1989. 12. Februar. Tau. Thomas Bernhard. Roman von Thomas Mulitzer

Tau
von Thomas Mulitzer
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Kremayr & Scheriau
Verlagslink zum Buch Tau von Thomas Mulitzer
Auflage: 1 (6. September 2017)
ISBN-13: 978-3218010801
Buchpreis: Deutschland 22,90 €

Zitat: Ein junger Mann nimmt den Auftrag an, den Spuren des verstorbenen Autors Thomas Bernhard nachzugehen. Er reist in das Gebirgsdorf Weng und quartiert sich im Gasthaus seiner Großeltern ein, Schauplatz des skandalträchtigen Anti-Heimatromans Frost.

Darin wird Weng als düsterer Ort mit schwachsinnigen Einheimischen geschildert, die Gastwirtin als Männerfresserin, die ihren Gästen Hundefleisch serviert. Nicht der Maler Strauch, sondern Thomas Bernhard selbst ist dieses Mal Objekt einer 27-tägigen Aufzeichnung.

Der Protagonist hält die Beobachtungen und Gespräche fest, bis er entdeckt, dass die Vergangenheit, die er zu bewältigen versucht, ihn selbst überwältigt.

In seinem Debütroman Tau lotet Thomas Mulitzer die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aus. Aus dem Wechselspiel mit der literarischen Vorlage entwickelt sich eine eigene Dynamik, eine Sogwirkung, die bis zum Ende anhält. Ein Muss für alle „Bernhardianer“!

„Prof. Lavie hat mir aufgetragen, nicht aufzufallen. Er verlangt von mir einen detaillierten Bericht über alles, was ich in Erfahrung bringen kann. Die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.“

Thomas Mulitzer, geboren 1988, aufgewachsen in Goldegg im Pongau, lebt und arbeitet als Texter und Lektor in Salzburg. Absolvierte das Masterstudium MultiMediaArt an der FH Salzburg. Sound-Performances und Ausstellungen, unter anderem in der Residenzgalerie Salzburg.

Mulitzer macht Musik als Singer-Songwriter, im Mundart-Duo und in diversen Punkbands. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Tau ist sein erster Roman.

Entdecken Sie Thomas Mulitzer bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor und mehr.

Thomas Bernhard

 

Nicolaas Thomas Bernhard (* 9. Februar 1931 in Heerlen, Niederlande; † 12. Februar 1989 in Gmunden, Österreich) war ein österreichischer Schriftsteller.

1970 erhielt Bernhard den Georg-Büchner-Preis; seit den 1980er Jahren wird er international zu den bedeutendsten österreichischen und deutschsprachigen Autoren gerechnet.

Thomas Bernhard: Kindheit und Jugend

Thomas Bernhard wurde als nichteheliches Kind in Heerlen (Niederlande) geboren, wo seine Mutter Herta Bernhard (1904–1950) als Haushaltshilfe arbeitete. Herta Bernhard war die Tochter Anna Bernhards und des Salzburger Schriftstellers Johannes Freumbichler.

Thomas Bernhards Vater war der (wie auch der Großvater) aus Henndorf am Wallersee stammende Bauernsohn und Tischler Alois Zuckerstätter. Thomas Bernhard lernte ihn nie kennen. Zuckerstätter wurde, obwohl er die Vaterschaft bestritt, vom Jugendamt als Vater festgestellt; er weigerte sich, Alimente zu zahlen, war bei Nachforschungen oft unsteten Aufenthalts und heiratete später in Deutschland.

Seine Tochter Hilda überlebte ihren Halbbruder, erfuhr aber erst kurz vor dessen Tod von seiner Existenz.

Vom Tod seines leiblichen Vaters, der am 2. November 1940 in Berlin durch eine Gasvergiftung starb, wobei man Suizid vermutete, erfuhr Bernhard nichts Genaues: Er vermutete, dass sein Vater mit 43 Jahren in Frankfurt an der Oder umgekommen sei, und erzählte, er habe in der Familie den Vornamen Alois nie aussprechen dürfen.

Seine Mutter hat unter der äußerlichen Ähnlichkeit des Kindes mit seinem Vater gelitten und angeblich die einzige Fotografie, die Bernhard von Zuckerstätter besessen haben soll, vernichtet.

Thomas Bernhard: Bei den Großeltern

Ab Herbst 1931 lebte Thomas gemeinsam mit seinen Großeltern mütterlicherseits in der Wernhardtstraße 6 im 16. Bezirk (Ottakring) von Wien. Die schlechte finanzielle Situation veranlasste seine Großeltern 1935, gemeinsam mit dem damals 4-jährigen Thomas von Wien nach Seekirchen am Wallersee, ganz in die Nähe des Geburtsortes von Großvater und Vater, Henndorf, zu ziehen.

Die Zeit dort beschrieb Bernhard im Rückblick als die glücklichste seines Lebens. Seine Mutter heiratete 1936 ebenfalls in Seekirchen den Wiener Friseurgesellen Emil Fabjan, mit dem sie zusammen mit ihrem Sohn 1937 nach Traunstein, wenige Kilometer jenseits der Salzburger Grenze in Oberbayern gelegen, übersiedelte.

Thomas Bernhard: NS-Erziehung

1941 wurde Bernhard in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim in Saalfeld geschickt. Man hatte in der Familie das von einer Sozialbetreuerin empfohlene salzburgische Saalfelden, wo er sich erholen sollte, mit dem thüringischen Saalfeld verwechselt.

Die in Saalfeld gemachten traumatischen Erfahrungen beschrieb Bernhard in seiner Autobiografie. Ab 1943 war er im NS-Internat „Johanneum“ in Salzburg untergebracht. Hier ermöglichte ihm sein Großvater Violinunterricht bei Georg Steiner, einem Mitglied des Mozarteum-Quartetts.

Nach schweren Bombenangriffen auf Salzburg kehrte er zunächst nach Traunstein zurück, erst nach Kriegsende 1945 besuchte er wieder das wie vor 1938 katholische „Johanneum“.

Thomas Bernhard: nach 1945

1946 übersiedelte die ganze Familie von Traunstein in den Salzburger Stadtteil Aiglhof in die Radetzkystr. 47. Der Großvater setzte sich nachhaltig für eine künstlerische Ausbildung Bernhards ein. 1946 endete seine Schullaufbahn im Salzburger Humanistischen Gymnasium.

Bernhard brach die Schule freiwillig ab und absolvierte von 1947 an eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in dem im Keller gelegenen Kolonialwarenladen von Karl Podlaha in der Salzburger „Scherzhauserfeldsiedlung“, einer Armensiedlung.

Heute ist der Gang, wo der Laden lag, nach Thomas Bernhard benannt. Er schilderte die Zeit seiner kaufmännischen Ausbildung in Salzburg im autobiografischen Text Der Keller, erschienen im Jahr 1976. Er ging damals, wie er schrieb, „in die entgegengesetzte Richtung“. In seiner Autobiografie bezeichnete er später die Institution „Schule“ als „Geistesvernichtungsanstalt“.

Im Jänner 1949 bekam Thomas Bernhard eine tuberkulöse, nasse Rippenfellentzündung, die ihn beinahe das Leben kostete. Der geliebte Großvater lag zur selben Zeit im St.-Johann-Spital und starb im Februar an akutem Nierenversagen. Die Mutter starb im Herbst 1950 an Krebs.

Thomas Bernhard:  seine literarische Arbeit

Bernhard verarbeitete seine Kindheit und Jugend literarisch in fünf autobiografischen Werken: Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte und Ein Kind.

1950 veröffentlichte Bernhard unter dem Pseudonym Thomas Fabian die Kurzgeschichte Das rote Licht, – damit begann seine lebenslange schriftstellerische Karriere.

Der Tod und die Relativierung aller anderen Werte angesichts der steten Bedrohung durch ihn wurden in seinen Werken zu einem der wichtigsten Motive.

Seine Romane, die Autobiografie und ein Gedichtband tragen Titel wie In hora mortis, Frost, Die Kälte, Verstörung und Auslöschung.

Es gab in seinem Leben, wie er sagte, zwei für ihn „existenzentscheidende“ Menschen: seinen Großvater, der ihm den Sinn für die Philosophie, für das „Höchste, Allerhöchste“ mitgegeben und der ihm Montaigne, Schopenhauer oder Pascal nähergebracht hatte, und seinen „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek. Mit ihr verband ihn bis zu ihrem Tod 1984 eine innige Beziehung und Freundschaft.

1951 hatte die um 37 Jahre ältere Frau ihn während seines von 1949 bis 1951 dauernden Aufenthalts in der Lungenheilstätte Grafenhof in St. Veit im Pongau in der dortigen Kirche singen gehört und fünf Jahre später auch persönlich kennengelernt.

Die „Tante“ wurde für ihn zunächst zur Förderin, führte ihn in die Wiener Gesellschaft ein und unternahm mit ihm manche Reise. Ihren Tod verarbeitete er in dem Roman Alte Meister. Eine Komödie als den Tod der Frau des Protagonisten.

Während der 1950er Jahre arbeitete Thomas Bernhard als Journalist (u. a. von 1952 bis 1955 als freier Mitarbeiter bei der sozialdemokratischen Tageszeitung Demokratisches Volksblatt) und war gleichzeitig als freier Schriftsteller tätig.

Im Salzburger Mozarteum nahm er Unterricht in Schauspielkunst und Dramaturgie und in Musiktheorie bei Theodor W. Werner.

Im Jahr 2009 entdeckte der Cheflektor des Suhrkamp-Verlags ein bislang unbekannt gewesenes Manuskript eines Vortrags Bernhards am 9. November 1954 in Salzburg. Darin drückt Bernhard seine Bewunderung für Arthur Rimbaud aus; er schreibt, Rimbaud sei „keusch und tierhaft zugleich“ gewesen.

Dies ist die früheste bekannte Äußerung Bernhards zu seinem Selbstverständnis als Autor sowie zum staatlichen Kulturbetrieb; er verhöhnt darin einen „Herrn vom Kulturamt“, der sich bei Dichterlesungen wichtigtuerisch vor den Autor schiebt.

Thomas Bernhard, der 1957 mit Lyrik, dem Gedichtband Auf der Erde und in der Hölle, auftrat, fand schließlich seinen unverwechselbaren Stil in der Prosa sowie im Drama. In seinen oft verschachtelten Sätzen meint man die Atemlosigkeit, unter der er infolge seiner Lungenkrankheit vielfach zu leiden hatte, zu verspüren.

Seine ‚Erregungen‘, seine innere Wut, die Ausdruck immer wieder erlittener Verletzungen und Enttäuschungen sind, kommen in den Monologen seiner Theaterfiguren und den Gedanken seiner Ich-Erzähler in den Prosatexten immer wieder zum Vorschein.

Auf dem Tonhof des Komponisten Gerhard Lampersberg in Maria Saal kam Bernhard in Kontakt mit Schriftstellerkollegen wie H. C. Artmann, Christine Lavant, dem jungen Peter Turrini und Wolfgang Bauer, aber auch mit dem Maler Friedensreich Hundertwasser und anderen Künstlern.

Lampersberg und seine Frau hegten ihm gegenüber später ambivalente Gefühle, die sich anlässlich der Veröffentlichung von Holzfällen zu einer offenen Feindschaft entwickelten.

1984 erwirkte Lampersberg, den Roman seines ehemaligen „Schützlings“ gerichtlich zu beschlagnahmen, da er sich in der Figur des Auersberger wiedererkannte.

Prägend für Thomas Bernhards Entwicklung als Schriftsteller war die Zeit, die er in frühester Kindheit bei seinem Großvater Johannes Freumbichler verbracht hatte, dazu das Gefühl, von seiner Mutter alleingelassen, ungeliebt, unerwünscht zu sein, vom Vater verleugnet.

Dazu kam ein schweres Lungenleiden und später das „Boeck-Besnier-Schaumann-Syndrom“ Morbus Boeck, in dessen Verlauf es zu einer dilativen Cardiomyopathie, einer „Herzerweiterung“, kam.

In einem seiner anfangs selten gewährten Interviews erläuterte Bernhard 1970 in einem Filmgespräch Ferry Radax an drei Tagen den Einfluss seines persönlichen Lebenshintergrundes auf sein Werk.

Thomas Bernhard: Vierkanthof und Kaffeehaus

Von 1965 an lebte Thomas Bernhard, wenn er nicht in Wien bei der als Tante und seinem „Lebensmensch“ bezeichneten Hedwig Stavianicek oder auf Reisen war, in Obernathal (Gemeinde Ohlsdorf in Oberösterreich).

Das Preisgeld des Bremer Literaturpreises, den er für seinen Roman Frost erhalten hatte, ermöglichte ihm im selben Jahr über den Realitätenhändler (= Immobilienmakler) Hennetmair die Anzahlung zum Kauf seines Vierkanthofes.

Bernhard beschrieb diesen Vorgang eingehend in seinem posthum erschienenen Band Meine Preise sowie in Andeutungen im Roman Ja.

Bernhard liebte es, neben der Schreibarbeit ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen. Bekannt ist Thomas Bernhard auch für seine Leidenschaft für Kaffeehäuser, die er vor allem in Wien, wo das „Café Bräunerhof“ sein Stammcafé wurde, Gmunden und Salzburg häufig aufsuchte und die ihm bald zur „zweiten Wohnstube“ wurden.

Thomas Bernhard: Tod

Ende November 1988 erlitt Bernhard eine Lungeninfektion. Sein Halbbruder Peter Fabjan, in Gmunden niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, betreute ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch zu diesem Zeitpunkt bereits rund zehn Jahre.

Am 12. Februar 1989 starb Thomas Bernhard in seiner Gmundner Wohnung schließlich an Herzversagen.

Am 16. Februar wurde er im Grab seines „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beerdigt. Bernhard wurde wunschgemäß nur in Anwesenheit der engsten Angehörigen beigesetzt.

Die Öffentlichkeit sollte erst nach der Beerdigung von seinem Tod erfahren, was nicht ganz gelang. Sein Grabstein ist mehrfach beschädigt und die Grabtafel gestohlen worden.

Thomas Bernhard: Gesamtwerk

Viele Romane und Erzählungen Thomas Bernhards bestehen zum Großteil oder zur Gänze aus Monologen des Ich-Erzählers und einem fiktiven stummen oder beinahe stummen Zuhörer oder Schüler, wie zum Beispiel dem fiktiven Erzähler Franz-Josef Murau und seiner Schülerfigur Gambetti im späten Hauptwerk Auslöschung.

Anlässlich einer häufig überspitzt und grotesk dargestellten Alltagssituation oder einer von ihm selbst konstruierten philosophischen Frage referiert der Ich-Erzähler seine Sicht der Dinge. Auch in Bernhards Dramen findet sich häufig eine ähnliche Konstellation.

Thomas Bernhard spielt bevorzugt mit den Stilmitteln der Suada, der monologisierenden Rede, der Polemik und des Kontraintuitiven. In den Prosawerken erzielt Bernhard eine Distanzierung von den Tiraden des Monologisierenden, indem er sie den stillen Zuhörer sozusagen aus zweiter Hand wiedergeben lässt. Einschaltungen wie „sagte er“, „so Reger“ etc. sind kennzeichnend für den Stil Bernhards.

Die Monologisierenden sind nicht selten Wissenschaftler, durchweg – um Bernhards eigene Terminologie zu verwenden – „Geistesmenschen“, die in langen Schimpftiraden gegen die „stumpfsinnige Masse“ Stellung beziehen und mit ihrem scharfen, geradezu (selbst-)zersetzenden Verstand alles angreifen, was dem Österreicher traditionell „heilig“ ist:

den Staat selbst, den Bernhard gerne als „katholisch-nationalsozialistisch“ bezeichnet; anerkannte österreichische Institutionen wie das Wiener Burgtheater, allseits verehrte Künstler etc.

Bernhards Stärke sind kategorische Behauptungen, das Absolutsetzen jeder Aussage durch seine Hauptfiguren. Kennzeichnend für die Monologe seiner Protagonisten sind Ausdrücke wie „naturgemäß“, „alle“, „nichts“, „immer nur“, „fortwährend“, „durchaus“ etc.

Von vornherein schalten sie mit Sätzen wie „darüber gibt es doch gar nichts zu diskutieren“, „da kann man sagen, was man will“ u. ä. jeden möglichen Einwand aus.

Ein besonderes stilistisches Merkmal von Bernhards Prosa ist eine Technik der Steigerung, der Übertreibung, des sich Hineinsteigerns beziehungsweise des sich Versteigens in fixe Ideen, was jeweils sehr kunstvoll durch eine Wiederholungstechnik orchestriert wird, in der zum einen bestimmte Themen, Versatzstücke und abfällige Bezeichnungen mit hoher Frequenz wiederholt (aber immer auch leicht variiert) werden und dabei – gerade wenn der Leser denken mag, das sei nicht mehr möglich – zudem nochmals gesteigert werden.

Diese Technik Bernhards erinnert an Kompositionsmethoden der Barockmusik und der seriellen Musik, diese Passagen sind oft komische Höhepunkte der neueren deutschsprachigen Literatur.

Thomas Bernhards Texte sollten aber nicht nur als gallige oder komische Ergüsse gegen alles und jeden gelesen werden. Zudem darf man nicht – auch wenn dies mitunter verlockend erscheint – derselben Versuchung wie ein Großteil der mittlerweile äußerst umfangreichen Bernhard-Forschung erliegen und das bernhardsche Werk allzu biographisch lesen:

Zwar gibt es zahlreiche Parallelen zwischen den Protagonisten und Bernhard, doch handelt es sich immer um Rollenprosa. Es geht in den Romanen immer auch um die Tragik, die Vereinsamung, die Selbstzersetzung eines Menschen, der nach Vollkommenheit strebt.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Vollkommenheit der Kunst sowie ihre Unmöglichkeit, da Vollkommenheit den Tod bedeutet.

Dass für den ihm geneigten Leser trotz einiger Voraussetzungen dazu nicht der Eindruck einer billigen Selbsterhöhung eines Größenwahnsinnigen mittels der Erniedrigung aller anderen entsteht, ist einerseits Bernhards sprachlicher Virtuosität, andererseits seinem Humor zu verdanken.

Für seine Schriften hat er eine Sprache entwickelt, die gekonnt elegant mit der Wiederholung von Wörtern beziehungsweise Wortgruppen sowie mit langen, oft kompliziert verschachtelten Sätzen operiert. Bernhards Werke haben eine große melodische Wirkung, weshalb sie sich auch besonders gut zur Rezitation eignen.

Zudem sind seine Werke meist, verglichen mit anderer avantgardistischer Literatur, gut verständlich, da Bernhard philosophischen Passagen stets alltägliche, oft geradezu banale Betrachtungen gegenüberstellt, wodurch er ihnen – und gleichzeitig den Sprechern, die sie hervorbringen – ihren allzu großen Ernst nimmt.

In seinen Werken lässt sich Thomas Bernhard immer wieder über die „bessere Gesellschaft“ Wiens und Salzburgs aus, die er oft mit ätzender und schmähvoller Kritik überzieht.

Österreich beschrieb er gern als Land der Spießer, wobei er die Verhältnisse in finstersten Tönen schilderte. Dabei trägt er seine Kritik in stets wiederkehrenden Monologen vor, was auf viele besonders verächtlich wirkt.

Viele Personen des öffentlichen Lebens, aber auch zahlreiche Bekannte Bernhards, fühlten sich parodiert oder verunglimpft. All dies bewirkte, dass viele seiner Veröffentlichungen und Theaterpremieren Skandale und Tumulte auslösten.

Einen Impetus zu „gesellschaftlicher Aufklärung durch Schreiben“ kann man in Bernhards Texten einerseits noch ausmachen, wo „die Sprachnot bestimmter gesellschaftlicher Gruppen“ sich als „gesellschaftlicher Allgemeinzustand verabsolutiert, in einem Gefüge von Tautologien, einem sinnlosen ‚Unterhaltungsmechanismus‘ geopferten absurden Satzleichen und subjektiven Erfahrungen eines moribunden gesellschaftlichen Chaos […] artikuliert“.

Andererseits „steht Bernhards gesamtes Werk im lähmenden Bann eines verzweifelten Bemühens, den metaphorisch im Bild des Todes gefaßten Niedergang des Individuums zu kompensieren“, der nicht inszeniert wird „als eine rational einsehbare, konkret geschichtliche Notwendigkeit, die etwa die Voraussetzung für eine gesellschaftliche Höherentwicklung wäre“, sondern „als eine ontologische Gegebenheit, die naturwüchsig auf eine totale, tödlich endende Katastrophe hin angelegt ist“.

Neben all dieser harten Kritik an den bestehenden Verhältnissen gibt es in seinem Werk viele berührende und radikal ehrliche Momente. Diese finden sich vor allem in seinen autobiographischen Werken Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind, Die Ursache. Sie sind eine gute Einführung und Erklärung für sein gesamtes Werk.

Hier beschreibt Bernhard Demütigungen, die er in der Kindheit erlebt hat (als Bettnässer hatte ihm die Mutter das uringetränkte Leintuch unter die Nase gerieben und dann am Balkon aufgehängt), und die für ihn überlebensnotwendige Bindung an den Großvater.

Hier spricht Thomas Bernhard auch über die alles prägende Lungenerkrankung, durch die er schon als 18-Jähriger ein „Sterbezimmer“ eines Krankenhauses erleiden musste. Dorthin wurde er von Ärzten geschoben, die in Kürze mit seinem Ableben rechneten.

Als ein nasser Lappen knapp neben seinem Gesicht heruntergefallen war, entschied er sich, seinen ganzen Willen darauf zu konzentrieren, zu überleben. Wikipedia-Info

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor und mehr.

Thomas Bernhard und seine Werke
(In der zeitlichen Reihenfolge ihrer Erstveröffentlichung)

Auf der Erde und in der Hölle. (Gedichte) 1957
Köpfe (Kammeroper). 1957. Musik: Gerhard Lampersberg. UA 1959
In hora mortis. Gedichte. 1958
Unter dem Eisen des Mondes. Gedichte. 1958
die rosen der einöde. Ballett mit Stimmen. Musik: Gerhard Lampersberg. 1959, UA 1995
Die Irren. Die Häftlinge. 1962
Der Kulterer. 1962
Frost. (Erster) Roman 1963
Amras. 1964
Viktor Halbnarr. Ein Wintermärchen 1966
Verstörung. Roman 1967
Prosa. 1967
Ungenach. 1968
Der Hutmacher. 1968 (Erzählung, nur als Lesung veröffentlicht)
Watten. Ein Nachlaß. 1969
Ereignisse. 1969
An der Baumgrenze. 1969
Das Kalkwerk. Roman 1970
Ein Fest für Boris. 1970 (UA: Deutsches Schauspielhaus, Regie Peymann; u. a. mit Judith Holzmeister)
Gehen. 1971
Midland in Stilfs. 1971
Der Italiener. 1971 (Drehbuch für einen Film von Ferry Radax)
Der Ignorant und der Wahnsinnige. 1972 (UA: Salzburger Festspiele, Regie Peymann, Bühnenbild Karl-Ernst Herrmann; mit Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Otto Sander, Angela Schmid)
Der Kulterer, Drehbuch 1974 (Verfilmung mit Helmut Qualtinger, Werner Schneyder u. a.)
Die Jagdgesellschaft. 1974 (UA: Burgtheater, Regie Peymann, Bühnenbild Herrmann; u. a. mit Judith Holzmeister, Joachim Bißmeier, Werner Hinz)
Die Macht der Gewohnheit. 1974 (UA: Salzburger Festspiele, Regie Dieter Dorn, Bühnenbild Wilfried Minks; u. a. mit Bernhard Minetti, Anita Lochner)
Die Ursache. Eine Andeutung. 1975
Korrektur. Roman 1975
Der Präsident. 1975 (UA:Akademietheater Wien Regie: Ernst Wendt, mit Kurt Beck und Ida Krottendorf)
Der Wetterfleck. Erzählungen. 1976
Der Keller. Eine Entziehung. 1976
Die Berühmten. 1976
Minetti. Ein Portrait des Künstlers als alter Mann. 1977 (UA: Regie Peymann, Bühnenbild Herrmann; mit Bernhard Minetti)
Der Atem. Eine Entscheidung. 1978.
Der Stimmenimitator. 1978
Ja. 1978
Immanuel Kant. 1978 (UA: Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Volker Hesse, mit Karlheinz Böhm)
Der Weltverbesserer. 1979 (UA: Schauspielhaus Bochum, Regie Peymann, Bühnenbild Herrmann; mit Bernhard Minetti, Edith Heerdegen)
Vor dem Ruhestand. Eine Komödie von deutscher Seele. 1979
Die Erzählungen. 1979
Die Billigesser. 1980
Die Kälte. Eine Isolation. 1981
Ave Vergil. 1981
Über allen Gipfeln ist Ruh. 1981 (UA: Schauspielhaus Bochum, Regie Alfred Kirchner; u. a. mit Traugott Buhre)
Am Ziel. 1981 (UA: Salzburger Festspiele, Regie Peymann, Bühnenbild Herrmann; u. a. mit Marianne Hoppe)
Ein Kind. 1982
Beton. Roman 1982
Wittgensteins Neffe. 1982, ISBN 3-518-45842-6.
Der Untergeher. Roman 1983
Der Schein trügt. 1983 (UA: Schauspielhaus Bochum, Regie Peymann, Bühne Erich Wonder; u. a. mit Bernhard Minetti)
Holzfällen. Eine Erregung. Roman 1984, ISBN 3-518-39688-9.
Der Theatermacher. 1984 (UA: 1985, Salzburger Festspiele, Regie Peymann, Bühnenbild Herrmann; mit Traugott Buhre, Hugo Lindinger, Kirsten Dene, Martin Schwab, Josefin Platt; später in derselben Inszenierung und Besetzung am Schauspielhaus Bochum, Burgtheater 1986; nach Lindingers Tod mit Sepp Bierbichler als Wirt)
Ritter, Dene, Voss. 1984 (UA: 1986, Salzburger Festspiele, Regie Peymann, Bühne Herrmann; mit Ilse Ritter, Kirsten Dene, Gert Voss; später in derselben Inszenierung und Besetzung Akademietheater 1986, Berliner Ensemble 2004)
Alte Meister. Roman 1985
als Comic von Nicolas Mahler, Herausgeber: Andreas Platthaus, Titel Alte Meister. Komödie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-46293-5.
Auslöschung. Ein Zerfall. Roman 1986
Einfach kompliziert. 1986 (UA: Schillertheater Berlin; Regie: Klaus André, mit Bernhard Minetti; später in derselben Inszenierung am Akademietheater)
Die Mütze. Erzählung 1986
Elisabeth II. 1987 (UA: 5. Nov. 1989 Schillertheater Berlin; u. a. mit Kurt Meisel)
Heldenplatz. 1988 (UA: Burgtheater Wien, Regie Peymann, Bühnenbild Herrmann; u. a. mit Wolfgang Gasser, Kirsten Dene, Elisabeth Rath, Marianne Hoppe)
Der deutsche Mittagstisch. Dramolette. 1988 (UA: 1981 Schauspielhaus Bochum, Regie Peymann)
In der Höhe. Rettungsversuch, Unsinn. 1989 erschienen; 1959 geschrieben (Teil des unveröffentlichten Romans Schwarzach St. Veit)
Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen. Drei Dramolette. 1990

Postum erschienen:
Meine Preise. Mit einer editorischen Notiz von Raimund Fellinger. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-42055-3.
Goethe schtirbt. Erzählungen. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42170-3.
Der Wahrheit auf der Spur. Reden, Leserbriefe, Interviews, Feuilletons, herausgegeben von Wolfram Bayer, Raimund Fellinger und Martin Huber; Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-42214-4.
Argumente eines Winterspaziergängers. Zwei Fragmente zu „Frost“, herausgegeben von Raimund Fellinger und Martin Huber. Berlin 2013, ISBN 978-3-518-73034-8.

Gesamtausgabe:
Thomas Bernhard: Werke in 22 Bänden. Hrsg. von Wendelin Schmidt-Dengler und Martin Huber. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003 ff., jeweils mit Einzel-ISBN.

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor und mehr.

Thomas Bernhard: Briefwechsel

Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer als Herausgeber: Thomas Bernhard – Siegfried Unseld. Der Briefwechsel. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-41970-0.
Raimund Fellinger und Martin Huber als Herausgeber: Thomas Bernhard – Gerhard Fritsch. Der Briefwechsel. Korrektur Verlag, Mattighofen, Oberösterreich 2013, ISBN 978-3-9503318-1-3

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor, Thema Briefwechsel und mehr.

Thomas Bernhard: Audioproduktionen

Autobiographische Schriften, Radio Bremen/ MDR/ SWR/ RBB/ hr/ Der Audio Verlag (DAV), Berlin, 2010, ISBN 978-3-89813-988-5 (Lesung, 15 CD, 1122 Min.)
Der Atem, gelesen von Wolfram Berger, SWR/ Der Audio Verlag (DAV), Berlin, 2010, ISBN 978-3-89813-987-8 (Lesung, 3 CD, 223 Min.)
Ein Kind, gelesen von Gert Voss, hr/ Der Audio Verlag (DAV), Berlin, 2010, ISBN 978-3-89813-983-0 (Lesung, 3 CD, 254 Min.)
Die Ursache, gelesen von Ulrich Matthes, Radio Bremen/ Der Audio Verlag (DAV), Berlin, 2010, ISBN 978-3-89813-986-1 (Lesung, 3 CD, 233 Min.)
Der Keller, gelesen von Peter Simonischek, MDR/ Der Audio Verlag (DAV), Berlin, 2010, ISBN 978-3-89813-984-7 (Lesung, 3 CD, 210 Min.)
Die Kälte, gelesen von Burghart Klaußner, RBB/ Der Audio Verlag (DAV), Berlin, 2010, ISBN 978-3-89813-985-4 (Lesung, 3 CD, 201 Min.)
In einer Gemeinschaftsproduktion des Deutschlandfunks mit dem Österreichischen Rundfunk entstand 2005 unter der Regie von Ulrich Gerhardt und mit dem Sprecher Peter Simonischek eine Hörspielversion des Romans Beton.
Karl Ignaz Hennetmair: Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das notariell versiegelte Tagebuch 1972. Gelesen von Karl Ignaz Hennetmair und Peter Simonischek, 2 CDs, Textfassung und Regie: Wolfgang Stockmann (= Hoffmann-und-Campe-Hörbücher). Hoffmann und Campe, Hamburg 2001, ISBN 3-455-30273-4.

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor, Thema Autobiographische Schriften und mehr.

Thomas Bernhard: Ausgaben als Comic

Herausgegeben von Andreas Platthaus:Alte Meister, gezeichnet von Nicolas Mahler. Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-46293-5.
Der Weltverbesserer, gezeichnet von Nicolas Mahler. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-46540-0.

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor, Thema Comics und mehr.

Thomas Bernhard: Filme

Das war Thomas Bernhard. Fernsehdokumente 1967–1988. Dokumentarfilm, Österreich, 1994, 50 Min., Buch und Regie: Krista Fleischmann, Produktion: ORF, Inhaltsangabe von 3sat.
Thomas Bernhard. Die Kunstnaturkatastrophe. Eine Topographie. Dokumentarfilm, Deutschland, 2010, 52 Min., Buch und Regie: Norbert Beilharz, Produktion: Eikon Südwest, WDR, arte, Erstsendung: 7. Februar 2011 bei arte, Inhaltsangabe von ARD u. a. mit Daniel Kehlmann und Stefan Hunstein.
Thomas Bernhard. Eine Herausforderung. Monologe auf Mallorca. Ein Portrait von Krista Fleischmann. Dokumentarfilm, ORF, 1981.
Thomas Bernhard. Ein Widerspruch. Die Ursache bin ich selbst. Ein Portrait von Krista Fleischmann in Madrid. Dokumentarfilm, ORF, 1986.
Der Italiener Ein Film von Ferry Radax, nach einer Erzählung von Thomas Bernhard, 1970.

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor, Thema Filme und mehr.

Thomas Bernhard: Vertonungen

Helmut Oehring: KALKWERK (2012/13), instrumentales Theater für Streichquintett und Vokalisten auf den gleichnamigen Roman von Thomas Bernhard unter Verwendung von Musiken Franz Schuberts. UA: Februar/März 2013 im Radialsystem V in Berlin / Biennale Salzburg mit dem ensemble mosaik

Entdecken Sie Thomas Bernhard bei Amazon: Finden Sie alle Bücher, Informationen zum Autor, Thema Kalkwerk und mehr.  Zitat: Im Februar 2013 hatte in Berlin KALKWERK eine hochgelobte Uraufführung: ein instrumentales Theater von Helmut Oehring nach dem bekannten Roman von Thomas Bernhard. Das Werk enthält das komplette Textbuch, einen Auszug aus der Partitur, ein Interview mit dem Komponisten sowie Materialien zum Roman. Taschenbuch: 80 Seiten, erschienen im Korrektur Verlag.