Märchenkönig Ludwig II. im Kino
Der Ludwig Visconti-Film von 1972 mit Helmut Berger und Romy Schneider
Luchino Viscontis Ludwig von 1972: Helmut Berger als Märchenkönig Ludwig II., Romy Schneider als Elisabeth, vier Stunden über Wagner, Schlösser und den Tod im Starnberger See.
Der Ludwig Visconti-Film von 1972 beginnt mit einer Krönung und endet mit einem nassen Leichnam am Ufer des Starnberger Sees. Dazwischen liegen vier Stunden, in denen Luchino Visconti den bayerischen König Ludwig II. weder als Märchenkönig verklärt noch als Wahnsinnigen abtut. Helmut Berger spielt ihn vom hübschen 18-Jährigen bis zum aufgeschwemmten Mann von 40, und die Kamera schaut selten weg.
Das ist der Film, der bei „Ludwig II. Film“ meist gemeint ist. Es gibt andere, aber keiner hat das Bild dieses Königs so geprägt.
Der Märchenkönig zwischen Wagner, Sisi und dem Starnberger See
Ludwig II. wurde 1845 in Nymphenburg geboren und 1864 mit 18 Jahren König von Bayern. Sein erster Regierungsakt, den der Film ausführlich zeigt, war die Einladung Richard Wagners nach München. Der Komponist war verschuldet und verfolgt, der junge König bezahlte alles und verlangte dafür nichts als Musik. Trevor Howard spielt Wagner als Mann, der genau weiß, was er da ausnutzt.
Die zweite Achse des Films ist Elisabeth, die Kaiserin von Österreich, Ludwigs Cousine. Romy Schneider hatte die Rolle in der Sissi-Trilogie der 1950er Jahre berühmt gemacht und sich danach lange geweigert, sie noch einmal zu spielen. Für Visconti tat sie es, und ihre Elisabeth ist ein anderer Mensch: klug, rastlos, ungeduldig mit dem Vetter, der sie anhimmelt und nicht anrührt.
Der Schluss ist historisch: Am 13. Juni 1886, wenige Tage nach seiner Entmündigung, wurde Ludwig zusammen mit dem Psychiater Bernhard von Gudden tot im See gefunden. Was in dem Wasser geschah, ist bis heute nicht geklärt.
Helmut Berger und der Ludwig II. Film 1972 als Viscontis deutsches Finale
Ludwig war der dritte Teil dessen, was als Viscontis deutsche Trilogie bezeichnet wird. Vorher kamen „Die Verdammten“ von 1969 über eine Industriellenfamilie im Nationalsozialismus und „Tod in Venedig“ von 1971 nach Thomas Mann. Alle drei handeln von Verfall, alle drei sind prachtvoll ausgestattet, und in allen dreien ist die Schönheit selbst das Problem.
Berger, der in „Die Verdammten“ den Martin von Essenbeck gespielt hatte, war 1972 28 Jahre alt. Sein Ludwig ist eine der wenigen Rollen, in denen ein Schauspieler wirklich altert, nicht durch Maske allein, sondern durch Haltung: Der junge König steht gerade und spricht leise, der alte sitzt im Dunkeln, kaut mit schlechten Zähnen und schreit die Diener an.
Während der Postproduktion erlitt Visconti einen Schlaganfall. Die Verleiher kürzten den Film auf eine Länge, die ihnen vermarktbar erschien, und die Fassung, die 1973 in die Kinos kam, war ein Torso. Die Rekonstruktion der langen Version gelang erst nach Viscontis Tod 1976. Wer den Film heute sieht, sieht ihn also ungefähr so, wie er gemeint war.
Was der Ludwig Visconti-Film weglässt und was die Schlösser zeigen
Visconti hat wenig Interesse an Politik. Der Krieg von 1866, in dem Bayern an der Seite Österreichs gegen Preußen verlor, kommt vor, aber als Kulisse für Ludwigs Weigerung, an der Front zu erscheinen. Die Reichsgründung 1871, bei der Bayern seine Souveränität verlor und Ludwig den Kaiserbrief unterschrieb, bleibt Randnotiz.
Was der Film stattdessen zeigt, sind die Bauten. Neuschwanstein, dessen Grundstein 1869 gelegt wurde, Linderhof mit der Venusgrotte und dem künstlichen See, auf dem der König in einem Muschelkahn fahren ließ, und Herrenchiemsee, das Versailles nachbaut und dessen Spiegelsaal länger ist als das Original. Visconti drehte an den Originalschauplätzen, was diesen Räumen etwas gibt, das kein Studio liefern kann: Sie sehen im Film genauso überinstrumentiert aus wie in Wirklichkeit.
Ein Nebenstrang, den der Film anlegt und nicht auflöst: die Beziehung zu den Dienern und Stallburschen, die nachts in die Gemächer gerufen werden. Visconti, selbst homosexuell, erzählt das ohne Kommentar, in langen Einstellungen, und lässt den Zuschauer selbst entscheiden, was er sieht.
Der Märchenkönig Ludwig nach Visconti
Der Begriff Märchenkönig ist älter als der Film und war nie ganz freundlich gemeint. Für Viscontis Zeitgenossen 1972 war er ein Verweis auf einen Mann, der sein Land mit Schulden und sich selbst mit Kulissen zudeckte. Der Film übernimmt diese Sicht nicht. Er nimmt Ludwig ernst als jemanden, der Schönheit für eine ausreichende Lebensform hielt, und lässt ihn daran scheitern.
Wenn du nach Neuschwanstein fährst, sieh dir den Film vorher an, nicht nachher. Die Schlösser wirken danach weniger wie Postkarten und mehr wie das, was sie waren: Rückzugsorte eines Mannes, der die Gegenwart nicht ertrug.
Weitere Filme dieser Jahre stehen unter /jahrzehnte/1970er/, eine Übersicht aller Filmthemen unter /filme/.
Fragen zu Märchenkönig Ludwig II. im Kino: Der Ludwig Visconti-Film
Wer spielt Ludwig II. im Film von Visconti?
Helmut Berger, der österreichische Schauspieler und Lebensgefährte Viscontis. Er spielt den König vom 18-jährigen Thronfolger bis zum aufgedunsenen, zahnlosen Mann kurz vor seinem Tod 1886. Romy Schneider spielt Kaiserin Elisabeth, Trevor Howard ist Richard Wagner, Silvana Mangano Cosima von Bülow.
Wie lang ist Ludwig von Visconti?
Die vollständige Fassung dauert rund vier Stunden. Nach Viscontis Schlaganfall während der Fertigstellung brachten die Verleiher 1973 eine stark gekürzte Version in die Kinos. Die lange Fassung wurde erst nach dem Tod des Regisseurs 1976 rekonstruiert und ist heute die maßgebliche.
Welche anderen Filme über Ludwig II. gibt es?
Helmut Käutner drehte 1955 Ludwig II. mit O. W. Fischer in der Titelrolle, ein Film, der den König als tragischen Träumer zeigt. 2012 kam Ludwig II. von Peter Sehr und Marie Noëlle mit Sabin Tambrea als jungem und Sebastian Schipper als altem König ins Kino. Viscontis Film bleibt der einflussreichste.
Warum heißt Ludwig II. Märchenkönig?
Wegen seiner Schlösser. Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee entstanden ab 1869 nach Vorbildern aus Wagner-Opern, der Ritterromantik und Versailles. Ludwig lebte in ihnen zurückgezogen, oft nachts, und sie wirken bis heute wie gebaute Kulissen. Zu Lebzeiten war der Begriff eher spöttisch gemeint.