UNESCO: 14 Traditionen zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt

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UNESCO-Ausschuss stuft Frühlingsritus Juraŭski Karahod aus Belarus als bedroht ein.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss für das Immaterielle Kulturerbe der UNESCO hat am Mittwoch 14 Formen von überliefertem Wissen und Können in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Dazu gehören der Alpinismus aus Frankreich, Italien und der Schweiz, der mittelalterliche Stadtumgang in Brüssel und die musikalische Tradition des Morna von den Kapverdischen Inseln. Zudem erkannte der Ausschuss den Frühlingsritus Juraŭski Karahod aus Belarus als dringend erhaltungsbedürftig an.

Der UNESCO-Ausschuss berät derzeit über die Aufnahme von lebendigen Traditionen, Bräuchen und Handwerkstechniken in die internationalen Listen des Immateriellen Kulturerbes.

Bereits am Dienstag hatte das Gremium vier traditionelle Fertigkeiten als bedroht eingestuft. Der Ausschuss tagt noch bis zum 14. Dezember in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá.

In die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes wurde aufgenommen:

Belarus: Frühlingsritus Juraŭski Karahod

Der Juraŭski-Ritus wird am Georgstag (23./24. April) von den Bewohnern des Dorfes Pahost mit u.a. Gesang, verschiedenen Spielen und Zeremonien gefeiert. Der Heilige Georg ist in Belarus der Schutzpatron von Vieh und Landwirtschaft. Zu den Bedrohungen der Tradition gehören Faktoren wie eine alternde Bevölkerung, fehlende Arbeitsplätze im Dorf und die generelle sozioökonomische Situation der Region sowie die Folklorisierung der lebendigen Tradition.

In die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit wurden aufgenommen:

Ägypten, Bahrain, Irak, Jemen, Jordanien, Kuwait, Marokko, Mauretanien, Oman, Palästinensische Gebiete, Saudi-Arabien, Sudan, Tunesien, Vereinigte Arabische Emirate: Wissen, Traditionen und Bräuche rund um die Dattelpalme.

Dattelpalmen sind typische Gewächse in Wüsten und Gebieten mit trockenem Klima. Ihr Wachstum ist ein Indiz für Wasservorkommen. Das macht sie seit Jahrhunderten für die Menschen nützlich, die mit ihrer Hilfe trotz der lebensfeindlichen Bedingungen Siedlungen errichten konnten. Datteln werden bei zahlreichen religiösen und gesellschaftlichen Anlässen gegessen. Auch die Blätter der Palme sind fester Bestandteil verschiedener Bräuche.

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Armenien: Armenische Schreibkunst und ihre kulturellen Ausdrucksformen

Die armenische Schreibkunst basiert auf dem armenischen Alphabet, das bereits vor über 1600 Jahren entwickelt wurde. Reich verzierte Buchstaben finden sich sowohl in aufwendigen Schriften, wie auch auf Teppichen, Holzskulpturen und anderen kunsthandwerklichen Erzeugnissen. Die Schreibkunst spielt eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der armenischen Sprache und Kultur.

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Äthiopien: Äthiopisches Epiphanienfest

Das farbenfrohe Fest wird, beginnend am Abend des 18. Januar, in ganz Äthiopien gefeiert. Es erinnert die Taufe von Jesus Christus im Jordan. Die Menschen verbringen die ganze Nacht mit Gebeten und Hymnen. Hunderttausend nehmen dann am Folgetag am eigentlichen Festival, das aus zahlreichen Ritualen und Zeremonien besteht, teil.

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Belgien: Stadtumgang in Brüssel

Der mittelalterliche Stadtumgang in Brüssel wird jedes Jahr im Juli an zwei Abenden veranstaltet. Das Fest besteht aus einem Wettkampf der Armbrustgilden, einer Prozession durch die Stadt und einem abschließenden Fest auf dem Grand-Place. Der Stadtumgang hat einen identitätsstiftende Charakter für Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen und stärkt die Stadtgemeinschaft.

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Hinweis: Erstmals hat der UNESCO-Ausschuss für das Immaterielle Kulturerbe mit dem Karneval in Aalst, Belgien, eine Tradition von der Repräsentativen Liste des Immateriellen Kulturerbes gestrichen. In den vergangenen Jahren nahmen wiederholt Festwagen mit rassistischen und antisemitischen Darstellungen am Straßenkarneval in der belgischen Stadt teil.

Dies sei weder mit den Grundprinzipien des Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes noch mit den in ihrer Charta niedergelegten Werten vereinbar, teilte die UNESCO mit. Sie stehe zu ihren Grundprinzipien der Würde, Gleichheit und des gegenseitigen Respekts und verurteile alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, so die Weltkulturorganisation in einer ersten Stellungnahme.

Nach einhelliger Auffassung des Ausschusses widersprechen die Vorfälle in Aalst insbesondere dem zweiten Artikel der Konvention, wonach nur Kulturformen für die UNESCO-Listen infrage kommen, die den Anspruch gegenseitiger Achtung von Gruppen und Gemeinschaften anerkennen und mit den internationalen Menschenrechtsübereinkommen in Einklang stehen.

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Bolivien: Das Festival der Santísima Trinidad del Señor Jesús del Gran Poder in La Paz

Das Festival bringt jedes Jahr Gläubige aus verschiedenen sozialen Gruppen und Generationen zusammen. Bei einem großen Umzug mit etwa 40.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden verschieden Tänze aufgeführt, die von ca. 7.000 Musikern aus 69 Bruderschaften begleitet werden.

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Brasilien: Kultureller Komplex Bumba-meu-boi von Maranhão

Bumba-meu-boi ist eine ritualisierte Praxis mit musikalischen, performativen und spielerischen Ausdrucksformen. Im Mittelpunkt der Kulturform steht die symbolisch aufgeladene Figur eines Ochsen: dieser steht als Metapher für den ganzen Kreislauf der menschlichen Existenz von der Geburt über das Leben bis zum Tod.

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Dominikanische Republik: Musik und Tanz der dominikanischen Bachata

Bachata ist in der Dominikanischen Republik bei Feiern und sozialen Zusammenkünften allgegenwärtig. Die Bachata wird traditionell von einer kleinen Musikband mit ein oder zwei Gitarren, verschiedenen Rhythmusinstrumenten und einem Bass gespielt. Die Texte drücken tiefe Gefühle von Liebe, Leidenschaft und Nostalgie aus. Der Paartanz ist ebenso leidenschaftlich. Er wird in der Dominikanischen Republik bereits von Klein auf erlernt, es gibt aber auch über 100 Akademien, Studios und Schulen, die sich der Vermittlung der Kenntnisse widmen.

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Frankreich, Italien, Schweiz: Alpinismus

Das Klettern und Wandern im Gebirge basiert auf vielfältigem Wissen über die Natur- und Wetterverhältnisse sowie die eigenen körperlichen Fähigkeiten. Der Alpinismus kann außerhalb fester Strukturen ausgeübt werden. Er betont Werte des Miteinanders und des verantwortungsvollen Umgangs mit der Natur.

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Vintagebuch Tipp:

Bildband: Bergmenschen
30 Ikonen der Bergwelt über Wagnis, Liebe und Demut. Einfühlsam inszenierte Porträts, spannende Interviews mit Extrembergsteigern und prominenten Bergbegeisterten
von Michael Ruhland (Autor), Christoph Jorda (Fotograf). Frederking & Thaler Verlag, Buchinfos bei Amazon.de

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Griechenland, Italien, Österreich: Transhumanz: Der saisonale Viehwandertrieb im Mittelmeerraum und in den Alpen

Vor allem Kühe, Ziegen und Schafe werden abhängig von der Jahreszeit von Weidefläche zu Weidefläche getrieben. Die teilweise sehr langen Strecken werden auf festen Routen zurückgelegt. Die Transhumanz formt Landschaften und verbindet Gemeinschaften.

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Griechenland, Zypern: Byzantinischer Gesang

Der byzantinische Gesang ist eine mehr als 2000 Jahre alte Form der griechisch-orthodoxen Kirchenmusik, die vor allem auf dem Gebiet des ehemaligen byzantinischen Reiches verbreitet ist. Die kirchlichen Texte werden einstimmig und ohne instrumentale Begleitung gesungen.

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Iran: Die traditionelle Fertigung und das Spielen der Dotār

Die Dotar ist ein Zupfinstrument, das aus verschiedenen Holzarten, unter anderem getrocknetem Totholz, gefertigt wird. Das Instrument ist mit zwei Saiten bespannt und wird bei rituellen Zeremonien und Feiern, wie zum Beispiel Hochzeiten gespielt. Die Herstellung und das Spiel auf der Dotar werden in der Regel auf informellem Wege nach dem Meister-Schüler-Prinzip weitergegeben.

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Kap Verde: Morna: musikalische Tradition aus Kap Verde

Morna bezeichnet einen traditionellen Musikstil von den Kapverdischen Inseln. Die Tradition umfasst Musik, Gesang, Lyrik und Tanz. Die Texte handeln unter anderem von Liebe, Abschied und Trennung, aber auch von der Heimat und dem Ozean. Typische Instrumente für den Musikstil sind Gitarre und Geige.

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Mexiko, Spanien: Herstellung von Artisanal talavera in Puebla und Tlaxcala (Mexiko) und der Keramik von Talavera de la Reina und El Puente del Arzobispo (Spanien)

Der handwerkliche Herstellungsprozess von Keramikwaren in den vier Gemeinden ist seit dem 16. Jahrhundert weitgehend unverändert. Zum Wissen und Können gehören die Herstellung des Tons und der Töpferwaren sowie die Dekoration und weitere anspruchsvolle Veredelungsschritte. Jede Werkstatt pflegt ihre eigene Identität, die sich in Details der Formen, Dekorationen, Farben und Glasuren der Produkte ausdrückt. Die Herstellung von Keramik ist zudem ein grundlegendes identitätsstiftendes Symbol in beiden Staaten.

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Mongolei: Die traditionelle Herstellung von Airag und die damit verbundenen Bräuche

Airag besteht aus vergorener Stutenmilch und ist leicht alkoholisch. Zur Herstellung werden traditionelle Gerätschaften verwendet, wie ein lederner Beutel, der khokhuur. Die frische Milch wird zusammen mit Milchsäurebakterien in den khokhuur gegeben und wiederholt umgerührt. Airag wird bei verschiedenen Festen und Ritualen getrunken. In der Mongolei ist Airag ein Symbol für Glück, da die Farbe Weiß als heilig gilt.

Hintergrund

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Seit 2003 unterstützt die UNESCO den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Bis heute sind 178 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.

Einzelne Elemente aus den nationalen Verzeichnissen der Vertragsstaaten können für eine von drei UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen werden. Dazu gehören bereits der Tango aus Argentinien und Uruguay, die traditionelle chinesische Medizin (TCM), Reggae aus Jamaika und der Blaudruck in Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei und Ungarn.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss setzt sich aus 24 gewählten Vertragsstaaten der Konvention zusammen. Er entscheidet jährlich über die Aufnahme neuer Kulturformen auf die UNESCO-Listen. Bisher sind 429 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der internationalen Repräsentativen Liste eingetragen, 63 Elemente auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und 20 gute Praxisbeispiele zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes.

14 Traditionen zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt

Mit der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes macht die UNESCO auf Wissen und Können aufmerksam, dessen Lebendigkeit bedroht ist. Folgende Kulturformen hat der Zwischenstaatliche Ausschuss 2019 neu in diese Liste aufgenommen