Intime Memoiren von Georges Simenon: Hunderte von Romanen, Tausende von Frauen, Schlösser, Villen, Luxuswagen …

Intime Memoiren von Georges Simenon: Hunderte von Romanen, Tausende von Frauen, Schlösser, Villen, Luxuswagen …

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Am 4. September 2019 ist der
30. Todestag
von Georges Simenon

 

Georges Joseph Christian Simenon (* 12. Februar 1903 in Lüttich; † 4. September 1989 in Lausanne) war ein belgischer Schriftsteller.

Bekannt wurde er vor allem als Autor von insgesamt 75 Kriminalromanen um die Figur des Kommissars Maigret.

Daneben verfasste Simenon über 100 weitere Romane und 150 Erzählungen unter seinem Namen sowie knapp 200 Groschenromane und mehr als 1000 Kurzgeschichten unter verschiedenen Pseudonymen.

Er schrieb in französischer Sprache und verwendete bis zum Erfolg unter eigenem Namen hauptsächlich das Pseudonym Georges Sim.

Simenon begann seine schriftstellerische Laufbahn bereits mit knapp sechzehn Jahren als Journalist in seiner Heimatstadt Lüttich. In den 1920er Jahren entwickelte er sich in Paris zu einem äußerst produktiven Autor von Trivialliteratur.

Die Romane um die Figur Maigret waren in den 1930er Jahren die ersten Werke, die Simenon unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, und führten zu seinem schriftstellerischen Durchbruch.

Von da an schuf Simenon ein umfangreiches Werk aus Kriminalromanen und psychologischen Romanen, das ihn zu einem der meistübersetzten und meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts machte.

Trotz seines großen kommerziellen Erfolgs und zahlreicher begeisterter Einzelstimmen war die Literaturkritik unschlüssig in seiner Einordnung. Auch mit den höheren literarischen Ambitionen seiner „Non-Maigret“-Romane überwand er nicht den Ruf eines Krimiautors und Vielschreibers.

Simenons Schreibstil zeichnet sich trotz des geringen Wortschatzes und des Verzichts auf jegliche literarische Finesse durch hohe Anschaulichkeit und dichte Atmosphäre aus.

Sein Werk handelt nach eigener Aussage vom „nackten Menschen“, dem Menschen, der hinter allen Masken zum Vorschein kommt. Dabei floss Simenons eigene Lebensgeschichte sowohl in die fiktionalen Werke als auch in mehrere Autobiografien ein.

Sein Privatleben war unstet, die beiden Ehen wurden von zahlreichen Affären begleitet. Häufig auf Reisen, hatte er im Lauf seines Lebens 33 wechselnde Wohnsitze in Belgien, Frankreich, Kanada, den USA und der Schweiz.

Journalist in Lüttich

Simenons erste Anstellungen währten nicht lange. Eine Konditorlehre brach er bereits nach 14 Tagen ab. Als Hilfsverkäufer einer Buchhandlung wurde er nach sechs Wochen entlassen, weil er dem Inhaber vor Kunden widersprochen hatte.

Kurz vor Simenons 16. Geburtstag war es ein kurzfristiger Entschluss, der die Weichen für seine Zukunft stellte. Beim ziellosen Schlendern durch Lüttich wurde er auf die Redaktionsräume der Gazette de Liège aufmerksam, trat ein, bewarb sich und wurde angenommen.

Der Chefredakteur Joseph Demarteau erkannte seine Begabung und förderte ihn trotz gelegentlicher Eskapaden. Simenon beschrieb in einem Interview: „Noch eine Minute zuvor war ich nur ein Schuljunge. Ich trat über eine Schwelle […] und auf einmal gehörte mir die Welt.“

Der frischgebackene Journalist behielt das Pseudonym Georges Sim bei. Er gab und kleidete sich mit Regenmantel und Pfeife wie sein Vorbild, der junge Reporter Rouletabille aus den Kriminalgeschichten Gaston Leroux’.

Nach der Übernahme der Rubrik Unfälle und Verbrechen erhielt Simenon bald seine eigene Kolumne, in der er als „M. le Coq“ in ironischem Ton von Hors du Poulailler (Außerhalb des Hühnerstalls) berichtete.

Die Erfindung Maigrets

Obwohl er in den Wintermonaten weiter in Paris lebte, war Simenon der Oberflächlichkeiten und Zerstreuungen der Großstadt überdrüssig geworden. Im Frühjahr 1928 kaufte er ein Boot, das er „Ginette“ taufte und auf dem er gemeinsam mit Tigy und Boule sechs Monate durch die Flüsse und Kanäle Frankreichs kreuzte.

An Bord fand Simenon die Ruhe, sich ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren. Im Jahr 1928 gelang es ihm, 44 Groschenromane zu publizieren, was beinahe an die gesamte Produktion von 51 Romanen der vier Vorjahre heranreichte.

1929 wiederholte Simenon die erfolgreiche Verbindung von Reisen und Schriftstellerei. Er kaufte einen größeren Fischkutter, der auch seetauglich war, und nannte ihn Ostrogoth. Die Fahrt begann im Frühjahr 1929 und führte über Belgien und die Niederlande bis zur Ostsee.

In diesem Jahr publizierte Simenon 34 Romane und fühlte sich reif für einen literarischen Schritt nach vorne. Der Sprung zur ernsthaften Literatur schien ihm noch zu groß, er brauchte nach eigenen Worten ein „Sicherheitsnetz“. So schuf er „halbliterarische“ Kriminalromane, in deren Mittelpunkt die Figur Maigret stand.

Nach Simenons Version erdachte er Maigret im Winter 1929/30 in einem Café im niederländischen Delfzijl, wo unvermittelt in seiner Phantasie die Umrisse des massigen Kommissars entstanden.

Im Anschluss schrieb er den ersten Maigret-Roman Pietr-le-Letton. Tatsächlich entschlüsselte die Simenon-Forschung später, dass Maigret bereits in vier vorangegangenen Trivialromanen unterschiedlich große Auftritte hatte, von denen zwar einer in Delfzijl entstand, allerdings bereits im September 1929.

Der erste wirkliche Maigret-Roman Pietr-le-Letton wurde dagegen auf Frühjahr oder Sommer 1930 in Paris datiert. Jedenfalls zeigte sich Simenons Verleger Fayard keineswegs begeistert vom Stilwechsel seines einträglichen Trivialschriftstellers, und Simenon musste hart um die Maigret-Reihe und seine Chance einer literarischen Weiterentwicklung kämpfen.

Auch dass er erstmals unter seinem wahren Namen veröffentlichen wollte, erwies sich als Erschwernis, denn alle Welt kannte den Autor nur als Georges Sim. Um sich bekannt zu machen, inszenierte Simenon am 20. Februar 1931 einen großen Ball, auf dem die geladenen Gäste als Verbrecher oder Polizisten kostümiert waren, und signierte die ersten beiden publizierten Romane: M. Gallet décédé und Le pendu de Saint-Pholien. Die Werbung gelang, und der Ball wurde für Tage zum Stadtgespräch.

Die Maigret-Romane waren ein unmittelbarer Erfolg und machten Simenon schlagartig berühmt. Die Presse nahm sie sehr positiv auf, schon bald folgten Übersetzungen in verschiedene Sprachen.

Im Herbst 1931 verfolgte Jean Renoir den reisenden Simenon regelrecht, um die Filmrechte für La nuit du carrefour zu erwerben, zwei weitere Verfilmungen schlossen sich an.

Dennoch ließ Simenon die Reihe bereits nach 19 Romanen auslaufen. Der als Abschluss geplante Roman trug den schlichten Titel Maigret und versetzte seinen Helden in den Ruhestand. Ab Sommer 1932 wandte sich Simenon jener Literatur zu, die er sich drei Jahre zuvor noch nicht zugetraut hatte:

Er schrieb seine ersten „romans durs“ (harte Romane). Auch in diesen Romanen geschieht zumeist ein Verbrechen, doch sind es keine Kriminalromane im klassischen Sinne. Eskin bezeichnete sie als „umgekehrte Kriminalromane“, bei denen das Verbrechen oft nicht am Anfang, sondern am Ende steht und der Fokus nicht auf den polizeilichen Ermittlungen liegt.

Als Simenon seinem Verleger Fayard den erneuten Kurswechsel mitteilte, sträubte sich dieser und versuchte mit vertraglichen Verpflichtungen über weitere Groschenromane Druck auszuüben. Daraufhin wechselte Simenon zum renommierten Verlagshaus Gallimard, mit dem er einen einträglichen Vertrag über jährlich sechs Buchveröffentlichungen schloss.

Im April 1932 hatte Simenon Paris endgültig verlassen und zog in die Gegend von La Rochelle. Er pachtete das Landgut La Richardière. Als der Mietvertrag 1934 auslief, zog er in die Nähe von Orléans, 1935 nach Neuilly-sur-Seine, ehe er 1938 nach Nieul-sur-Mer bei La Rochelle zurückkehrte.

Neben den häufigen Umzügen – im Laufe seines Lebens hatte Simenon 33 unterschiedliche Wohnsitze – waren die Jahre durch lange Reisen geprägt, auf denen er Reportagen verfasste: 1932 nach Afrika, 1933 nach Osteuropa, 1935 eine achtmonatige Weltreise nach Tahiti und zurück.

Am 19. April 1939 wurde Marc Simenon geboren, Georges’ erstes und Tigys einziges Kind. Marc wurde später Regisseur und verfilmte auch Romane seines Vaters.

Eineinhalb Jahre zuvor hatte Simenon verkündet: „Ich habe 349 Romane geschrieben, aber alles das zählt nicht. Die Arbeit, die mir wirklich am Herzen liegt, habe ich noch nicht begonnen […] Wenn ich vierzig bin, werde ich meinen ersten wirklichen Roman veröffentlichen, und wenn ich fünfundvierzig bin, werde ich den Nobelpreis erhalten haben“.

Simenon schrieb während der Kriegsjahre 22 Romane und 21 Kurzgeschichten. Damit fiel zwar die Produktion gegenüber den Vorkriegsjahren, doch Gallimard konnte auf Vorräte zurückgreifen, Simenon blieb als Autor präsent, sein Einkommen hoch. Zudem kehrte er zurück zu seiner populärsten Schöpfung:

Nach einigen in Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen erschienen im Jahr 1942 nach achtjähriger Pause die ersten neuen Maigret-Romane. Die Gründe für die Reaktivierung des ausgemusterten Kommissars vermutete Stanley G. Eskin einerseits in der sicheren Einnahmequelle in unsicheren Zeiten, andererseits in der Erholung von den „romans durs“, deren Schreibprozess für Simenon wesentlich anstrengender und psychisch belastender war. Dieser sah „Maigret als Übung, als Vergnügen, als Entspannung“.

Amerika

Am 5. Oktober 1945 erreichten Simenon und Tigy New York. Simenon, in einer offenen Stimmung für neue Eindrücke, fühlte sich in der neuen Welt sofort zuhause. Er genoss den American way of life, die Demokratie und den allgegenwärtigen Individualismus. Wegen seiner geringen Englischkenntnisse reiste er weiter ins frankophone Kanada.

Sein erster auf dem amerikanischen Kontinent entstandener Roman Trois chambres à Manhattan hatte die Begegnung mit Denise zum Inhalt. Mit seinem zweiten Maigret à New York versetzte er auch Maigret über den Atlantik. In den folgenden Jahren bereiste Simenon den Kontinent.

Rückkehr nach Europa

Die spontane Rückkehr nach Europa erfolgte ohne konkrete Pläne, wo Simenon seine Zukunft verbringen wollte. Er reiste 1955 mit Denise durch Frankreich, blieb schließlich an der Côte d’Azur hängen, im April in Mougins, ab Oktober in Cannes.

Dort wurde er auch im Mai 1960 Präsident der Jury der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Er setzte sich massiv für den Wettbewerbsgewinner La dolce vita von Federico Fellini ein, was den Beginn einer Freundschaft mit dem italienischen Regisseur markierte.

Er war auf dem Höhepunkt seines kommerziellen Erfolgs angelangt und blieb seinem Schema der abwechselnden Maigret- und Non-Maigret-Romane treu, ohne noch literarische Weiterentwicklungen anzustreben. Trotz zahlreicher begeisterter Äußerungen von Schriftstellerkollegen blieb die Kritik in der Bewertung Simenons weiterhin unschlüssig.

Schließlich ließ sich Simenon in der Schweiz nieder, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Im Juli 1957 bezog er das Schloss Echandens nahe Lausanne. Simenon veröffentlichte später seine Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1959–1961 unter dem Titel Quand j’étais vieux (Als ich alt war).

Bereits im Titel klingt seine damalige von Alter, persönlicher Unzufriedenheit und Zweifel am eigenen Werk bestimmte Lebenskrise an. Von 1964 bis 1972 schrieb Simenon in Epalinges 13 Maigrets und 14 Non-Maigrets. Sein letzter Roman war Maigret et Monsieur Charles.

Nachdem Simenon das Schreiben aufgegeben hatte, fand er eine bequemere Form der Ausdrucksmöglichkeit: das Diktafon. Zwischen Februar 1973 und Oktober 1979 diktierte er insgesamt 21 autobiografische Bände, die so genannten Dictées. Ihre Veröffentlichung stieß allerdings bei Lesern und Kritikern nicht auf großes Interesse.

Simenon machte im Januar 1977 mit einem Interview noch einmal Schlagzeilen. Er behauptete in einem Gespräch mit Fellini, in seinem Leben mit 10.000 Frauen geschlafen zu haben, darunter 8000 Prostituierten.

Der Biograf Fenton Bresler ging ausführlich der Glaubwürdigkeit der Zahl nach. Denise behauptete, ihr Mann übertreibe, sie hätten gemeinsam eine Zahl von 1200 ausgerechnet. Simenon bekräftigte die Zahl jedoch später mehrmals.

Das letzte Buch, das Simenon im Jahr 1981 veröffentlichte, war ein fiktiver Brief an seine Tochter Marie-Jo unter dem Titel Mémoires intimes, dem er ihre hinterlassenen Aufzeichnungen anhängte.

 

Intime Memoiren
von Georges Simenon
Format: Kindle Ausgabe
Dateigröße: 2013 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 1357 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe (4. Oktober 2018)
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch
ASIN: B07G1M558H
Gebundenes Buch EUR 58,00
Werbung: Kindle EUR 39,99 bei Amazon.de

Buchzitat: Eine Autobiographie wie sein Werk: gewaltig, spannend, maßlos, über 1000 Seiten lang. Und überaus menschlich. Wer das Geheimnis Simenon verstehen will, muss die Intimen Memoiren lesen.

Hunderte von Romanen, Tausende von Frauen, Schlösser, Villen, Luxuswagen … Georges Simenons Leben und Werk ist von einer Üppigkeit und einem Reichtum, von denen die allermeisten Schriftsteller heutzutage nur träumen können. Und dennoch:

Trotz seines immensen literarischen Vermächtnisses, ist das Bild, das er in seinen Memoiren von sich zeichnet, nicht nur das eines Menschen, der das Leben in seiner ganzen Fülle erleben wollte, und eines manischen Schriftstellers, sondern auch das eines Familienvaters, dem seine Kinder das Wichtigste sind.

Und so sind die Intimen Memoiren neben einer ergreifenden Lebensbeichte auch das schonungslose Selbstbekenntnis eines Vaters, der versucht, mit dem Selbstmord seiner Tochter ins Reine zu kommen.

Deutsche Übersetzungen

Die ersten deutschen Übersetzungen veröffentlichte 1934 die Schlesische Verlagsanstalt in Berlin. Damals wurde Simenons Vorname noch als „Georg“ eingedeutscht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien Simenons Werk ab 1954 bei Kiepenheuer & Witsch und in einer Taschenbuchausgabe beim Heyne Verlag. Unter anderem war Paul Celan für zwei Übersetzungen verantwortlich, die allerdings als wenig gelungen gelten.

Anfang der 1970er Jahre machte Federico Fellini den Verleger Daniel Keel auf Simenon aufmerksam. Dessen Diogenes Verlag publizierte ab 1977 eine Simenon-Gesamtedition in 218 Bänden, die 1994 abgeschlossen wurde. Bereits 1997 folgten die ersten Neuausgaben und überarbeitete Übersetzungen.

Von 2008 an erschien eine Neuedition sämtlicher Maigret-Romane, seit 2010 folgten 50 ausgewählte Non-Maigret-Romane. Im Jahr 2017 sind die deutschsprachigen Rechte an den Kampa Verlag des ehemaligen Diogenes-Mitarbeiters Daniel Kampa übergegangen.

Maigret

Die Romane um Maigret, Kommissar der Kriminalpolizei am Pariser Quai des Orfèvres, folgen in ihrem Aufbau überwiegend einem festen Schema: Der Beginn zeigt Maigret in der Routine seines Alltags, eines Lebens ohne größere Ereignisse. Mit dem Verbrechen beginnen die Ermittlungen.

Dabei liegt der Fokus weniger auf äußerer Handlung – die Routinearbeit wird zumeist Maigrets Gehilfen übertragen – als auf dem inneren Prozess Maigrets, der das Geschehen zu verstehen versucht.

Den Schluss bildet ein abschließendes Verhör des Kommissars, das eher einem Monolog Maigrets gleicht. Hier wird nicht nur die eigentliche Tat aufgeklärt, sondern ein Teil des Vorlebens des Täters aufgerollt. Nicht immer steht am Ende eine Verhaftung, manchmal überlässt Maigret den Täter auch seinem Schicksal.

Typisch für die Maigret-Romane ist der Umschlag des anfänglich kriminalistischen Rätsels auf die psychologische Ebene der Erforschung des Motivs. Dies bricht laut Stanley G. Eskin mit den Spielregeln des klassischen Kriminalromans und enttäusche manche Leser.

Gegenüber dem klassischen Kriminalroman, der nach Ulrich Schulz-Buschhaus aus einer Mischung der Bestandteile mystery, action und analysis besteht, hat Simenon in seinen Maigret-Romanen die ersten beiden Elemente zugunsten der psychologischen Analyse fast völlig eliminiert.

Das Verbrechen umgibt nicht länger ein Mysterium, es entsteht aus dem Alltag und ist selbst zur Alltäglichkeit geworden. Nicht die Suche nach dem Täter steht im Mittelpunkt, sondern das Verstehen der Tat.

So wie Maigret kein exzentrischer Detektiv ist, sondern ein in den Polizeiapparat integrierter Kleinbürger, sind auch die Täter keine dämonischen Verbrecher, sondern Normalbürger, deren Tat aus einer Krisensituation entsteht. Kommissar und Täter werden in ihrer Gewöhnlichkeit gleichermaßen zu Identifikationsfiguren für den Leser.

Simenon bezeichnete Maigret als einen „raccomodeur des destins“, einen „Ausbesserer von Schicksalen“. Seine Methode ist geprägt von Menschlichkeit und Mitgefühl. Insbesondere die „kleinen Leute“ betrachtet er als „seine Leute“, deren Umgang ihm vertrauter ist als das Großbürgertum oder die Aristokratie.

Maigrets Ethik gehorcht der Maxime „Richte nicht“, so versagt er sich jedwede moralische Wertung und misstraut den Institutionen der Rechtsprechung. Im Gegensatz zu diesen geht es ihm nicht in erster Linie um Fakten, sondern um das Verstehen einer tieferen menschlichen Wahrheit.

Viele Untersuchungen betonen die Ähnlichkeit der Untersuchungsmethode Maigrets mit der eines Schriftstellers, speziell mit der seines Schöpfers Simenon: Wie dieser lebt Maigret von der Fähigkeit, sich in eine Situation hineinzuversetzen.

Wie dieser ist er abhängig davon, durch Schlüsselreize inspiriert zu werden, um Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Maigrets stärker intuitives als rationales Vorgehen kritisierte Bertolt Brecht: „der Kausalnexus ist verdeckt, lauter Schicksal rollt ab, der Detektiv ahnt statt zu denken“.

Der Abschluss eines Falles wird für Maigret selten zu einem Triumph. Vielmehr reagiert er mit Niedergeschlagenheit auf den abermaligen Beweis der Fehlbarkeit des Menschen.

Zum ruhenden Pol für den Kommissar wird Madame Maigret, der Prototyp einer altmodischen und unemanzipierten Hausfrau, deren Rolle sich zumeist darauf beschränkt, für ihren Gatten das Essen warm zu halten. Simenon bezeichnete sie als sein Idealkonzept einer Ehefrau.
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Intime Memoiren von Georges Simenon
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