125 Jahre Büstenhalter
Hugo Schindlers Patent von 1893 und die Geschichte des BH
1893 meldete Hugo Schindler einen Büstenhalter zum Patent an. Die Geschichte des BH von Schloss Lengberg über Christine Hardt bis zum Wonderbra.
1893 reichte Hugo Schindler aus Mariaschein in Böhmen beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum in Bern eine Patentanmeldung ein. Sie beschrieb einen Büstenhalter: zwei Kappen, an einem Gürtel befestigt und oben mit Bändern gehalten. Zum 125. Jubiläum im Februar 2018 widmete die „Neue Zürcher Zeitung“ dem Wäschestück einen Artikel mit einer These, die sich gut belegen lässt. Der BH hat geformt und befreit, versteckt und verführt, und er war nie nur Unterwäsche, sondern immer auch ein Stück Zeitgeist.
Die Frage, wer den BH erfunden hat, lässt sich trotzdem nicht mit einem Namen beantworten. Es gibt mindestens vier gute Kandidaten, und die Vorgeschichte ist deutlich älter als 1893.
Vorläufer von der Antike bis Schloss Lengberg
Die Brust zu stützen oder zu binden, ist so alt wie die Kleidung selbst. Im antiken Rom trugen Frauen ein Band unter oder über der Brust, das Strophium oder die Fascia pectoralis. In Darstellungen von Sportlerinnen, etwa auf den berühmten Mosaiken der Villa Romana del Casale auf Sizilien, sind Oberteile zu sehen, die an heutige Sport-BHs erinnern.
Lange nahm man an, zwischen Antike und 19. Jahrhundert habe es nur Mieder und Korsett gegeben. 2008 änderte ein Zufallsfund dieses Bild. Bei Umbauarbeiten auf Schloss Lengberg in Osttirol kamen in einer Zwischendecke mehr als 2.700 Textilfragmente zum Vorschein. Darunter waren vier Kleidungsstücke mit deutlich erkennbaren Körbchen, zwei davon sehen aus wie moderne Büstenhalter, die anderen wie ärmellose Hemdchen mit eingenähten Schalen. Eines ist aus feinem Leinen mit Nadelspitze gearbeitet. Die Radiokarbondatierung ergab die Zeit zwischen etwa 1440 und 1485.
Im frühen 19. Jahrhundert trugen Frauen unter den leichten Empirekleidern einfache Leibchen. Weil sich darunter die Brust abzeichnete, kamen wattierte „Brustverbesserer“ auf, die dem BH schon recht nahe kamen und später auch über dem Korsett getragen wurden.
Die Patente: Böhmen, Dresden, Cannstatt
Auf Hugo Schindlers Anmeldung von 1893 bezog sich das Jubiläum von 2018. Sechs Jahre später, am 5. September 1899, meldete die Dresdnerin Christine Hardt ein „Frauenleibchen als Brustträger“ zum Patent an, verstellbar und nach der Überlieferung aus zusammengeknüpften Taschentüchern und Hosenträgern entwickelt. Etwa zur selben Zeit arbeitete in Paris die Korsettmacherin Herminie Cadolle an einem zweiteiligen Korsett, dessen oberer Teil die Brust stützte.
Aus Schwaben kam der entscheidende Schritt zur Massenware. Der Cannstatter Korsettmacher Wilhelm Meyer-Ilschen entwickelte 1904 eine „Bruststütze ohne Unterteil“, die er erst später patentieren ließ. Sigmund Lindauer, ebenfalls aus Cannstatt, ging 1912 mit seiner Firma S. Lindauer & Co in die Serienfertigung. Sein Modell kam ohne Stäbe aus Fischbein aus, und seine Marke Hautana wurde weit über Deutschland hinaus bekannt.
Mary Phelps Jacob und der amerikanische Weg
In den Vereinigten Staaten hat der BH eine eigene Gründungslegende. Die New Yorker Gesellschaftsdame Mary Phelps Jacob ärgerte sich 1913 vor einem Ball darüber, dass das Fischbein ihres Korsetts unter einem dünnen Abendkleid zu sehen war. Sie ließ sich aus zwei Taschentüchern und einem Band ein leichtes Oberteil nähen, bekam Anfragen von Freundinnen und meldete die Idee an. 1914 erhielt sie das Patent für einen „Backless Brassiere“ und verkaufte es später für 1.500 Dollar an die Warner Brothers Corset Company.
Offiziell gilt sie in den USA als Erfinderin des BH. Ihr Verdienst liegt weniger in der Idee als in ihrem Geschäftssinn: Warner machte aus dem Patent ein Millionengeschäft. Wenn du also nach dem BH-Erfinder gefragt wirst, ist „Mary Phelps Jacob“ die amerikanische Antwort, „Hugo Schindler“ oder „Christine Hardt“ die mitteleuropäische.
In den 1930er-Jahren setzten sich in den USA die Körbchengrößen mit Buchstaben durch, die bis heute gelten. Damit war der BH endgültig ein Konfektionsprodukt.
Formen, Moden, Rekorde
Wie jedes Kleidungsstück folgte der BH der Mode. In den 1920er-Jahren sollte er die Brust flach machen, passend zur knabenhaften Silhouette der Flapper. In den 1930ern wurde er rund, in den 1950ern spitz, bis hin zu den kegelförmig gesteppten Modellen, die Filmstars in Pullovern besonders zur Geltung brachten.
1968 wurde der BH politisch. Bei einem Protest gegen die Miss-America-Wahl in Atlantic City warfen Feministinnen Büstenhalter, Hüftgürtel und Lockenwickler in einen „Freedom Trash Can“. Verbrannt wurde entgegen der Legende nichts, doch das Bild der „bra burners“ hielt sich hartnäckig.
1994 brachte der Wonderbra mit neuen Materialien einen Boom der Push-up-Modelle, begleitet von der britischen Plakatkampagne „Hello Boys“ mit dem Model Eva Herzigová. Im Jahr 2000 ließ Victoria’s Secret einen Fantasy Bra mit Edelsteinen im Wert von 15 Millionen Dollar anfertigen, der als teuerster BH der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde kam.
Mit der Frage, was ein BH über seine Trägerin verrät, befasst sich Roland D’Agen in dem Bändchen „Zeig mir deinen BH … und ich sage dir, wer du bist“, 120 Seiten, erschienen bei Books on Demand. Weitere Bücher über Mode und Alltagsgeschichte stehen unter Bücher, die Zeit der ersten Patente ist unter 1800er zu finden, die Jahre der Serienfertigung unter 1910er.
In Frankreich heißt der BH übrigens nicht brassière. Das Wort, aus dem das englische „bra“ verkürzt wurde, bezeichnet dort ein Babyhemdchen, der Büstenhalter ist ein soutien-gorge.
Fragen zu 125 Jahre Büstenhalter: Hugo Schindlers Patent
Wer hat den BH erfunden?
Einen einzigen Erfinder gibt es nicht. Hugo Schindler aus Mariaschein in Böhmen meldete 1893 in der Schweiz einen Büstenhalter zum Patent an, die Dresdnerin Christine Hardt 1899 ein Frauenleibchen als Brustträger. In den USA gilt Mary Phelps Jacob als Erfinderin, weil sie 1914 ein Patent erhielt und es an einen großen Hersteller verkaufte.
Wie alt ist der älteste bekannte BH?
Die ältesten erhaltenen Stücke mit erkennbaren Körbchen stammen aus Schloss Lengberg in Osttirol. Bei Umbauarbeiten fand man dort 2008 in einer Zwischendecke Textilreste, darunter vier büstenhalterähnliche Kleidungsstücke, die per Radiokarbonmethode auf die Zeit zwischen etwa 1440 und 1485 datiert wurden.
Wann wurde der BH in Deutschland in Serie gefertigt?
1912 ließ Sigmund Lindauer in seiner Firma S. Lindauer & Co in Cannstatt Büstenhalter in Serie herstellen. Seine Marke Hautana wurde international bekannt. Einige Jahre zuvor hatte der Cannstatter Korsettmacher Wilhelm Meyer-Ilschen eine Bruststütze ohne Unterteil entwickelt.
Seit wann gibt es Körbchengrößen?
Die bis heute üblichen Buchstaben für Körbchengrößen setzten sich in den 1930er-Jahren in den Vereinigten Staaten durch. Vorher wurden Büstenhalter meist nur nach Umfang oder nach Maß gefertigt.
Was ist der Fantasy Bra?
Der Fantasy Bra ist ein mit Edelsteinen besetzter Büstenhalter, den der Wäschehersteller Victoria’s Secret jedes Jahr für seine Modenschau anfertigen ließ. Die Ausgabe von 2000 wurde mit einem Wert von 15 Millionen Dollar als teuerster BH ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen.