60 Mal Mama von Vera Pein
Wie eine Pflegemutter erkannte, was Kinderseelen brauchen
„60 Mal Mama“ von Vera Pein (Droemer Knaur, 2019): Erinnerungen einer Pflegemutter, die in über dreißig Jahren mehr als sechzig Kinder begleitet hat. Inhalt, Kapitel, Autorin.

„Rückblickend glaube ich, dass es bei Matayo besonders wichtig war, seine Fähigkeiten zu fördern. Der Fußballverein war der erste wichtige Schritt. Wir neigen ja eher dazu, Kindern zu erklären, was sie unterlassen, was sie sich abgewöhnen sollen. Eine wirksamere Methode ist es, sie in ihren Stärken zu unterstützen, dann verschwindet manche schlechte Gewohnheit wie von selbst.“
Der Satz stammt aus „60 Mal Mama. Wie ich als Pflegemutter erkannte, was Kinderseelen brauchen“ von Vera Pein, geschrieben mit Shirley Michaela Seul. Das Buch erschien am 4. November 2019 bei Droemer Knaur, broschiert, 256 Seiten (ISBN 978-3426214688). Und der Satz ist typisch für die Haltung, die das ganze Buch trägt: keine Theorie, sondern das, was sich über dreißig Jahre hinweg an einem Küchentisch bewährt hat.
Mehr als sechzig Kinder in über dreißig Jahren
Vera Pein, geboren 1957, arbeitet seit über dreißig Jahren als Pflegemutter mit dem Jugendamt zusammen. In dieser Zeit hat sie mehr als sechzig Kinder begleitet – Kinder, die Gewalt, Flucht oder Verwahrlosung erlebt hatten und oft erst bei ihr Geborgenheit, Verlässlichkeit und Vertrauen fanden. Durch einen Glücksfall fand sie in der Nähe von München einen Bauernhof, auf dem sie mit ihren eigenen zwei Kindern und den ihr anvertrauten Schützlingen lebt. 2013 erhielt sie für ihr Engagement den Integrationspreis der Regierung von Oberbayern.
Der Verlag beschreibt sie als Frau mit einem besonderen Gespür für die Bedürfnisse von Kindern, die intuitiv wisse, wie sie ein Kind erreicht und beruhigt. Man darf solche Sätze mit Vorsicht lesen; Klappentexte sind zum Loben da. Was das Buch selbst zeigt, ist weniger Intuition als Wiederholung: dieselben Fragen, immer wieder neu gestellt, bei jedem Kind anders beantwortet.
Die Kapitel: ein Kind, eine Frage
Das Buch ist nach Kindern gegliedert, und fast jedes Kapitel trägt neben dem Namen eine These. Bei den Schreibabys heißt es „Ich sehe dich!“. Bei Carina und Maximilian geht es darum, wie ein strukturierter Alltag Geborgenheit schafft. Sabine steht für den Satz, dass kleine Kinderschultern zu schmal sind für große Verantwortung. Matayo bekommt die Überschrift „Ohne Wurzeln keine Krone“. Bei Lukas geht es um Grenzen, bei Ela um Sicherheit, bei Anna um Zeit, beim „Kleeblatt“ Dominik, Amelie und Martin um Geschwister, die zusammenbleiben. Ein Kapitel heißt „Teilzeitmutter in Vollzeit“, ein anderes „Wer ist der Bestimmer?“.
Dazwischen liegen die Kapitel über die Behörden. Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ist, so Pein, nicht immer einfach – Entscheidungen fallen an Schreibtischen, während das Kind am Tisch sitzt. Sie beschreibt das ohne Bitterkeit, aber auch ohne Beschönigung.
Der Prolog beginnt mit einem Geburtstag, der Epilog heißt „Lebenslinien“ – derselbe Titel wie die BR-Reihe, die am 14. Oktober 2019 unter dem Titel „Vera und ihre 60 Kinder“ eine 44-minütige Dokumentation über sie zeigte.
Pflegefamilie, Adoption, Bereitschaftspflege: die Begriffe
Wer das Buch liest, stößt auf ein System, das von außen wenig bekannt ist. In Deutschland ist Vollzeitpflege eine Hilfe zur Erziehung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz. Das Jugendamt vermittelt ein Kind in eine Pflegefamilie, wenn es in der Herkunftsfamilie nicht bleiben kann – vorübergehend oder auf Dauer. Das Sorgerecht bleibt dabei meist bei den leiblichen Eltern oder bei einem Vormund; die Pflegeeltern entscheiden über den Alltag, nicht über die großen Weichenstellungen.
Bereitschaftspflege heißt die Form, bei der ein Kind kurzfristig, oft über Nacht, aufgenommen wird, bis geklärt ist, wie es weitergeht. Dauerpflege heißt die Form, bei der ein Kind aufwächst. Adoption ist etwas anderes: Dort gehen alle Rechte dauerhaft auf die neuen Eltern über. Vera Pein hat in dreißig Jahren mit allen drei Formen zu tun gehabt, und die Kapitelüberschrift „Vater unbekannt“ deutet an, wie oft die Herkunft selbst eine offene Frage bleibt.
Sechzig Kinder in dreißig Jahren bedeutet: Manche blieben Wochen, manche Jahre. Das Buch macht keinen Unterschied in der Ernsthaftigkeit.
Was das Buch nicht ist
„60 Mal Mama“ ist kein Erziehungsratgeber mit Regeln, obwohl es ständig Regeln ausspricht. Es ist auch keine Anklage gegen Behörden, obwohl es Behörden kritisiert. Es ist der Bericht einer Frau, die eine Aufgabe übernommen hat, für die es keine Ausbildung gibt, und die ihre Erfahrung in Sätze gebracht hat, die man sich merken kann.
Wenn du selbst überlegst, ein Pflegekind aufzunehmen, liest du das Buch anders als jemand, der nur wissen will, wie so ein Leben aussieht. Für die erste Gruppe ist es ein ehrlicher Erwartungsabgleich: Es geht um Nöte und Krisen, nicht nur um Glück. Für die zweite ist es die Beschreibung eines Alltags, der in Deutschland Tausende Familien betrifft und über den selten jemand aus der Innenperspektive schreibt.
Der Bauernhof bei München, die Fußballvereine, die Ämter, die Geburtstage – das ist die Kulisse. Die Kinder sind das Buch.
Weitere Biografien und Erinnerungen finden sich unter /buecher/.
Fragen zu 60 Mal Mama
Worum geht es in „60 Mal Mama“ von Vera Pein?
Vera Pein erzählt von ihrem Leben als Pflegemutter: von Kindern, die Gewalt, Flucht oder Verwahrlosung erlebt haben, von der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und den Behörden, von Krisen und von dem, was Kinder aus ihrer Sicht am dringendsten brauchen. Jedes Kapitel ist einem Kind oder einer Kindergruppe gewidmet.
Wer ist Vera Pein?
Vera Pein, geboren 1957, arbeitet seit über dreißig Jahren als Pflegemutter mit dem Jugendamt zusammen und hat in dieser Zeit mehr als sechzig Kinder begleitet. Sie lebt auf einem Bauernhof in der Nähe von München mit ihren eigenen zwei Kindern und den ihr anvertrauten Kindern. 2013 erhielt sie den Integrationspreis der Regierung von Oberbayern.
Wer hat das Buch mit Vera Pein geschrieben?
Die Autorin Shirley Michaela Seul. „60 Mal Mama“ erschien am 4. November 2019 bei Droemer Knaur als broschierte Ausgabe mit 256 Seiten.
Gibt es eine Fernsehdokumentation über Vera Pein?
Ja. Die BR-Reihe „Lebenslinien“ zeigte am 14. Oktober 2019 die 44-minütige Folge „Vera und ihre 60 Kinder“ über ihr Leben und ihre Arbeit als Pflegemutter.
Was unterscheidet eine Pflegefamilie von einer Adoption?
Bei einer Adoption gehen alle Rechte und Pflichten dauerhaft auf die neuen Eltern über. In einer Pflegefamilie bleibt das Sorgerecht in der Regel bei den leiblichen Eltern oder einem Vormund, das Jugendamt begleitet das Verhältnis, und die Unterbringung kann befristet oder auf Dauer angelegt sein. Vera Pein hat mit beiden Formen zu tun gehabt.