UNESCO: Neun Neuaufnahmen in Deutschlands Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, nominiert: Moderner Tanz, Flößerei und Hohl- und Flachglasfertigung

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Neun Neuaufnahmen in Deutschlands Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes:
♦ Moderner Tanz, Flößerei und Hohl- und Flachglasfertigung für internationale UNESCO-Listen nominiert …

Sieben Kulturformen, darunter das handwerkliche Bierbrauen und die deutsche Friedhofskultur, sowie zwei Gute Praxisbeispiele zählen seit heute zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland. Das haben die Kulturministerkonferenz und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Empfehlung des Expertenkomitees der Deutschen UNESCO-Kommission heute bestätigt.

Außerdem wurde die Nominierung des modernen und zeitgenössischen Tanzes sowie die Beteiligung Deutschlands an den multinationalen Nominierungen der Flößerei und der manuellen Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas für die weltweiten UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit bestätigt.

Voraussetzung für die Aufnahme in die internationalen UNESCO-Listen ist, dass die Kulturformen im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes gelistet sind. Für den modernen und zeitgenössischen Tanz sowie die Flößerei ist dies seit 2014, für die Hohl- und Flachglasfertigung seit 2015 der Fall.

Der Vorsitzende der Kulturministerkonferenz und bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, betonte: „Kulturerbe ist innovativ und kreativ! Das zeigen einmal mehr die Neueinträge in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.

Sie bilden den kulturellen Reichtum in Deutschland ab und machen das überlieferte Wissen und Können um Bräuche, traditionelle Handwerkstechniken und künstlerische Ausdrucksformen sichtbar.

Mit ihrem Engagement und Enthusiasmus für die Pflege und Weitergabe des Immateriellen Kulturerbes an kommende Generationen leisten viele Bürgerinnen und Bürger einen unschätzbar wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft – denn gerade in den heutigen Zeiten brauchen wir identitätsstiftende Elemente wie Traditionen und Bräuche, aber auch deren lebendige Weiterentwicklung.“

Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, erklärte: „Die diesjährigen Neuaufnahmen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes sind eindrucksvoller Beleg für den kulturellen Facettenreichtum in unserem Land.

Es ist ein schöner Erfolg, dass gleich drei Kulturformen, darunter der zeitgenössische Tanz, als deutsche Beiträge für die weltweite UNESCO-Liste nominiert wurden.

Bereits über 100 Kulturformen sind nunmehr im Bundesweiten Verzeichnis aufgelistet.

Das immer größer werdende Bewusstsein der Öffentlichkeit für den Wert des Immateriellen Kulturerbes begrüße ich sehr. Es zeigt, wie wichtig und lebendig die Traditionen und Bräuche in Deutschland in all ihren regionalen Ausprägungen sind.“

Die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Maria Böhmer, sagte mit Blick auf die Neuaufnahmen: „Die Neueinträge in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes sind gelebtes Kulturerbe.

Wenn Menschen ihr Wissen und Können weitergeben, ist das ein wertvoller Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben, zur kulturellen Identität und zu nachhaltiger Entwicklung.

Kultur ist lokal und grenzüberschreitend zugleich – das zeigen die multinationalen Nominierungen für die internationalen UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes.“

Die neun Neuaufnahmen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes:

Sieben lebendige Kulturformen:

Süddeutsche Wander- und Hüteschäferei
Handwerkliches Bierbrauen
Kulturformen der Nutzung bäuerlicher Gemeinschaftswälder im Steigerwald und angrenzenden Regionen
Verwendung und Weitergabe der Brailleschrift in Deutschland
Brauch des Martensmanns
Grasedanz im Harz
Friedhofskultur in Deutschland

Zwei Modellprogramme zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes
(Gute Praxisbeispiele):

♦ Revitalisierung des Spiels auf der diatonischen Handharmonika in Mecklenburg-Vorpommern
Revitalisierung synagogaler Chormusik des 19. und 20. Jahrhunderts Mittel- und Osteuropas

Hintergrund

Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes zeigt exemplarisch, welche lebendigen kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen in Deutschland praktiziert und weitergegeben werden.

Es würdigt kreative, inklusive und innovative Kulturformen und deren Erfahrungswissen. Insgesamt beinhaltet das Verzeichnis nun 106 Kulturformen und Modelle guter Praxis zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes.

Über Aufnahmen in das Verzeichnis wird regelmäßig in einem mehrstufigen Verfahren entschieden. Die Erstellung eines nationalen Registers ist eine Verpflichtung aus dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes, dem Deutschland 2013 beigetreten ist. Die Vorschläge kommen aus der Zivilgesellschaft. Ziel ist, die Vielfalt des lebendigen Kulturerbes in Deutschland und weltweit zu erhalten, zu pflegen und zu fördern.

Weitere Informationen

Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes
FAQ Immaterielles Kulturerbe (PDF)

Was ist Immaterielles Kulturerbe?

„Wissen. Können. Weitergeben.“: Immaterielles Kulturerbe sind kulturelle Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Gemeinschaften prägen diese lebendigen Traditionen und entwickeln sie kreativ weiter.

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen nach dem 2003 verabschiedeten und von mehr als 170 Staaten unterzeichneten UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes

mündliche überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen,
darstellende Künste,
♦ gesellschaftliche Bräuche, Rituale, Feste (auch Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation),
♦ Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum
♦ und traditionelle Handwerkstechniken.

Immaterielles Kulturerbe im Sinne des UNESCO-Übereinkommens ist zugleich traditionell, zeitgenössisch und zukunftsgerichtet. Menschen spielen hierbei die Schlüsselrolle.

Die oft nur mündlich tradierten Praktiken wirken identitätsstiftend und gemeinschaftsfördernd. Gerade im Zuge der Globalisierung gewinnen regionale Traditionen und lokales Wissen wieder an Bedeutung.

Es geht um die praktizierte Ausdrucksform und ihre Bedeutung für die jeweiligen Gemeinschaften und Gruppen. Für das Immaterielle Kulturerbe entscheidend sind Wissen und Können – die Produkte der kulturellen Ausdrucksform (wie etwa Aufführungen, Erzählungen, Handwerksprodukte etc.) oder Objekte/Artefakte sind von nachrangiger Bedeutung.

Erhaltung Immateriellen Kulturerbes meint die Sicherung der Lebendigkeit und Lebensfähigkeit der kulturellen Ausdrucksformen. Immaterielles Kulturerbe ist dynamisch und wird kontinuierlich an veränderte Umstände angepasst. Es geht also nicht um Konservierung oder Schutz eines bestimmten Zustands, sondern um Entwicklungsfähigkeit.

Immaterielles Kulturerbe ist immer auch durch Improvisation, Weiterentwicklung und Veränderung gekennzeichnet. Die Weitergabe Immateriellen Kulturerbes ist jeweils ein Akt informellen Lernens.

Immaterielles Kulturerbe ist nicht „Welterbe“

Als „Welterbe“ gelten ausschließlich Baudenkmäler, Stadtensembles sowie Kultur- und Naturlandschaften. Grundvoraussetzung für die Anerkennung einer Stätte als Welterbe ist Exklusivität – sie muss von außergewöhnlichem universellem Wert sein.

Als Immaterielles Kulturerbe gelten lebendige kulturelle Ausdrucksformen. Für die Anerkennung einer Kulturform als Immaterielles Kulturerbe im nationalen wie auch im internationalen Rahmen spielen Inklusivität, Vielfalt, Kreativität und Weiterentwicklung eine herausragende Rolle.

Kulturformen im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes können als „Immaterielles Kulturerbe“, solche auf der internationalen Repräsentativen Liste der UNESCO als „Immaterielles Kulturerbe der Menschheit” bezeichnet werden.

Zwischen den verschiedenen Formen des Kultur- und Naturerbes (Welterbe, Immaterielles Kulturerbe, Dokumentenerbe/Memory of the World, Biosphärenreservate und Geoparks) bestehen aber durchaus vielfältige Wechselwirkungen. Durch Erhaltung soll dieses Erbe für die Gegenwart und Zukunft relevant und anwendbar gemacht werden.

Warum muss Immaterielles Kulturerbe besonders geschützt werden?

Immaterielles Kulturerbe ist an Menschen und deren Überlieferungen gebunden. Es unterliegt stark den Einflüssen gesellschaftlicher, technologischer und wirtschaftlicher Transformationsprozesse.

Zu den Maßnahmen der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes gehören etwa Bildungs- und Informationsprogramme für die breite Öffentlichkeit sowie Ausbildungsprogramme für die jeweiligen Gemeinschaften und Gruppen.

Die natürlichen Veränderungsprozesse der Traditionen sollen durch die Konvention und ihre Mechanismen (Verzeichnisse, Listen, Erhaltungsprojekte usw.) nicht behindert werden.

Soll Immaterielles Kulturerbe „museal“ konserviert werden?

Nein, Erhaltung im Sinne der Konvention meint die Lebensfähigkeit kultureller Ausdrucksformen sicherzustellen, das bedeutet. die Voraussetzungen für ihre fortwährende Weiterentwicklung und Weitergabe zu gewährleisten. Auch Folklorisierung ist nicht im Sinne der UNESCO-Konvention.

Jegliche Erhaltungsmaßnahmen müssen zudem mit dem Einverständnis und unter Beteiligung der betreffenden Gemeinschaften entwickelt und durchgeführt werden.

Wie wird Kommerzialisierung verhindert?

Werden mit der Pflege einer kulturellen Ausdrucksform ausschließlich kommerzielle oder touristisch-industrielle Zwecke verfolgt, ist keine Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe möglich.

Die Konvention setzt voraus, dass Immaterielles Kulturerbe Teil der kulturellen Identität einer Gemeinschaft oder Gruppe ist, die ihr Können, ihre Traditionen, Sprachen, Feste, Rituale etc. eigenverantwortlich pflegt.

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Tradition und Brauchtum: Das immaterielle Kulturerbe der Menschheit (KUNTH Bildbände/Illustrierte Bücher) (Deutsch) Gebundenes Buch 34,95 EUR bei Amazon.de, 18. März 2020, KUNTH Verlag (Herausgeber).

Buchzitat: Tanz, Theater, Musik oder Sprache, Handwerkskünste oder Bräuche, Feste und Rituale – Immaterielles Kulturerbe wird von traditionellem Wissen und erfahrungsbasiertem Können getragen und es prägt die kulturelle Identität sowie das gesellschaftliche Zusammenleben.

Diese Ausdrucksformen wertzuschätzen, zu pflegen und zu fördern ist das Ziel des UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes. Das Buch stellt eine Auswahl dieser beeindruckenden Traditionen und Bräuche aus aller Welt in Wort und Bild vor.

21 Tage: Eine Reise zu 42 Stätten des Welterbes in Deutschland von Christian Krug. Gebundene Ausgabe: 392 Seiten, 23,90 EUR bei Amazon.de. 8. November 2018, Verlag: BoD – Books on Demand.

Buchzitat: In 21 Tagen besuchte Christian Krug 42 UNESCO-Welterbestätten in Deutschland. Über 5000 Kilometer fuhr er durch ein Land, von dem er schreibt, es nicht sehr gut zu kennen. Er nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch Zeit und Raum voller Überraschungen.

Die Vielfalt der Welterbestätten in Deutschland ist nahezu beispiellos. Von den Höhlen der Schwäbischen Alp über die Pfahlbauten und römische Denkmäler in Trier reichen sie bis in die jüngste Vergangenheit mit der Völklinger Hütte oder der Bauhaus-Architektur.

Mittelalter und Barock sind stark vertreten, aber auch Landschaftsparks und Naturerbestätten wie das Wattenmeer oder die Buchenwälder. Krug spart dabei auch kritische Töne nicht aus. Seine Reisebeschreibung ist fundiert und ernsthaft, voller Leidenschaft und Tiefgang, aber auch leicht und humorvoll.

Als studierter Historiker und Reiseleiter gelingt es ihm, einen neuen Zugang zu den vielen faszinierenden Stätten in Deutschland zu ermöglichen. Seine Beschreibungen und Erklärungen sind voller Poesie, ohne fundiertes Wissen zu vernachlässigen.