Henry Howard Holmes und das Hotel des Todes
Wie ein studierter Mediziner zur Weltausstellung 1893 in Chicago zum Serienmörder wurde
Henry Howard Holmes baute zur Weltausstellung 1893 in Chicago ein Hotel mit Gaskammern und Fallschächten. Was über den Serienmörder, sein Holmes Hotel und Erik Larsons Buch gesichert ist.
Im Sommer 1893 strömten Millionen Besucher nach Chicago. Die World’s Columbian Exposition, die Weltausstellung zum 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas, hatte auf dem Gelände am Michigansee eine weiße Stadt aus Ausstellungspalästen errichtet. Wenige Kilometer südwestlich, an der Ecke 63rd Street und Wallace Street im Stadtteil Englewood, hatte ein junger Apotheker namens Henry Howard Holmes ein dreistöckiges Gebäude hochgezogen, das er als Hotel für die Ausstellungsgäste anpries. Die Zeitungen nannten es später das Mörder-Hotel.
Was in diesem Haus geschah, ist bis heute nur zum Teil belegt. Sicher ist, dass Holmes Menschen anlockte, tötete und aus ihren Leichen Geld machte.
Vom Medizinstudenten zum Betrüger
Henry Howard Holmes hieß mit bürgerlichem Namen Herman Webster Mudgett. Er kam 1861 in Gilmanton im Bundesstaat New Hampshire zur Welt und studierte an der University of Michigan Medizin. Schon dort verdiente er Geld mit einer Masche, die ihn sein Leben lang begleiten sollte: Er schloss Lebensversicherungen auf erfundene Personen ab, beschaffte sich Leichen aus der Anatomie und kassierte die Versicherungssummen.
1886 tauchte er unter dem neuen Namen in Chicago auf und nahm eine Stelle in einer Apotheke in Englewood an. Die Besitzerin verschwand wenig später, Holmes übernahm das Geschäft. Auf dem Grundstück gegenüber ließ er das Gebäude bauen, das ihn berühmt machen sollte.
Das Holmes Hotel: Bau und Grundriss
Holmes wechselte die Bauarbeiter ständig aus, sodass niemand den ganzen Grundriss kannte. Bezahlt hat er die meisten nie. Nach den späteren Ermittlungen gab es im Haus Zimmer ohne Fenster, Gasleitungen, die von seinem Büro aus bedient werden konnten, einen Tresorraum, der sich nur von außen öffnen ließ, und Rutschen, die in den Keller führten. Dort standen ein Ofen und Säurebottiche.
Wie viel davon tatsächlich zum Töten diente und wie viel die Sensationspresse dazuerfand, lässt sich nicht mehr trennen. Die Chicagoer Zeitungen des Jahres 1895 überboten sich mit Grundrissen und Schauergeschichten. Fest steht, dass Holmes die Skelette einzelner Opfer präpariert an medizinische Fakultäten verkaufte. Das ist der Teil, für den es Zeugen gab.
Pünktlich zur Weltausstellung 1893 bot Holmes Zimmer im ersten Stock an. Wie viele Gäste dort einzogen und nie wieder abreisten, weiß niemand.
Der Fall Pitezel und die Verhaftung
Zu Fall brachte Holmes nicht das Hotel, sondern ein Versicherungsbetrug in Philadelphia. Gemeinsam mit seinem Komplizen Benjamin Pitezel plante er, dessen Tod vorzutäuschen und 10.000 Dollar zu kassieren. Holmes tötete Pitezel im September 1894 tatsächlich, kassierte das Geld und nahm drei von Pitezels Kindern mit auf eine Reise durch mehrere Staaten und nach Kanada.
Der Detektiv Frank Geyer aus Philadelphia folgte der Spur monatelang von Pension zu Pension. In Toronto fand er die Leichen der beiden Mädchen im Keller eines gemieteten Hauses, in Indianapolis die Überreste des Jungen. Geyers Bericht über diese Suche gehört zu den erschütterndsten Dokumenten des Falls, weil er zeigt, wie nah er den Kindern zeitweise gewesen war.
Holmes wurde im November 1894 in Boston festgenommen, 1895 in Philadelphia wegen des Mordes an Pitezel angeklagt und zum Tode verurteilt. Kurz vor der Hinrichtung verkaufte er ein Geständnis mit 27 Morden an eine Zeitung. Einige der Genannten meldeten sich daraufhin lebend. Am 7. Mai 1896 wurde Henry Howard Holmes im Moyamensing-Gefängnis in Philadelphia gehängt.
Erik Larsons „Der Teufel von Chicago“
Dass der Serienmörder Holmes heute wieder ein Begriff ist, verdankt sich vor allem einem Buch. Erik Larson erzählt in „The Devil in the White City“ aus dem Jahr 2003 zwei Geschichten parallel: den Bau der Weltausstellung durch den Architekten Daniel Burnham und die Morde des Mannes, der sich im Schatten des Ausstellungsrummels bediente. Auf Deutsch erschien es als „Der Teufel von Chicago“.
Larson erfindet keine Dialoge und keine Szenen, jede Angabe stammt aus Akten, Briefen oder Zeitungen. Gerade deshalb liest sich das Buch beklemmend. Wer mehr aus dieser Zeit lesen möchte, findet in den 1890er Jahren und unter den Sachbüchern weitere Titel.
Das Haus selbst brannte 1895 teilweise ab, wurde als Attraktion vermarktet und 1938 abgerissen. Heute steht an der Ecke ein Postamt. Ob du beim Besuch in Chicago dort etwas spürst, hängt allein davon ab, wie viel du vorher gelesen hast.
Fragen zu Henry Howard Holmes und das Hotel des Todes: Wie ein studierter Mediziner zur Weltausstellung 1893 in Chicago zum Serienmörder wurde
Wer war Henry Howard Holmes wirklich?
Hinter dem Namen steckt Herman Webster Mudgett, geboren 1861 in Gilmanton im US-Bundesstaat New Hampshire. Er studierte Medizin an der University of Michigan, beging schon während des Studiums Versicherungsbetrug mit Leichen und nannte sich ab 1886 in Chicago Henry Howard Holmes.
Wie viele Menschen hat der Serienmörder Holmes getötet?
Gesichert ist die Zahl nicht. Holmes gestand vor seiner Hinrichtung 27 Morde, doch mehrere der angeblichen Opfer lebten noch. Verurteilt wurde er allein für den Mord an seinem Komplizen Benjamin Pitezel; die Ermordung von dreien von Pitezels Kindern konnte der Detektiv Frank Geyer nachweisen.
Steht das Holmes Hotel in Chicago noch?
Nein. Das Gebäude an der Ecke 63rd Street und Wallace Street im Stadtteil Englewood brannte 1895 teilweise aus und wurde 1938 abgerissen. Auf dem Grundstück steht heute ein Postamt.
Welches Buch über Henry Howard Holmes lohnt sich?
Erik Larsons „The Devil in the White City“ von 2003, auf Deutsch als „Der Teufel von Chicago“ erschienen, verschränkt die Geschichte von Holmes mit dem Bau der Weltausstellung durch den Architekten Daniel Burnham. Es ist ein Sachbuch, das sich wie ein Roman liest, und stützt sich auf Prozessakten und Zeitungsberichte.