Wer gern im Original liest und sich im Deutschen am sichersten fühlt, muss für gute Bücher aus der Gegenwart nicht zur Übersetzung greifen. Die folgenden neun Empfehlungen stammen aus der deutschsprachigen Contemporary-Szene, von Bestsellern, die in Dutzende Sprachen übersetzt wurden, bis zu Debüts, die noch viel mehr Leserinnen und Leser verdient hätten.
Was Contemporary eigentlich bedeutet
Contemporary ist der neuere, aus dem Englischen übernommene Begriff für zeitgenössische Literatur. Gemeint sind derzeit meist Romane, die zwischen 1990 und heute geschrieben wurden. In dieser Liste liegt der Schwerpunkt auf neueren Werken, mit einer bewussten Ausnahme am Schluss.
Neue Stimmen: Anika Landsteiner, Becca Braun, Gabriella Santos de Lima
Bei Anika Landsteiner lohnt es sich, dem Namen zu folgen statt einem einzelnen Titel, denn alles, was sie schreibt, ist lesenswert. Sie hat einen ganz eigenen Stil, erzählt Geschichten aus dem Leben und schafft es, ihre Figuren unfassbar echt wirken zu lassen.
Becca Braun hat mit ihrem Debüt „Licht bricht, bevor es strahlt“ einen Roman vorgelegt, der sofort überzeugt. Es geht um komplizierte Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern und darum, welchen Einfluss sie auf ein ganzes Leben haben können. Die Geschichte fühlt sich echt an, behandelt wichtige Themen, und Diversität wirkt nie gezwungen, sie ist so selbstverständlich da wie im Alltag. Wer Becca Braun noch nicht entdeckt hat, sollte das nachholen.
Gabriella Santos de Lima würde man eher im Romance-Regal suchen. In diese Liste gehört sie trotzdem, denn ihre Geschichten sind poetisch geschrieben und setzen sich mit echten Problemen auseinander, statt sie zu romantisieren. Manche Kritiken finden sie deshalb zu negativ. Liebesgeschichten für Erwachsene müssen aber kein Disney-Märchen sein: Romance darf echt sein, und genau das gelingt Santos de Lima. Spannend bleibt, in welche Richtung sie sich noch entwickelt.
Benedict Wells, Juli Zeh und Mariana Leky
Benedict Wells ist ein außergewöhnlich talentierter Autor, der die deutsche Contemporary-Szene stark geprägt hat. Alle seine Bücher sind besonders, am meisten berührt aber „Becks letzter Sommer“. Der Debütroman erschien 2008 bei Diogenes und erzählt von einem Lehrer, der seinen aufgegebenen Traum von einer Musikkarriere über einen begabten Schüler doch noch leben will. 2015 kam die Verfilmung mit Christian Ulmen ins Kino, und wer danach mehr von Wells lesen möchte, greift zu „Vom Ende der Einsamkeit“.
Juli Zehs Romane sind ein riesiger Erfolg, völlig zu Recht, und wurden in 35 Sprachen übersetzt. „Über Menschen“ zeigt, warum: Die Werbetexterin Dora zieht im Frühjahr 2020 aus Berlin in das Dorf Bracken in Brandenburg, und ihr Nachbar Gote stellt sich ihr als Dorf-Nazi vor. Zeh schreibt hervorragend und gibt ihren Figuren so viel Tiefe, dass jede von ihnen etwas zu sagen hat. Wer noch nichts von ihr gelesen hat, sollte hier anfangen.
„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky spielt in einem Dorf im Westerwald: Jedes Mal, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt kurz darauf jemand. Ende 2022 kam die Verfilmung mit Luna Wedler und Corinna Harfouch ins Kino. Der Roman ist etwas ganz Besonderes, und Leky schreibt so gut, dass sich alles von ihr lohnt.
Unbequeme Fragen: Shida Bazyar, Mithu Sanyal und Walter Kempowski
„Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar erzählt von Kasih, Saya und Hani, die gemeinsam in einer Siedlung aufgewachsen sind und dem alltäglichen Rassismus jede auf ihre Weise begegnen. Die Geschichte ist hochrelevant und wichtig, man würde sie am liebsten allen in die Hand drücken.
In „Identitti“ von Mithu Sanyal möchte man fast jeden zweiten Satz unterstreichen. Die Düsseldorfer Studentin Nivedita verehrt ihre Professorin Saraswati, bis herauskommt, dass Saraswati weiß ist und sich ihre ganze Karriere lang als Person of Colour ausgegeben hat. Die Figuren sind echt, alle haben Schwächen, man fühlt mit und stößt dabei an eigene Grenzen. Was ist Schwarz-Weiß-Denken, und welche Grauzonen braucht es? Irgendwann bricht ein reales Ereignis in die Handlung ein und zeigt, wie schnell das Weltgeschehen einen aus dem eigenen Leben reißen kann.
Walter Kempowski, Jahrgang 1929, fällt hier aus der Reihe. „Alles umsonst“ erschien 2006 als sein letzter Roman und spielt im Januar 1945 auf einem Gutshof in Ostpreußen, kurz bevor die Rote Armee eintrifft. Kempowski hat viele sehr gute Bücher geschrieben, doch mit diesem hat er einen Meilenstein der deutschen Literaturgeschichte gesetzt.