser Zeit mit sichtlichem Vergnügen: Er sah Sarah Bernhardt auf der Bühne und genoss das mondäne Strandleben auf Borkum.
Dann kam der Krieg, den van Husen von Anfang bis Ende mitmachte, zuletzt als Leutnant. Eine Szene spielt 1918: Van Husen reitet mit seiner Division in Berlin-Charlottenburg ein, um der Regierung von Friedrich Ebert in den Wirren der Revolution beizustehen. 1920 wurde er mit einer Arbeit über die staatsrechtliche Organisation des Reiches zwischen Novemberrevolution und Nationalversammlung promoviert.
Oberschlesien, Genf und die ersten Zusammenstöße
Im Oktober 1920 trat van Husen in den preußischen Staatsdienst ein, zunächst bei der Regierung in Oppeln. Als der Rybniker Landrat Hans Lukaschek vor der Volksabstimmung in Oberschlesien in den Schlesischen Ausschuss wechselte, übernahm van Husen Anfang 1921 kommissarisch das Landratsamt. Mit Lukaschek verband ihn fortan eine lebenslange Freundschaft. 1927 folgte er Lukaschek als deutsches Mitglied in die Gemischte Kommission für Oberschlesien. Das Gremium wachte über die Rechte der Minderheiten in dem zwischen Deutschland und Polen geteilten Gebiet, und van Husen erlebte in dieser Funktion beim Völkerbund in Genf auch Gustav Stresemann.
Mit den Nationalsozialisten geriet er sofort aneinander. 1934 beriefen sie ihn aus der Kommission ab und versetzten ihn als Richter an das Preußische Oberverwaltungsgericht. Wie er in diesen Jahren Joseph Goebbels und Wilhelm Keitel begegnete und Reinhard Heydrich Auge in Auge widerstand, gehört zu den Passagen, die das Buch über eine gewöhnliche Juristenbiografie hinausheben.
Im Kreisauer Kreis
Über die schlesische Zentrumspartei kam van Husen mit Helmuth James Graf von Moltke in Kontakt und gehörte ab 1941 zu dessen Kreisauer Kreis. Die Gruppe, benannt nach Moltkes Gut Kreisau in Schlesien, entwarf Pläne für eine staatliche Ordnung nach dem Ende des NS-Regimes. Van Husen kümmerte sich um Rechtsfragen und um die Frage, wie Kriegsverbrecher nach dem Krieg bestraft werden sollten. Im Zweiten Weltkrieg diente er zugleich als Rittmeister der Reserve.
Für die Zeit nach einem gelungenen Umsturz war er als Staatssekretär vorgesehen. Er erzählt eine Szene, für die es nach Lütz keinen anderen Zeugen gibt: wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Oberst Joachim Meichsner zu überreden versuchte, das Attentat auf Hitler auszuführen, und Meichsner ablehnte. Beide überlebten den Sommer 1944 nicht: Stauffenberg wurde noch in der Nacht des 20. Juli erschossen, Meichsner im Herbst hingerichtet. Wenn du nur eine Stelle des Buches lesen willst, dann diese.
Im Oktober 1944 verhaftete die Gestapo auch van Husen. Nachweisen konnte sie ihm nichts. Trotzdem verurteilte ihn der Volksgerichtshof im April 1945 in seiner letzten Sitzung zu drei Jahren Zuchthaus. Wenige Tage später befreite ihn die Rote Armee aus dem Berliner Strafgefängnis Plötzensee.
Nach dem Krieg
Van Husen gehörte zu den Mitbegründern der CDU in Berlin und baute im Auftrag der amerikanischen Militärregierung eine Verwaltungsgerichtsbarkeit auf. Konrad Adenauer bemühte sich um ihn. 1948 wurde er Richter am Deutschen Obergericht in Köln, 1949 berief ihn die nordrhein-westfälische Landesregierung unter Karl Arnold zum ersten Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts in Münster, später stand er zusätzlich dem 1952 errichteten Verfassungsgerichtshof des Landes vor.
Lütz betont in seiner Einleitung, wie aktuell diese Lebensgeschichte sei, die Geschichte eines Mannes, der sich der Barbarei entgegenstellte und dabei, wie es im Klappentext heißt, „dem Löwen auf den Schwanz tritt“ und doch entwischt. Man muss diese Aktualisierung nicht teilen, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Die Erinnerungen tragen auch ohne sie, und Lütz selbst nennt sie höchst unterhaltsam und witzig geschrieben. Weitere Lebensberichte finden sich unter Sachbücher und bei den Büchern über das 20. Jahrhundert.
1959 ging van Husen in den Ruhestand. Er starb am 1. September 1971 in Münster, in der Stadt, in der er 62 Jahre zuvor am Paulinum sein Abitur gemacht hatte.
Fragen zu Als der Wagen nicht kam
Wer war Paulus van Husen?
Paulus van Husen, geboren 1891 in Horst an der Emscher und gestorben 1971 in Münster, war Jurist und gehörte ab 1941 zum Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke. Nach dem Krieg wurde er erster Präsident des Oberverwaltungsgerichts für Nordrhein-Westfalen und später Präsident des Verfassungsgerichtshofs des Landes.
Wie kam Manfred Lütz an die Erinnerungen?
Paulus van Husen war sein Großonkel. Lütz hat ihn nie persönlich kennengelernt, wurde aber sein Erbe und fand die unveröffentlichte Autobiografie am Boden eines Schrankes. Er stellte die Teile zusammen und schrieb eine Einleitung.
Was erzählt van Husen über den 20. Juli 1944?
Er war in die Umsturzpläne eingebunden und sollte nach einem Erfolg Staatssekretär werden. Im Buch schildert er unter anderem, wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Oberst Joachim Meichsner vergeblich dazu bewegen wollte, das Attentat selbst auszuführen.
Wie überlebte van Husen das Kriegsende?
Die Gestapo verhaftete ihn im Oktober 1944, konnte ihm eine Beteiligung aber nicht nachweisen. Im April 1945 verurteilte ihn der Volksgerichtshof in seiner letzten Sitzung zu drei Jahren Zuchthaus. Wenige Tage später befreite ihn die Rote Armee aus dem Gefängnis Plötzensee.
Wann ist das Buch erschienen?
„Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand“ erschien am 18. März 2019 im Verlag Herder, gebunden mit 384 Seiten, im Jahr des 75. Jahrestags des 20. Juli 1944.