Der erste Vampir und Graf Dracula
Die wahre Geschichte der Vampire von Serbien 1725 bis zu Bram Stokers Roman
Der erste Vampir der Akten war ein serbischer Bauer, nicht Graf Dracula: wie der Vampirmythos entstand und was Bram Stoker 1897 daraus machte.
Zehn Wochen nach dem Tod des Bauern Peter Plogojowitz starben im serbischen Dorf Kisolova innerhalb von acht Tagen neun Menschen. Die Dorfbewohner öffneten sein Grab. Der Leichnam wirkte kaum verwest, die Haut frisch, an den Körperöffnungen fand sich Blut. Der kaiserliche Provisor Frombald, der dabei war, schrieb einen Bericht, und im Juli 1725 stand der Fall im Wienerischen Diarium, der heutigen Wiener Zeitung. Wer wissen will, wer der erste Vampir der Aktenlage war, landet bei diesem Mann und nicht bei einem Grafen aus den Karpaten.
Mit Dracula hat die Geschichte der Vampire also zunächst wenig zu tun. Der Roman kam 172 Jahre später.
Der erste Vampir der Akten: Plogojowitz und Arnold Paole
Das Gebiet stand damals unter habsburgischer Verwaltung, und die Beamten aus Wien nahmen solche Meldungen ernst. Noch bekannter als Plogojowitz wurde der Fall Arnold Paole aus Medveđa. Nach einer neuen Serie von Todesfällen im Winter 1731 ließ eine Kommission unter dem Regimentsfeldscher Johann Flückinger am 7. Januar 1732 die Gräber öffnen. Zwölf von 17 untersuchten Leichen erklärte sie für verdächtig, der Abschlussbericht „Visum et Repertum“ ist auf den 26. Januar 1732 datiert. Es war die erste staatliche Untersuchung eines Vampirverdachts mit einer Expertenkommission.
Der Bericht wurde nachgedruckt und in gelehrten Zeitschriften diskutiert. Mit ihm gelangte das serbokroatische Wort vàmpīr über das Deutsche ins Französische und Englische. Der erste Vampir, den ganz Europa kannte, stammte also aus einem Verwaltungsakt.
Vampire Mythos: Aufklärer gegen Grabschänder
Die Debatte beschäftigte Theologen und Ärzte über Jahrzehnte. Der französische Benediktiner Augustin Calmet sammelte Berichte aus Mittel- und Osteuropa, die teils bis in die 1680er Jahre zurückreichten. Gerard van Swieten, Leibarzt von Maria Theresia, reiste 1755 nach Mähren und erklärte die angeblichen Vampirzeichen nüchtern mit dem, was Leichen im Boden eben tun. Maria Theresia verbot daraufhin das Pfählen, Köpfen und Verbrennen von Toten.
Die Literatur griff zu, sobald die Wissenschaft den Glauben abgeräumt hatte. Heinrich August Ossenfelder schrieb 1748 das Gedicht „Der Vampyr“, Goethe 1797 „Die Braut von Korinth“. John Polidoris Erzählung „The Vampyre“ erschien 1819 und geht auf den Sommer 1816 am Genfersee zurück, als in der Villa Diodati um Lord Byron Schauergeschichten erfunden wurden. 1872 folgte Sheridan Le Fanus „Carmilla“.
Dracula Buch: was Bram Stoker 1897 daraus machte
Bram Stokers „Dracula“ erschien am 26. Mai 1897 bei Archibald Constable and Company in London. Der Arbeitstitel lautete „The Un-Dead“. Stoker erzählt nicht selbst, sondern lässt Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel und Mitschriften von Phonographenaufnahmen sprechen: Jonathan Harker reist nach Transsilvanien, Lucy Westenra wird das erste Opfer in England, Mina Murray und Professor Abraham Van Helsing nehmen die Jagd auf.
Den Stoff für Land und Leute holte sich Stoker aus Büchern, darunter Emily Gerards „The Land beyond the Forest“ von 1888 und William Wilkinsons Bericht über die Fürstentümer Walachei und Moldau. Für die Erscheinung des Grafen soll ihm der Schauspieler Henry Irving vorgeschwebt haben, dessen Londoner Lyceum Theatre Stoker leitete. Irving lehnte die Rolle ab.
Wenn du das Buch heute liest, fällt auf, wie modern die Montage wirkt. Der Graf selbst kommt über weite Strecken kaum zu Wort.
Graf Dracula: die wahre Geschichte hinter dem Namen
Der Name stammt von Vlad III. Drăculea, Fürst der Walachei im 15. Jahrhundert, bekannt als Vlad Țepeș, der Pfähler. In der rumänischen Überlieferung taucht er nie als Blutsauger oder Untoter auf. Die Literaturwissenschaftlerin Elizabeth Miller hat darauf hingewiesen, dass der historische Woiwode für Stokers Figur wohl nur geringe Bedeutung hatte; bei Wilkinson las Stoker, Dracula bedeute in der Sprache der Walachei „Teufel“.
Die Folge „Dracula – Die wahre Geschichte der Vampire“ der ZDF-Reihe Terra X, 2013 ausgestrahlt, geht genau dieser Verknüpfung nach, in Dörfern Transsilvaniens, in der Walachei und im Irland Stokers. Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ von 1922 hatte den Stoff ohne Erlaubnis verfilmt; Stokers Witwe Florence klagte erfolgreich, und der Film überlebte nur, weil schon zu viele Kopien im Umlauf waren. Tod Brownings „Dracula“ mit Bela Lugosi folgte 1931. Mehr unheimliche Lektüre findest du unter Bücher und in der Übersicht zum 19. Jahrhundert.
Die erste deutsche Übersetzung des Romans, besorgt von Heinz Widtmann, erschien 1908 in Leipzig. Der Bericht aus Kisolova lag da 183 Jahre zurück.
Fragen zu Der erste Vampir und Graf Dracula: die wahre Geschichte der Vampire
Wer war der erste Vampir?
Als erster aktenkundiger Fall mit dem Wort Vampir gilt Peter Plogojowitz aus dem serbischen Dorf Kisolova. Nach seinem Tod 1725 starben dort binnen acht Tagen neun Menschen, sein Grab wurde geöffnet, und ein kaiserlicher Beamter schrieb darüber einen Bericht, der in Wien gedruckt wurde.
War Graf Dracula eine reale Person?
Nein. Bram Stoker entlieh den Namen dem walachischen Fürsten Vlad III. Drăculea aus dem 15. Jahrhundert, der in der rumänischen Überlieferung allerdings nie als Blutsauger oder Untoter vorkommt. Wie viel Stoker über den historischen Fürsten wusste, ist in der Forschung umstritten.
Wann erschien das Dracula-Buch von Bram Stoker?
Am 26. Mai 1897 bei Archibald Constable and Company in London. Die erste deutsche Übersetzung von Heinz Widtmann kam 1908 in Leipzig heraus.
Worum geht es in der Terra-X-Folge über Dracula?
Die Dokumentation „Dracula – Die wahre Geschichte der Vampire“ lief 2013 im ZDF. Sie fragt, wie der Vampirmythos entstand, wann die erste Vampirepidemie ausbrach und woher Stoker seine Ideen hatte, und führt dafür nach Transsilvanien, in die Walachei und nach Irland.