Clingenburg Festspiele 2019: Am 11. August wurden die 26. Festspielsaison beendet. Die Festspiele haben am 31. August 2019 Insolvenz angemeldet. Schade!

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Clingenburg Festspiele 2019: Am 11. August wurden die 26. Festspielsaison beendet. Am Seitenende ausführliche Informationen: Die Festspiele haben am 31. August 2019 Insolvenz angemeldet.

Intendant Wolfgang Hofmann hatte in seiner ersten Spielzeit mit der Auswahl der Stücke „ins Schwarze getroffen“. Sowohl Eigenproduktionen, wie auch die Gastspiele, kamen beim Publikum hervorragend an.

Das von ihm engagierte professionelle Ensemble überzeugte in allen Bereichen und zum zweiten Mal in der Geschichte der Festspiele gab es auch wieder Bühnen-Vorhänge bei zwei Stücken.

Mehr als 28.000 Zuschauer fanden den Weg auf die Clingenburg, um in der einmaligen Atmosphäre dieser Naturbühne Musical, romantische Komödie, Kinder- oder Jugendstück auf höchstem theatralem Niveau zu erleben.

Und auch der Wettergott meinte es (meist) gut mit den Akteuren und dem Publikum, keine Vorstellung musste abgebrochen oder gar abgesagt werden.

 

Rocky Horror Show

Bad, bizarre & bloody brilliant so präsentierte sich die Rocky Horror Show von Richard O’Brien. Diese Inszenierung – prall und knallig – hatte es wahrhaftig in sich!

Regisseur Dirk Böhling hatte jede einzelne Rolle treffend besetzt, Bühnenbildnerin Esther Bätschmann schuf eine phänomenale Szenerie und entwarf schrille und einzigartige Kostüme.

Choreograf Timo Radünz fand für die Songs überraschende Bewegungen, die vom Ensemble hervorragend umgesetzt wurden und den musikalischen Nummern einen zusätzlichen Effekt verliehen.

Die Musik – gespielt von einer fünfköpfigen Band unter Leitung von Philipp Tillotson – ist unfassbar stark und die Geschichte schräg.

Die stimmgewaltigen Darsteller überzeugten von der ersten Sekunde an und zogen die Zuschauer, teilweise passend zu diesem Kult-Musical gekleidet und geschminkt, in ihren „außerirdischen“ Bann, allen voran Denis Fischer als Dr. Frank-NFurter (lüstern-lasziv und exaltiert) und Lukas Witzel als skurriler RiffRaff (gefährlich-lauernd und unberechenbar).

Denis Fischer und Lukas Witzel erhielten für ihre Darstellung den Publikumspreis 2019.

Wegen der großen Nachfrage gab es eine Zusatzvorstellung der Rocky Horror Show. Jede Show wurde zu einem besonderen Erlebnis und das Ensemble frenetisch gefeiert.

Shakespeare in Love

Bei Shakespeare in Love nach dem Drehbuch von Marc Norman & Tom Stoppard führte Wolfgang Hofmann Regie. Das Stück spielt im 16. Jahrhundert im  strengen, elisabethanischen England, als Frauen hübsch zu sein und den Mund (auf der Bühne) zu halten hatten.

Anders Viola de Lesseps (Laura Bleimund), die ihre Liebe zum Theater entdeckt und in eine Männerrolle schlüpfen muss, um ihren Traum, Schauspieler(in) zu sein, zu verwirklichen.

Shakespeare in Love erzählt auch die Geschichte, in der Will Shakespeare (Pascal Thomas) ein Stück schreibt, das später weltberühmt werden sollte: Romeo und Julia. Und wie könnte es anders sein:

Will und Viola verlieben sich. Wolfgang Hofmann ist eine Inszenierung gelungen, die witzig und temporeich die Zuschauer in einen rundum glücklich machenden Theaterabend versetzt.

Er orientiert sich dabei an einer leicht veränderten Bühnenfassung des Films und zaubert ein buntes, dichtes Schauspiel.

Das hochkarätige Ensemble ist voller ansteckender Spielfreude und das Stück wie geschaffen für die atmosphärische Umgebung der Clingenburg.

Tschick

Tschick – die Geschichte zweier Jungs – Tschick und Maik -, die in einem gestohlenen Lada durch die sommerglühende deutsche Provinz fahren. Tschick, Russlanddeutscher aus dem Assi-Hochhaus und Maik, Sohn zerstrittener, neureicher Eltern, die Mutter Alkoholikerin.

Regisseur Oliver Pauli hat den Text von Wolfgang Herrndorf geschickt und witzig in Szene gesetzt. Die beiden Hauptdarsteller Sasha Bornemann und Viktor Nilson brillieren in ihren Figuren, genauso wie Stefanie Meisenzahl und Markus Rührer, die in verschiedene Rollen schlüpfen.

Auf der Bühne wird es 90 durchgespielte Minuten nicht langweilig, die Zuschauer folgen atemlos den Schauspielern, die die Ruine erklettern und erklimmen und ein ums andere Mal mit ihrer derben, direkten und frechen Sprache das Publikum zum Lachen und Nachdenken und Mitfühlen bringen.

Dieses Stück war bestens geeignet, Jugendliche ab 12 Jahren für eine kurze Zeit aus dem virtuellen Zeitalter zu holen.

Sams

Feuerrote zerzauste Haare, Trommelbauch und blaue Punkte im Gesicht, das ist das Sams, das insgesamt 17 Mal ausgelassen, unberechenbar und wild auf der Clingenburg tobte und nicht nur kleine Zuschauer begeisterte.

Alexandra Kurzeja ist in dieser Rolle nicht zu bremsen und sprüht von der ersten bis zur letzten Szene vor Witz und Energie.

Das Sams stellt das Leben des spießigen Herrn Taschenbier (Wolfgang Erkwoh) auf den Kopf, erfüllt Wünsche und nach einer Woche weiß Herr Taschenbier, es darf auch mal etwas wild und laut sein und auch ein bisschen Direktheit im Umgang mit anderen schadet nicht.

Regisseur Wolfgang Hofmann hatte alle Rollen treffend besetzt, alle Akteure spielten sich mühelos in die Herzen der kleinen und großen Zuschauer.

The Beatles Revival Band
echoes – barefoot to the moon
an Acoustic Tribute To Pink Floyd

Auch die ausgewählten Gastspiele The Beatles Revival Band und echoes barefoot to the moon, an Acoustic Tribute To Pink Floyd waren absolute „Volltreffer“. Bei echoes war die Kartennachfrage so groß, dass eine Zusatzvorstellung ins Programm genommen wurde.

Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Nach der letzten Vorstellung wurde eine Spende von 7.000 € an den Vorsitzenden der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, Alex Hochrein, überreicht. Lukas Witzel (RiffRaff) hatte den Spendenaufruf initiiert.

Die Schauspieler hatten zunächst auf ihre Premierengeschenke verzichtet, dann entstand die Idee, die Spendenaktion weiterzuführen und die Zuschauer nach den Vorstellungen um eine milde Gabe zu bitten.

Die Stiftung leistet durch internationale Vernetzung Hilfe für Schwule, Lesben und Transgender, die in manchen Ländern von der Todesstrafe bedroht sind.
Mit dieser guten Tat endete die 26. Festspiel-Saison.

Clingenburg Festspiele 2019
Clingenburg Festspiele e.V.
Hauptstraße 26 a
63911 Klingenberg am Main
Foto: Björn Friedrich

Clingenburg Festspiele
Nach 26 Jahren Erfolgsgeschichte: Die Clingenburg Festspiele müssen aufgeben.

Nach einer beispiellosen Erfolgsgeschichte sah sich der Verein Clingenburg Festspiele e.V. gezwungen, Insolvenz anzumelden.

Das Budget, das zwischenzeitlich auf jährlich fast 1,5 Mio. € angewachsen ist, kann aus eigenen Kräften nicht mehr finanziert werden.

Die Clingenburg Festspiele bestreiten bislang 85 % ihres Etats aus eigenen Mitteln: Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder, Sponsoren-Einnahmen, Spenden, Verträge mit Medienpartnern, 15 % kommen aus öffentlicher Hand.

Damit sind die Festspiele in Klingenberg am Main eines von wenigen nicht staatlichen Theatern bundesweit, die mit dieser Konstellation arbeiten müssen. Die finanziellen Zuschüsse durch die Stadt Klingenberg, dem Bezirk Unterfranken und dem Kultusministerium Bayern müssten dauerhaft signifikant und verlässlich erhöht werden, um den Fortbestand der Festspiele zu sichern.

Der Vorstand versuchte seit Wochen durch Gespräche mit den staatlichen Behörden, die Insolvenz doch noch abzuwenden.

Zwar konnte in dieser Spielsaison durch den neuen Intendanten und die verpflichteten Regisseure die Qualität dieses professionellen Theaters weiter gesteigert werden, allerdings sind die Zuschauerzahlen nicht so gestiegen, dass die Kosten dafür aufgefangen werden konnten.

Dringend notwendige Investitionen können nicht umgesetzt werden, da die finanziellen Mittel fehlen. Licht- und Tontechnik muss erneuert werden, sie entspricht nicht mehr den neuesten technischen Anforderungen.

Auch im Bereich Zelte, Getränkestände, Ausstattung der Schneiderei usw. müsste investiert werden, damit für die nächsten Jahre ein reibungsloser Ablauf gewährleistet werden kann.

Die Festspiele haben am 31. August 2019 Insolvenz angemeldet, da der Verein ohne die Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten für eine neue Spielzeit nicht alle Rechnungen aus dem Spielbetrieb 2019 begleichen kann.

Es geht eine erfolgreiche Ära zu Ende. Den Festspielen ist es gelungen, in den 26 Jahren Spielzeit fast 1 Mio. Menschen nach Klingenberg zu holen, die mit dazu beitrugen, Einzelhandel, Gastronomie und Hotels zu unterstützen. Der unbeschreibliche Enthusiasmus der ehrenamtlich tätigen Vorstände, Beiräte
und Helfer hat es ermöglicht, die Festspiele über diesen langen Zeitraum am Leben zu halten.
Klingenberg, 2.. September 2019
Quelle: Presseinfo