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Ruhrpiraten von Mike Steinhausen

Ein Kriminalroman über die Edelweißpiraten im Rhein-Ruhr-Gebiet

Mike Steinhausens Roman „Ruhrpiraten“ und sein historischer Hintergrund: wer die Edelweißpiraten waren, wie Gestapo und HJ sie verfolgten und was blieb.

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Eintrag vom 10. Feb. 2018 · aktualisiert 11. Sept. 2026
Ruhrpiraten von Mike Steinhausen – ein Kriminalroman über die Edelweißpiraten im Rhein-Ruhr-Gebiet

In eine Zellenwand des Kölner EL-DE-Hauses, wo die Gestapo Jugendliche verhörte und folterte, hat jemand einen Satz geritzt: „Ihr könnt mich nicht, wenn ich nicht will!“ In diesen Zellen saßen auch Edelweißpiraten, Jugendliche aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet, die sich während des Zweiten Weltkriegs der Hitlerjugend verweigerten. Der Essener Autor Mike Steinhausen hat ihnen mit „Ruhrpiraten“ einen Kriminalroman gewidmet, der am 7. Februar 2018 im Gmeiner-Verlag erschien, als Taschenbuch mit 406 Seiten.

Ruhrpiraten: worum es in dem Roman geht

Während Deutschland im Gleichschritt marschiert, träumen der 16-jährige Egon Siepmann und sein Freund Fritz Gärtner von Freiheit und Abenteuer. Ihr Alltag besteht aus dem Kampf ums Überleben im Krieg, aus Schikanen der Hitlerjugend und schließlich aus der Verfolgung durch die Gestapo. Mitten darin suchen die beiden, was Jugendliche immer suchen: eine eigene Identität.

Der Konflikt eskaliert, als eine Auseinandersetzung zwischen Edelweißpiraten und Hitlerjungen für einen der Jugendlichen tödlich endet. Damit rückt die ganze Bewegung in den Blick der Gestapo, und aus dem Jugendroman wird ein Krimi mit Ermittlern, die keine Gnade kennen. Die Figuren sind erfunden, der historische Rahmen nicht. Auf Seite 162 etwa tauchen die Kittelbachpiraten auf, deren Name später in der Bezeichnung Edelweißpiraten weiterlebte.

Wenn du Volker Kutschers Gereon-Rath-Romane über das Berlin der späten Weimarer Jahre kennst und einen anderen Blickwinkel suchst, ist das Ruhrgebiet der 1940er Jahre aus der Sicht zweier Jugendlicher ein ungewohnter Schauplatz.

Wer die Edelweißpiraten waren

Als Edelweißpiraten bezeichnete man informelle Gruppen von Jugendlichen, meist zwischen 14 und 17 Jahren, die sich zwischen 1939 und 1945 unangepasst und teils offen oppositionell verhielten. In einigen Besatzungszonen bestanden sie bis etwa 1947 fort. Mehrere tausend junge Menschen gehörten dazu.

Der Name war ursprünglich eine Verhöhnung durch Gestapo-Beamte um 1939. Das Edelweiß war eines der Abzeichen der Bündischen Jugend, die das Regime 1936 endgültig verboten hatte. „Piraten“ bezog sich auf die Kittelbachpiraten, eine 1925 in Düsseldorf gegründete rechtsradikale Gruppe, deren Mitglieder 1933 größtenteils zur HJ oder zur SA wechselten. Das Muster wiederholte sich: In Köln nannte die HJ unangepasste Jugendliche zwischen 1933 und 1941 „Navajos“, und auch diesen Spottnamen übernahmen die Verspotteten. Für Jugendliche aus der Bündischen Jugend, der linken Naturfreundejugend oder kommunistischen Familien war die Kombination zunächst eine Provokation. Gegen Kriegsende nannten sich viele Gruppen trotzdem selbst so.

Die Vorgeschichte reicht in die Weimarer Republik zurück. In den Goldenen Zwanzigern, die für Arbeiterkinder alles andere als golden waren, boten Jugendbünde in der Tradition des Wandervogels Fahrten, Lagerfeuer und Gemeinschaft. Etwa 100.000 Jugendliche waren am Ende der Republik in solchen Bünden organisiert. Die Hitlerjugend unter Baldur von Schirach sah darin Konkurrenz, wuchs von 108.000 Mitgliedern 1932 auf 2,3 Millionen im folgenden Jahr und machte die Bünde verächtlich, bis sie verboten waren. Wie gefährlich Widerspruch schon früh war, zeigt Robert Oelbermann vom Nerother Wandervogel: Bei einem letzten Treffen auf Burg Waldeck 1934 griff er die „braunen Affenhorden“ offen an, wurde bald darauf verhaftet und überlebte die Haft nicht.

Die Edelweißpiraten übernahmen vieles davon, ohne die alten Hierarchien. Sie gingen auf Fahrt, sangen bündische Lieder oder dichteten HJ-Lieder spöttisch um. Sie trugen karierte Hemden, kurze Lederhosen, weiße Socken und manchmal ein Edelweiß unter dem linken Rockaufschlag. Und anders als die Hitlerjugend nahmen sie auch Mädchen auf.

Verfolgung im Rhein-Ruhr-Gebiet

Spätestens ab 1942 galt Köln als Zentrum der Bewegung, in Gestapo-Akten tauchen dort über 3.000 Namen auf. Bei Razzien in Duisburg, Düsseldorf, Essen und Wuppertal nahm die Gestapo 739 vermeintliche Edelweißpiraten fest. Über die Dortmunder Edelweißpiraten veröffentlichte der Schriftsteller Kurt Piehl, selbst einer von ihnen, 1980 ein Buch.

Die Verfolgung wurde Schritt für Schritt schärfer. Am 1. Juni 1938 erhielt der HJ-Streifendienst neue Richtlinien, die ihn zum Einschreiten auf offener Straße und in geschlossenen Räumen ermächtigten. Die Justiz nutzte zunächst den Paragrafen 175, weil die HJ den Bündischen pauschal Homosexualität unterstellte, und schuf dann den dehnbaren Tatbestand der „bündischen Umtriebe“. Ab 1941 kamen Razzien, Spitzel, Folter und Haft hinzu, im Dezember 1942 eine Verhaftungswelle im Raum Köln. Viele junge Männer wurden in Strafbataillone gesteckt. Der überlebende Edelweißpirat Bruno Bachler berichtete, wie Häftlinge seiner Strafkompanie an der Ostfront Hand in Hand über Minenfelder gehen mussten.

Einige Gruppen leisteten aktiven Widerstand. Die Kölner Gruppe um Gertrud Koch, deren Vater im KZ Esterwegen gestorben war, verteilte ab Sommer 1942 Flugblätter, kurz und derb, weil niemand auf den Domstufen lange lesen würde. Die Ehrenfelder Gruppe um den KZ-Flüchtling Hans Steinbrück versteckte Juden und entflohene Kriegsgefangene. Am 10. November 1944 wurden in Köln-Ehrenfeld 13 Menschen öffentlich gehängt, darunter mehrere Jugendliche aus diesem Kreis. Wie viele Edelweißpiraten insgesamt ermordet wurden, weiß niemand, weil fast alle Unterlagen von den Tätern stammen und die Jugendlichen aus Vorsicht keine Listen führten.

Ins öffentliche Bewusstsein kamen die Ehrenfelder erst nach 1980, vor allem durch den Zeitzeugen Jean Jülich.

Swing-Jugend und Weiße Rose

Die Edelweißpiraten waren nicht die einzige oppositionelle Jugendkultur. In Hamburg, Frankfurt und Berlin trafen sich Jugendliche meist aus bürgerlichen Familien, die Swing hörten, englische Mäntel trugen und sich mit „Swing Heil!“ grüßten. Am 18. August 1941 begann die „Sofort-Aktion gegen die Swing-Jugend“ mit über 300 Verhaftungen, Heinrich Himmler verlangte für die Rädelsführer mehrere Jahre Konzentrationslager. Günter Discher kam im Januar 1943 in das Jugendkonzentrationslager Moringen.

Auch die Weiße Rose hatte Wurzeln in der Jugendbewegung. Willi Graf und Hans Scholl waren schon 1937 und 1938 wegen „bündischer Umtriebe“ verhaftet worden, Jahre bevor sie in München Flugblätter gegen das Regime verteilten.

Mike Steinhausen

Mike Steinhausen, geboren 1969 in Essen, ist Polizeibeamter und arbeitete mehrere Jahre als Zivilfahnder in der Drogenbekämpfung. Sein Debüt als Autor war der zeitgeschichtliche Kriminalroman „Operation Villa Hügel“, benannt nach dem Stammsitz der Industriellenfamilie Krupp in Essen. Mit „Ruhrpiraten“ blieb er beim Verlag und bei seiner Heimatregion. Weitere Kriminalromane stehen unter Bücher.

Fragen zu Ruhrpiraten

Worum geht es in „Ruhrpiraten“ von Mike Steinhausen?

Der 16-jährige Egon Siepmann und sein Freund Fritz Gärtner schließen sich im Rhein-Ruhr-Gebiet während des Zweiten Weltkriegs den Edelweißpiraten an. Als eine Auseinandersetzung mit der Hitlerjugend für einen der Jugendlichen tödlich endet, gerät die Gruppe ins Visier der Gestapo.

Wann ist Ruhrpiraten erschienen?

Am 7. Februar 2018 als Taschenbuch im Gmeiner-Verlag, in dessen Reihe zeitgeschichtlicher Kriminalromane. Das Buch hat 406 Seiten.

Wer waren die Edelweißpiraten?

Informelle Gruppen von Jugendlichen, meist zwischen 14 und 17 Jahren, die sich zwischen 1939 und 1945 der Hitlerjugend entzogen, eigene Fahrten und Lieder pflegten und teils aktiv Widerstand leisteten. Ihr Schwerpunkt lag im Rheinland und im Ruhrgebiet, Köln gilt ab 1942 als Zentrum.

Woher kommt der Name Edelweißpiraten?

Er geht auf Gestapo-Beamte um 1939 zurück. Das Edelweiß war ein Abzeichen der 1936 verbotenen Bündischen Jugend, der Namensteil „Piraten“ stammt von den Kittelbachpiraten, einer rechtsradikalen Düsseldorfer Gruppe. Später übernahmen die Jugendlichen die Bezeichnung selbst.

Wer ist Mike Steinhausen?

Ein 1969 in Essen geborener Polizeibeamter, der mehrere Jahre als Zivilfahnder in der Drogenbekämpfung arbeitete. Als Autor debütierte er mit dem zeitgeschichtlichen Kriminalroman „Operation Villa Hügel“, ebenfalls bei Gmeiner.

Was geschah mit den Edelweißpiraten in Köln-Ehrenfeld?

Am 10. November 1944 wurden in Köln-Ehrenfeld 13 Menschen ohne Gerichtsverfahren öffentlich gehängt, darunter mehrere jugendliche Edelweißpiraten, der jüngste 16 Jahre alt. Die Ehrenfelder Gruppe um Hans Steinbrück hatte versteckte Juden und Kriegsgefangene unterstützt.