1917. 15. Oktober. Die Akte Mata Hari. Krimi von Antje Windgassen

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Antje Windgassen
Die Akte Mata Hari
Kriminalroman
250 S. / 13 x 21 cm / Klappenbroschur Premium
September 2017
ISBN 978-3-8392-2163-1
Verlags-Info zum BuchGmeiner-Verlag

Deckname »H21«
Zeitgeschichtlicher Roman zum 100. Todestag von Mata Hari

Am 15. Oktober 1917 starb eine der berühmtesten Doppelagentinnen des Ersten Weltkrieges durch ein zwölfköpfiges Todeskommando. Bis zum Schluss beteuerte die zum Tode verurteilte Mata Hari ihre Unschuld. Unter dem Decknamen H21 soll sie für die Deutschen und die Franzosen Spionage betrieben haben. Doch ihre ständigen Lügengeschichten nagten an ihrer Glaubwürdigkeit und sorgen noch heute für Gesprächsstoff.

Zum 100. Todestag der berüchtigten Nackttänzerin taucht die Hamburger Autorin Antje Windgassen in das bunte Leben Mata Haris ein. Im Fokus des neuen zeitgeschichtlichen Romans Die Akte Mata Hari steht der junge Anwalt Henri Tailleur, der ihre Unschuld beweisen will, jedoch zu unlauteren Mitteln greift. Der Leser findet sich bald in einem Katz-und-Maus-Spiel wieder, das keine Fehler erlaubt. Dabei gelingt der Autorin ein eindrucksvolles Porträt einer Frau, die noch heute Faszination ausstrahlt.

Zum Buch

Henri Tailleur steht vor dem größten Fall seiner Karriere. Zusammen mit dem Staranwalt Eduart Clunet verteidigt er die berühmte Spionin Mata Hari. Für die Franzosen steht die Schuld der Femme fatale bereits fest. Um das Unmögliche möglich zu machen und seine Mandantin zu entlasten, beschließt Tailleur, nach Deutschland zu reisen.

Er hofft, in Berlin Beweise für ihre Unschuld zu finden. Es ist ein riskantes Unterfangen, denn beide Nationen stehen sich im Ersten Weltkrieg erbittert gegenüber. Und ihm bleibt nicht viel Zeit, bis der Prozess beginnt.

Die Autorin

Antje Windgassen ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Nach einem 14-jährigen Abstecher ins Nordrheinwestfälische lebt die Historikerin heute mit ihrer Tochter in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein. Seit 1986 schreibt sie vorrangig als freie Autorin und Fachjournalistin für Magazin- und Zeitschriftenverlage.

Schwerpunktthemen ihrer bisher publizierten Bücher sind historische Frauenfiguren wie Alexandra David-NéelKasturbai Gandhi oder die Ehefrauen von StalinMussolini oder Mao Tse-tung.

Als echtes »Nordlicht« liebt Windgassen das Meer und dann und wann auch eine »steife Brise«. Ein scharfer Ostwind, so behauptet sie, ist wie geschaffen dafür, einem die nötige Standfestigkeit um die Ohren zu pfeifen.

Begleitmaterial zum Buch Die Akte Mata Hari von Antje Windgassen:

Amazon, Buchauswahl: Mata Hari
Amazon, Buchauswahl: Femme fatale
Amazon, Buchauswahl: Spioninnen
Amazon, Buchauswahl: Erster Weltkrieg

Wikipedia: Mata Hari
Wikipedia Kategorie: Verurteilte Person (Spionage)
Wikipedia Kategorie: Doppelagent
Wikipedia Kategorie: Tänzer

Mata Hari (javanisch: Auge des Tages = Sonne) war der Künstlername der niederländischen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle (* 7. August 1876 in Leeuwarden; † 15. Oktober 1917 in Vincennes, Frankreich). Während ihrer Ehe verwendete sie auch die Namen Marguerite Campbell und Lady Gretha MacLeod. Als Spionin für den deutschen Geheimdienst führte sie den Decknamen H 21.

Mata Hari war in der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges als exotische Nackttänzerin und exzentrische Künstlerin berühmt. Daneben gilt sie heute als bekannteste Spionin aller Zeiten. Sie wurde am 25. Juli 1917 wegen Doppelspionage und Hochverrats von den Richtern eines französischen Militärgerichts zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1917 hingerichtet.

Unklar ist bis heute, ob sie tatsächlich die raffinierte Doppelagentin war, wie in dem Urteil dargestellt – oder ein willkommenes Bauernopfer des französischen Militärgerichts, weil die Kriegsbegeisterung merklich nachließ und ein Sündenbock für die Niederlagen und Verluste hilfreich schien. Dies wird sich, wenn überhaupt, erst 2017 – einhundert Jahre nach ihrem Tod – endgültig klären, wenn die französischen Gerichtsakten geöffnet werden.

Dass Mata Hari, vermutlich im Spätherbst 1915, in den Dienst des deutschen Geheimdienstes trat, ist heute unstrittig. Aus den zeitgenössischen Akten des britischen Geheimdienstes MI5, die am 21. Januar 1999 freigegeben wurden und nun im Britischen Nationalarchiv öffentlich zugänglich sind, geht jedoch hervor, dass sie offenbar keine wesentlichen Geheimnisse an die Deutschen verraten hat.

Derzeit scheint es, als habe Mata Hari am Ende ihrer Tanzkarriere mit einer kläglich-naiven, bedeutungslosen Informationstätigkeit ihr drohendes Schicksal, als Künstlerin in Vergessenheit zu geraten und unter akuter Geldnot zu leiden, abzuwenden versucht und dabei die Gefährlichkeit ihres Handelns nicht erkannt.

Die deutsche Kriegspropaganda, die den Fall auszunutzen gedachte, bezeichnete sie als „Opfer des französischen Kriegswahns“ und läutete mit dem politischen Finale des Idols seine dramatisch-romantische Verklärung ein. Mata Haris abenteuerliches Leben und ihr tragisches Ende stehen bis heute im Mittelpunkt zahlreicher Romane, Theaterstücke und Filme (…)

In den Jahren 1903 bis 1905 entwarf Margaretha MacLeod ihren Schleiertanz sowie Kostüm und Legende einer indischen Tempeltänzerin, die bei ihrem Publikum auf fruchtbaren Boden fielen. Da es wenig Fachleute für indische oder javanische Tänze und Kultur gab, musste sie eine Entlarvung ihrer Fantasiegeschichten, Lügen und Flunkereien kaum befürchten.

Das Paris der Belle Époque war fremdländische und frivole Tänzerinnen zwar gewohnt; eine indische Bajadere, die mit einer geheimnisvollen Geschichte und exotischer Herkunft aufwarten konnte, war jedoch etwas Neues. Die „bessere Gesellschaft“ von Paris war stets auf der Suche nach Sensationen und interessanter Unterhaltung. Die Geschichte und der Tanz von Mata Hari faszinierten das reiche und gelangweilte Publikum. Hinzu kam, dass Margaretha „die Kunst der erotischen Entkleidung“ perfekt beherrschte.

Ein Journalist schrieb als Zeitzeuge im Courrier français:
„Eine große dunkle Gestalt schwebt herein. Kräftig, braun, heißblütig. Ihr dunkler Teint, ihre vollen Lippen und glänzenden Augen zeugen von weit entfernten Landen, von sengender Sonne und tropischem Regen. Sie wiegt sich unter den Schleiern, die sie zugleich verhüllen und enthüllen. […] Das Schauspiel läßt sich mit nichts vergleichen, was wir je gesehen haben.

Ihre Brüste heben sich schmachtend, die Augen glänzen feucht. Die Hände recken sich und sinken wieder herab, als seien sie erschlafft vor Sonne und Hitze. […] Ihr weltlicher Tanz ist ein Gebet; die Wollust wird zur Anbetung. Was sie erfleht, können wir nur ahnen […] Der schöne Leib fleht, windet sich und gibt sich hin: es ist gleichsam die Auflösung des Begehrens im Begehren.“
– Marcel Lami im „Courrier français“

Von nun an gab sich Margaretha als Exotin aus, wobei sie behauptete, sie stamme aus dem Süden Indiens, von der Küste von Malabar, aus der heiligen Stadt Jaffnapatam (die aber gar nicht an der Malabarküste, sondern auf Ceylon liegt), und ihre Familie bestehe aus Mitgliedern der oberen Kaste der Brahmanen. Sie sei in der unterirdischen Halle des Gottes Shiva aufgewachsen und von Kindesbeinen an in den rituellen Tempeltänzen unterrichtet worden, die sie zu Ehren der Götter Tag für Tag getanzt habe.

Sie habe sich in herrlichen Gärten ergangen, sei mit Girlanden aus Jasmin bekränzt worden und habe die Altäre der Götter dekoriert. Sie hätte wohl ihr ganzes Leben an diesem Ort zugebracht, wenn nicht ein bildschöner, junger britischer Offizier sie einmal bei einem solchen Tanz gesehen, sich unsterblich in sie verliebt, sie entführt und geheiratet hätte. Ihm habe sie sodann einen Sohn geboren, Norman, den eine fanatische Dienerin grundlos vergiftet habe. Sie wiederum habe daraufhin – nach indischem Brauch – die Dienerin mit ihren eigenen Händen erdrosselt.

Diese Legende wandelte sie gelegentlich ab. Häufig siedelte sie ihre Kindheit auf Java an. Oft behauptete sie, die Enkelin eines javanischen Sultans zu sein, dessen Tochter einen niederländischen Offizier geheiratet habe. Mit zwei Jahren sei sie nach Deutschland in ein Internat gekommen und habe, mit 16 Jahren, den britischen Offizier MacLeod geheiratet.

Mata Haris exotische Herkunft galt im übrigen noch bis zum Ende der 1920er Jahre als Tatsache. Obwohl bereits früh partielle Zweifel an ihrer Lebensgeschichte aufkamen, unter anderem durch die französische Schriftstellerin und Tänzerin Colette, wurde Mata Haris Legende ihrer indischen beziehungsweise indonesischen Herkunft erst 1930 durch den Journalisten Charles S. Heymans enthüllt. Ihr Geburtsort, ihre Eltern und die Umstände, die sie zur Tänzerin machten, blieben bis dahin ihr wohlgehütetes Geheimnis, das nur wenige kannten.

Mata Hari hatte zwar einige Jahre in Indonesien verbracht, jedoch weder indische Tänze gelernt noch sich mit ihnen intensiver beschäftigt. Was sie von indischen Tänzen und Liebeskünsten wusste, hat sie wahrscheinlich einer Übersetzung des Kamasutra entnommen und für ihre Zwecke abgeändert. Margaretha hatte keine Gelegenheit gehabt, einen unmittelbaren Einblick in die Welt des Hinduismus zu nehmen, innerhalb dessen sich die Tradition des Tempeltanzes entwickelt hatte. Sie war nie in Indien gewesen, und in Indonesien ist diese Tradition unbekannt.

Aber sie konnte erzählen, was sie wollte, man glaubte ihr vorbehaltlos; gerade diese geheimnisvoll-exotische Note wirkte auf ihr erlebnishungriges Publikum und bahnte ihr den Weg zum Erfolg. Sie wurde zur Sensation. Die Zeitungen schrieben über sie, die Kritiker überschlugen sich geradezu mit ihren Komplimenten, sie war in aller Munde, tout Paris (ganz Paris) wollte sie sehen. Ihr Siegeszug als gefeierte Tänzerin begann.

Die Tänzerin Mata Hari

Nach einer Recherche von Jan Brokken tanzte sie zur Zeit ihres zweiten Aufenthalts in Paris einen Schlangentanz in einem Lokal am Montmartre, wo man auf sie aufmerksam geworden sei und sie anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu einem Auftritt in den renommierten Salon der Madame Kiréevsky eingeladen habe. Der Auftritt fand Ende Januar 1905 statt, angekündigt war sie als Lady MacLeod.

Durch Pressemitteilungen, die „eine Frau aus dem Fernen Osten“ ankündigten, „die mit Parfüm und Juwelen beladen nach Europa kam, um sich mit Schleiern zu verhüllen und enthüllen“, interessierten sich weitere Mäzene für Lady MacLeod.

„Lady Mac Leod, deren Namen man bald in ganz Paris kennen wird, hat aus Indien, wo sie mit einem hohen Offizier verheiratet war, auf recht eigenwilligen Legenden basierende Tempeltänze mitgebracht. Beim Diner de faveur bei Julien unter dem Vorsitz von Marthe Régnier aus dem Vaudeville sowie von Monsieur Tauride, dem Direktor des Odéon, verlas unser Kollege Georges Visinet mit seiner kraftvollen Stimme die Anrufung des Gottes Shiwa. […]

Mit bemerkenswerter Geschmeidigkeit bietet Lady Mac Leod diese wirklich sehenswerten Tänze dar, die in Klubs und Salons begeistert aufgenommen werden. Die getanzte Legende von der Prinzessin und der bezaubernden Blume fand großen Beifall.“
– Le Courrier français vom 9. Februar 1905

Auf Einladung des Industriellen Émile Guimet, der ihre Vorstellung im Salon Kiréevsky verfolgt hatte, tanzte sie am 13. März 1905 in seinem Museum Guimet vor einem ausgesuchten Publikum und präsentierte dort Nachempfindungen indischer Tempeltänze. Er stellte ihr passende Tanzbekleidung, einen Sarong und ein besticktes Bustier, Schleier und Schmuck zur Verfügung und riet ihr, einen Künstlernamen anzunehmen.

Obwohl sie noch als Lady Mac Leod in den Zeitungen angekündigt wurde, legte sie an jenem Tag ihren endgültigen Künstlernamen fest – Mata Hari. Matahari bedeutet auf malaiisch „Sonne“ (wörtlich „Auge des Tages“).

Die Szene, in der sie zuletzt nahezu unbekleidet tanzte, war Sensation und Skandal zugleich. Es folgten Auftritte auf den Soirées von Bankier Baron Henri de Rothschild (1872–1946), der Theaterschauspielerin Cécile Sorel (1873–1966), Gaston Menier, dem Erben der Schokoladendynastie Menier, Natalie Clifford Barney und vielen anderen.

Das Jahr 1905 war das erfolgreichste für Mata Hari. Sie gab 35 Vorstellungen, verdiente pro Abend rund 10.000 französische Francs, verkehrte in den teuersten Hotels und bewohnte eine eigene Wohnung in der vornehmen Rue Balzac Nummer 3 im 8. Pariser Arrondissement.

Im Mai glückte ihr ein Auftritt im Théâtre du Trocadéro, den sie im Juni und Juli wiederholte. Zudem wurde sie von dem Zeitungsherausgeber und Impresario Gabriel Astruc kontaktiert, der ein Varietéprogramm für das Olympia-Theater vorbereitete und sie dazu als Hauptattraktion einlud.

Ende des Jahres kündigte sie einem holländischen Journalisten an, sie werde das Tanzen aufgeben und einen osteuropäischen Fürsten heiraten. Solche und ähnliche, augenscheinlich von Mata Hari gezielt platzierten Falschmeldungen sorgten dafür, dass ein Interesse der Öffentlichkeit an der geheimnisvollen Tänzerin nicht nachließ. Trotzdem hatte sie bereits nach kurzer Zeit mit Konkurrenz zu kämpfen. Suzy Deguez, Tänzerin in den Folies Bergère, kopierte ihre „Tempeltänze“, bald gefolgt von weiteren Tänzerinnen.

Mata Hari reagierte äußerlich gelassen und versprach außergewöhnliche Sensationen, die sie in Kürze auf die Bühne bringe. Das Interesse an ihr, vor allem als Werbeikone, blieb ungeachtet der aufkeimenden Konkurrenz ungebrochen. Die großen Varietés buchten sie, ein Engagement jagte das andere, ihr Bild erschien auf Postkarten, Zigarettenschachteln und Keksdosen.

Ihr erstes Auslandsengagement führte sie 1906 nach Spanien in den Zentralen Kursaal in Madrid. Hier lernte sie den französischen Botschafter Jules Cambon kennen. Diese Bekanntschaft rettete ihr später zwar nicht das Leben, aber Cambon war der einzige, der 1917 in ihrem Prozess zu ihren Gunsten aussagte und sich nicht versteckte.

Im Pariser Theater Olympia erschien sie im selben Jahr vor großem Publikum im Rahmen eines Varietéprogramms. In Monte Carlo sah man sie im dritten Akt von Jules Massenets Oper Le Roi de Lahore als Salomé neben der Ballerina Carlotta Zambelli (1875–1968).

Am 26. April 1906 erging das Scheidungsurteil für ihre Ehe. Mata Hari wurde aufgrund von Nacktaufnahmen, die sie für einen Bildhauer anfertigen ließ und die aus ungeklärten Gründen an Liebhaber verkauft wurden und so in der Öffentlichkeit kursierten, schuldig geschieden. Ihr Publikum erfuhr nichts von diesem Vorgang, sie gab sich weiter als geheimnisumwitterte indische Tempelbajadere Mata Hari aus, über deren romantische Herkunft sich die Zeitungen gegenseitig mit fantastischen Geschichten übertrumpften.

Nach ihrem triumphalen Auftritt in Monte Carlo reiste Mata Hari nach Wien zu Auftritten im Apollo-Theater, wo sie ebenfalls große Erfolge feierte. Die Zeitungen waren voll mit begeisterter Kritik:

„Isadora Duncan ist tot, es lebe Mata Hari! Die Barfußtänzerin ist vieux jeu, die Künstlerin up to date zeigt mehr […] Mata Haris Tänze seien ein Gebet … der Inder tanzt, wenn er die Götter ehrt. Mata Hari selbst tritt gemessenen Schrittes ein. Eine junonische Erscheinung. Große, feurige Augen verleihen ihrem edel geschnittenen Gesicht besonderen Ausdruck.

Der dunkle Teint – offenbar Erbstück von Großpapa Regent – kleidet sie prächtig, eine exotische Schönheit ersten Ranges. Ein weißes faltiges Tuch hüllt sie ein, eine rote Rose schmückt das tiefschwarze Haar. Und Mata Hari tanzt […] Das heißt: sie tanzt nicht. Sie verrichtet ein Gebet vor dem Götzenbild, wie ein Priester den Gottesdienst. […]

Unter dem Schleier trägt die schöne Tänzerin auf dem Oberkörper einen Brustschmuck und einen Goldgürtel … sonst nichts. Die Kühnheit des Kostüms bildet eine kleine Sensation. Doch nicht der leiseste Schein der Indezenz… Das, was die Künstlerin im Tanze verrät, ist reinste Kunst. Der Tanz schließt mit dem Sieg der Liebe über die Zurückhaltung […] der Schleier fällt. Mächtiger Beifall ertönt. Schon aber ist Mata Hari verschwunden.“
– Neues Wiener Journal vom 15. Dezember 1906

Nach Berlin kam sie zum ersten Mal 1907 zu einem Auftritt im Varieté Wintergarten an der Friedrichstraße und wurde auch hier zur Sensation. Anschließend soll sie in Berlin mehrere Monate mit dem Marienfelder Rittergutsbesitzer Alfred Kiepert, einem vermögenden Leutnant des „Elften Husarenregiments von Westfalen“, in der Nachodstraße 18 zusammengelebt haben.

Mittlerweile tauchten erste Gerüchte über ihre wahre Identität auf, und Mata Hari wehrte sich in der Presse mit einer veränderten Lebensgeschichte: „Er (der Vater von Mata Hari) war Berufsoffizier. Er hat mich auf Java aufwachsen lassen und dann in ein aristokratisches Internat nach Wiesbaden geschickt.“

In Berlin gab sie auch eine Vorstellung für den Deutschen Kaiser Wilhelm II. und dessen Familie. Ein weiteres Gerücht berichtete von einem Verhältnis der Tänzerin mit dem Sohn des Kaisers. Dieses wurde von ihr nicht dementiert, was ihr in ihrem Prozess negativ ausgelegt werden sollte.

Sie kehrte 1907 nach Paris zurück. Im selben Jahr erschien das von ihrem Vater Adam verfasste Buch Mata-Hari – Mevr. M.G. Mac Leod-Zelle. De levensgeschiedenis mijner dochter en mijne grieven tegen haar vroegeren echtgenoot. Met portretten, documenten, fac-simile’s en bijlagen.

Diese „Lebensgeschichte“ enthielt neben gefälschten Dokumenten, mit denen der Vater eine adelige Abstammung seiner Tochter belegen wollte, vor allem Anschuldigungen gegen ihren Ex-Mann.
Im Winter 1907 begab sie sich – eventuell zusammen mit Alfred Kiepert – auf eine Reise nach Ägypten und blieb für ihre europäische Anhängerschaft verschwunden. Gerüchteweise verlautete, sie halte sich „im Nillande auf, um die alten Mysterien zu studieren“.

Am 30. März 1907 befand sich Mata Hari in Rom und telegrafierte an ihren Manager, ob inzwischen neue Engagements für sie eingetroffen seien. Sie schrieb auch an Richard Strauss, um sich für seine neue Inszenierung als Salome vorzuschlagen: „Nur ich kann die Salome tanzen.“ Als sie keine Antwort erhielt, reiste sie nach Paris zurück.

Mata Hari: Karrierebruch

In Frankreich angekommen, musste Mata Hari feststellen, dass man sie als Künstlerin schon fast vergessen hatte und es in Paris von Kopien ihrer Tänze geradezu wimmelte. Die Tänzerin Colette war fast nackt in Der Ägyptische Traum im Moulin Rouge zu sehen, in Berlin zeigte die marokkanische Tänzerin Sulamith Raha im „Evakostüm“ ihren Schwerttanz, den Schleiertanz und einen Bauchtanz, und Maud Allan tourte mit ihren Visions of Salome erfolgreich durch Europa.

Als Reaktion kündigte Mata Hari in der Ausgabe der britischen The Era vom 20. September 1908, einer Wochenzeitung für Kunst und Kultur, ihren Rücktritt von der Bühne an und beklagte sich über ihre Konkurrentinnen: „Seither nehmen einige Damen den Titel einer orientalischen Tänzerin für sich in Anspruch.

Ich würde mich vielleicht durch solche Beweise der Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlen, wenn die Darbietungen dieser Damen einen gewissen wissenschaftlichen und ästhetischen Wert besäßen, aber das ist nicht der Fall.“

Aber ihr Stern war noch nicht gesunken. Sie war nach wie vor ein geschätztes Mitglied der Pariser Gesellschaft, die Zeitungen berichteten regelmäßig über sie. Sie tanzte wieder häufiger auf Wohltätigkeitsveranstaltungen, wie im Trocadéro, im Pont aux Dames und im Houlgate.

Im Jahr 1910 übernahm sie die Rolle der Kleopatra in Antar von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow in Monte Carlo. Doch Antoine, der Erfinder des realistischen Theaters und Regisseur des Stücks, war unzufrieden mit ihren Leistungen als Tänzerin. Als sie erwartete, von Antoine auch für die Aufführung von Antar in seinem eigenen Theater am Boulevard de Strasbourg engagiert zu werden, wurde sie enttäuscht.

Schnell wurden Journalisten auf den Streit zwischen dem Regisseur und der Tänzerin aufmerksam, und beide leiteten die Aussagen des jeweils anderen der Presse zu. Mata Hari klagte gerichtlich auf Verleumdung und forderte Schadensersatz. Antoine erhob daraufhin Gegenklage gegen Mata Hari. Der Prozess zog sich bis Dezember 1911 in die Länge; Mata Hari gewann. Ihre Ehre war wiederhergestellt, dennoch blieben weitere Engagements in der Folgezeit aus.

Vom Sommer 1910 bis Ende 1911 lebte sie – von der Öffentlichkeit unbemerkt – zusammen mit ihrer Hausangestellten Anna Lintjes im französischen Esvres im Schloss de la Dorée des verheirateten Bankiers Xavier Rousseau, dessen Mätresse sie war. Nach dieser Affäre musste sie erneut für ihren eigenen Unterhalt sorgen und suchte wieder vermehrt den Kontakt zu Astruc, der ihr in der Tat eine Reihe neuer Engagements verschaffen konnte, unter anderem den Auftritt, der später als der Höhepunkt ihrer Karriere verstanden wurde:

Am 7. Dezember 1911 tanzte sie in der Mailänder Scala Die Prinzessin und die Zauberblume im fünften Akt von Christoph Willibald Glucks Oper Armide, und im Januar 1912 verkörperte sie die Venus in Antonio Marcenos Ballett Bacchus und Gambrinus. Während die Venus ansonsten von Künstlerinnen mit blondem Haar dargestellt wurde, trat Mata Hari mit ihrem eigenen dunklen Haar als viel gelobte „Schwarze Venus“ auf.

Auch in den privaten Salons der italienischen Oberschicht tanzte sie die Salome. Im März 1912 versuchte sie, ein Engagement von Sergej Djagilew zu erhalten, der mit seinem Ensemble märchenhafte Erfolge in Europa feierte, wurde jedoch brüsk abgewiesen. Als sie in Monte Carlo auftrat, war es zu einem Kontakt zwischen Djagilew und ihr gekommen, und nachdem sie als Schwarze Venus Erfolge gefeiert hatte, entstand in ihr ernstlich der Gedanke, mit den Ballets Russes aufzutreten.

Djagilew versetzte sie bei einem Treffen, ohne sich zu entschuldigen; dem schloss sich im Beisein seines ersten Tänzers Vaslav Nijinsky, des Choreografen Michel Fokine und Léon Bakst ein Eklat an, während im Theater Bühnen-Umbauarbeiten im Gange waren. Djagilew forderte Mata Hari auf, sich zu entkleiden und eine Kostprobe ihres tänzerischen Könnens auf der von Bühnenarbeitern bevölkerten Bühne zu geben.

Erbost verließ die 36-Jährige das Theater, die überzeugt gewesen war, ohne jede tänzerische Ausbildung und ohne hinreichende Erfahrung im klassischen Ballett als Primaballerina der seinerzeit führenden Ballettgruppe Europas auftreten zu können.

Hin und wieder konnte sie ihre orientalischen Tänze noch vor einem größeren Publikum zeigen. So war sie am 14. Dezember 1912 in der Vorstellung Indische Kunst in der Université des Annales zu sehen. Doch auch ihr Manager Astruc, der inzwischen Direktor des Théâtre des Champs Elysées geworden war, wandte sich von ihr ab.

Mata Hari reiste 1913 nach Berlin und sah während einer Rundfahrt durch die Stadt den deutschen Kronprinzen. Ihr Interesse wurde von einem Beobachter namens Guido Kreutzer als fanatische Feindschaft gegenüber Deutschland fehlinterpretiert. Seine Verdachtsmomente dokumentierte Kreutzer 1923 in dem Buch „Der Deutsche Kronprinz und die Frauen in seinem Leben“. Als Mata Hari darum bat, vor dem deutschen Kronprinzen tanzen zu dürfen, wurde ihrer Bitte nicht entsprochen. So reiste sie unverrichteter Dinge aus Berlin ab.

Am 28. Juni 1913 trat sie als spanische Tänzerin in La Revue en Chemise in den Folies Bergère auf. Im Kino Gaumont zeigte sie ein letztes Mal ihren Tanz für den Gott Shiva. Der Zenit ihrer Tanzkarriere war bereits überschritten. Nach drei Auftritten im Musée Galliera im Januar 1914 berichtete sie einem Journalisten der Vogue, sie bereite ein sensationelles Comeback vor.

Sie reiste wieder nach Berlin und telegrafierte Ende Februar an Émile Guimet, ob sie ihren Erfolg nicht mit ägyptischen Tänzen wiederherstellen könne. Seine Antwort vom 9. März 1914 war bezeichnend: „Teuerste, ägyptisches Ballett zu machen ist eine ausgezeichnete Idee, vorausgesetzt, es ist wirklich ägyptisch.“

Im Mai 1914 war es Mata Hari gelungen, einen Kontakt zum Berliner Metropol-Theater herzustellen, wo sie ab September desselben Jahres sechs Monate lang in der Oper Der Millionendieb auftreten sollte. Dieses Engagement kam indes nicht mehr zustande, da am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach.

Anfang August 1914 verließ sie Deutschland, da es für sie als Ausländerin ohne gültige Aufenthaltspapiere bei Kriegsbeginn zu gefährlich war, dort zu verbleiben. Sicherlich flüchtete sie auch vor Gläubigern und unbezahlten Rechnungen, jedoch nicht vor Spionen oder Anklagen der Entente, wie später behauptet wurde (…)

Engagements blieben nun fast völlig aus – im Kriegsjahr 1914 war sie lediglich noch einmal im Königlichen Theater von Den Haag im Ballett Les Folies Françaises zu sehen – denn in den Hauptstädten war das Massensterben der Soldaten im Krieg Hauptthema, und kaum jemand hatte in dieser Phase des Schocks Interesse, sich eine indische Nackttänzerin anzusehen.

Mata Hari: Die Hinrichtung

Am 15. Oktober 1917, um 6:15 Uhr morgens, wurde Margaretha Geertruida Zelle in den Befestigungsanlagen von Schloss Vincennes nahe Paris von einem zwölfköpfigen Exekutionskommando erschossen. Wie in Frankreich damals üblich, wurden zum Tode Verurteilte vorab nicht über den Termin ihrer Hinrichtung informiert. So erfuhr auch Mata Hari erst eine Stunde vor dem angesetzten Hinrichtungstermin von ihrem Schicksal.

Um ihre Hinrichtung ranken sich zahlreiche weitere Anekdoten

… die aber sämtlich in den Bereich der Mythen gehören. So soll Mata Hari vor dem Erschießungskommando gelächelt, den Soldaten Küsse zugeworfen oder sich vor ihnen entkleidet haben. Sie sei gar nicht gestorben, wurde schließlich kolportiert. Mata Hari habe das Erschießungskommando bestechen lassen, sei noch am Leben und mit einem jungen französischen Offizier aus dem Gefängnis geflüchtet.

Als der Feuerbefehl gegeben wurde, habe sie ihren Pelzmantel geöffnet, den sie auf bloßer Haut trug, und die Soldaten hätten alle danebengeschossen. Nach einem anderen Gerücht sei sie zwar umgesunken, aber nicht tot gewesen, weil das bestochene Erschießungspeloton nur Platzpatronen in den Büchsen gehabt habe. Ein russischer Fürst habe sie nach der Scheinhinrichtung auf seinen Schimmel gepackt und sei mit ihr im Morgennebel verschwunden.

Der Mythos Mata Hari

Schon kurz nach ihrem Tod wurde Mata Hari zu einem Mythos. Ihre Person galt geradezu als Verkörperung einer Kurtisane oder der Femme fatale. Andere sehen in ihr die indische Tempelbajadere und schamlose Nackttänzerin. Diese Verzerrung ihrer Person basiert nicht zuletzt auf den zahlreichen Versionen ihrer Lebensgeschichte und der Diskussion über deren Wahrheitsgehalt.

Der Umstand, dass sie zum Ende ihrer Tänze nahezu nackt vor dem Publikum erschien, förderte nicht nur ihren Erfolg, sondern auch Vermutungen über ihre „Sittenlosigkeit“. Es gab viele Spekulationen über Affären mit prominenten Männern.

Rückblickend kann Mata Hari jedoch weder als „Meisterspionin“ noch als „ruchlose Kurtisane“ oder gar „indische“ Bajadere bezeichnet werden. Diese Bezeichnungen entstanden kurz nach ihrem Prozess und wurden durch spätere Veröffentlichungen weiterverbreitet. Zu ihrer Zeit war Mata Hari ohne Frage als exotische oder indische Tänzerin berühmt.

Ihre weltweite Berühmtheit verdankte sie dem Umstand, in ihrer Person Exotik, Erotik und Spionage zu vereinen. „Ihre Erfolge für den deutschen Nachrichtendienst wurden in der Beurteilung durch die Franzosen vorsätzlich oder fahrlässig weit überschätzt. Waagenaar zeigte in einer eindrucksvollen Darstellung, dass Mata Hari zu Unrecht zum Tode verurteilt wurde.“